Wie wenig man doch erkennt, wenn man nur die Fassade sieht. Christoph Pöschmann, 49, ist ein kantiger, wortkarger Handwerker. Im Overall steht er in seiner Werkstatt in Bazenheid SG inmitten seines Wagenparks und seiner Maschinen. Dabei hat er eine Wut im Bauch, einen Groll auf die «Bünzli».

«Im normalen Bünzlileben hab ich eher Mühe. In Krisensituationen kommen meine Stärken hervor», sagt er. Vielleicht könnte man schon an seiner Art zu reden merken, dass sich hinter dieser Fassade ein bewegtes Leben versteckt. Weich und ziemlich leise spricht Pöschmann, in moderatem Bündner Dialekt, aber seine Stimme ist brüchig, fast «geröllig». Und der ganze Mensch scheint unter einem grossen Druck zu stehen, dessen Herausbrechen er nur mit viel Kraft zurückhalten kann. Risse in der Fassade, die einen Blick dahinter erlauben, lässt er nur selten zu. «Bis vor wenigen Monaten wussten sogar meine erwachsenen Kinder nichts von meiner Vergangenheit», sagt der spezialisierte Baumaschinenmechaniker, der Riesenmaschinen flickt – Bagger, Autokräne, Notstromaggregate oder auch die drei Meter breite Schneeschleuder, die im Winter die Strasse über den Lukmanier freilegt.

«Sonst gabs nichts zu essen»

Pöschmann wird Anfang 1960 in Zürich ­geboren. Bereits mit 18 Monaten gibt ihn ­seine Mutter als Pflegekind in eine Thurgauer Bauernfamilie. Dort muss er von jung an krampfen. «Sonst gabs nichts zu essen.» Dass seine Pflegeeltern nicht seine richtigen Eltern sind, erfährt er erst mit elf Jahren – als er für eine Klassenreise, eine Dreiländerwanderung, einen Pass braucht. Bald häufen sich die Sprüche seines Pfle­ge­vaters. Wenn etwas schiefläuft, flucht er: «Da merkt man, dass du nicht mein Sohn bist.»

«Die Mutter war eine fremde Person»

Mit 15 findet Pöschmann seine Mutter in Rheinfelden, wo sie mit seiner Halbschwester lebt, die zwei Jahre älter ist. Er zieht zu ihnen. «Die Mutter war wie eine fremde Person für mich.» Und der Sohn für die Mutter wohl auch: Zum 16. Geburtstag drückt sie ihm eine Hunderternote in die Hand und sagt: «Da hast du Geld. Schau, wie du im Leben zurechtkommst.»

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Der 16-Jährige weiss nicht, wohin er gehen soll. Auch seine Pflegefamilie will ihn nicht mehr, und so reist er nach Hamburg. «Ich hatte schon immer den Traum, zur See zu fahren.» Fast geht sein Traum in Erfüllung. Die Schifffahrtsbehörde hilft ihm. Ein Kapitän ist gefunden. «Dort wurde ich das ers­te Mal ernst genommen.» Da taucht sein Vater auf, den er noch nie gesehen hat, und verspricht ihm hoch und heilig, für ihn zu sorgen, wenn er in die Schweiz käme.

Pöschmann geht mit seinem Vater nach Aarburg AG und soll bald darauf eine Bäckerlehre in Marly FR beginnen. Doch er erträgt den Mehlstaub nicht. Der Traum von der Seefahrt lockt ihn nur ein paar ­Wochen später wieder nach Hamburg, und er ist seinem Ziel so nah wie noch nie. Nur noch eine Bestätigung aus der Schweiz fehlt ihm für die Seefahrtsbewilligung. Während des Wartens trampt der 16-Jährige durch Deutschland, jobbt in München auf dem Jahrmarkt und wird von der Polizei auf­gegriffen, die mit der Gemeinde Aarburg Kontakt aufnimmt.

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Dort nimmt sich der Gemeinderat seiner an – auf denkwürdige Art.  «Unter einem Zigeuner wird in der Regel ein Mensch verstanden, der ruhelos auf der Wanderschaft ist, sich und die Seinen dabei aber mit ehrlicher Arbeit durchs Leben bringt, ohne der Öffentlichkeit zur Last zu fallen», heisst es im Aarburger Gemeinderatsprotokoll vom 5. Oktober 1976. «Das Wort Zigeuner hat aber noch ­einen andern, weniger vorteilhaften Sinn. Mit einem Menschen dieses Schlages hat sich der Gemeinderat zu befassen: Christoph Pöschmann.» Und so ­beschliesst Aarburg, den jungen Mann in ­St. Margrethen abzuholen und der Arbeitserziehungsanstalt Dietisberg BL «zuzuführen», weil er «in Gefahr stand, geistig und sittlich zu verwahrlosen».

Christoph Pöschmann hat nichts verbrochen. Er ist weder verbeiständet noch bevormundet, geschweige denn verurteilt. Und trotzdem wird er ohne gültige Ver­fügung in eine Arbeitserziehungsanstalt eingewiesen. «Der Gemeinderat ist sich bewusst, dass dieses Verfahren vom gesetzlichen Standpunkt aus nicht über jeden Zweifel erhaben ist, sieht sich aber zu dieser Massnahme durch das Verhalten des jungen Mannes veranlasst», schreiben die Notabeln in ihrem Sitzungsprotokoll weiter und geben dann noch eins drauf: «Eines ist sicher: Christoph Pöschmann hätte die ­nötigen Fähigkeiten, um sich ohne behördliche Hilfe durchs Leben zu bringen. Er scheint jedoch noch nicht begriffen zu haben, dass es ohne ernsthafte Arbeit nicht geht. Daran muss er gewöhnt werden.»

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Anstalt «zum Wohl der Ärmsten»

Die «Arbeiterkolonie Dietisberg» bei Läufelfingen ist damals eine «Anstalt für entwurzelte und heimatlose Männer», wie es im Jubiläumsbericht von 1979 heisst. Rund 80 Männer im Alter zwischen 16 und 80 Jah­ren sollen dort den Wert der Arbeit erlernen. «Nebst Alkohol- und Drogenkranken werden immer mehr junge, charakterlich schwache Menschen eingewiesen, die in unserer modernen Gesellschaft keinen Platz mehr finden. Gerade hier kann der Dietisberg wieder eine Lücke schliessen zum Wohl der Ärmsten unserer Gesellschaft», schreibt die Heimleitung vor 30 Jahren in der Jubiläumsschrift.

Pöschmann hätte auf diesen Einsatz zu ­seinem Wohle gern verzichtet. Er ist der jüngste Insasse, schläft mit zehn andern im Schlafsaal und muss als Gebirgsholzer schuften, fährt tagein, tagaus mit dem ­Traktor die Jurahügel hinauf, um gefällte Bäume abzutransportieren. «Die Arbeit war gefährlich, Betreuung und Essen waren schlecht. Mit Erziehung hatte das rein gar nichts zu tun», sagt Pöschmann heute; man merkt, dass es in ihm drin rumort. Nach einem halben Jahr, im März 1977, flieht der unterdessen 17-Jährige per Autostopp nach Basel, von da nach Strassburg – und meldet sich zum Dienst in der Fremdenlegion.

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Heimweh kurz vor Afrika

In Aubagne bei Marseille absolviert er die militärische Grundschulung. «Es war eine strenge Ausbildung in Infanterie und Sabotage. So lernten wir zum Beispiel, wie man einen Fahrzeugpark lahmlegt oder wie man sich in Kriegsgefangenschaft verhält», erzählt Pöschmann, der noch heute regelmässig mit ehemaligen Fremdenlegionären und der Legion Kontakt hat. «Das Essen war gut, das Regime streng. Schläge gabs auch, aber nur wenn man wirklich Scheisse gebaut hatte.» Nach einem Monat sollte er einschiffen, nach Djibouti am Horn von Afrika. Da hat ihn das Heimweh nach der Schweiz gepackt – wie er heute sagt.

Er wandert zu Fuss von Draguignan nach Genf – immer nachts, 14 Tage lang – und beginnt in Basel endlich ein eigenes Leben. Zuerst als Eisenleger auf dem Bau. Dann macht er eine Lehre als Mechaniker und Schmied in einem Baugeschäft. Erst als er heiratet, 1982, meldet er sich bei der Einwohnerkontrolle wieder an. «Ich hatte Angst, sie würden mich wieder in die Arbeiterkolonie stecken», sagt Pöschmann. Denn bis zur Akteneinsicht 2008 musste er annehmen, die Einweisungsverfügung sei ­immer noch gültig.

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Darauf wird er Fernfahrer, fährt 14 Jahre lang quer durch Europa – bis nach Nordafrika, häufig in Krisenregionen. «Solche Jobs teilte man mir als Ex-Fremdenlegionär zu.» Später wird er selbständiger Transport­unternehmer, heuert 1996 als Baumaschinenmechaniker im Tunnelbau an und wird Werkstattchef. So hilft er zum Beispiel, die Tunnels in Bazenheid, Zimmerberg oder Collombey zu bohren. Die Überstunden lässt er sich in Werkzeugen auszahlen und kann sich gut als Baumaschinenmechaniker selbständig machen, als er vor vier Jahren einen schweren Kranunfall hat.

Erst vor einem Jahr, als der Beobachter über einen ähnlichen Fall von administrativer Internierung berichtete (siehe Artikel zum Thema), beginnt sich Pöschmann – unterdessen 49-jährig, Vater dreier Kinder und dreifacher Grossvater –, intensiver mit seiner Jugend zu befassen. Bei der Gemeinde Aarburg verlangt er Akteneinsicht, erhält aber nur drei fotokopierte Seiten und einen kleinen Begleitbrief: «Hallo Legionär!», schreibt ihm der stellvertretende Gemeindeschreiber Urs Wicki. «Ich und auch Herr Schönenberger, der Sie damals in der Ostschweiz abgeholt und ins Heim gebracht hat, sind der Ansicht, dass die Behörde damals gar keine richtigen Beschlüsse gefasst hat!!»

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Pöschmann sitzt in seiner Werkstatt. Vier Stunden lang hat er erzählt. Mit seiner leisen, «gerölligen» Stimme. Jetzt ist er ruhig. Sagt nur noch: «Manchmal habe ich eine grosse Gefühlskälte. Wenn ich mich verletze, spüre ich nicht viel.» Und: «Meine Jugend bestand nur aus Härte und Disziplin. Das hat mich hart gemacht, viel zu hart.» Und dann schliesst sich die Fassade wieder.

Gemeinde Aarburg: Pöschmann ist auch selber schuld

1976 hat der Gemeinderat von Aarburg Christoph Pöschmann ohne gültige Verfügung und ohne gesetzliche Grundlage in die Arbeiterkolonie eingewiesen. Der Gemeinderat war sich bewusst, dass dies «vom gesetzlichen Standpunkt aus nicht über jeden Zweifel erhaben ist», wie es im Protokoll von damals hiess.

Heute erklärt der stellvertretende Gemeindeschreiber Urs Wicki: «Ein formeller und mit Rechtsmittelbelehrung versehe­ner Einweisungsbeschluss fehlt gänzlich. Seinerzeit ist eindeutig nicht nach den heutigen Qualitätsmassstäben ge­ar­beitet worden.» Eine Entschuldigung, geschweige denn eine Wiedergutmachung bietet Aarburg Pöschmann nicht an.

Grund: «Nicht zuletzt hat ja auch Herr Pöschmann selbst durch sein mehrfaches Abtauchen (zum Beispiel auf Schiffe und in die Fremdenlegion) es verunmöglicht, dass die Behörden sich mit ihm weiter ­beziehungsweise tiefgründiger befassen konnten», schreibt Wicki.