Als ich erwachte, fand ich mich in diesem Spitalbett liegend. Schläuche kamen aus meinem Körper, das ­halbe Zimmer war mit Maschinen verstellt. Und die ganze Zeit wollte mir dieser Mann mit dem Mundschutz etwas sagen. Aber ich konnte einfach nicht antworten. Und hatte furchtbare Angst. Wollten die irgendwelche Versuche mit mir machen? Ich wollte nur noch, dass sie meinen Vater holen. Irgendwer musste mich doch aus diesem Alptraum befreien! Ein Arzt er­klärte mir, man habe mich operiert, ich sei jetzt an ein Kunstherz angeschlossen. Ich konnte es einfach nicht fassen, wollte nur, dass er geht. Und schlafen. Damit ich ­aufwachen konnte und alles wie früher war.

Früher, das war mein Leben vor der Transplantation. Kurz nach Ostern 2004 fühlte ich mich plötzlich sehr schwach. Ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren und bekam diesen trockenen Husten. Ich dachte, ich sei allergisch auf Staub oder Pollen. Der Arzt aber meinte, ich habe ein Virus eingefangen, und gab mir Tabletten. Doch es wurde schlimmer. Ich konnte kaum noch schlafen. Der Husten ging nicht weg.

Nur noch auf allen vieren die Treppe hoch

Der Lungenspezialist, zu dem mich der Arzt schickte, wies mich sofort ins Spital ein. Dort saugten sie fast zwei Liter Wasser aus der Lunge ab – und entdeckten die Herzmuskelschwäche. Das sei halb so schlimm, man bekomme das mit Tabletten in den Griff, sagte der Arzt. Nach einer Woche im Spital konnte ich nach Hause. Es wurde aber noch schlimmer. Ich kam nur auf allen vieren die Treppe hoch, mich selber zu waschen war unmöglich.

Dann hielt es mein Partner nicht mehr aus. Er brachte mich zur Notfallstation. Ich weiss noch, wie sie mich in einen Rollstuhl setzten. Dann ist Filmriss. Sie flogen mich nach Bern, wo man mich sofort operierte.

Ich musste viereinhalb Wochen auf das neue Herz warten, das war nicht leicht. Ich hatte ständig Schiss, das Kunstherz könne ausfallen. Mein Partner, mit dem ich schon lange zusammen bin, sagte dann, wir sollten heiraten, jetzt sei die richtige Zeit. Ich sagte ja – und dann wollte ich nur noch bis dahin durchhalten. Die Hochzeit fand auf der Intensivstation statt, die Schwes­tern hatten alles wunderbar geschmückt, ich hatte ein weisses Brautkleid, hinten offen – mein Spitalhemd halt. Unsere Hochzeit gab mir Mut, sie machte mich glücklich.

Aber ich hatte grosse Angst und konnte einfach nicht glauben, dass ich das über­leben würde. Mein Arzt schlug mir deshalb ein Treffen mit einer seiner Patientinnen vor, die drei Monate zuvor ein neues Herz erhalten hatte. Zuerst dachte ich, nein, sicher so eine 70-jährige Oma. Doch dann kam eine junge Frau zur Tür herein, 33, voller Lebenslust, so fröhlich. Und bewegte sich völlig frei, als wäre es das Natürlichste der Welt. Ich konnte es kaum fassen. Sie hat mir die Kraft gegeben, die ich brauchte.

Ich erinnere mich noch genau an die drei Tannen, die vor dem Spitalfenster standen. Jedes Mal, wenn der Rega-Helikopter angeflogen kam, verneigten sie sich. Und jedes Mal dachte ich: Jetzt bringen sie vielleicht mein neues Herz. Und dass vielleicht ein Mensch gestorben ist.

Eine extreme Dankbarkeit für dieses Geschenk

Es war ein Freitagabend gegen 22 Uhr. Ich schaute mir gerade diesen scheuss­lichen Psychothriller an, in dem ein Mann eine Stadt manipuliert und die besten Freunde dazu bringt, sich umzubringen. Mein Arzt kam ins Zimmer, fragte, wie ich mich fühle, und eröffnete mir dann, sie hätten ein Herz für mich. Das war ein spezieller Moment. Freude und Angst lagen eng beieinander. Ich hatte die Chance, ein neues Leben ­geschenkt zu bekommen. Und es war mir bewusst, dass jetzt um den Menschen getrauert wurde, der mir sein Herz schenken würde. Die Operation wurde auf ein Uhr nachts festgelegt. Ich rief meinen Mann an.

Als ich aufwachte, fühlte ich eine extreme Dankbarkeit für dieses Herz, dieses unbeschreibliche Geschenk. Gleichzeitig war ich wie gefangen im Augenblick. Ich hatte unheimlich Durst, wollte unbedingt Wasser trinken, was mir aber verboten war. Ich läutete alle paar Minuten, behauptete, ein Arzt hätte mir erlaubt zu trinken. Erst als es hell wurde, beruhigte ich mich. Und war dann einfach glücklich. Und dankbar, unendlich dankbar.

Dann kam die Schwester mit den Tablet­ten, einem Berg von Tabletten. Das haut einen fast um. Ich musste Pillen schlucken um acht, um zehn, um zwölf, um vier, um fünf, um acht, die letzten um Mitternacht. Und sollte alle Beipackzettel lesen, um auf die Nebenwirkungen achten zu können. Das habe ich nicht geschafft. Erst mit der Zeit konnte ich akzeptieren, dass Medikamente von nun an zu meinem Leben ge­hören, dass ohne sie nichts geht. Mit den Jahren sind es ja auch weniger geworden.

Heute würde ich gern wissen, wer mir sein Herz geschenkt hat. Nicht den Na­men, nur Alter, Geschlecht und Todesursache. Aber selbst das ist nicht erlaubt. Wir recherchierten auch nie nach dem Spender, man verrennt sich ja leicht. In der Zeitung las mein Mann von einem jungen Schwinger, der am Vorabend meiner Operation gestorben war. Aber die Ärzte sagten: «Unmöglich. Stellen Sie sich vor, so ein grosses Herz für eine feine Person wie Sie!»

Ich würde den Angehörigen meines Spen­­ders gern sagen, dass ich dem Herzen Sorge trage. Um es zu bewahren, halte ich mich pingelig genau an die Anweisungen der Ärzte, höre auf meinen Körper und gönne mir Ruhe. Die brauche ich einfach.

Mein Alltag hat sich nicht stark verändert. Es sind kleine Dinge, die heute anders sind. Gewisse Nahrungsmittel wie rohes Fleisch sind tabu. Und Schimmel muss ich meiden. Ich bin anfällig für Infektionen und reinige mir die Hände deshalb möglichst oft.

Türfallen fasse ich nur mit einem Tüechli an. Zur Arbeit fahre ich mit dem Auto, die Ansteckungsgefahr im Zug ist zu gross. Früher war ich Frühaufsteherin, heu­te könnte ich manchmal den ganzen Vormittag durchschlafen. Stress verkrafte ich nicht sehr gut; dann komme ich so ins Zittern, dass ich nicht mehr richtig bei mir bin. Und ich habe nicht länger das Gefühl, ich müsste mich ständig beweisen, auch im Job nicht. Dieser Druck ist weg. Aber ich bin sehr froh, dass ich arbeiten kann und als vollwertige Mitarbeiterin gelte.

Die Angst sitzt immer ein wenig im Nacken

Ich habe es gut. Eigentlich kann ich machen, was ich will. In meinen superguten Phasen könnte ich Bäume ausreissen, so viel Power habe ich. Dann gibt es Zeiten, da habe ich null Energie – und weiss nicht, warum. Mein Partner, Familie und Freunde waren mir immer eine riesige Stütze, auch heute bin ich auf sie angewiesen. Es muss sehr traurig sein, allein dazustehen.

Wer glaubt, nach der Operation sei alles gut, irrt – leider. Es ist nie zu Ende. Ständig Medikamente, einmal im Monat zur Hausärztin, alle sechs Monate nach Bern zur Nachkontrolle. Die Angst, dass die Werte einmal schlecht sind oder sie etwas Negatives entdecken, sitzt mir immer ein wenig im Nacken. Deshalb möchte ich manchmal einfach nur in Ruhe gelassen werden – aber dann beruhigt es mich wieder, dass ich weiss, dass mein Partner, die Ärzte und das Pflegepersonal für mich da sind.

Dass ein transplantiertes Herz nur 10, 15 Jahre hält, sagte man mir zwar schon im Spital, aber ich vergass es wieder. Es war nicht so wichtig. Viel später, bei einem Nachtessen, fragte ein Freund, ob das mit der Lebenserwartung stimme. Mein Mann war ausser sich, fand, das könne nicht sein, das sei eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Später sprachen wir mit meinem Arzt im Inselspital, der es zwar bestätigte. Aber man komme immer mehr von ­Pauschalprognosen weg, weil man nicht genügend Erfahrungswerte dafür hat. Er selber betreut Patienten, die schon 20 Jahre mit einem zweiten Herzen leben.

Ich lebe. Nur das zählt! Im Sommer wur­de ich 50. Viele kommen da ins Grübeln, ich nicht. Ich war einfach nur glücklich. Ich durfte 50 werden! Und es geht mir gut.