Aufgezeichnet von Peter Aeschlimann:


«Schaf in Nöten», funkte die Einsatzzentrale. Auf dem Weg zur Wiese sagte ich zum Kollegen im Streifenwagen: «Du, das gibt ein Video.» Das Lamm hatte sich beim Fressen unter einem Lattenzaun eingeklemmt. Ich nahm das Brecheisen und befreite das arme Tier. Inzwischen wurde der Beitrag über zehn Millionen Mal angeschaut.

Ich bin Rahel Egli, Internetpolizistin bei der Stadtpolizei Winterthur. Im Dienst trage ich nicht nur eine Waffe, sondern stets auch mein Smartphone. Heutzutage muss die Polizei online unterwegs sein, um Kinder und Jugendliche zu erreichen. Deshalb pflege ich einen Insta­gram-Account (@winstaporahel) und seit März auch ein Tiktok-­Profil. Die Videoplattform ist der grosse Hit bei Teenagern Youtube Was gucken Jugendliche da ständig? . Wenn wir sie etwa fürs Thema Mobbing sensibilisieren wollen, müssen wir sie dort abholen, wo sie sich gern aufhalten und austauschen: im Internet.

Beleidigungen zuhauf

Viele denken, im Netz sei alles erlaubt. Das Gegenteil stimmt: Das Internet ist kein straffreier Raum. Es braucht Überwindung, zum Telefonhörer zu greifen oder auf dem Posten vorbeizukommen. Soziale Medien bieten eine niederschwellige Möglichkeit, uns zu kontaktieren. Einmal meldete sich ein Mädchen bei mir, das von ­ihrem Freund geschlagen wurde. Das ging so weit, dass es sich nicht mehr in die Schule traute Mobbing Wenn Kinder einander fertigmachen . Ich bot dann den Jungen zum Gespräch auf, seither macht er keine Probleme mehr.

Wie überall im Netz treffen einen die Kommentare Hass im Internet Im Auge des Shitstorms manchmal unter der Gürtellinie. Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, alles perlte an meiner Uniform ab. Dass jemand meinen Thurgauer Dialekt Rap «Weisch, wan i mein?» doof findet, damit kann ich leben. Auch Standardsprüche wie «Fuck the Police» stören mich überhaupt nicht. Wenn mich hingegen jemand wegen meines Äus­seren, meiner Zahnlücke zum Beispiel, blöd anmacht, stimmt mich das nachdenklich.

76'000 Follower

Es ist Zufall, ob ein Einsatz das Potenzial hat, viral zu gehen. Die Einsatzzentrale steuert das nicht. Vor ein paar Wochen hatte sich eine Krähe in einem Abfallkübel eingesperrt. Es war Sonntag, schnell jemanden von den Stadtwerken aufzubieten, schien ­keine Option. Als es uns nicht gelang, den Deckel abzuschrauben, wuchtete ich ihn auf. Das hat bei einigen Usern etwas Unruhe ausgelöst, das sei doch Sachbeschädigung!

Es geht mir nicht ­da­rum, als Influencerin möglichst viele Follower und Likes zu sammeln. Mein Auftrag ist es, den Arbeitsalltag bei der Polizei zu zeigen. Dass wir nicht nur Bussen ausstellen Straftat begangen So straft der Staat . Derzeit folgen mir um die 76'000 User auf Tiktok. Eine respektable Zahl, einen Bonus gibt es deswegen aber nicht.

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Bevor ich Polizistin wurde, war ich Anlageberaterin bei einer Zürcher Bank. Dort fehlte es mir an Abwechslung, an Action. Also besuchte ich die Polizeischule. Vom Büroalltag her bin ich es also gewohnt, mich zu stylen. Schminke trage ich eigentlich immer im Einsatz. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber es ist schon so: Wenn wir unterwegs zu einem Einsatz sind, der gutes Tiktok-Material bieten könnte, klappe ich im Streifenwagen schnell den Spiegel runter.

Ein paar Tage nach der Befreiungsaktion ging ich nochmals bei der Wiese vorbei. Ich wollte dem Besitzer mitteilen, dass eines seiner Tiere inzwischen weltberühmt sei. Das Schaf hatte nichts aus dem Vorfall gelernt. Gemütlich frass es wieder unter dem Zaun durch.

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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