«Sehr geehrte Damen und Herren. Genug ist genug.» So fängt er an, Herr Looslis Brief. Adressiert an Bundesrat Alain Berset und sein Departement. Zwei Seiten, ein Leben. Zwei Monate hat Herr Loosli für den Brief gebraucht. Weil ihm die Worte fehlten, er aber viel zu sagen hatte. Und weil ihm die Wut die Finger lenkte, er aber immer anständig bleiben wollte.

Herr Loosli, Stefan Loosli, ist 55. Er spielt Darts, mag Eishockey, wohnt im Oberaargau. Er ist keiner, der laut wird. Aber im Sommer 2018 hatte er genug. Genug von seiner Krankheit, genug von seinen finanziellen Problemen. Und genug davon, sich von der Schweiz im Stich gelassen zu fühlen. Er schrieb den Brief.

Diesen Brief hat Herr Loosli jetzt vor sich. Das Original liegt irgendwo abgelegt in einem Büro des Eidgenössischen Departements des Innern. «Ich bin nervös», sagt er am Anfang des Gesprächs, die Handflächen auf der Tischplatte, sie ist kühl. «Mein Kopf ist nicht mehr, was er einmal war.» Herr Loosli verliert Wörter, verdreht Zahlen. Aber er will versuchen, alles richtig zu erzählen. «Ich bin der Loosli Stefan, bin hier in der Region geboren und aufgewachsen.» Der Kaffee vor ihm wird kalt, seine Geschichte ist lang. Zwei Herzinfarkte, mehrere Streifungen, zwei Hirnschläge. 14 Tabletten jeden Tag Medikamente 10 Tabletten pro Tag – ist das nicht zu viel? . Und jeden Tag Sorgen ums Geld.

Herzinfarkt, der erste

2002, Herbst. Stefan Loosli ist 38, Hochbauzeichner, arbeitet für seinen ehemaligen Lehrbetrieb. Er liebt seinen Beruf. Schon als Kind wollte er Häuser entwerfen. Das Leben war gut. Bis es, wie aus dem Nichts, schwer wurde. «Es war am Morgen im Büro, ich habe mich genervt, weiss nicht mehr,  warum. Ich bin von meinem Pult aufgestanden, wollte zum Brünneli laufen, und da war dieses Gefühl.» Druck auf der Brust, Schmerz im Arm, Schweiss auf der Stirn. Ein Herzinfarkt.

In der Reha erholt sich Stefan Loosli, will schnell zurück in sein Leben. Will wieder joggen, Darts spielen, mit Freunden auf Touren gehen, zurück in seinen Job. Neben den Therapien beginnt er, mit kleinem Pensum zu arbeiten. Zwei Monate später der zweite Herzinfarkt. Nochmals Reha Rehakliniken Zur Kur nach Deutschland? , nochmals Teilzeit. Wenige Wochen später arbeitet Stefan Loosli wieder 100 Prozent. Aber die Herzinfarkte haben Spuren hinterlassen. Mitten in der Nacht wacht er schweissgebadet auf, fühlt sich unwohl unter Leuten. Dreimal wird ihm schwarz vor Augen. Ein Warnsignal.

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Auffällige Häufung von Infarkten

2005, Sommer. Stefan Loosli joggt neben der Hunderennbahn am Waldrand. Er ist jetzt 41, und in seinem Kopf, im Stammhirn auf der linken Seite, verstopft ein Blutgerinnsel ein Gefäss. Stefan Looslis Sicht verschwimmt, ihm wird schwindlig Schwindel Wenn die Welt sich plötzlich dreht , er stürzt. Ein Hirnschlag. Im Spital finden die Ärzte Anzeichen von früheren Streifungen. Wieder Reha, wieder reduziertes Pensum. Sein Hausarzt schreibt ihn 50 Prozent krank, meldet ihn bei der IV an und gibt einen Bluttest in Auftrag. Die Häufung von Infarkten ist auffällig. Stefan Loosli will nicht auf den Entscheid der IV warten, er erhöht sein Pensum von sich aus auf 70 Prozent.

Ein halbes Jahr später kämpft Stefan Loosli noch immer mit den Angststörungen, die ihn seit den Herzinfarkten im Griff haben. Er nimmt Medikamente, ist bei einer Psychologin in Behandlung. Dann geht sein einstiger Lehrbetrieb in Konkurs. Er findet sofort eine neue Stelle und arbeitet weiterhin in einem 70-Prozent-Pensum. Seine Ängste lassen nach, sein Lohn – gut 3600 Franken – reicht zum Leben. Auf der Seite bleibt nichts.

Verlorene Worte

2013, Sommer. Das Architekturbüro, für das Stefan Loosli über sieben Jahre lang gearbeitet hat, wird aufgelöst. Wieder findet er eine neue Stelle, arbeitet im 70-Prozent-Pensum. Wieder ist es ein harmloser Morgen im Büro, der sein Leben noch schwerer macht. Ein Blutgerinnsel verstopft ein Gefäss im unteren Teil des Scheitellappens, der zuständig ist fürs Lesen und Schreiben.

Der Hirnschlag ist gravierend, eine Woche lang liegt Stefan Loosli auf der Intensivstation. In der Reha hat er Mühe mit dem Sprechen. Wörter, die früher einfach da waren, sind es nach jenem Morgen nicht mehr. An ihrer Stelle sind Zorn, Ausbrüche, böser Zynismus. Seine Lebenspartnerin bekommt das besonders zu spüren. Ein Medikament gegen Epilepsie hilft.

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Auch bei der Arbeit ist er nicht mehr der Gleiche. Er reduziert sein Pensum auf 50 Prozent. Sein Hausarzt meldet ihn erneut bei der IV an, er glaubt an eine Störung der Blutgerinnung. Einmal findet das Labor des Berner Inselspitals Hinweise darauf, aber ein zweites Mal belegen lassen sie sich nicht. Stefan Loosli gehört zur Hirnschlag-Risikogruppe. Er hat früher geraucht, hat leicht ungesunde Cholesterinwerte. So schnell lassen sich zwei Herzinfarkte und zwei Hirnschläge aber nicht wegerklären. Nicht in seinem Alter.

Zum ersten Mal hat er Schulden

2017, Winter. Stefan Loosli verdient noch gut 2700 Franken pro Monat. Vor seiner Krankheit waren es 5800. Er wohnt im Dachstock seiner Partnerin. Eine kleine Altbauwohnung für 1000 Franken. Seine Freunde trifft er nur noch selten auf ein Bier. Und wenn die Steuererklärung kommt, macht sich Stefan Loosli Sorgen.

Im Januar erhält er die Kündigung, wirtschaftliche Gründe. Sein Kopf funktioniert nicht mehr wie früher. Er meldet sich beim RAV an, will weiterarbeiten. Er liebt seinen Job. Es dauert neun Monate, bis er eine neue Stelle findet. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er Schulden. Von der IV bekommt er nun eine Viertelsrente zugesprochen, 470 Franken pro Monat. Mit der ersten Sammelüberweisung zahlt er seine Steuern nach.
 

«Ich habe keinen Rappen mehr. Weder auf dem Konto noch im Sack.»

Stefan Loosli


2018, Winter. Seit Weihnachten hat Stefan Loosli gar nichts mehr. Das Architekturbüro, bei dem er angestellt ist, kann die Löhne nicht mehr zahlen. Die 2700 Franken fehlen im Dezember, die 2700 Franken fehlen im Januar. Und wie es aussieht, werden sie auch im Februar fehlen. «Ich habe keinen Rappen mehr. Weder auf dem Konto noch im Sack.»

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Im Wohnzimmer stand bis vor kurzem noch ein Glas mit Hosenmünz. Stefan Loosli hat es ausgeleert, ausgezählt und sich die paar Hundert Franken auf sein Konto eingezahlt. Er geht weiter ins Büro, hofft, dass der Lohn vielleicht doch noch kommt. Der Termin auf dem Sozialamt steht bereits fest. Aber dass jetzt plötzlich alles gut kommt, daran glaubt Herr Loosli nicht mehr.

«Dir heit Päch gha»

Stefan Loosli spreizt die Finger der linken Hand. Der Kaffee ist kalt, einen neuen hat er nicht bestellt. «Wenn ich mir damals aus Versehen die Hand abgehackt hätte, hätte ich jetzt keine Sorgen. Ich verstehe unser System nicht.» Unfälle sind in der Schweiz besser versichert als Krankheiten. Stefan Loosli hätte Anspruch auf 4640 Franken pro Monat, 80 Prozent des ursprünglichen Lohns. Ein Leben lang.

«Obwohl ich mich nach jedem Infarkt wieder aufgerappelt habe, nie freiwillig mit Arbeiten aufgehört habe und von Amt zu Amt gerannt bin, lebe ich heute nahe der Armutsgrenze Existenzminimum Was muss zum Leben reichen? . Alles, was ich an Unterstützung bekomme, ist ein ‹Dir heit eifach Päch gha› oder ‹Dir sit zwüsche Stüu u Bänk gheit›.»

Zu gesund für die Sozialversicherung

Mit zwei Herzinfarkten, zwei Hirnschlägen, 2700 Franken Lohn und 470 Franken IV-Rente ist Stefan Loosli zu krank, um sich aus eigener Kraft aus der Armut zu befreien. Und zu gesund, um vom Sozialversicherungsnetz der Schweiz aufgefangen zu werden.

Deshalb der Brief. Bundesrat Berset hat sich höflich bedankt und dann das Bundesamt für Sozialversicherungen mit einer Antwort beauftragt. Das Bundesamt hat auf die Ergänzungsleistungen Lebensunterhalt Wer kann Ergänzungsleistungen beantragen? verwiesen und dann gewünscht, dass Herr Loosli nun unbesorgt in die Zukunft blicken könne. Herr Loosli legt die Briefe zurück in ein Klarsichtmäppchen. Sein Blick ist müde, die Wut ist verpufft.

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