Auf dem Höhepunkt seines Ernährungswahnsinns ass Nils Binnberg noch sechs Lebensmittel: Avocado, Räucherlachs, Blattsalat, weisses Fleisch, Buchweizenbrei – und ­Nüsse. Gegen Nüsse ist der 43-Jährige allergisch. Wenn er sie isst, bilden sich schuppige, rote ­Stellen an seinen Händen. Aber Nüsse enthalten L-Tryptophan – einen Stoff, aus dem im Körper das Glückshormon Serotonin entsteht. Jede einschlägige Ernährungsempfehlung besagt, das sei gesund. Darum ass Binnberg Cashewnüsse und Co. – trotz Qualen.

Nils Binnberg trieb auf die Spitze, was in der Gesellschaft passiert. Immer mehr Menschen verzichten freiwillig auf etwas: auf Gluten, Laktose, Zucker, Kohlenhydrate. Sie ernähren sich vegetarisch, vegan, paleo, ketogen, betreiben Clean Eating, Intervallfasten, machen Detox-­Kuren oder achten übertrieben auf qualitativ hochwertige Lebensmittel. Alle haben ihr eigenes Ernährungsportfolio, vermeintliche Un­verträglichkeiten und Vorlieben. Gemeinsame Essen werden zum Spiessrutenlauf.

Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop spricht bereits vom «Terror auf den Tellern». «Man kann das letzte Jahrzehnt als Jahrzehnt des Ernährungswahnsinns bezeichnen», sagt Knop. Den meisten Verzichtern geht es darum, ihren Körper und ihre Gesundheit zu optimieren – auch wenn manche Veganer und Vegetarier aus ethisch-moralischen oder ökologischen Gründen auf Tierprodukte verzichten. Im Vordergrund steht für die Optimierer nicht das Abnehmen, sondern die möglichst gesunde Ernährung. Es geht vor ­allem um das, was man weglässt. Du bist, was du nicht isst.

Influencer leben fragwürdige Ernährungsmethoden vor

Inspiration für ihren persönlichen Ernährungskompass holen sich viele Menschen online. Unzählige Foren, Artikel und Netzwerke bieten Anleitung für ein gesünderes Leben. In sozialen Medien leben Influencer Influencer Die Selbstverkäufer ihren Followern fragwürdige Ernährungsmethoden vor und verbreiten Tipps – selten fundiert. Ihre Versprechen sind reizvoll: strahlende Haut, ruhiger Schlaf, bessere Blutwerte, eine schlanke Linie, Glück, langes Leben.

Da ist etwa Loni Jane Anthony, mit 400'000 Followern eine der bekanntesten Food-Influence­rinnen. Die Umstellung auf eine vegane Ernäh­rung habe ihr das Leben gerettet, sagt das ehema­lige Party-Girl. Früher habe sie Fast Food gegessen und an Akne, Cellulite, Haarausfall und einer Reihe von Infektionen gelitten. Alles sei mit der Ernährungsumstellung verschwunden. Als sich Anthony während ihrer Schwangerschaft fast nur von Bananen ernährte, teilweise bis zu 20 am Tag, sah sie sich harscher Kritik ausgesetzt.

Die britische Autorin Deliciously Ella musste sich von der Clean-Eating-Bewegung distanzieren. Ihr wurde vorgeworfen, diese Ernährungsweise zu propagieren und damit Essstörungen zu fördern. Clean Eater verzichten grundsätzlich auf verarbeitetes Essen mit künstlichen Zusätzen – das kann aber je nach Gusto unterschiedlich interpretiert werden. Unter dem Deckmantel des vermeintlich Gesunden werden beliebig viele Lebensmittel weggelassen.

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Nicht mehr als fünf Zutaten erlaubt

Auf die Ernährung zu achten ist an sich nichts Schlechtes – immer häufiger aber treiben es Leute mit der restriktiven Ernährung auf die Spitze. Wie Nils Binnberg. Zeitweise verfolgte der Berliner 20 Ernährungslehren gleichzeitig. Er unterteilte Lebensmittel in «gut» und «böse». Böse waren Brot (weil Gluten Allergie Gutes Essen, schlechtes Essen ), Kuhmilch (weil Laktose), Zucker Leben ohne Süsses Adios Zucker! und verarbeitete Speisen.

Kein Produkt durfte mehr als fünf Zutaten haben. Bio musste alles sein, am besten roh und basenüberschüssig. Wenn er auf Reisen seinen Buchweizenbrei fürs Frühstück nicht dabeihatte, wurde er panisch. Restaurantbesuche waren die Hölle. Gab es nichts, was in sein Regelwerk passte, blieb er zu Hause. «Ich verlor immer mehr den sozialen Anschluss», sagt er heute.
 

«Es gab Momente, da bin ich vor meinem Teller in Tränen ausgebrochen, weil etwas mit der Aufteilung nicht stimmte.»

Angela da Costa* (22)


Ähnlich erging es Angela da Costa*. Die 22-Jährige aus dem Aargau durchforstete Medien­berichte und Internetforen danach, welche Lebensmittel gesund seien und welche nicht. Immer mehr landeten auf ihrer schwarzen Liste: Zucker, Öl, Weissbrot, Fett, rotes Fleisch. Andere Sachen wurden ersetzt: Statt Kuhmilch trank sie Sojamilch Vegane Ernährung Es muss nicht immer Milch sein , Früchte mit hohem Zuckeranteil ersetzte sie durch Gemüse. «Meine Gedanken kreisten ständig um die nächste Mahlzeit – und wie ich diese maximal gesund gestalten könnte», sagt sie. Sie isolierte sich zunehmend von ihren Freunden und Arbeitskollegen: «Die Glace in der Mittagspause lag für mich nicht mehr drin.»

Zeitweise habe sie krankhaft Empfehlungen befolgt. «Auf meinem Teller mussten immer je eine Portion Proteine, Gemüse und Kohlen­hydrate sein.» Spaghetti mit Tomatensauce seien ein No-Go gewesen, weil die Proteine und das Gemüse gefehlt hätten. «Es gab Momente, da bin ich vor meinem Teller in Tränen ausgebrochen, weil etwas mit der Aufteilung nicht stimmte.»

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Orthorexie – das zwanghafte Vermeiden

Für dieses auffällige Essverhalten gibt es einen Begriff: Orthorexie. Das ist die übertriebene Beschäftigung mit Ernährung und das zwanghafte Vermeiden vermeintlich ­ungesunder Lebensmittel. In der Schweiz gibt ein Drittel der Bevölkerung an, sich übermässig mit gesundheitsfördernder Ernährung zu beschäftigen (siehe Grafik).

Offiziell gehört die Orthorexie zwar nicht zu den Essstörungen, sie kann aber im Zusammenhang mit Essstörungen auftreten. «Wir haben immer mehr anorektische Patienten, die auch orthorektisch sind», sagt Gabriella Milos, Leiterin des Zentrums für Essstörungen am Unispital Zürich. Auch bei Bulimikern komme die Kombination vor: Sie erbrechen normales Essen und behalten gesunde Sachen bei sich. Geht es bei Anorexie um die Angst vor dem Zunehmen, wollen sich Orthorektiker maximal gesund ernähren. Was gesund ist, definieren sie rigoros.

In psychiatrischen Kliniken sind viele Patienten anzutreffen, bei denen Orthorexie in Kombination mit einer Anorexie oder Bulimie auftritt. Männer leiden oft an einer Mischung aus Orthorexie und Sportsucht Abhängigkeit Wenn Sport zur Sucht wird . Mehrere Spitäler bestätigen, dass die ­Anzahl Fälle zunimmt. Die Dunkelziffer sei gross, sagt Bettina Isenschmid, Chefärztin am Kom­petenzzentrum Adipositas, Essverhalten und Psyche am Spital Zofingen.

Orthorexie: Viele Betroffene in der Schweiz

Umfrageergebnisse zu Orthorexie

So haben 15- bis 60-Jährige diesen Orthorexie-Test für eine repräsentative Studie des Bundesamts für Gesundheit beantwortet.

Quelle: BAG [2012] – Infografik: Beobachter/Anne Seeger und Alexandra del Prete
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Eingebildete Intoleranzen

Viele Patienten mit Orthorexie sind überzeugt, dass sie an einer ­Lebensmittelunverträglichkeit oder -allergie leiden, sagt Gabriella Milos vom Unispital Zürich. Bei Allergien reagiert das Immunsystem auf einen bestimmten Stoff, bei Intoleranzen kann ihn der Körper nicht ganz verdauen.

Nur rund ein Prozent der Bevölkerung leidet tatsächlich an Zöliakie, also Glutenunverträglichkeit, zwischen 15 und 20 Prozent vertragen keine Laktose. Inzwischen verzichten aber deutlich mehr Menschen auf Gluten oder Laktose, obwohl eine Unverträglichkeit nicht abgeklärt ist. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht. Die Auswahl in den Regalen der Supermärkte spricht aber für sich. Immer mehr gluten- oder laktosefreie Produkte verführen zum Kauf.

Auch Airlines spüren den Trend. Seit ein paar Jahren werden mehr glutenfreie Menüs bestellt, teilt die Swiss mit – von 2012 bis heute stieg die Nachfrage um 50 Prozent, bei der Lufthansa gar um mehr als 100 Prozent.
 

«Im Internet gibt es genügend Theorien zum richtigen Essstil. Plötzlich kamen mir ganz neue Dinge in den Sinn, auf die ich noch verzichten könnte.»

Nils Binnberg


Auf eigene Faust bestimmte Nahrungsmittel wegzulassen kann schwerwiegende Folgen haben. «Es besteht das Risiko einer Mangelernährung», sagt Raoul Furlano, leitender Arzt der Gastroenterologie am Universitäts-Kinderspital beider Basel. Beim Verzicht auf Laktose ohne nachgewiesene Unverträglichkeit droht etwa ein Kalziummangel.

Das Allergiezentrum Aha! empfiehlt eine glutenfreie Ernährung nur bei einer diagnostizierten Zöliakie. «Glutenhaltige Getreide sind wichtige Nährstofflieferanten. Wenn sie ersatzlos gestrichen werden, kann dies eine schlechtere Versorgung mit Nahrungsfasern, B-Vitaminen, Magnesium, Zink und Eisen zur Folge haben. Damit steigt das Risiko für eine Mangelernährung», sagt Noemi Beuret vom Allergiezentrum.

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Manchmal entsteht eine Unverträglichkeit ­gerade wegen des Verzichts. «Wenn man längere Zeit keine Milchprodukte zu sich nimmt, bildet der Körper nicht genügend Enzyme, die diese Produkte abbauen», sagt Gabriella Milos vom Unispital Zürich. Das nenne man eine induzierte Laktoseintoleranz: Der Körper verlernt, mit Laktose umzugehen.

«Aha!»-Label beschert Migros viel Umsatz

Infografik: Steigende Umsätze bei Produkten mit dem Allergikerlabel «Aha!»

Mit «Aha!»-zertifizierten Produkten für Leute mit Allergien oder Intoleranzen erzielt die Migros steigende Umsätze. Sie gehören dort mittlerweile zu den Top-3-Wachstumsbereichen. Auch Coop verzeichnete mit seiner Linie «Free from» in den letzten zwei Jahren Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich.

Quelle: Migros – Infografik: Beobachter/Anne Seeger und Alexandra del Prete

Angst als Filter

Woher kommen diese Angst vor dem Essen und die Verteufelung einzelner Lebensmittel? Das sei in gewisser Weise an­geboren, sagt Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Kinder ent­wickelten mit rund zwei Jahren eine Neophobie – Angst vor neuem Essen. Diese sei evolutionär sinnvoll: «Das Kind fängt an, sich von der Mutter wegzubewegen. Die Furcht vor ­Neuem hat eine Schutzfunktion.»

Im Erwachsenenleben ist ­diese Angst aber oft weniger sinnvoll. Sie wirke vielmehr als Filter. «Man kann bei 200 Joghurtsorten gar nicht wissen, welche am besten ist», sagt Brombach. Wenn es Joghurts ohne Laktose gibt, nähmen die Leute an, dass diese besser seien. Was man weglässt, könnte schädlich sein, so der Umkehrschluss. Zudem seien viele Leute durch Lebensmittelskandale wie den Gammelfleischskandal verunsichert – obwohl es nur um einen kleinen Teil der Lebensmittel ging.

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Das Internet ermöglicht zudem, Ängste zu pflegen und neue zu schüren. Auf Websites wie Symptome.ch tauschen sich Menschen mit ähnlichen Beschwerden aus. Diagnosen werden ­gestellt, Ratschläge gegeben. Oft betreffen diese die Ernährung.

Auch Nils Binnberg hatte im Internet Futter gefunden. «In sozialen Medien und in Foren gibt es genügend Theorien zum richtigen Essstil Ernährungstrends Welchen Theorien kann man noch glauben? », sagt er. Er sei in einen regelrechten Strudel geraten: «Wenn ich wissen wollte, ab wie viel Uhr Kohlenhydrate ungesund seien, poppten Fenster auf mit weiteren Fragen wie ‹Verursacht Aspartam Krebs?› oder ‹Leben Paleos gesünder?›.» Paleos sind Menschen, die sich wie in der Steinzeit ernähren – mehrheitlich von Fleisch, Fisch, Nüssen und Gemüse. «Plötzlich kamen mir ganz neue Dinge in den Sinn, auf die ich noch verzichten könnte», so Binnberg.

«Verzicht oder eine einseitige Diät machen es oft noch schlimmer»

Vielfach verberge sich hinter dem rigiden Essregime eine Angststörung, so Bettina Isen­schmid vom Spital Zofingen. Patienten kämen mit körperlichen Beschwerden und hätten Angst, schwer krank zu sein. «Sie sind vom Wesen her über­besorgt, tragen eine Grundunsicherheit mit sich herum.» Dadurch seien sie sehr empfänglich für suggestive Vorschläge von Influencern, Pseudomedizinerinnen und selbsternannten Gesundheits-Gurus.

«Viele denken, ihre Gesundheit allein durch die Ernährung garantieren zu können. Doch der Verzicht oder eine einseitige Diät Mangelgeburten «Jede Diät ist ein Risiko» machen es oft noch schlimmer», so Isenschmid. Als Ärztin ­müsse sie bei diesen Patienten herausfinden, ­wofür ihre körperlichen Symptome eigentlich stehen. Oft seien diese psychosomatisch.

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Nils Binnberg erklärt sich sein Abrutschen in die Orthorexie mit seiner damaligen Lebenslage. «Ich steckte in einer schwierigen Phase und bildete mir ein, das über das Essen lösen zu können», sagt er. «Man fühlt sich überlegen, hat ein Rezept, unsterblich zu sein, ist weder von Krankheiten noch vom Alterungsprozess betroffen, nimmt genügend Aminosäuren und Antioxidantien zu sich, trinkt keinen Alkohol, raucht nicht, bewegt sich genügend. Man hält sich an alle Vorgaben der WHO, der Modeindustrie, der Kranken­kassen und Ärzte.» Er sei den Ernährungs-Gurus geradezu verfallen, schreibt er in seinem Buch «Ich habe es satt: Wie uns Ernährungs-Gurus krank machen».

Problematische Vorgaben

Ernährungsspezialist Uwe Knop warnt vor einer Schwarz-Weiss-Sicht. Viele Ernährungsschulen hätten etwas Pseudoreligiöses, fast Sektenartiges. «Je mehr ich weglasse, desto mehr gibt mir die Ernährung.» Was im Volksmund als «gut» gelte, sei nicht für jeden gut. Beispiel: Ballaststoffe. «Sie gelten als Heiliger Gral», so Knop. «Wenn man aber einen sensiblen Darm hat und zu viel rohes Gemüse und Vollkorn­brot isst, kriegt man einen Blähbauch, Krämpfe, Verdauungsprobleme.» Gastroenterologen hätten ihm berichtet, dass immer mehr junge, schlanke Patientinnen mit Bauchschmerzen und Blähungen zu ihnen kämen, die sich vermeintlich vorbildlich ernährten. Viele Ärzte würden den Frauen zunächst raten, den «gesunden Kram» mal wegzulassen. Bei vielen habe sich die Verdauung damit von selbst wieder reguliert.
 

«Für den Körper ist ein Hamburger mit Pommes dasselbe wie ein Apfel – eine Infor­mation an Nährstoffen, die primär Energie ­liefern.»

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Uwe Knop, Ernährungsspezialist


Knop gibt der eigenen Disziplin, der Ernährungsforschung, Mitschuld am heutigen Ernährungswahnsinn. «Ernährungsstudien liefern keinerlei Beweis dafür, dass eine gewisse Art der Ernährung gesünder ist.» Häufig würden aus Hypothesen zur Ernährung konkrete Empfehlungen abgeleitet: «Das ist wissenschaftlich und medizinisch nicht sinnvoll.»

Ein Beispiel sei die Vorgabe «5 am Tag», also die Empfehlung, fünf Portionen Gemüse oder Obst pro Tag zu essen. Viele Länder hatten diese Gesundheitskampagne in den neunziger Jahren lanciert, in der Hoffnung, damit die Anzahl Krebsfälle zu reduzieren. Gemäss Knop gibt es keine Beweise dafür, dass die Kampagne einen Einfluss auf die Zahl der Krebsfälle hatte.

Eine Gefahr sieht Knop auch in Lebensmittelampeln Nutri-Score Die Nährwert-Ampel setzt sich durch , die der Lebensmittelkonzern Danone bereits einsetzt und die Konkurrent Nestlé in der Schweiz einführen will. Diese seien kontraproduktiv. Man könne nicht sagen, dass ein Lebens­mittel an sich gesund oder ungesund sei – es komme immer auf die Menge an, die man davon verzehre. «Für den Körper ist ein Hamburger mit Pommes dasselbe wie ein Apfel – eine Infor­mation an Nährstoffen, die primär Energie ­liefern.» Das Label könne Konsumenten ver­unsichern. Knop sieht sogar eine neue Klasse von Essgestörten: die «Score-Rektiker», die ­penibel darauf achten, dass keine Lebensmittel mit ­rotem Punkt im Einkaufskorb landen.

Gut fürs Business

Vom Ernährungswahnsinn profitiert vor allem der Handel. Ersatzprodukte sind oft deutlich teurer als die Produkte, die sie ersetzen. Es locken dicke Margen. Glutenfreie Spaghetti kosten bei der Migros beispielsweise Fr. 6.80 pro Kilo, herkömmliche Spaghetti gibt es bereits für 90 Rappen pro Kilo.

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Rund um den Verzicht und die Intoleranzen ist eine ganze Industrie entstanden. Unter dem Begriff «Paleo» findet man im Onlineshop von Orell Füssli über 1000 Treffer, darunter Titel wie «Gehirn-Pflege: Paleo Rezepte Kochbuch 2.0 – Schlank und Schlau Edition» oder «Paleo-­Auto­immun-Therapie» mit Methoden, die angeblich gegen eine Reihe von Krankheiten wirken.

Unter dem Begriff «Glutenfrei» gibt es über 300 Treffer, darunter neben dem Klassiker ­«Weizenwampe» auch «Glutenfrei kochen und backen für Kinder». Sogar der Klassiker von ­Autorin Enid Blyton ist neu aufgelegt: «5 Freunde essen glutenfrei». Die Charaktere aus dem Kinderbuch essen in dieser humorvollen Version für Erwachsene Zoodles (Nudeln aus Zucchini), Powerballs (aus vermeintlichen Superfoods) und Grünkohl. Die Freunde verzichten dafür auf Weizen, Milchprodukte und Zucker.

Teure Selbsttests

Coop bietet zudem in rund 75 Vitality-Apotheken einen «Gluten-Check» an, Kostenpunkt 49 Franken. Wenn der Test angibt, werden Kunden trotzdem für weitere Abklärungen zum Arzt geschickt. Auch im Internet gibt es zahlreiche Selbsttests für Unverträglichkeiten – diese sind oft umstritten.

Ärztin Bettina Isenschmid kritisiert, dass der Handel auf den Trend aufspringt: «Migros und Coop werfen ständig neue Produkte für Men­schen mit Unverträglichkeiten auf den Markt und suggerieren, dass diese gesünder seien. Das verunsichert die Kunden.» Viele würden zu ­Spezialprodukten greifen, obwohl sie diese gar nicht brauchten, weil sie sich davon Gesundheitsvorteile versprächen. Der Handel trägt ­wenig zur Aufklärung der Kunden bei, sondern verwirrt mit immer neuen Produkten weiter.

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«‹Free from› suggeriert keinen Lebensstil, der grundsätzlich gesünder wäre, sondern bietet eine echte Alternative für Menschen mit Allergien und Intoleranzen», so Coop. Von der Migros heisst es, ihre Ersatzprodukte seien nicht für Menschen ohne Unverträglichkeiten gedacht. Und nicht alle Produkte seien neu – es gebe viele, die schon immer glutenfrei waren, ohne dafür ein Label bekommen zu haben.

Intuitives Essen

Im Ernährungsdschungel von widersprüchlichen Empfehlungen, Lehren und Produkten wissen viele schlicht nicht mehr, wie sie sich nun gesund ernähren sollen. Experten plädieren für mehr Gelassenheit und Spass. Ärztin Gabriella Milos rät strengen Orthorektikern, sich einen Ernährungsberater zu suchen.

Uwe Knop empfiehlt, intuitiv zu essen. Wer jetzt Angst habe, dann nur noch Schnitzel zu essen, den beruhigt Knop: «Der Körper zeigt ­einem deutlich, was er braucht. Und das ist ­individuelle Vielfalt, nicht Tellermonotonie.»

Das hat auch Nils Binnberg gemerkt. Heute isst er wieder alles: Pasta, Pizza, Brot. Vermeintlich gute Lebensmittel sieht er kritischer: «Die Avocado war für mich zeitweise das Non­plusultra des übergesunden Gemüses. Sie war das Statussymbol, mit dem ich signalisieren konnte: ‹Schaut, ich achte auf meine Ernährung und bin ein guter Mensch.›»

Heute wisse er: «Für den Anbau von Avocados werden Unmengen an Wasser verbraucht, sie werden mit ­einem enormen CO2-Ausstoss oft um die halbe Welt geschifft Transport um die halbe Welt Der Irrsinn mit den Cashewnüssen . Das ist ja wohl alles andere als gut.»

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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