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Erika Toman«Eine Diät ist ein Langzeitprojekt»

Viele Abnehmwillige haben schon eine eigentliche Diätkarriere hinter sich. Sie haben alles versucht – und nichts hat geholfen. Expertin Erika Toman weiss, wo diese Enttäuschten neu beginnen sollten: bei der Frage «Warum will oder muss ich abnehmen?».

Erika Toman, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, ist Leiterin des Kompetenz­zentrums für Essstörungen und Adipositas in Zürich sowie Präsidentin des Experten-Netzwerks Essstörungen Schweiz. Sie ist Autorin des Buchs «Mehr Ich, weniger Waage. Abnehmen ohne Illusionen, mit Seele und Verstand».

Von und

Beobachter: Weniger essen, sich mehr bewegen – das ist die beste Formel, um abzunehmen. Sind denn alle Dicken faul und undiszipliniert?
Erika Toman: In der Tat hat sich in der öffentlichen Wahrnehmung das Bild festgesetzt, dass übergewichtige Menschen faul und undiszipliniert sind, weil sie es nicht schaffen abzunehmen. Auch schlecht informierte Fachleute waren dieser Ansicht. Zum Beispiel der Hausarzt, der seinem Patienten rät, Gewicht zu verlieren. Und ihm dann einfach sagt: «Essen Sie anders und gehen Sie noch ein bisschen joggen.» Das klingt in der Theorie so einfach. Doch es gelingt vielen Menschen nicht, es auf Dauer in die Praxis umzusetzen. Das hat aber nur wenig mit Faulheit und Disziplinmangel zu tun.

Beobachter: Warum ist abnehmen und das Gewicht halten so schwierig?
Toman: Das Gewicht ist ein sehr individuelles, sehr komplexes Zusammenspiel von Gewohnheit, Körperbau, Vererbung, psychischen und sozialen Faktoren. Viele Umstände können eine Gewichtsreduktion erschweren. Neben der genetischen Veranlagung etwa der aktuelle Body-Mass-Index (BMI): Je fester man ist, desto höher ist der Widerstand des Körpers gegen Gewichtsverlust. Dann die Diätkarriere: Je mehr Diäten man hinter sich hat, desto weniger ist der Körper gewillt abzunehmen. Auch das Alter spielt eine Rolle: Je älter man ist, desto schwieriger wird es. Zudem erschweren emotionale Überlagerungen des Essverhaltens das Abnehmen: wenn man etwa isst, um sich zu trösten oder abzulenken. Und schliesslich können psychische Erkrankungen wie Essstörungen oder Depressionen hinderlich sein.

Beobachter: Der Jo-Jo-Effekt lässt einige Fachleute sagen: «Abnehmen macht dick und unglücklich.» Soll man es am besten bleibenlassen?
Toman: Die entscheidende Frage lautet: «Warum will oder muss ich abnehmen?» Erst bei einem BMI über 30 ist das gesundheitlich angezeigt. Bis zu einem BMI 30 ist es oft eine persönliche, eine ästhetische Frage. Zwar gilt man zwischen BMI 25 und 30 als übergewichtig, doch der Grad der gesundheitlichen Risiken in diesem Bereich wird häufig künstlich hochgespielt. Was den Jo-Jo-Effekt anbelangt: Gewichtsschwankungen von mehr als zwei BMI-Punkten sind gesundheitlich viel riskanter als ein stabiler BMI zwischen 30 und 35. Da ist es sinnvoller, das Gewicht einfach zu halten und allenfalls die Fitness zu steigern.

Beobachter: Wie nimmt man erfolgreich ab?
Toman: Das Schlüsselwort heisst Planung. Die mentale Vorbereitung einer Gewichtsreduktion ist sehr wichtig. Das System «Ab morgen wird alles anders, da fange ich eine Diät an» ist wenig erfolgversprechend. Eine Diät ist nicht eine Frage von ein bis zwei Wochen, sondern ein Langzeitprojekt. Man muss die Ernährung umstellen, sich mehr bewegen, Gewohnheiten ändern. Dazu gehört auch, dass man sich ein realistisches Ziel setzt.

Beobachter: Essgewohnheiten sind sehr schwer zu ändern. Muss man sich jedes Mal, wenn man etwas essen will, überlegen: «Warum? Aus Hunger? Oder zum Trost?»
Toman: Ernährungsgewohnheiten sind von klein auf eingeübt und laufen automatisch ab. Sie werden vor allem durch tiefer gelegene Hirnregionen gesteuert. Diese sind im Gegensatz zu den oberen Hirnregionen sehr stabil. Will man die Essgewohnheiten verändern, muss man sich bewusst darauf konzentrieren. Das braucht viel Energie. Dabei muss man wissen, dass gerade in Stresszeiten die tieferen Hirnregionen die Führung übernehmen. So drohen dann die alten Gewohnheiten wieder durchzubrechen.

Beobachter: Überall lockt Essen. Wie widersteht man dem?
Toman: Man muss sich täglich neu auf mögliche Essfallen einstellen, wenn man seine Gewohnheiten ändern will. Am Morgen soll man sich überlegen, wie der Tag verlaufen wird und welche schwierigen Momente es geben könnte. Darauf muss man sich bewusst vorbereiten.

Beobachter: Das klingt sehr theoretisch.
Toman: Ich hatte eine Patientin, für die war die Kaffeepause mit Gipfeli eine Falle. Jeden Morgen musste sie sich konkret folgende Situation vorstellen: «Wenn die Gipfeli kommen, sage ich: ‹Nein danke, das ist nicht gut für mich.›» Sie stellte sich vor, wie sie sich stattdessen einen Kaffee macht und ihren Apfel isst. Das zog sie dann jeweils durch. Nach einem halben Jahr sagte sie mir: «Es ist vorbei, diese Gipfeli lassen mich kalt.»

Beobachter: Es lässt sich doch nicht alles voraussehen. Schnell hat man wieder ein Stück Kuchen gegessen.
Toman: Es ist wichtig, zu wissen, dass das in Stresssituationen passieren kann. Man soll sich nicht verdammen, freundlich zu sich selber sein und nicht aufgeben. Fatal wäre, zu sagen: «Jetzt kommt es nicht mehr darauf an, jetzt esse ich den ganzen Kuchen.»

Beobachter: Muss man ein Leben lang sein Essverhalten kontrollieren?
Toman: Nein, die neue Gewohnheit festigt sich mit der Zeit. Wer keine allzu lange Diätkarriere hinter sich und einen BMI unter 35 hat, der benötigt ein halbes bis ein ganzes Jahr dafür. Doch ähnlich wie beim Rauchstopp braucht es ein bis zwei Jahre, bis man wirklich stabil ist und die neuen Gewohnheiten automatisch ablaufen.

Beobachter: Ab wann braucht jemand professionelle Hilfe?
Toman: Wenn man mehrere Anläufe genommen und es nicht geklappt hat, sollte man Hilfe bei einer gutinformierten Fachperson in Betracht ziehen. Sei es ein Ernährungsberater, Physiotherapeut, Allgemeinarzt oder Psychotherapeut. Für Leute, die schwer übergewichtig sind, also einen BMI über 40 vorweisen, könnte ein operativer Eingriff sinnvoll sein.

Veröffentlicht am 12. März 2010