Zwei Musliminnen, seit 25 Jahren in der Schweiz. Früher war Religion für sie kein Thema. Heute trägt die eine den Schleier, die andere will den Glauben nicht leben. Und beide werden nicht verstanden. Was denken diese beiden Frauen? Ein Pro und Kontra zum Kopftuch.

Pro: «Nur weil ich einen Schleier trage, habe ich mein Gehirn nicht abgegeben»

Seit zwei Jahren trage ich den ­Hi­dschab und möchte nicht mehr ohne sein. Jahrelang habe ich ­teure Markenkleider getragen, ­wurde für mein Aussehen bewundert. Heute bin ich wütend, dass ich mich so lange diesem Modediktat unterworfen habe. Ich habe mein Geld in Dinge ­investiert, die ich nicht brauchte, statt es denjenigen zu geben, die Hunger leiden.

Heute bin ich 53 und habe mich noch nie so glücklich gefühlt, so aufgehoben, so beschützt. Warum soll eine Frau sich in der Öffentlichkeit präsentieren? So viele fremde Männer schauen sie an, beurteilen sie, vergleichen sie mit anderen. Was gewinnen die Frauen dadurch? Durch körperbetonte Kleidung entstehen nur Probleme, Eifersucht, Neid, Gewalt zwischen Männern, Unsicherheit bei den Frauen. So sehe ich das heute – und da­rum trage ich, wenn ich auf die Strasse gehe, Mantel und Kopftuch.

Mich faszinieren Frauen wie Mutter ­Maria: weiblich, aber ungeschminkt, natürlich. Im Koran gibt es ein Pendant dazu: Mariam. Das sind meine Vorbilder, ich fühle mich ihnen näher, wenn ich einen Schleier trage. Natürlich gibt es Frauen, die das Kopftuch auf Druck von Mann oder Vater tragen, aber das ist niemals richtig.

Ich bin in Mazedonien aufgewachsen, direkt neben einer Moschee. Als Kind mochte ich das Gotteshaus nicht, den Imam noch weniger, und auch die Männer, die in der Moschee beteten, ­gefielen mir nicht. Sie spuckten auf den Boden, und obwohl ihre eigenen Frauen verschleiert waren, schauten sie unverhohlen anderen nach. Wir waren zwar auf dem Papier Muslime, aber in meiner Familie spielte Religion kaum eine Rolle. Mein Vater hatte mir nur ein Gebet beigebracht und eine Sure aus dem ­Koran, die damals jeder auswendig konnte. Wie hier das Vaterunser vielleicht.

Für mich zählte nur eins – der Sport. Ich besuchte das Sportgymna­sium, spielte daneben als Halbprofi Handball und trainierte gleichzeitig Gymnastik. Das Training war hart, viel Freizeit blieb nicht.

Esma Andov*, 53

Quelle: Hanna Jaray

Die grosse Einsamkeit in der Schweiz

Mit 20 heiratete ich, mein Mann war Berufsmilitär und wurde kurz nach ­unserer Hochzeit nach Kroatien versetzt. Wir zogen nach Split, direkt ans Meer. Ein Jahr nach der Hochzeit kam unser erster Sohn zur Welt, kurz darauf der zweite. Ich hatte Angestellte, ein grosses Haus, wir führten ein wunderbares Leben. Dann kam der Krieg, und mein Mann musste fliehen. 1991 kamen wir mit unseren Kindern in einem Asylzentrum in der Schweiz an. Ich fürch­tete den Neuanfang nicht. Wir hatten beide studiert; ich dachte, ich könnte als Trainerin viel weitergeben. Aber kaum angekommen, fingen die Probleme an: Weder Kroatien noch Mazedonien ­wollte uns Pässe ausstellen. Wir waren plötzlich Staatenlose – eingesperrt im Paradies. Die ersten Jahre lebten wir ­ohne Anerkennung als Flüchtlinge in ­einem kleinen, von der SVP dominierten Dorf. Arbeiten durften wir nicht.

Doch wir wollten es schaffen. Nach drei Monaten sprach ich schon passabel Deutsch. Wir taten alles, um die so hoch gepriesene Integration zu leisten. Ich würde sagen, wir waren in kurzer Zeit assimiliert. Ich engagierte mich im Dorf, die Kinder spielten im Fussballverein. Akzeptiert hat man uns trotzdem nicht. In der Schule nannte man unsere Söhne «die Jugos». Es war hart. In Kroatien gehörten wir zur Oberschicht, hier behandelte man uns wie Aussätzige.

Meine Diplome wurden nicht an­erkannt, die Weiterbildungen, die ich hätte machen müssen, um als Sportlehrerin arbeiten zu dürfen, konnte ich mir nicht leisten. Ich hätte sogar eine Stelle in der Physiotherapie gefunden, aber ohne Niederlassungsbewil­ligung durfte ich sie nicht antreten. Man schickte mich putzen, für drei Franken die Stunde. Einmal besuchte uns ein Vertreter einer Freikirche. Er sagte, er könnte uns mit dem Aufenthalts­status helfen, wenn wir die Religion wech­seln. Er nahm uns mit in die Gottesdienste. Das tut gut, wenn du so einsam bist. Aber die neue Religion sprach mich nicht an. Obwohl ich nie gebetet hatte, habe ich da gespürt, dass ich eine Beziehung zu Allah habe. Mein Mann hat dann Bibel und Koran gelesen, und auch er merkte, dass ihm der Koran näher war.

«Allah weiss, wann es ihn braucht»

Später dann, als wir endlich arbeiten durften, fand ich eine Stelle in einer Wäscherei. Ich konnte mich abends manchmal kaum mehr auf den Beinen halten, so anstrengend war die Arbeit, aber ich war glücklich, weil ich endlich kein Geld mehr von der Gemeinde brauchte. Dazugehörig fühlten wir uns trotzdem nicht. In dieser Zeit hat mein Mann angefangen zu beten. Ich sehe das heute so: Allah hat sich an ihn ­gewandt und ihn unterstützt. Er weiss, wann es ihn braucht. Ich schaffte es nicht, regelmässig zu beten, tagsüber in der Wäscherei war es schwierig, abends war ich schlicht zu erschöpft.

Ich habe aber Allah immer um Vergebung gebeten. Dafür, dass ich nicht bete, dass ich nicht faste, dass ich nicht in die Moschee gehe. Erst jetzt, da ich den Koran lese, erfahre ich, dass Allah diejenigen liebt, die bereuen, und diejenigen, die seiner regelmässig ge­denken. Ich habe also vieles richtig gemacht, auch wenn ich damals nicht praktiziert habe. 

Dank den wenigen Schweizer Freunden habe ich diese Jahre psychisch gesund überlebt. Heute weiss ich, dass es Gott war, der sie mir geschickt hat. Interessanterweise sind viele der Freundinnen und Freunde auch gläubig, natürlich christlich.

Seit längerem bin ich wegen ­meines Rückens 50 Prozent krankgeschrieben. «Sie sind das beste Beispiel ­dafür, dass Sport Mord ist», hat man mir in der Klinik gesagt, trotzdem musste ich jahrelange Abklärungen durchlaufen. Ich empfand das einmal mehr als erniedrigend. Ich bin keine Lügnerin. Was Menschen anbelangt, bin ich desillusioniert. Aber Allah kennt unser Inneres. Er lässt sich nicht täuschen.

Anzeige

Die Moschee als Zufluchtsort

Ich will mir ein Bild vom ­Koran ­machen, nicht dasjenige aus den Medien übernehmen. Ich besuche regelmäs­sig diejenigen Moscheen, die jetzt in den Medien verteufelt werden – als Rekrutierungsstätten für den IS. Bei uns in der Frauengruppe habe ich nie etwas in dieser Art erlebt oder davon gehört. Ich besuche auch die Veranstaltungen des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS). Ich will ­keine Po­sition be­ziehen für einzelne Menschen dort, aber ich bin sehr froh, dass es diese Vereinigung gibt. Sie ist ein Ort, wo wir nicht nur geduldet sind, sondern willkommen und geschätzt. Nur schon das ist für mich ein Geschenk.

Mein älterer Sohn lebt konsequent nach Sunna. Das heisst: Er trägt Bart, betet fünfmal am Tag, trinkt keinen Alkohol, hört keine ­Musik und hat eine Frau geheiratet, die sich verschleiert. Mein jüngerer Sohn betet nur am Morgen. Im Islam gibt es keinen Zwang. Das mag niemand glauben, aber wenn ich meine Schweizer Freundinnen frage, ob ich für sie eine Frau bin, die sich ­unterdrücken lässt, lachen sie laut. Sie kennen mich und wissen, dass ich nur tue, was ich für richtig halte.

Ich erwarte nicht, dass mir das alle Schweizer glauben. Man liest zu viel anderes. Ich möchte nur, dass sie mich weiterhin als das wahrnehmen, was ich bin: derselbe Mensch wie vorher. Nur weil ich einen Schleier trage, habe ich mein Gehirn nicht abgegeben.

Kontra: «Es ist verrückt, dass die Religion so ein Thema für mich wird»

Ich würde gern offen zu meinen Aussagen stehen und mit dem richtigen Namen zitiert werden, aber die Zeiten haben sich für liberale Muslime geändert. Viele Strenggläubige verachten Leute wie uns. Wenn ich allein wäre, würde ich das Risiko tragen, aber meine Kinder haben Angst. Beide wurden schon von Strenggläubigen angesprochen.

Verrückt, dass die Religion jetzt auf diese Weise ein Thema für mich wird. Sie war es nie, auch nicht im Kosovo, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe nach der Matura einen Mann geheiratet, der wie ich nicht religiös war. Wir verzichteten auf den Segen durch einen Hodscha. Das war nicht aussergewöhnlich, obwohl es natürlich Leute gab, die es lieber anders gesehen hätten. Mein Vater war Lehrer, ein sehr fortschrittlicher, offener Mensch, und auch meine Mutter lebte für dortige Verhältnisse selbstbestimmt. Sie arbeitete ausser Haus, in einem Spital.

Trotzdem wurde ich in der Pubertät anders behandelt als mein Bruder. Ich durfte nicht mehr raus mit Freunden, meine Kleidung wurde kontrolliert. Das hat mich schon damals gestört. Als ich dann in die Familie meines Mannes gezogen und Mutter geworden bin, bestand meine Schwie­germutter darauf, dass ich während des Ramadans fastete und Bayram feierte, das Fest am ­Ende der Fastenzeit. Ich tat es aus Rücksicht, nicht aus innerer Überzeugung. Später emanzipierte ich mich, fand eine Arbeit als Gerichtsschreiberin, war viel ausser Haus.

Mein Mann war in der Opposi­tion, nahm schon früh an Demons­trationen gegen das Milosevic-Regime teil. Er arbeitete in einer Autofabrik als Maschinen­ingenieur und war dort auch in der Gewerkschaft aktiv. 1990 wurde er wegen seines politischen Engagements verhaftet.

Nach einem Monat im Gefängnis gelang ihm die Flucht. Zehn Tage lang wussten wir nicht, wo er war, dann kam endlich ein Anruf. Er hatte es in die Schweiz geschafft. Schnell zeigte sich, dass es auch für mich und die Kinder zu gefährlich wurde. Inzwischen hatten wir drei; das jüngste war fünf Monate alt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion packte ich einen Koffer und floh.

Die erste Zeit in der Schweiz war schwierig. Für uns, aber auch für die Kinder. Wir waren in unterirdischen Zivilschutzanlagen untergebracht, dann fast ein Jahr lang alle zusammen in einem winzigen Zimmer ­ohne Küche. Es war feucht, dreckig. Abends hatten wir oft Hunger, da es nicht erlaubt war, Esswaren ins ­Zimmer zu nehmen, und die Gemeinschaftsküche bereits um sechs Uhr geschlossen wurde. Jede Nacht träumte ich davon, in den Kosovo zurückzugehen. Hier durften wir nicht arbeiten, unsere Diplome wurden nicht akzeptiert. Was uns gerettet hat, waren die Deutschkurse, die wir von Anfang an besuchten.

Farida Hoxha*, 51

Quelle: Hanna Jaray
Anzeige

Im Wohnblock unerwünscht

Nach zweieinhalb Jahren kam die Erlösung: Wir wurden als Flücht­linge anerkannt und bekamen eine Aufenthaltsbewilligung. Damit änderte sich für mich vieles. Ich weiss nicht, was passiert wäre, wenn wir noch länger in dieser Warteposition hätten leben müssen. Endlich durften die Kinder zur Schule, durften wir uns Arbeit suchen, eine Wohnung. Nicht alles lief rund: Im Wohnblock, in den wir zogen, waren wir die einzigen Ausländer. Unsere Nachbarn sammelten Unterschriften gegen uns. Sie wollten nicht mit Jugoslawen im Haus leben.

Dass sowohl mein Mann als auch ich Arbeit fanden, half uns enorm. Auch wenn es für mich hart war, als Zimmerfrau arbeiten zu müssen oder in einem Take-away. Trotzdem war ich froh, hier leben zu können, in einem Land, in dem Frauen frei sind. Es gab hin und wieder Muslime, die mich darauf ansprachen, dass ich nicht in die Moschee gehe, kein Kopftuch trage. Aber für die meisten war die Religion in dieser Zeit ebenfalls kein Thema.

Ende der neunziger Jahre erfuhr mein Mann, dass er Lungenkrebs hatte. Unheilbar. Wenige Monate später war er tot. Das war eine schwere Zeit, auch für die Kinder. Bis zum Schluss sagte mein Mann, er sei Atheist und das ­ändere sich auch jetzt nicht. Nach seinem Tod wurde mir doppelt bewusst, wie gut es ist, in einem Land zu sein, in dem die Religion Privatsache ist. Wenn wir im Kosovo geblieben ­wären, dürfte ich als Witwe keine ­Feste mehr besuchen, nicht einmal die Hochzeiten in der Verwandtschaft. Ich dürfte nichts tun, was in irgendeiner Form als Vergnügen gewertet werden könnte. Ein Witwer hingegen darf bereits ein paar Wochen nach dem Tod seiner Frau wieder heiraten.

Obwohl ich nie das Bedürfnis nach einem neuen Partner hatte, ist mir die Freiheit enorm wichtig, das selber zu entscheiden. Da­rum ist es für mich schwer zu verstehen, dass sich Musliminnen den Zwängen freiwillig fügen. Ich bin jeden Tag froh, dass ich dem entflohen bin. Auch wenn ich mit über 50 noch putzen muss, um über die Runden zu kommen, und meiner ­Arbeit auf dem Gericht nachtrauere. Zum Glück konnte ich eine Ausbildung zur Kulturvermittlerin machen. Seit ein paar Jahren habe ich regel­mäs­sig Aufträge als Übersetzerin, ich leitete auch einen interkulturellen Frauentreff. Ich schätze die Vielfalt, feiere Weihnachten genauso wie Bayram. Beides sind für mich einfach ­Familienfeste. Vielleicht auch, weil ich im Kosovokrieg erlebt habe, dass die Religion Menschen entzweien kann.

Dass es immer mehr Leute gibt, die sich den extremeren Formen des ­Islams zuwenden, beobachte ich hier und in meiner Heimatstadt im Kosovo. Ich kann es nicht verstehen. Man sagt, sie bekämen Geld. Ob das stimmt, weiss ich nicht. Ich jedenfalls schätze die Freiheiten, die ich als Frau hier ­habe, und ich werde alles da­ransetzen, dass sie mir erhalten bleiben.

*Namen geändert