Als Aimée Stitelmann in einer kalten Nacht 1942 zwei jüdische Kinder durch die Wälder über die Grenze von Frankreich ins sichere Genf brachte, trug sie Stöckelschuhe und einen weissen Mantel. «Ich hatte eine kleine suizidale ­Seite», wird Stitelmann 60 Jahre später der «New York Times» erzählen. Die damals 17-jährige Studentin ist selber Jüdin. Zwischen 1942 und 1945 hat sie 15 jüdische Kinder über die Grenze gerettet, als erstes die siebenjährige Hella Luft und ihren neunjährigen Bruder Uriel. Die beiden leben heute in den USA und in Kanada. Mutter und Grossmutter starben in Auschwitz.

Im Windschatten von Polizeikommandant Paul Grüninger, dessen Geschichte jetzt ins Kino kommt, wirkten Hunderte von Schweizer Fluchthelfern wie Aimée Stitelmann. Es waren Ausnahmen, aber es gab sie, die kleinen Grüningers.

Sie haben nicht Tausende Juden vor dem sicheren Tod bewahrt wie der St. Galler Grüninger, der seine Stelle verlor und bestraft wurde, und erst recht nicht über 60'000 wie Carl Lutz, der Schweizer Diplomat, der in Budapest Schutzpässe aus­stellte. Aber auch sie haben die restriktive Schweizer Einwanderungspolitik unterlaufen und Menschen gerettet. Wie viele es waren, weiss niemand. Denn Fluchthelfer versuchen naturgemäss, keine Spuren zu hinterlassen. Nur wer gefasst wurde, ist namentlich bekannt.

Holte als 17-Jährige Juden in die Schweiz: Aimée Stitelmann

Quelle: Photopress-Archiv/ Keystone
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Jakob Spirig aus Diepoldsau SG ist einer davon. Der arbeitslose 18-Jährige brachte jeweils für ein paar Reichsmark jüdische Flüchtlinge über die Grenze. Er habe aber auch Flücht­linge ohne Geld mitgenommen, erzählt er Jahrzehnte später. «Wir waren jung und frech. Angst hatten wir keine.» Spirig hatte als Schlepper schon weit über 100 Juden aus Österreich in die Schweiz gebracht, als er eines Nachts im Mai 1942 mit fünf älteren jüdischen Damen durch ein Loch im Grenzzaun steigen wollte. Da verfing sich der Rock von Clara Kantorowitz im Stacheldraht und riss. Das Geräusch rief die deutschen Grenzwächter auf den Plan – Schreie, Lichtkegel, Schüsse – Spirig rannte mit einer Jüdin davon. Die vier anderen Frauen wurden von der Gestapo gefasst. Am nächsten Tag wurde auch Spirig von Schweizer Beamten verhaftet. Er landete vor dem Militärgericht und musste drei Monate Gefängnis absitzen. Von den vier zurückgebliebenen Jüdinnen überlebte keine. Eine brachte sich noch am selben Abend um, die anderen drei starben im Konzentrationslager Theresienstadt.

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Die meisten Fluchthelfer stammten aus den Grenzregionen um St. Gallen, Basel und Genf. Dort hatten die Flüchtlinge Gesichter, ihr Elend war fassbar. Sie waren keine abstrakte Grösse, die man mit Verordnungen und Bürokratie behandelte.

Über 100 Füchtlinge verdanken ihm ihr Leben: Jakob Spirig

Quelle: Photopress-Archiv/ Keystone

Szenen der Verzweiflung in der Botschaft

Der Zürcher Historiker Stefan Keller beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Fluchthelfern, arbeitete den Fall Grüninger auf und führt eine Datenbank mit mehreren hundert Fluchthelfern: «Wenn man einem Flüchtling in die Augen sieht, braucht es eine enorme psychische Anstrengung, ihn in den Tod zurückzuschicken», sagt er.

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Das zeigt etwa die Geschichte des Schweizer Konsuls Ferdinand Imhof, der sich in Venedig den Vorgaben des Aussenministeriums widersetzte, keinen Ariernachweis verlangte und über 500 Visa zu viel ausstellte. «Welche Szenen der Verzweiflung sich da immer abgespielt haben (…), wenn der eine oder andere mit seinem Einreisegesuch abgewiesen werden sollte, kann ich hier nicht beschreiben», antwortete er auf eine Beschwerde der Fremdenpolizei. «Ich bin aber überzeugt davon, dass diese Leute auch den härtesten Menschen unserer Fremdenpolizei ­gerührt und erweicht hätten.» Mit Judenfreundlichkeit hatte Fluchthilfe selten zu tun, auch das zeigt der Fall Imhof: «Ich musste in mehreren Fällen die bedauer­liche Feststellung machen, hauptsächlich von den jüdischen Emigranten angelogen worden zu sein, denen dieses Laster wie keinem Christen ganz besonders eigen ist», schrieb Imhof weiter.

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Die Behörden fürchteten die Solidarisierung von Mensch zu Mensch und unterbanden systematisch jeglichen Kontakt zwischen Flüchtlingen und Einheimischen. Je heftiger die Verfolgung in den Nachbarländern zunahm, desto restriktiver gestaltete Bundesbern seine Flüchtlingspolitik. Bereits 1933 wurde festgelegt, dass Juden nicht als politisch Verfolgte gelten sollten, sondern als normale Ausländer. Somit hatten sie kein Anrecht auf Asyl. Diese Definition blieb bestehen, auch als das Wissen um die Vernichtungsmaschinerie in Nazideutschland bekannt war. 1942 wurde die Grenze für Juden ganz geschlossen. Illegal Eingereiste wurden ausgewiesen, im wiederholten Fall gar direkt den deutschen Behörden ausgeliefert.

Nur wenige Politiker wehrten sich gegen diese unmenschliche Flüchtlings­politik. Der Basler SP-Regierungsrat Fritz Brechbühl verweigerte zwar immer wieder Befehle, doch auch er liess Flüchtlinge rückweisen. Und der St. Galler SP-Regierungsrat Valentin Keel deckte zwar lange Grüningers Aktivitäten, verriet ihn aber am Ende, um seine eigene Haut zu retten.

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Unter den Bürgerlichen war der frei­sinnige Nationalrat Ludwig Rittmeyer einer der wenigen, die die Flüchtlingspolitik kritisierten. Als Offizier der Heerespolizei weigerte er sich 1941, ein Flüchtlingspaar zurückzuschicken. Das hatte Konsequenzen: «Rittmeyer wurde abserviert und musste unter Druck aus dem Nationalrat zurücktreten», weiss Historiker Keller aus unveröffentlichten Recherchen.

Ein reformierter Pfarrer als Fluchthelfer

«Die moralischen Autoritäten haben versagt», sagt der Zürcher Historiker Stefan Mächler, der über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg forschte. «Die Landeskirchen etwa haben die Grundsätze der damaligen Politik kaum kritisiert.» Einzelne Figuren leisteten aber Widerstand. So rief der reformierte Genfer Pfarrer Roland de Pury zum spirituellen Widerstand auf und verhalf in seiner Pfarrei im französischen Lyon Juden zur Flucht. Er wurde von der Gestapo während eines Gottesdienstes verhaftet und mehrere Monate inhaftiert.

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Besonders delikat war die Situation für die jüdische Gemeinschaft, erklärt Historiker Mächler: «Von 1933 bis 1941 konnten nur deshalb mehrere tausend jüdische Flüchtlinge in der Schweiz bleiben, weil die jüdische Minderheit allein für deren Betreuung aufkam und mit den Behörden kooperierte.» Indem die Schweizer Juden enorme Lasten getragen hätten, retteten sie Menschen. Explizite Kritik an den Behörden sei für sie in dieser Zwangslage ausgeschlossen gewesen.

Fluchthilfe war immer mit Gefahren verbunden. Wurde man auf deutscher Seite erwischt, drohte die Deportation. Der Kreuzlinger Metallarbeiter Ernst Bärtschi, der mit seinem Faltboot linke Genossen über den Bodensee brachte, wurde 1938 in Konstanz verhaftet. Von der Schweizer Regierung erhielt er keine Hilfe. Er verbrachte sieben Jahre in Haft und wurde erst 1945 im KZ Dachau von den Amerikanern befreit.

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Die Fluchthelfer handelten spontan

In der Schweiz waren die Konsequenzen milder: bis 181 Tage Gefängnis und bis 800 Franken Busse. Wer als Politiker protestierte, wurde wie Rittmeyer mit Gerüchten ins gesellschaftliche Abseits gedrängt, wer sich als Beamter Befehlen widersetzte, wurde versetzt oder wie Grüninger entlassen. «Aus den Akten geht klar hervor, dass die Bundesbehörden alles unternahmen, um die Fluchthilfe zu unterbinden», sagt Keller.

Als Helden sahen sich die meisten Fluchthelfer nicht. Sie handelten oft spontan und empfanden dies als Selbstverständlichkeit. «Sie wussten, dass sie das Richtige tun», sagt Keller. Für die Schweiz aber galten sie als Straftäter – bis 2004, als das Land anfing, verurteilte Fluchthelfer zu rehabilitieren. 137 erhielten diese späte Würdigung. Jakob Spirig erlebte sie nicht mehr: «Er lag im Sterben, als die Grüninger-Stiftung seine Rehabilitierung beantragt hat», erzählt Keller.

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Aimée Stitelmann hingegen, die als Studentin in Stöckelschuhen Kinder rettete, hat ihre Rehabilitierung noch erlebt – als eine von nur zwei Flucht­helfern. Wenige Wochen vor Kriegsende im März 1945 hatten Schweizer Grenz­wächter sie bei einem Fluchthilfe­versuch erwischt. Zwei Monate nach Kriegsende wurde sie zu 15 Tagen scharfem Arrest verurteilt. Erst 60 Jahre später wurde sie rehabilitiert. Monate danach starb sie. Ihr Leben lang hat sie sich für Kriegsopfer und Asylsuchende eingesetzt. Kurz vor ihrem Tod demonstrierte die 80-Jährige noch gegen Bundesrat Blochers Flüchtlingspolitik.

Er rettete Tausende: Polizeikommandant Paul Grüninger

Quelle: Photopress-Archiv/ Keystone
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Der Film «Akte Grüninger»

Am 24. Januar 2014 findet in St. Gallen eine grosse Vor­premiere des Spielfilms «Akte Grüninger» statt. Am 27. Januar ist Holocaust-Gedenktag: «Akte Grüninger» wird an den Solothurner Filmtagen gezeigt – und es werden in der ganzen Deutschschweiz spezielle Schulvor­stellungen durchgeführt. Am 30. Januar ist offizieller Kinostart in der Schweiz.

Schweizer Fluchthelfer und ihre Geschichten

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Klicken Sie auf die Karte und dann auf die einzelnen Sterne, um die Portraits der Fluchthelfer zu lesen.

Quelle: Photopress-Archiv/ Keystone

«Wir haben unsere Verfassung gebrochen»

Lesen Sie zum Thema auch das Interview mit Literatur­professor Peter von Matt: «Wer die Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg mit der politischen Bedrohung rechtfertigt, ist ein Geschichtsfälscher.»
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