Sie ging zum Einkaufen. Sie bezog Geld am Bancomaten, sie telefonierte mit dem Handy. Sie trank Cola, sie trug das Haar offen und bewegte sich mit einem «deutlichen Hüftschwung». Ihr Fenster war manchmal geschlossen, manchmal schräg angelehnt. Solche und andere Nebensächlichkeiten sind im Observationsbericht über die 38-jährige Marianne Meier (Name geändert) aus Luzern über 13 Seiten hinweg aufgelistet, fein säuberlich dokumentiert mit Bildern. Erstellt hat diesen Bericht eine private Sicherheitsfirma im Auftrag der Zürich-Versicherung, die Meier in Verdacht hat, Versicherungsleistungen zu erschleichen.

Was die Sicherheitsfirma über sie notiert hatte, erfuhr Meier erst, nachdem sich der Beobachter einschaltete (siehe Artikel zum Thema). Die Frau hatte einen allzu plump auftretenden Detektiv gestellt und erkämpfte sich daraufhin Akteneinsicht (siehe Box «Akteneinsicht»). Der Observationsbericht, so zeigt sich nun, ist nicht nur oberflächlich – er ist auch erschreckend unvollständig und teils sogar nachweislich falsch: Die notierten Zeiten bei einem Einkauf sind vom Privatspitzel dermassen durcheinandergebracht worden, dass sie in der zeitlichen Abfolge ihre Einkäufe nach Hause trägt, bevor sie überhaupt eingekauft hat.

Völlig falsch beobachtet

Doch es kommt noch schlimmer. Der Detektiv notierte, Meier telefoniere vor einem Einkaufszentrum. Just zu dieser Zeit war sie aber nachweislich beim Arzt – wegen ihrer Beschwerden, die die IV-Bezügerin seit ihrem unverschuldeten Autounfall vor über zehn Jahren plagen. Der Detektiv bemerkte weder den Arztbesuch, noch war er über Behandlung oder Medikamente im Bild. Trotzdem notierte er pseudomedizinisch: «Es sind keinerlei Einschränkungen in den Bewegungen der Zielperson ersichtlich. Auch Panikattacken oder Angstzustände sind keine erkennbar.»

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Marianne Meier ist kein Einzelfall. Die Versicherungen haben entdeckt, dass sie mit der Jagd auf mutmassliche Betrüger Millionen einsparen können. Entsprechend haben sie aufgerüstet: Praktisch alle Konzerne setzen heute Detektive auf Versicherte an, die ihnen verdächtig erscheinen. Neben spektakulären Missbrauchsfällen, die landesweit für Schlagzeilen sorgen, geraten dabei immer wieder Personen ins Visier von Detektiven, die sich eigentlich nichts vorwerfen lassen müssen. Doch handgestrickte, dilettantische Überwachungsberichte wie im Fall Meier bringen Betroffene in Beweisnot.

Anwalt Ronald Pedergnana aus St. Gallen bearbeitet mittlerweile mehr als ein Dutzend solcher Fälle. «Als Anwalt muss ich nachträglich genau das beweisen, was bei den Observationen nicht in Bild oder Film festgehalten wurde», sagt er. Weil Detektive nur in der Öffentlichkeit beobachten können, rapportieren sie gezwungenermassen Halbwahrheiten. Häufig verlassen Betroffene die eigenen vier Wände nämlich nur dann, wenn es ihnen besser geht oder wenn sie ihre Schmerzen mit Medikamenten unterdrücken – und werden just in solchen Momenten von Privatermittlern gefilmt. Die Versicherungen betrachten Observationsberichte später als «Beweise», dass die beobachtete Person beschwerdefrei lebe und zu Unrecht Versicherungsleistungen beziehe. Pedergnana: «Observationen suggerieren einen Generalverdacht und eine Scheinobjektivität.»

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Mehrere dem Beobachter vorliegende Fälle zeigen, dass Privatermittler zum Teil mit fragwürdigen Methoden Beweismaterial zusammenschneiden. Bei einem ehemaligen Taxifahrer sollte ein Videofilm «beweisen», dass er Koffer ins Auto hob. Auf dem Film zu sehen ist aber nur, dass ein Koffer neben dem Auto steht, genauso wie der Mann auch. Nach einem Filmschnitt schwenkt die Kamera aufs Auto – und der Koffer liegt im Kofferraum. Von der Szene, in der besagter Mann den schweren Koffer ins Auto lädt, ist nichts zu sehen. «Warum sollte der Detektiv diesen Moment nicht gefilmt haben, wenn er doch angeblich stattgefunden hat?», fragt Anwalt Pedergnana.

In einem anderen Fall ist auf dem Video ein angeblicher Versicherungsbetrüger zu sehen, wie er beim Einkaufen eine Tasche trägt. Im Observationsbericht ist die Rede vom «enormen Gewicht» der Einkäufe. Der Mann, der pedantisch alle Kassenbons aufbewahrt hatte, konnte nachträglich beweisen, dass seine Einkäufe an jenem Tag gerade mal 4,5 Kilo schwer waren.

«Viele unseriöse Anbieter»

Für Ronald Pedergnana sind solche Observationen «ein reines Druckmittel der Versicherungen». Betroffene Leistungsbezüger können sich kaum dagegen wehren. Wohl oder übel willigen sie irgendwann in eine Kürzung der Versicherungsgelder ein. Denn sollte ein Gericht die fragwürdigen Beweise höher gewichten als die Aussagen der Betroffenen, könnten die Leistungen ganz gestrichen werden. «Es gibt Richter, die lassen sich von Überwachungsbildern beeindrucken», sagt der St. Galler Anwalt.

Zum konkreten Fall Marianne Meier will die «Zürich» nicht Stellung nehmen. Die Versicherung lässt lediglich verlauten, sie lasse jedes Jahr 70 bis 80 Personen wegen Verdachts auf Versicherungsbetrug observieren. 2008 liess sich der Konzern solche Aktionen 1,2 Millionen Franken kosten. Werner Kaderli, Leiter des zuständigen Spezialdienstes bei der «Zürich», relativiert: «Die Zahl der Observationen ist recht gering, gemessen an den rund 2000 Verdachtsfällen pro Jahr», sagt er. Und weist den Vorwurf, Observationen dienten als Druckmittel, von sich: «Wir wenden sie erst an, wenn ein begründeter Anfangsverdacht besteht.» Die Observationen scheinen sich auszuzahlen: Laut Kaderli sparte die «Zürich» dank den entlarvten Fällen letztes Jahr bis zu zwölf Millionen Franken ein.

Kaderli räumt ein, dass Detektive mit ihren Observationsmethoden bisweilen zu weit gehen oder abenteuerliche Rapporte abliefern. «Es gibt auf diesem Gebiet viele unseriöse Anbieter», sagt er. Die «Zürich» arbeite ausschliesslich mit etablierten Detekteien zusammen. So etabliert und seriös wie jene Sicherheitsfirma, die über Marianne Meier einen nachweislich falschen Rapport ablieferte? «Wir haben nie behauptet, wir machen keine Fehler», sagt Kaderli.

Dubiose Detektivausbildungen

Eine Vielzahl von Privatdetekteien und kleinen Sicherheitsfirmen wittern bei Versicherungen Aufträge. «Der Konkurrenzdruck ist riesig, viele Firmen wollen an diese Aufträge herankommen», berichtet ein bis vor wenigen Wochen bei einer Sicherheitsfirma angestellter Privatermittler.

Markus Wegst, Sekretär des Fachverbands Schweizerischer Privatdetektive, bestätigt, dass die Versicherungen vor einigen Jahren einen Boom bei Privatdetektivbüros auslösten. «Auf einmal gab es eine Menge lukrativer Aufträge.» Folge: Detektivbüros schossen wie Pilze aus dem Boden. Eine Entwicklung, die durch die Tatsache begünstigt wurde, dass Betreiber einer Privatdetektei in der Schweiz keine bestimmten Voraussetzungen erfüllen müssen. In St. Gallen oder im Aargau vergeben die Behörden zwar Lizenzen, in den meisten anderen Kantonen aber kann jedermann drauflosschnüffeln, ohne geprüft worden zu sein.

«In unserer Branche haben sich eine Zeitlang die schwarzen Schafe gehäuft», gibt Verbandssekretär Wegst zu. Die Detektivschulen, die für 5000 bis 7000 Franken eine Ausbildung zum «diplomierten Privatdetektiv» anböten, bezeichnet Wegst als «dubios» – diesen Titel gibt es in der Schweiz gar nicht. Immerhin: Durch ihre schlechte Arbeit haben sich viele schlampig arbeitende Privatermittler selber wieder ins Abseits manövriert, glaubt Wegst.

Das Grundproblem besteht allerdings weiterhin: Es gibt nicht nur schlampige Schnüffler, sondern auch zweifelhafte Methoden, wie ein früherer Privatdetektiv freimütig erzählt. Wollte eine Versicherung wissen, ob die Bewegungsfreiheit einer Person wirklich so eingeschränkt war, wie offiziell angegeben, habe er jeweils folgenden Trick angewendet: «Wir liessen eine Zehnernote fallen und schauten, ob die angeblich körperlich eingeschränkte Person sich nicht doch bücken kann.»

Weil Privatermittler oft nicht wissen, wegen welcher Leiden eine zu observierende Person Versicherungsgelder bekommt, müssen sie alles rapportieren, was sie beobachten. Dies kann zu absurden, irrwitzigen und vor allem völlig unrelevanten Bemerkungen in den Observationsberichten führen. Im Fall von Marianne Meier heisst es dann etwa: «Die Zielperson hat den Oberkörper leicht nach vorne geneigt und schreibt SMS auf dem Natel.»

Für Meier hat der zweifelhafte Observationsbericht Folgen: Die Versicherung will ihr die Leistungen kürzen. Die Sicherheitsfirma auf der anderen Seite hat, parallel zu den Recherchen des Beobachters, ihre Abteilung «Ermittlungen» aufgelöst – und sich vom verantwortlichen Leiter getrennt.

Schnüffeleien, die für die Opfer fatal werden können:

Die Privatdetektive haben oft keine Ahnung, wegen welcher Leiden die beobachtete Person Versicherungsgelder empfängt – und rapportieren und fotografieren wild drauflos: «Die Zielperson beugt wiederum den Oberkörper nach vorne. Dabei sind keinerlei Einschränkungen zu sehen.»

Die dilettantischen Schnüffel­berichte werden aber von den Versicherungen nur allzu gerne herangezogen, wenn es darum geht, Versicherten die Leistungen zu kürzen.

Quelle: private Aufnahme
Quelle: private Aufnahme

Akteneinsicht: Ihre Rechte

Grundsätzlich darf jede Person und jede Firma Daten sammeln, wenn sie für ihr Vorhaben auf diese Daten angewiesen ist. Die gesammelten Daten müssen aber rechtmässig beschafft werden. So darf eine Firma die Daten nicht mittels Betrug oder Diebstahl sammeln, auch sind Observationen in privaten Räumen nicht erlaubt. Gemäss Datenschutzgesetz hat jedermann das Recht, Auskunft über alle zu seiner Person gespeicherten Daten zu verlangen. Fordern Sie die Aus­kunft schriftlich an, legen Sie eine Ausweiskopie bei. Erhalten Sie keine oder nur eine un­genügende Auskunft, können Sie bei der Polizei eine «Klage zur Durch­setzung des Auskunftsrechts» einleiten.