Um vier Uhr nachmittags kaut er an einem Stück Brot. Auch heute hat die Zeit für ein Mittagessen nicht gereicht. Peter Steiger braucht keine Anlaufzeit, um zu erzählen. «Kürzlich mussten wir einer mehrfachen Mutter mitteilen, dass ihr Mann keine Chance mehr hat.» Seine Stimme wird leise. «Wir haben alles versucht. Er war erst 36 Jahre alt.» Für die Ärzte war der Fall eindeutig: «Das Hirn des Mannes sah verheerend aus.» Der Patient würde sterben. Also versuchten sie der Frau zu erklären, dass es das Sinnvollste wäre, die Therapie einzustellen. «Nein, auf keinen Fall, ich habe doch Kinder», habe die verstörte Frau geantwortet. «Können Sie nicht noch eine Woche warten?»

Peter Steiger wirkt betroffen, als er an die Begebenheit zurückdenkt. Der 46-Jährige leitet am Universitätsspital Zürich die Abteilungen Chirurgische Intensivmedizin und Brandverletzte. Die Bilder dort sind bedrückend. Schwer versehrte Menschen liegen Bett an Bett, allesamt in einem Dämmerzustand, angehängt an Apparaturen. Sie sind mit dem Motorrad verunfallt, vom Baugerüst gefallen, wurden vom Zug erfasst oder niedergestochen.

Der Tod gehört dazu

Vor der Visite kippt Steiger im Stehen zwei Tassen Kaffee hinunter. «Ich brauche Koffein.» Er hört dem Oberarzt aufmerksam zu, fragt nach, gibt Anweisungen. Doch viel Zeit bleibt nicht: Er hat bis zu 28 Patienten in seiner Obhut. Und bei jedem einzelnen geht es ums Ganze.

Bis vor ein paar Jahrzehnten wären ­diese Menschen höchstwahrscheinlich ­gestorben. Dank den heutigen medizinischen Möglichkeiten können die Ärzte neun von zehn retten. «Wir haben eine Sterberate von zehn Prozent. Das lässt sich im internationalen Vergleich sehen», sagt Peter Steiger. «Mit den Angehörigen kommunizieren wir offen und ehrlich. Die Möglichkeit des Todes gehört immer dazu. Das Schlimmste wäre, jemandem falsche Hoffnungen zu machen.»

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Wann die Maschine abstellen?

Rund 170 Menschenleben gehen jedes Jahr in Steigers Bereich zu Ende. Wenn er Angehörige über eine hoffnungslose Situation informieren muss, formuliert er Sätze wie: «Wir kommen nicht mehr weiter, es ist zu viel kaputt in seinem Hirn. Daher hat es keinen Sinn mehr, die Therapie weiterzuführen.» Doch Routine ist der Tod auch nach 14 Jahren als Intensivmediziner nie: «Jedes dieser Gespräche geht mir menschlich sehr nahe.» Eine Ehefrau, ein Partner, eine Mutter, ein Sohn sind in diesen Momenten oft massiv überfordert. Sie verstehen vielleicht die Bedeutung der schlimmen Botschaft. Doch akzeptieren können sie sie nicht immer.

Schwierig ist, dass die Patienten zum Zeitpunkt solcher Gespräche meist mit Hilfe einer Maschine noch leben. Dank Technik könnten sie noch Tage oder sogar Wochen «am Leben» gehalten werden, rein theoretisch. «Wir sind mittlerweile intensivmedizinisch so weit, dass die Frage häufig nicht ist, ob wir etwas tun können, sondern, ob das überhaupt noch sinnvoll ist.» Für die Angehörigen kann es schwer nachvollziehbar sein, dass weitere Behandlungen aussichtslos sind.

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Steiger und sein Team von Oberärzten, Neurologen und Chirurgen zeigen wenn immer möglich Bilder, etwa Computer­tomografien oder Magnetresonanzuntersuchungen, um den Angehörigen das Ausmass der Zerstörung eines Gehirns zu veranschaulichen. Manchmal müssen die Ärzte die Situation wieder und wieder erklären, bis die Angehörigen verstehen, dass sich wirklich nichts mehr machen lässt.

Die Mutter brach zusammen

Doch es gibt auch Angehörige, die sich mit allen Mitteln gegen das Unausweichliche wehren. Steiger hat es kürzlich wieder ­erlebt: Ein junger Mann um die zwanzig wurde nach einem Motorradunfall mit schwersten Hirnschäden hospitalisiert. Die Mutter brach zusammen, als die Ärzte ihr mitteilten, ihr Sohn sei nicht mehr zu retten. Für die Mediziner war der Fall hoffnungslos, doch die Mutter widersprach. Sie wollte bei Besuchen den Lebenswillen von ihrem Sohn gespürt haben. Die Familie schaltete einen Anwalt ein, der dann an der Besprechung teilnahm, und forderte ­Aktenherausgabe, um eine Zweitmeinung einzuholen. Das ist jedoch nur mit einer Bewilligung der Gesundheitsdirektion möglich – eine aufwendige juristische Prozedur. Trotz der aussichtslosen Situation wollte die Mutter den Sohn zu sich nach Hause nehmen und ihn selbst betreuen. Bei einem derart schwer verletzten Patienten ist das unmöglich.

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Drei Tage nach dem Unfall war er hirntot. «Als wir das der Mutter am Telefon mitteilten, verlor sie vollends die Fassung», sagt Peter Steiger. Persönlich erscheinen konnte die Frau vorerst nicht. So stand das Team vor der unangenehmen Situation, über Stunden einen bereits für tot erklärten, beatmeten Patienten auf der Intensivstation zu haben. Eigentlich hätten die Ärzte ihn einfach von der Beatmung nehmen können, doch das möchten sie nur mit dem Einverständnis der Angehörigen tun. Fälle wie dieser sind selten, doch sie kosten das Ärzte- und Pflegeteam viel Energie, wühlen emotional auf und sind wegen des juristischen Hickhacks belastend.

Die heikle Frage nach Spenderorganen

Schliesslich konnte gemeinsam mit dem Bruder des Patienten der Entscheid zum Abstellen der Beatmungsmaschine gefällt werden. Und so stellte Peter Steiger die Frage, die er als etwas vom Schwierigsten bezeichnet: «Dürfen wir dem Verstorbenen Organe entnehmen?» Dem Arzt ist anzumerken, wie unangenehm ihm diese Situation jeweils ist. Aus Sicht eines Angehörigen mag es pietätlos erscheinen, kurz nach dem Hirntod nach einer Organentnahme zu fragen. Steiger sagt, er setze sich einerseits für die auf der Warteliste stehenden Patienten ein und sei anderseits gesetzlich zu der Frage verpflichtet – zumal in der Schweiz ein grosser Mangel an Spender­organen herrscht. Patientenverfügungen, in denen der letzte Wille festgehalten ist, würden das Problem entschärfen. Doch die sind immer noch relativ selten.

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Einfach sei es auch in weniger komplizierten Fällen nie, wenn er mit Eltern solche Gespräche führen müsse, sagt Steiger, der selber zweifacher Vater ist. Das Allerschlimmste für ihn sei jedoch, wenn eine junge Mutter sterbe: «Das nimmt mich massiv mit. Ich habe es oft genug erlebt. Stellen Sie sich vor, was das für die Kinder und für den Vater bedeutet, der nun allein für die Familie sorgen muss.» Einen Moment fragt man sich, ob die Belastung nicht allzu sehr an ihm nagt. Doch schon hat Peter Steiger die Haltung wieder gewonnen und betont, er könne sich im Alltag schnell aus solch traurigen Situationen lösen. Und die Wochenenden verbringe er gern in der Natur, das helfe beim Abschalten. Anders als andere Ärzte kann Steiger seine Gefühle zulassen und sie auch ausdrücken.

Wie stark ihn ein Todesfall berühre, hänge auch von der Reaktion der Angehörigen ab, sagt Steiger. «Für uns ist es am einfachsten, wenn diese besonnen bleiben.» Doch es gibt alle Arten von Reaktionen. Manche reagieren gar nicht. Dann klingeln bei ihm die Alarmglocken. Denn Menschen, die keine Gefühle zeigen, kommen oft besonders schlecht mit der Trauer zurecht. In seltenen Fällen werden Angehörige aggressiv: «Wir bekommen auch mal Todesdrohungen.» Je nach Fall nehme man solche Drohungen mehr oder weniger ernst. «Ich habe auch schon auf dem Nachhauseweg hinter jedem Busch nachgeschaut, ob sich da jemand versteckt.»

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«Ich glaube nicht an die Hölle»

Doch was denkt der Arzt, der schon so ­viele Sterbende gesehen hat, selber über den Tod? «Ich glaube nicht an die Hölle. Also kommt man in den Himmel. Oder es ist einfach nichts mehr. Der Verstorbene hat es in beiden Fällen gut.» Daher hat er auch mit den Toten «kei Verbarme», doch die Angehörigen tun ihm von Herzen leid.

Beim Sterbeprozess wird nach Möglichkeit immer der mutmassliche Wille der Patienten umgesetzt. Besonders wichtig sei, dem Sterbenden die Schmerzen zu nehmen, weshalb auch starke Mittel wie etwa Morphium verabreicht werden. Die Angehörigen dürfen wählen, ob sie beim Sterben dabei sein wollen oder nicht. Denn das läuft nicht immer wie im Bilderbuch ab. Beispielsweise entwickeln manche Sterbende eine Körperreaktion, die aussieht, als würden sie nach Luft schnappen oder nach etwas greifen – ein Bild, das sensible Menschen nur schlecht ertragen.

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«Politiker vergessen das Problem»

In der Phase des Abschiednehmens stehen den Angehörigen im Unispital bei Bedarf eine Ethikerin und ein Seelsorger zur Seite. Wichtig seien auch die Pflegenden, sagt Steiger, ihnen attestiert er viel Sensibilität. Doch was sie nicht ändern können, ist die räumliche Situation in der Unfallchirurgie: Die Betten stehen eng aneinander. Sterbende Patienten und ihre Liebsten werden mit einem Wändchen nur mässig vor der Geräuschkulisse der Intensivstation mit ­ihren Apparaten geschützt. Privatsphäre beim Abschiednehmen existiert nicht.

Steiger ist sich dieses Missstands bewusst und wünscht sich einen neuen Bau. Hier sei die Politik gefordert: «Alle Politiker, die unsere Station besuchen, zeigen sich erschüttert. Doch offensichtlich vergessen sie das Problem, kaum sind sie draussen.» Nun regt sich der Arzt richtig auf. Dass die Stadt Zürich der Erweiterung des Unispitals die Baubewilligung verweigert hat, «um ein paar Gräser zu schützen», empört ihn: «Wir brauchen endlich menschenwürdige Verhältnisse.»

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Vielleicht gehen ihm die Emotionen so hoch, weil er nicht nur die Seite des Arztes sieht. Steiger ist selber einmal schwer erkrankt und weiss um die Wichtigkeit einer abgeschirmten, «heimeligen» Umgebung im Spital. Die Bilder aus seiner Krankenzeit kommen ihm manchmal hoch, wenn er Patienten mit einer ähnlichen Diagnose betreut. Ganz selten signalisiert er Betroffenen, er könne nachvollziehen, wie sie fühlten. Darin scheint auch Peter Steigers besondere Nähe zu den trauernden Fami­lien begründet: Er war dem Tode selber nah – und musste lernen loszulassen.