Miley Cyrus twittert es ihren Fans. Gwyneth Paltrow predigt es seit langem, und auch Miranda Kerr tut es: Pizza, Brot und Kuchen gibt es bei ihnen höchstens noch glutenfrei. Die Stars aus Hollywood trugen mit ihrer Diät­vorliebe dazu bei, in den USA einen neuen Ernährungstrend zu etablieren. Und die Glutenfrei-Welle ist auch über den Atlantik geschwappt. Sogar bei Schweizer Gross­verteilern stehen heute zahlreiche Pro­dukte mit dem Label «glutenfrei» im Regal.

Gluten ist der Kleber, der dafür sorgt, dass sich Getreidemehl mit Wasser zu ­einem elastischen Teig verbindet. Der Begriff kommt vom lateinischen «gluten» für Leim. Etwa jeder 100. Mensch sollte Lebensmittel meiden, die Gluten enthalten. Präzisere Schätzungen über die Zahl Betroffener sind schwierig, denn die meisten wissen gar nicht, dass sie Gluten nicht vertragen; ihr Darm kann es nicht aufspalten. Die Folge: Er entzündet sich, Betroffene leiden an Bauchweh, Blähungen, Durchfall, Wachstumsstörungen, Eisenmangel – medizinisch: Zöliakie. Für Ab­hilfe sorgt nur die lebenslange glutenfreie Diät. Für alle anderen gibt es keinen Grund, dem Glutenfrei-Trend zu folgen.

«Es ist ein Riesenmist»

Ärzte sehen ihn sogar sehr kritisch: «Es ist ein Riesenmist», sagt Raoul Furlano, Magen-Darm-Spezialist am Universitäts-Kinderspital beider Basel. «Und es behindert unsere Arbeit.» Furlano behandelt Kinder mit Verdacht auf Zöliakie. Wer glutenfrei isst, bei dem lässt sich die Krankheit aber nicht mehr feststellen. Denn der Nachweis erfolgt über Antikörper gegen Gluten – und die bilden sich nur, wenn Betroffene sich normal ernähren, also glutenhaltig. Die Umstellung im Körper kann mehrere ­Monate dauern.

Wem Gluten nicht schadet, der sollte die Finger von gluten­freiem Essen lassen: «Glutenfreie Produkte haben tendenziell ­einen höheren glykämischen Index», sagt Furlano. Dieser gibt an, wie stark ein Produkt den Blutzucker in die Höhe schnellen lässt. Nahrung mit ­einem hohen glykämischen Index sorgt ­dafür, dass man schneller wieder Hunger hat, sobald der Blutzucker absackt. Der Hintergrund: Bei glutenfreien Produkten ersetzen Hersteller den Weizen mit Reis- oder kalorienhal­ti­gerem Maismehl.

«Für Leute, die nicht an Zöliakie leiden, bringt die glutenfreie Ernährung nur Zusatzkosten und Umstände», sagt Christoph Gubler, Gastroenterologe am Universitätsspital Zürich. Die glutenfreien Produkte sind teurer als vergleichbare mit Gluten. Und sie sind meist krümeliger und trockener, weil das Klebereiweiss fehlt. Die ­glutenfreie Diät für Nichtbetroffene sei ­eine «Mode ohne medizinischen Grund», sagt Gubler. Profitieren können allenfalls ­Zöliakiekranke: Grossverteiler produzieren ­Pizza, Baguette, Früchtemüesli oder Schokoladeguetsli ohne Gluten.

Die Migros baute ihre Aha!-Linie seit Ende 2011 von 20 glutenfreien Produkten auf 34 aus; die Umsätze stiegen um 20 Prozent. Bei Coop heisst die Linie Free From und wurde seit 2010 von 55 auf 80 glutenfreie Produkte auf­gestockt – der Umsatz verdoppelte sich in dieser Zeit. Auch das Reformhaus Egli verdreifachte seinen Umsatz mit glutenfreien Produkten in den letzten fünf Jahren. Über diese neue Vielfalt freuen sich die Betroffenen zwar. Trotzdem sind sie nicht begeistert darüber, dass sich plötzlich so viele glutenfrei ernähren möchten.

Betroffene fühlen sich angegriffen

«Die Glutenfrei-Mode wirft ein falsches Licht auf die Zöliakiebetroffenen», sagt ­Ernährungsberaterin Diana Studerus. Sie sitzt im Vorstand der IG Zöliakie und leidet selbst an der Krankheit. «Viele fühlen sich zu Recht angegriffen, wenn man ihre Krankheit als Mode­erscheinung abtut.» Bei ihr wurde Zöliakie erst im Erwachsenen­alter festgestellt, sie litt aber schon als Kind an Verdauungsproblemen, Entzündungen und Wachstumsverzögerungen. Auch ihre Mutter ist von Zöliakie betroffen.

An Glutenallergie leiden immer mehr Schweizer. «Bis zu fünf Prozent der Bevölkerung könnten betroffen sein», vermutet Gas­troenterologe Furlano. «Wieso die Zahl zunimmt, wissen wir nicht.» Zudem gibt es Leute, die zwar nicht an Zöliakie leiden, aber empfindlicher auf Gluten reagieren als die Mehrheit. Glutensensitivität nennen die Ärzte das Störungsbild meistens.

«Ihr solltet alle einmal eine Woche auf Gluten verzichten», forderte Miley Cyrus ihre Fans auf. «Die Haut wird viel schöner, ihr fühlt euch besser und seid glücklicher.» Das wissenschaftliche Fundament ihrer Aussage ist allerdings so wacklig wie ihr Hintern während ihres berühmten Twerk-Tanzes.

Was ist Gluten?

Gluten (ausgesprochen mit Betonung auf der Endsilbe) ist ein Bestandteil einiger Getreidearten – ein sogenanntes Kleber­eiweiss. Dieses Eiweiss gibt vielen Backwaren ihre Konsistenz, es macht Brot- oder Zopfteig elastisch. Gluten kommt in Weizen, Gerste, Hafer, Dinkel, Grünkern und Roggen vor. Es ist ­zudem in vielen Produkten enthalten, in denen man es auf den ersten Blick nicht vermuten würde, etwa in Bouillon oder Schokolade.