Aufgrund einer Klage der inzwischen nach Italien ausgewanderten Familie setzte das italienische Parlament ein renommiertes Expertenteam ein. Dieses präsentierte die Ergebnisse seiner Untersuchungen nun am 8. Januar an einer Pressekonferenz in Sitten: Der 167-seitige Bericht der Experten schliesst aus, dass der Hund der Täter war.

Die Walliser Staatsanwaltschaft wird ihrerseits demnächst über den Fall orientieren: Es geht dabei um ein Gutachten zu einer Zeichnung des jüngeren Bruders von Luca aus dem Jahr 2005, aus der hervorgehen soll, dass noch andere Jugendliche am Ort des Geschehens waren.

Die italienischen Experten betonen, dass sie mit den Walliser Behörden zusammenarbeiten wollen, um den Fall zu lösen.

Die Luft ist kühl und trocken an jenem Nachmittag, und am Himmel über Veysonnaz VS hängen Wolken. Tina Mongelli ist genervt. Es dunkelt bereits, und obwohl sie es verboten hat, sind ihre beiden Buben Marco und ­Luca allein nach draussen gegangen, während sie im Dorf Besorgungen machte. Das Haus ist leer, auch Schäferhund Rocky ist nicht da.

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Mongelli geht über die Strasse zu einem kleinen Abhang in der Nähe, wo die Kinder oft mit Rocky spielen. Als sie nach ihren Söhnen ruft, trabt der Hund auf sie zu. Dann sieht sie den kleinen Marco. Der bald Vierjäh­rige hat sich hinter einem Baum versteckt. Einige Meter weiter liegt Lucas Jacke im Schnee. Und zwei andere Kleidungsstücke.

Mongelli findet Luca halb nackt und bewusstlos bei einer Böschung zwischen kahlen Haselsträuchern. Der Siebenjährige liegt zusammengekauert auf der Seite, Skihosen und Unterwäsche bis zu den Knien hinuntergezogen. Der Körper ist mit Kratzern, Schürfungen und blauen Flecken übersät.

Mongelli schleppt ihren Sohn durch den Schnee hinunter zum nächsten Haus, schreit und poltert gegen die Tür. Im Chalet wohnen holländische Touristen. Es dauert eine Weile, bis sie öffnen. Ein herbeigeeilter Nachbar bringt Luca ins Haus und alarmiert die örtliche Ärztin. Diese verständigt 144. Als die Sanitäter aus Sitten eintreffen, stellt der Notarzt fest, das Lucas Herz und Atmung ausgesetzt haben. Der Bub wird intubiert, erhält ein Milligramm Adrenalin intravenös. Um 20.03 Uhr verlässt der Ambulanzwagen Veysonnaz Richtung Kantonsspital Sitten. Es ist der 7. Februar 2002.

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Privatdetektiv ermittelt seit zehn Jahren

«Von da an lief damals ziemlich alles schief», sagt Fred Reichenbach. Er leert zwei Dutzend Zigarettenstummel aus dem Aschenbecher in den Papierkorb. Reichenbach ist Privatdetektiv. An der Wand über dem billigen Schreibtisch hängt ein Foto von Luca. Luca sei nicht sein einziger Fall, sagt Reichenbach – «man muss ja von was leben» – , aber ein besonderer.

Die Familie Mongelli hat ihn drei Monate nach dem Vorfall engagiert, weil sie mit der Arbeit der Behörden nicht zufrieden war. Für diese ist schnell klar: Hund Rocky hat Luca so zugerichtet. Marco, der kleine Bruder, hat in der ganzen Aufregung des Ereignisses mehrfach gesagt: «Rocky böse.» Und: «Rocky hat Luca gebissen.»

Laut Reichenbachs Recherchen kommt das auch den zwei Polizisten zu Ohren, die am Abend des Unglücks gegen 21.30 Uhr bei den Holländern eintreffen. Tina Mongelli, Marco und Luca sind nicht mehr da. Und niemand von den Anwesenden weiss, wo der Siebenjährige genau gefunden wurde. Einer der Beamten telefoniert mit dem Chefinspektor in Sitten. Dieser schlägt vor, Feuerwehr mit Beleuchtungsgerät nach Veysonnaz zu schicken und das Gelände abzusperren. Der Polizist winkt ab: Er habe die Sache im Griff, es sei der Hund gewesen. Dies war der erste von vielen fragwürdigen Entscheiden, die dazu führten, dass im Fall Luca heute, zehn Jahre nach dem Ereignis, viele Fragen offen sind.

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«Es war eben spätabends, der Beamte vielleicht müde, und die Sache schien klar», sagt Detektiv Reichenbach und zuckt mit den Schultern. Der 61-Jährige war selbst 20 Jahre lang bei der Polizei, als verdeckter Ermittler bei der Genfer Drogenfahndung. «In den Achtzigern hatten wir viele Freiheiten, hantierten mit gros­sen Mengen von Drogen und viel Geld», erzählt er. Eines Tages habe ihm ein Staatsanwalt eine lange Liste mit Vergehen unter die Nase gehalten, deren er beschuldigt wurde: «Da stand quasi, ich sei ein Drogenhändler.» Nach 78 Tagen Untersuchungshaft wurde er entlassen, die Anklagepunkte wurden fallengelassen: «bis auf einen Krümel Haschisch, den sie in meiner Schublade gefunden haben.» Ein leises Grinsen. Seither ermittelt Reichenbach eben privat.

«Tatjana, bringen Sie mir bitte die Aufnahmen von Lucas Kleidung.» Eine zierliche junge Frau kommt aus dem Vorzimmer und legt einen Umschlag mit zehn Jahre alten Polizeiaufnahmen auf den Schreibtisch. «Die beiden Beamten haben den Hang hinter dem Ferienhaus damals nur mit einer Taschenlampe abgesucht», sagt er und breitet die Bilder aus.

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Wichtige Gutachten ignoriert

Die Polizisten finden an jenem Abend nur die lederne Hundeleine, Lucas Unterhemd und seine Jacke, dann ziehen sie ab. Der Hang wird nicht abgesperrt. Erst am nächsten Tag kehren die Ermittler zurück. Der Schnee ist von Fussspuren durchzogen. Die Beamten markieren verschiedene Flecken, sammeln Lucas Handschuhe und seine zerrissene Armbanduhr ein.

Der Walliser Untersuchungsrichter Yves Cottagnoud fokussiert seine Ermittlungen auf den Hund Rocky als Übeltäter. Mongellis glauben nicht daran und werfen Cotta­gnoud vor, Hinweisen auf andere Ursachen nicht nachzugehen – nicht einmal jenen, die von Experten kommen, die er selbst beauftragt hat. Ein Gutachten des Chefs der Kinderpsychiatrischen Klinik des Universitätsspitals Genf hält zum Beispiel fest, dass der vierjährige Marco nicht nur von Rocky, sondern immer wieder auch von einem «Monsieur» spricht, mit dem Luca gekämpft habe. Im Fazit des Gutachtens steht fettgedruckt, Marcos Verhalten und Äusserungen erlaubten es «keinesfalls, die Anwesenheit von Dritten bei den Geschehnissen des 7. Februars auszuschliessen».

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Und auch die Tierärztin Anne-Marie ­Villars, die Rocky im Auftrag des Gerichts untersucht hatte, hält es für äusserst unwahrscheinlich, dass das Tier der Schuldige sei. Ein Hund, der an einem Kleidungsstück zerrt, renne damit weg – und kehre nicht zurück, um das Opfer weiter zu entkleiden, sagt sie gegenüber Journalisten des Westschweizer Fernsehens. Ausserdem seien die Kratzspuren auf Lucas Körper kaum von einem Hund, weil nur wenige davon parallel verliefen, wie dies bei Hundepfoten zu erwarten wäre.

Auch ein Hundezüchter, der mit Schäferhunden jahrzehntelange Erfahrung hat und Rocky während ein paar Wochen in seiner Obhut hatte, sagt, er halte es für unmöglich, dass das Tier für Lucas Zustand verantwortlich sei. Rocky sei ein sehr ängstlicher Hund gewesen.

Trotz diesen Einwänden konzentriert sich der Walliser Richter Cottagnoud bei seinen Ermittlungen auf den Hund. Seine These: Rocky greift Luca an, zerrt an seinen Kleidern. Um das Tier loszuwerden, zieht Luca ein Kleidungsstück nach dem anderen aus, bleibt schliesslich entkräftet im Schnee liegen und kühlt aus. «Nachdem die Spurensicherung völlig verbockt war, musste es irgendwann halt einfach der Hund sein», frotzelt Reichenbach.

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Luca erwacht – und spricht

Doch die Geschichte nimmt eine andere Wendung. Luca, der bei seiner Ankunft in der Notaufnahme eine Körpertemperatur von nur 23,3 Grad hatte, überlebt mit viel Glück, doch er liegt vier Monate im Koma. Der Sauerstoffman­gel hat im Gehirn bleibende Schäden verursacht. Als Luca wieder zu sich kommt, ist er blind und an Armen und Beinen gelähmt. Aber er spricht. Und er erzählt, was an jenem Abend passiert ist. Ein Mann habe ihn zu Boden gestossen, sagt der damals Siebenjährige. «Der Mann, der mich gezwungen hat, Ameisen zu trinken.»

Luca beschuldigt damit drei oder vier Jungs im Alter zwischen elf und sechzehn Jahren, mit denen er sich – oft bei gegenseitigen Neckereien – hin und wieder die Zeit vertrieb. Einmal, im Sommer vor dem Vorfall, hatten sie ihn gezwungen, ein paar Ameisen zu essen.

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Mit der Zeit werden Lucas Aussagen konkreter. Er sei vom grössten Jungen festgehalten worden, sie hätten ihm Kleider ausgezogen, ihn in den Schnee gedrückt und mit Stöcken geschlagen. Er erinnert sich daran, dass er einen Korkenzieher dabeihatte und versucht habe, sich damit zu verteidigen. Luca nennt sogar die Vornamen von einzelnen der Beteiligten.

Trotzdem wird er von den Behörden nicht angehört. Der Untersuchungsrichter begründet dies mit einem kinderpsychiatri­schen Gutachten, wonach der Bub von seinem Umfeld beeinflusst werde. Deshalb könne zur Wahrheitsfindung nicht auf seine Aussagen abgestützt werden.

«Ich glaube ihnen kein Wort»

Detektiv Reichenbach konnte anhand von Lucas Aussagen vier Jugendliche ausfindig machen und hat deren Namen an die Staatsanwaltschaft weitergegeben. «Es sind die Söhne zweier angesehener Fami­lien aus Sitten», sagt er und zündet eine Zigarette an. Luca ist der Sohn italienischer Einwanderer, die in Veysonnaz ein kleines Bistro betrieben.

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Reichenbach hat die zwei älteren Jugendlichen damals zu den Vorwürfen befragt – in Anwesenheit ihrer Eltern und eines Anwalts. «Sie stritten alles ab, aber ich glaube ihnen kein Wort», sagt er.

Aber die Burschen haben Alibis. Am fraglichen Tag seien sie in Lausanne in der Schule gewesen, behaupten sie. Reichenbach schüttelt den Kopf: «Die Rektoren der beiden betreffenden Schulen bestätigen nur, dass die Buben gemäss Stundenplan Unterricht hatten, das beweist nicht, dass sie auch da waren.» Eine Präsenzliste mit Namen konnte keine der beiden Schulen liefern – diese seien verlorengegangen. «An beiden Schulen – komisch, nicht? Aber der Untersuchungsrichter hat sich damit zufriedengegeben.»

Untersuchungsrichter Cottagnoud ist unerfahren, als er mit dem Fall betraut wird. Er ist erst wenige Wochen zuvor ins Amt gewählt worden. Als die Medien den Fall Luca Mongelli aufgreifen, wächst Cottagnoud die Sache über den Kopf. Im Oktober 2002 gibt er das Dossier ab. Cottagnoud macht auch in weiteren Fällen keine gute Figur, wie Medienberichte zeigen. 2003 verletzte er in einem Verfahren gegen Roma-Flüchtlinge strafprozessuale Grundsätze, indem die Anwälte der Betroffenen nicht über Befragungen informiert wurden und Gesuche um Familienbesuche unbeantwortet blieben. 2007, im Fall des koksenden Grossrats Xavier Bagnoud, verschickt er ein falsches psychiatrisches Gutachten, und in anderen Verfahren verursacht er unnötige Ausgaben in der Höhe von Zehntausenden von Franken, die der Staat tragen muss. Trotzdem bleibt er im Amt, bis er 2010 von sich aus zurücktritt.

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Den Fall von Luca übernimmt Nicolas Dubuis als Untersuchungsrichter; er stellt die Ermittlungen im Februar 2004 ein. Es könne nicht bewiesen werden, dass Luca von Menschen misshandelt worden sei, und gegen einen Hund kann keine Straf­untersuchung geführt werden, lautet die Begründung. Obwohl Dubuis in seinem Entscheid festhält, dass Rocky für die Öffentlichkeit keine Gefahr darstelle, lässt die neue Besitzerin Rocky zwei Tage später ein­schläfern. Zu den Gründen will sie Detektiv Reichenbach nichts Genaueres sagen. Gemäss seinen Notizen behauptet die Frau aber, dass Rockys Kadaver von zwei Polizisten abgeholt worden sei, nachdem die Behörden von der Einschläferung erfahren hatten.

Eltern geben auf – vorerst

Lucas Familie rekurriert nicht gegen den Einstellungsentscheid. Nachdem sie jahrelang erfolglos gegen die Entscheide der Walliser Justiz angerannt ist und auch noch ihr Anwalt Sébastien Fanti sein Mandat niederlegt – «weil von verschiedenen Seiten Druck auf mich ausgeübt wurde», wie er sagt –, geben Mongellis auf. Die Familie zügelt zurück nach Italien, in die Gegend von Bari, wo Luca trotz seinen Behinderungen eine Regelklasse besuchen kann.

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Zurück bleiben Detektiv Reichenbach und viele offene Fragen. Laut einem der Ambulanzsanitäter hat ein Arzt bei Lucas Ankunft in der Notaufnahme mit den Worten «Vorsicht, da ist etwas» auf grünliche Rückstände im Afterbereich des Buben hingewiesen. «Der Sanitäter sagte, man hät­te besoffen sein müssen, um das nicht zu bemerken», so Reichenbach. Der Zeuge habe diese Substanz als grünen Schleim beschrieben, ähnlich diesem glibberigen Kinderspielzeug, das damals populär war.

In den medizinischen Berichten taucht nichts dergleichen auf. «Ein anderer Arzt, ein Neurologe, hat Luca gewaschen – aber ohne vorher Fotos gemacht zu haben, wie dies in solchen Fällen das Vorgehen wäre. In seinem Bericht steht, er habe den Afterbereich von bräunlichem Stuhl gereinigt. Irgendjemand lügt», sagt der Detektiv.

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Nicht nur die grüne Substanz verschwand aus der Notaufnahme des Spitals Sitten. Auch der Arzt, der den Schleim bemerkt haben soll. Gegenüber dem Anwalt der Familie Mongelli verneint er, am fraglichen Tag überhaupt dort gewesen zu sein. «Sein Name ist nicht auf dem offiziellen Tagesrapport», sagt Reichenbach, «aber der Sanitäter und zwei Sekretärinnen des Spitals bestätigen seine Anwesenheit.» Auch das hat Reichenbach der Staatsanwaltschaft mitgeteilt. Trotzdem wurde der Arzt nie polizeilich befragt.

Marcos Zeichnung ändert alles

Frühling 2005, ein Jahr nachdem Mongellis wieder nach Italien gezogen sind: Die Lehrerin von Lucas Bruder erteilt ihren Schülern den Auftrag, ein Erlebnis zu zeichnen, bei dem sie sich fürchteten. Als sie die Zeichnung des inzwischen Sechsjährigen sieht, ruft sie sofort Mongellis an. Das Bild zeigt Marco, wie er sich versteckt, und Luca, der von drei anderen Personen mit Stöcken geschlagen wird. Einer der Angreifer wird von Hund Rocky gebissen. Die Überschrift lautet: «Ich bin erschrocken, als mein Bruder geschlagen wurde.» Auf die Frage der Eltern, warum er das nicht schon früher erzählt habe, sagt Marco: «Früher hatte ich Angst, aber jetzt sind die Bösen weit weg.»

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Weil die Anwälte der Familie wenig Aussicht auf Erfolg sehen, verschwindet die Zeichnung für vier Jahre in der Schublade, bis Journalisten des Westschweizer Fernsehens 2009 einen Dokumentarfilm über Lucas Fall drehen und das Bild einem Kinderpsychiater vorlegen. Dieser hatte den kleinen Marco bereits direkt nach dem Vorfall betreut und beobachtet. Seine Einschätzung: Es sei fast unmöglich, dass Marco eine solche Zeichnung anfertige, ohne das selbst erlebt zu haben.

Im Oktober 2010 legen die Eltern die Zeichnung der Saatsanwaltschaft vor. Zudem reichen sie eine von über 9000 Personen unterzeichnete Petition ein, die verlangt, die Untersuchungen wiederaufzunehmen. Damit gelangt die Causa Luca zum ersten Mal seit Jahren wieder ins öffentliche Bewusstsein.

Staatsanwalt Dubuis nimmt darauf den Fall tatsächlich wieder auf, jedoch ohne dies zu kommunizieren. Er benennt im November 2011 drei Experten, die die Glaubwürdigkeit der Zeichnung beurteilen sollen. Mongellis sind mit der Wahl aber nicht einverstanden. Ein Fachmann hat sich bereits zum Fall geäussert und ist also nicht mehr neutral, der zweite hatte erklärt, für die Beurteilung von Kinderzeichnungen nicht kompetent zu sein, und der Dritte spricht kein Italienisch. Lucas Eltern legen Beschwerde ein und bekommen vor Bundesgericht teilweise recht. Sie verlangen, dass Dubuis das Dossier entzogen und ein aus­serordentlicher Staatsanwalt eingesetzt wird. Die Staatsanwaltschaft Wallis hat unterdessen vier andere Experten benannt, darunter einen Tessiner Kinderpsychiater und zwei italienische Psychologen.

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In Lucas Heimat Italien ist sein Fall Ende letzten Jahres zum Politikum geworden, nachdem kurz vor Weihnachten eine populäre Fernsehsendung auf Rai Uno darüber berichtete. Verschiedene Politiker, da­run­ter Minister der Regierung von Mario Monti und die Duce-Enkelin Alessandra Mussolini, versprachen, sich für Luca einzusetzen. Sie verlangen eine eigene Untersuchung durch italienische Ermittler. Kürzlich wurde in dieser Sache der italienische Botschafter in Bern bei Justizministerin Sommaruga vorstellig.

All das lässt die Walliser Staatsanwaltschaft Ende Januar eine Pressekonferenz einberufen, «nachdem in der schweizerischen und internationalen Presse ungenaue Informationen verbreitet wurden», wie es in der Einladung heisst.

«Ich will, dass man mir zuhört»

An der Pressekonferenz sind nur Medienvertreter zugelassen. Vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft sammeln sich knapp 100 Personen, hauptsächlich Mütter mit Kindern, zu einer Demonstration. «Justice soit faite», steht auf einem Transparent, «Justice pour Luca» auf einem anderen. Gerechtigkeit geschehe, Gerechtigkeit für Luca.

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Luca reist erstmals, seit die Familie die Schweiz verlassen hat, nach Sitten. «Er ist mittlerweile 17 Jahre alt, und er hat es satt, dass immer andere über ihn reden», sagt Reichenbach. Seine Anwesenheit wurde auf Lucas Facebook-Seite angekündigt, entsprechend viele Medienvertreter sind gekommen, fast gleich viele wie Demonstranten. Auch der italienische Sender Rai Uno hat ein Team geschickt.

Als Luca Mongelli zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder eintrifft, wird sein Rollstuhl sofort von Kameras und Mikrophonen umringt. Seine Mutter zupft ihm die schwarze Mütze zurecht. «Ich will, dass man mir zuhört. Ich und mein Bruder sind die einzigen, die dabei waren. Wir wissen, was passiert ist», sagt Luca. Hin und wieder ringt er nach Worten, aber die meisten Sätze sind klar und deutlich. «Ich sage seit zehn Jahren dasselbe. Schon 100'000 Mal habe ich es gesagt: Es war nicht der arme Hund.» Neben dem Wunsch nach Gerechtigkeit ist auch Wut zu hören – auf die Walliser Behörden, und auf die Täter.

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«Der Rolls-Royce unter den Experten»

Detektiv Reichenbach bleibt bei der Demonstration im Hintergrund, und er ist nicht unglücklich darüber. Einerseits, weil er als Detektiv lieber nicht auf Bildern erscheint, aber auch, weil er in den letzten Tagen pausenlos unterwegs war. Im Fall Luca ist er die Hauptansprechperson und musste in den letzten Tagen den grössten Teil der Medienanfragen auffangen. Nebenamtlich kümmert er sich um die Fondation Luca. Die Stiftung hilft Opfern von Kindsmissbrauch und Misshandlungen und wurde unter dem Eindruck von Lucas Schicksal gegründet.

Um zehn Uhr lassen die gut drei Dutzend Journalisten von Luca ab und drängen in den Konferenzraum. Neben dem Dossierverantwortlichen Nicolas Dubuis nehmen Generalstaatsanwalt Jean-­Pierre Gross und Professor Patrice Mangin Platz. Letzterer ist Direktor des Westschweizer Zentrums für Rechtswissenschaft und fungiert im Fall Luca Mongelli als Experte. Er hat 2004 zuhanden von Dubuis eine Synthese der verschiedenen Expertisen verfasst. Dieser Bericht trug massgeblich dazu bei, dass das Verfahren eingestellt wurde.

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Zu Beginn der Pressekonferenz wird Mangin von Generalstaatsanwalt Gross als internationale Autorität gepriesen, dessen Fähigkeiten sich bereits im Zusammenhang mit so heiklen Angelegenheiten wie Todesfällen im US-Gefangenenlager Guantanamo und dem Unfalltod von Lady Di bewährt hätten. Dubuis bezeichnet ihn als «Rolls-Royce unter den Experten».

In seinen Ausführungen beharrt Mangin darauf, dass Lucas Verletzungen sehr wahrscheinlich von einem Hund stammten: Die DNA-Spuren, die Löcher in den Kleidern, der Abdruck an Lucas Gesäss, den er als Hundebiss interpretiert, und natürlich die zahlreichen Kratzer: «Auf keinen Fall sind diese Verletzungen Spuren von Peitschen- oder Stockhieben.» Es gebe keinen einzigen Beweis für die Beteiligung anderer Personen. Auf die Frage eines Journalisten, warum wohl Luca das Gegenteil behaupte, sagt Experte Mangin: «Ich bin kein Kinderpsychiater.»

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Im Verlaufe des Sommers sei dem Resultat der Begutachtung der Zeichnung zu rechnen, sagt Generalstaatsanwalt Gross. Die Familie Mongelli hat bis Anfang Fe­bruar Zeit, gegen die neu benannten Experten Rekurs einzulegen. Die Resultate könnten ebenfalls angefochten werden, falls die Familie nicht einverstanden sei.

Zu viele Fehler, um sie zuzugeben?

Bei allem Filz, für den das Wallis in der Üsserschwyz berüchtigt ist: Eine grosse Verschwörung, in die rund ein Dutzend Personen aus Polizei, Justiz und Medizin involviert sind, nur um eine angesehene Familie vor Strafverfolgung zu schützen, scheint unwahrscheinlich.

Zudem gibt die Staatsanwaltschaft an, bei der Überprüfung der Alibis der fraglichen Jugendlichen auch die Handys und den Festnetzanschluss ihres Chalets kon­trol­liert zu haben. Es gab an jenem Abend keine Anrufe. Wie also sollte eine allfällige Einflussnahme auf das Vorgehen in der Notaufnahme in Sitten zustande kommen? Und warum so etwas riskieren, ohne Genaueres über Lucas Zustand oder seine Heilungschancen zu wissen?

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Nach Detektiv Reichenbachs Erkenntnissen brauchts keine grosse Verschwörung. Er hat eine banalere Erklärung: «Übereinstimmende Interessen. In der ganzen Angelegenheit wurden von vielen Leuten viele Fehler gemacht, und niemand will, dass diese ans Licht kommen.» Und davon profitierten letztlich die Täter, die wiederum aus finanziellen Gründen schwiegen. «Für einen Tetraplegiker aufzukommen ist teuer.» Reichenbach hat Luca sein Versprechen gegeben, die Schuldigen zu finden. Er ist zu 99 Prozent sicher, dass es nicht – zumindest: nicht nur – der Hund war. «Aber ich bin nicht Gott. Und er allein kennt die Wahrheit.» Bisher.