Heinz Studer steht auf dem Zürcher Platzspitz, zieht an seiner Zigarette und blickt über den Park, der einst von der Drogenszene beherrscht wurde. Es ist bitterkalt. Sein Kollege Alfred Schwenkfelder zückt eine Taschenlampe, leuchtet hinter die Mauer, überprüft eine Parkbank und schliesslich das Limmatufer. «Nichts. Es ist zu kalt, heute bleiben die Jugendlichen zu Hause», sagt er und steckt die Taschenlampe ein.

Heinz Studer, 54, und Alfred Schwenkfelder, 40, gehören zum Jugenddienst der Stadtpolizei Zürich. Sie sind in dieser Winternacht auf Patrouille und klappern die Orte ab, an denen sich die Jugend trifft. Schulhausplätze, Parkanlagen, Jugendzentren. 60 bis 70 Treffpunkte sind es in der Stadt Zürich, schätzt Studer. «Unsere Aufgabe ist es, den Kontakt zu den Kids zu suchen – aber auch das Ermitteln gegen fehlbare Jugendliche», sagt er. Die Jugendlichen begingen heute hauptsächlich Raubdelikte, zu zwei Dritteln unter Anwendung von Gewalt. «Das ist eine Tatsache. Früher waren es vielleicht drei Prozent, die quer standen, heute sind es deutlich mehr.»

Die Prävention steht im Vordergrund
Deshalb setzt der polizeiliche Jugenddienst auf Prävention und Repression. Für Studer «absolut sinnvoll, denn gerade der präventive Teil bringt Erfolge». Diese lassen sich jedoch nicht mit der Knüppeltaktik erzielen. Dazu braucht es eine soziale Ader und viel Einfühlungsvermögen. «Wir sind keine Actiontruppe», erklärt Studer. «Wir haben Verständnis für die Teenies und ihre Probleme, aber nicht für ihre Taten.»

Prävention ist wichtiger als je. Zwar nimmt die Gesamtzahl der Jugenddelikte leicht ab, doch wenden die Minderjährigen immer häufiger Gewalt an. Laut der Kriminalstatistik 2003 des Bundesamts für Polizei begingen Jugendliche 21 Prozent mehr Gewalttaten als 2002. Dazu gehören Körperverletzungen, Drohungen, Tötungen, Raubdelikte. Und das ist nach übereinstimmender Meinung von Fachleuten nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer ist hoch – der Aargauer Jugendanwalt Hans Melliger schätzt sie auf 75 bis 80 Prozent. Viele Übergriffe werden nicht angezeigt, etwa Tätlichkeiten unter Schülern. Dabei werden gerade diese immer radikaler: «Aus dem nichtigsten Anlass wird dreingeschlagen», sagt der Baselbieter Reallehrer Michael Miedaner. «Die Gleichgültigkeit vieler Jugendlicher gegenüber der Gewalt ist besorgniserregend.»

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Coolness lässt sich trainieren
Als Antwort darauf bietet Miedaner mit seiner Kollegin Gabi Steuerwald seit zwei Jahren als schweizweites Pionierprojekt Coolnesstrainings an. In 18 Kursteilen sollen 12- bis 16-Jährige, die durch Schlägereien, Drohungen und Provokationen auffallen, vor allem eines lernen: cool bleiben, auch wenn es in den Fäusten juckt.

Kursteilnehmer werden hart gefordert
Für Daniele (Name geändert) war dies lange unmöglich. Regelmässig prügelte er auf andere ein – einfach so: «Ein schiefer Blick genügte.» Ausser einem flüchtigen Moment der Überlegenheit habe er dabei nichts empfunden. Irgendwann zeigten der ewige Kleinkrieg auf der Strasse und das Anecken in der Erwachsenenwelt aber Wirkung. Er habe realisiert, dass er auf diesem Weg keines seiner Lebensziele erreichen könne, sagt der heute 15-jährige italienische Secondo. Deshalb machte Daniele im Herbst 2002 in Oberwil BL beim ersten Coolnesstraining mit. «Das war ein Stress, aber es hat mir geholfen.»

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Stressig wars, weil Michael Miedaners Methode nicht auf Kuschelkurs mit den jugendlichen Tätern geht. Er setzt auf Konfrontation: «Wir machen ihnen bewusst, was sie ihren Opfern und sich selbst antun, wenn sie Konflikte mit Gewalt lösen wollen», erklärt der 43-jährige Lehrer, der nebst verschiedenen pädagogischen Diplomen auch über eine Zusatzausbildung zum Antiaggressionstrainer verfügt. Am konsequentesten geschieht dies auf dem «heissen Stuhl»: Ein Jugendlicher sitzt in der Mitte, umringt von Kursleitern und übrigen Teilnehmern. Diese bombardieren ihn so lange mit Fragen, Vorwürfen und Anschuldigungen, bis die harte Schale des vermeintlich starken Jungen brüchig wird. «Plötzlich reden sie über sich, offenbaren ihre Unsicherheit und ihre Versagensängste», sagt Miedaner. «Das bietet die Chance, eine Verhaltensänderung in Gang zu setzen.»

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So wie bei Amir (Name geändert), 16, dem die Methode eine prägende Erfahrung brachte: «Auf dem Stuhl war erstmals ich selber das Opfer. Da habe ich gemerkt, was das für ein Scheissgefühl ist.» Seither hat sich der Kosovare auch in kniffligen Momenten im Griff – wie die meisten Absolventen des Coolnesstrainings. Nach Erfahrungen aus Deutschland liegt die Erfolgsquote bei 60 Prozent. Ein gutes Argument für die weitere Verbreitung des bisher einmaligen Modells: Im März startet am Institut für konfrontative Pädagogik in Basel der erste Ausbildungslehrgang für Coolnesstrainer. Laut Michael Miedaner, der selber unterrichtet, ist das Interesse schweizweit beträchtlich.

Der Nachholbedarf ist gross. Denn so heftig die eskalierende Jugendgewalt beklagt wird, so schwer fällt es der Gesellschaft nach wie vor, damit umzugehen. Nur zögernd wird mit neuen Angeboten reagiert. Wie etwa im Frühjahr 2004, als in Zürich die Fachstelle für Kinder- und Jugendforensik geschaffen wurde, ein landesweit tätiges Zentrum für psychiatrische Abklärung minderjähriger Gewalttäter.

Hauptaufgabe der Initiantin Cornelia Bessler und ihres Teams ist es, die psychischen Ursachen einer Straftat durch jugendliche Täter zu ergründen. Zu 95 Prozent handelt es sich um junge Männer. Sie kommen meist wegen Gewalt- und Sexualdelikten in die Fachstelle. «Täterbehandlung ist der beste Opferschutz», sagt die Ärztin. «Wir müssen alles tun, um einen Rückfall zu verhindern.»

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Die Sprache der Jungen sprechen
Die Schlüsse aus den wissenschaftlichen Gutachten und Abklärungen über Jugendliche lassen wirksame Behandlungsmethoden zu. Einfache Lösungen gibt es nicht, wie Bessler weiss: «Die Jugendlichen sind oft gefährlicher als Erwachsene, weil ihnen wichtige Erfahrungen und Wertmassstäbe fehlen.»

Der Knackpunkt bei diesem wie anderen Angeboten in der Gewaltprävention: Wie findet man den Zugang zu den als «schwierig» geltenden Jugendlichen? Besonders in der niederschwelligen Jugendarbeit sind Vorbilder wirkungsvoll, die auf Augenhöhe mit den Jugendlichen stehen, ihre Sprache sprechen – im eigentlichen wie im übertragenen Sinn. Das gilt etwa für Lulzim Axhami. Dem 23-Jährigen hat die Burgergemeinde Bern ihren mit 10'000 Franken dotierten Jugendpreis 2004 verliehen, «in Würdigung seines Schaffens zur Realisierung des hoch gesteckten Ziels, durch Rapmusik (…) die albanische Kultur mit der schweizerischen zu verbinden und Vorurteile bei den Jugendlichen auf beiden Seiten abzubauen».

Axhami, genannt Lul DxE, ist Kosovo-Albaner, in Bern-West aufgewachsen, wo er auch als Sanitärinstallateur arbeitet. Seine Single «Baby Love Yaa», ein berndeutscher Track mit albanischem Support von Oran G, schaffte es in der Schweizer Hitparade bis auf Platz sechs. «Mit meiner Musik will ich Schweizer wie Albaner ansprechen und die Brücke zwischen den beiden Gruppen schlagen», sagt Axhami, dessen Debütalbum im Frühling erscheint. Als Albaner habe man es in der Schweiz nicht leicht, werde dauernd mit dem «Klischeealbaner», dem Raser, Schläger und Kriminellen, in einen Topf geworfen. «Dagegen will ich ein Zeichen setzen und den Jugendlichen ein Vorbild sein.»

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Schlechte Startbedingungen
Axhamis Idealismus vermag eine Tatsache allerdings nicht aus der Welt zu schaffen: Der Anteil straffälliger Ausländer ist auch bei den Jugendlichen klar höher als der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung. Wer schwierigere Startbedingungen hat, gerät leichter auf die schiefe Bahn. Perspektivlosigkeit, das Gefühl, weniger wert zu sein, kein Job oder keine Lehrstelle: Dies sind laut Experten die Hauptprobleme vieler ausländischer Jugendlicher. Aus diesem brenzligen Mix entsteht die Gewaltbereitschaft. Deshalb muss alles darangesetzt werden, die gewalttätigen Minderjährigen wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Dieser Aufgabe stellt sich auch Andrea Anticevic. Die 26-jährige kroatisch-schweizerische Doppelbürgerin ist Jugendbeauftragte der Stadt Dietikon. Von den 22'000 Einwohnern der Agglomerationsgemeinde im Zürcher Limmattal haben 40 Prozent keinen Schweizer Pass. Schlägereien zwischen Schweizern und ausländischen Jugendlichen, hauptsächlich aus dem Balkan, seien in Dietikon häufig, sagt Anticevic. «Wer mit einem Schweizerkreuz-T-Shirt herumläuft, hat schnell Ärger.»

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Seit dem letzten Dezember hat deshalb das umgebaute Jugendzentrum eine neue Ausrichtung. Früher war es fast nur ein Treff für ausländische Jugendliche, einheimische Kids fühlten sich vertrieben. Damit soll Schluss sein. Anticevic: «Wir bieten kein Konsumprogramm mehr. Die Jugendlichen können die Räume nutzen, müssen aber selber anmelden, was sie an dem Abend veranstalten wollen.» So sollen verschiedene Szenen ins Zentrum geholt werden, die sich wenn möglich auch vermischen sollen.

Die Dietiker Jugendarbeit begeht neue Wege, «aber die Probleme rund ums Thema Gewalt bleiben trotzdem akut», sagt Andrea Anticevic. Auch sie sieht die berufliche Integration als den am meisten Erfolg versprechenden Weg: «Eine meiner Hauptaufgaben ist es, den oft verunsicherten Jugendlichen bei der Lehrstellensuche oder bei den RAV-Besuchen zu helfen, sie zu begleiten und zu unterstützen.»

Trotzdem trägt Dietikon ungewollt zu einer bedenklichen Statistik bei: Seit 2002 muss sich allein im Kanton Zürich die Jugendanwaltschaft jedes Jahr mit mehr als 10'000 neuen Fällen von Jugendkriminalität befassen. Diese Zahl und eine Reihe gewalttätiger Zwischenfälle in der ganzen Schweiz führten im letzten Juni zu einem spektakulären Alarmruf. Die Jugendgewalt gefährde die innere Sicherheit des Landes, verkündete der Nachrichtenkoordinator des Bundes, Jacques Pitteloud, im «Sonntags-Blick». Das Rezept des Geheimdienstlers: «Nulltoleranz».

Mit seiner Forderung nach harten Strafen heimste Pitteloud am Stammtisch Applaus ein, bei juristischen Experten erntete er dagegen Kopfschütteln. «Jugendliche Täter einfach wegzusperren bringt nichts», findet etwa Hans-Ulrich Gürber, Sprecher der Zürcher Jugendanwaltschaften. «Der Hintergrund von Gewalttaten liegt meist in der Perspektivlosigkeit», sagt er. «Diese verschlimmert sich höchstens, wenn man einen Jugendlichen ein paar Monate vollständig aus seinem sozialen Umfeld nimmt.» Statt Repression bräuchte es mehr gewaltpädagogische Massnahmen, findet Gürber, nach 21-jähriger Tätigkeit als Jugendanwalt ein Kenner der Materie.

Gefängnisstrafen widersprechen zudem der Grundidee des schweizerischen Jugendstrafrechts, das zurzeit revidiert und ab 1. Januar 2006 mit einem eigenen Gesetz geregelt wird: Nicht das Ausmass der Strafe steht im Vordergrund, sondern geeignete Massnahmen «zum Schutz und zur Erziehung der Jugendlichen». Die weiche Tour also? Gürber widerspricht: «Die vermeintlich harte Knaststrafe wäre für die meisten gewaltbereiten Delinquenten wesentlich bequemer, als sich im Rahmen einer ‹weichen› Schutzmassnahme mit sich selber auseinander setzen zu müssen.»

Auch Martin Stocker, Gewaltberater der Kantonspolizei Basel-Stadt, würde die von ihm initiierten «Stopp Gewalt»-Kurse nicht als Zuckerschlecken bezeichnen. Bei Stocker und Dominik Hächler vom Basler Justizdepartement treffen sich einmal pro Woche sieben Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren, die gewohnheitsmässig Mitschüler unterdrücken und verängstigen. Mit Diskussionen oder Rollenspielen werden ihre Wertesysteme und ihr aggressives Verhalten hinterfragt. In den neuartigen Kurs geschickt wurden sie von der Jugendanwaltschaft oder von Lehrpersonen, die mit den herkömmlichen disziplinarischen Mitteln am Ende ihres Lateins waren.

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In der Politik tut sich viel zu wenig
Mit «Stopp Gewalt» wolle man Kinder und Jugendliche, die am Scheideweg zu einer kriminellen Karriere stehen, möglichst früh erfassen, sagt Martin Stocker. Wohin er sie bringen will, ist klar: «Wenn die Jungs ihre Wut spüren, sollen sie anders reagieren, als dreinzuschlagen.» Obs auch dazu kommt, lässt sich noch nicht abschätzen; der erste Kurs läuft noch. Ein wichtiger Erfolgsfaktor liegt für Stocker darin, die Teilnehmer für ihr Tun nicht zu verurteilen: «Ich werte sie als Personen nicht ab, sondern gebe ihnen zu verstehen, dass ich sie mag. Das hören viele, die sonst immer nur die Bösewichte sind, zum ersten Mal.»

Nicht annähernd so viel Wohlwollen für ihre Anliegen bekommt die Jugend – insbesondere der nicht pflegeleichte Teil davon – von der offiziellen Politik. Im National- und im Ständerat sind Vorstösse zu Jugendproblemen an einer Hand abzuzählen. Wie stiefmütterlich das Thema behandelt wird, ist auch an der bundesrätlichen Stellungnahme zu einer Motion von SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr abzulesen, die die Schaffung eines eigenen Bundesamts für Kinder, Jugendliche und Familien gefordert hatte: «Angesichts der finanzpolitischen Situation gilt es, zwischen Notwendigem und Wünschbarem zu unterscheiden», heisst es da – Jugendpolitik ist demnach bestenfalls wünschbar und ohnehin Sache der Gemeinden.

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Wer Basketball spielt, prügelt nicht
Besserung gelobt die Präsidentin der «Familienpartei» CVP, Doris Leuthard. Sie hat dafür gesorgt, dass Anfang Februar bei den nächsten Von-Wattenwyl-Gesprächen der Bundesratsparteien Jugendarbeitslosigkeit und Jugendprobleme thematisiert werden. «Es ist ein Zeichen an die Jugend, dass wir sie ernst nehmen, wenn wir das diskutieren», sagt Leuthard. Und fügt bei: «Noch besser wären natürlich Taten.»

Dass die Jugend auch selber zur Tat schreiten kann, zeigt das spielerischste Präventions- und Integrationsprojekt: Midnight Basketball. Mitternächtlicher Sport soll die Kids davon abhalten, herumzuhängen und aus Langeweile problematisches Verhalten wie Gewaltanwendung oder Suchtmittelkonsum zu entwickeln. Gross geschrieben wird Mitwirkung: Die Jugendlichen sind Spieler, Schiedsrichter und Organisatoren zugleich. Was 1999 als Pilotversuch in Zürich begann, ist jetzt in 35 Schweizer Gemeinden ständiges Angebot. In Chur etwa sind jeden Samstag um die 40 Jugendliche in der Turnhalle statt auf der Strasse. Projektleiterin Sarah Bhend wunderts nicht: «In Chur läuft wenig für Junge. Da könnte man schon auf dumme Gedanken kommen.»

Zur Erfolgsstory von Midnight Basketball gehört auch, dass es in all den Jahren erst ein einziges Mal zu grösseren Konflikten gekommen ist. «Das zeigt, dass die Jugendlichen fähig sind, Selbstverantwortung zu übernehmen», sagt Valérie Gros Assam vom Förderverein mb.ch. «Man muss ihnen nur die Chance dazu geben.» Dem stehen an neuen Standorten mitunter Bedenken von Behörden oder Schulhausabwarten entgegen, die Lärm und Vandalismus befürchten. Grundlos, wie Gros Assam festhält: «Das grösste Problem ist es, die Erwachsenen zu überzeugen.»

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