Fall eins: Die E-Mail kommt vom ­Bundesamt für Polizei und fordert den Empfänger auf, über einen Link Dokumente herunterzuladen. Das Problem: Die Mail stammt von Kriminellen, ­enthält gefährliche Malware, und die ­Behörden in Bern warnen eindringlich davor, den Link zu öffnen.

Fall zwei: Die E-Mail kommt vom Bundesamt für Statistik (BFS) und fordert den Empfänger auf, über einen Link an einer Umfrage teilzunehmen. Das Problem: Die Mail ist echt, und die angeschriebenen Firmen müssen obligatorisch an der Umfrage teilnehmen – doch viele Empfänger halten die Mail für Spam.

«Das könnte Spionage sein»

Beide Fälle ereignen sich in der gleichen Juliwoche. Roland Brauchli von der Luzerner Art Fahnen AG begreift angesichts der Spam-Flut nicht, dass das BFS ihn per E-Mail verpflichten will, an der obligatorischen «Aktualisierungserhebung des Betriebs- und ­Unternehmensregisters» teilzunehmen. «Vieles deutet auf eine Spam-Mail hin», sagt Brauchli, etwa die unpersönliche Absenderadresse (bur-pl@bfs.admin.ch) sowie der Umstand, dass die Mail nicht an ihn persönlich, sondern an die allgemeine Adresse info@artfahnen.ch verschickt wurde.

In der Mail werden die Empfänger aufgefordert, via Internet einen mehrseitigen Fragebogen auszufüllen und dabei auch Betriebsinterna preiszu­geben. Die Mail könnte auch eine Form von Wirtschaftsspionage sein, befürchtete Brauchli. Doch die Mail des BFS ist echt, die Umfrage gibt es, und die an­geschriebenen Firmen – es sind rund 20'000 pro Jahr – müssen teilnehmen, wenn sie keine Busse riskieren wollen.

«In gebrochenem Deutsch»

BFS-Sprecher Marius Widmer sieht das Risiko einer Verwechslung mit Spam-Mails nicht: «Wenn dennoch Zweifel bestehen sollten, kann die Firma das BFS über die im Mail angegebene Gratis-Telefonnummer kontaktieren.» Genau das tat Roland Brauchli, doch als ihm dort jemand «in gebrochenem Deutsch» antwortete, zerstreute das ­seine Zweifel nicht. Der BFS-Sprecher begründet das damit, dass das Bundesamt seinen Sitz in Neuenburg habe und die deutschsprachigen Mitarbeiter in der Minderheit seien. Es seien aber ­«keine Reklamationen» zu den Sprachkenntnissen bekannt, zudem könnten die Firmen auch den in der Mail ebenfalls genannten verantwortlichen Sek­tionschef verlangen, der «perfekt dreisprachig» sei.

Für Roland Brauchli bleibt ein ungutes Gefühl. Er fände den Briefweg sicherer. Die Befragung per E-Mail senke die Kosten, entgegnet das BFS.Martin Müller