Simone B.* ist vor kurzem mit ihren Töchtern aus der Schweiz nach Deutschland geflohen. Weil sie darin die einzige Chance sah, bei der Erziehung ihrer Kinder wieder mitreden zu dürfen.

Simone B.s Geschichte beginnt wie wohl viele Geschichten von Pflegekindern. Die junge Mutter ist depressiv und mit der Erziehung überfordert. Ihr damaliger Ehemann ist gewalttätig, schlägt sie und irgendwann auch die ältere Tochter. Simone B. wendet sich an die Polizei, insistiert im Kinderspital. Die Vormundschaftsbehörde greift ein, die beiden Mädchen bekommen eine Beiständin, die Familie erhält professionelle Begleitung.

Als sich die Situation weiterhin nicht verbessert, schlägt die Beiständin eine sogenannte Familienplatzierung vor: Simone B. und die beiden Kleinkinder sollen bei einer Pflegefamilie wohnen und von dieser im Alltag unterstützt werden. Simone B. willigt ein. Als sie erfährt, dass die vorgeschlagene Familie weit weg von ihrem Zürcher Umfeld im Kanton Freiburg wohnt, äussert sie Bedenken. Doch: «Da drohte man mir mit einem Obhutsentzug.»

Simone B. lenkt ein. Dass eine private Organisation «ihre» Pflegefamilie ausgesucht hat, kümmert sie in jenem Moment nicht. Dass die Leitung der Organisation wie auch die Pflegefamilie einer evangelikalen Gemeinschaft angehören, erfährt sie erst, als die Pflegemutter den Mädchen die Bibel der Zeugen Jehovas in die Hand drückt – und verlangt, dass sie am Sonntag spezielle Kindergottesdienste besuchen. «Ich fragte, was das soll», so Simone B. «Man antwortete mir, das gehe mich jetzt nichts mehr an.»

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Kinder, die zehnmal umplatziert werden

Der Verein, der Simone B., Alessia und Salome im Auftrag der Sozialbehörde Niederhasli ZH ins 400-Seelen-Dorf im Freiburger Seeland platziert hat, heisst Delta Plus. Präsident ist Roger Keller, Pastor in einer charismatisch-evangelikalen Freikirche. In Predigten erwähnt er gern einmal, dass nur ein guter Christ sei, wer es schaffe, seine Gemeinde zahlenmässig zu vergrössern.

Delta Plus ist eine von rund 80 privaten Pflegekinder-Vermittlungsfirmen in der Schweiz. Den Überblick über diese AGs, Einzelfirmen, Vereine und GmbHs haben auch Fachleute längst verloren. Andrea Keller vom Fachverband Integras versucht ihn zu behalten. Integras macht sich für Qualitätsstandards in der Sozial- und Sonderpädagogik stark. Über 230 Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe aus der ganzen Schweiz, in denen mehr als 11'000 Kinder und Jugendliche betreut werden, gehören Integras an. Laut Keller explodiert die Zahl der Pflegevermittler regelrecht: «Vor drei Jahren tummelten sich noch rund 40 Private in diesem Geschäft, inzwischen sind es zwischen 70 und 80.» Die Margen sind hoch, die verlangten Voraussetzungen gering. In vielen Kantonen kann jeder einfach so ins Business einsteigen. Die Aussicht auf Aufträge ist gut – die vielerorts überlasteten Vormundschaftsbehörden sind froh, wenn sie die Platzierung und die Begleitung der schwierigen Fälle auslagern können. Keller spricht von «outgesourcten» Kindern. Sie betont, dass es auch Platzierungsorganisationen gebe, die seriös arbeiten. Doch: «Diese von den anderen zu unterscheiden ist heute kaum möglich.»

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Dann erzählt sie von den anderen. Von jenen, die Kinder bis zu ihrem 15. Altersjahr zehnmal umplatzieren. Von Kindern, die alle drei Monate aus ihrem Umfeld gerissen werden, damit ihre Pflegeverhältnisse nicht bewilligt werden müssen. Nicht nur wer eigene Kinder habe, könne sich vorstellen, was das für ein bereits traumatisiertes Kind bedeute. «Wir entschuldigen uns bei den Verdingkindern von gestern – und schaffen gleichzeitig laufend neue.»

Auf den ersten Blick geschieht diesen Kindern nur Gutes: Vermittlungsfirmen offerieren wortreiche Konzepte, versprechen 24-Stunden-Service, betonen, die Bedürfnisse der Kinder stünden stets im Zentrum. Doch spätestens dann, wenn sich die leiblichen Eltern in der Lage sehen, die Kinder wieder selber zu betreuen, tritt das Kindswohl oft arg in den Hintergrund. Bei Tagesansätzen von rund 200 Franken für Platzierung und Begleitung eines Pflegekindes kommen monatlich schnell mehrere tausend Franken zusammen. Davon sehen die Pflegeeltern meist nur einen Bruchteil. Was die Platzierungsfirma mit ihrem Anteil macht, kontrolliert in der Regel niemand.

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Ein regelrechter Markt ist entstanden um die auf Hilfe und Schutz angewiesenen Kinder. Expertin Keller spricht von «Kinderhandel im eigenen Land». Sie nennt eindrückliche Zahlen: «146 Millionen Franken jährlich fliessen allein in der Deutschschweiz für von Platzierungsfirmen platzierte Kinder. Konservativ gerechnet. Davon gehen rund 58 Millionen an die Pflegefamilien – und 88 an die Vermittler.»

Seit Jahren passiert politisch nichts

Machen Keller und die Fachstelle Integras auf diesen Missstand aufmerksam, vertröstet man sie. Von den Kantonen zum Bund, vom Bund zu den Kantonen. Schon 2005 warnte die Historikerin Kathrin Barbara Zatti im Bericht «Das Pflegekinderwesen in der Schweiz», den sie im Auftrag des Bundesamts für Justiz verfasste, vor der Gefahr kommerziell ausgerichteter Akteure: «Problematisch ist, dass eine solche Vermittlungsfirma heute keinerlei Bewilligung braucht und dass es keine Minimalstandards gibt, an die sie sich halten muss.»

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«Das Thema ist schon seit Jahren auf der Agenda», bestätigt Margrith Hanselmann, Generalsekretärin der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK). Man habe immer darauf gehofft und aktiv darauf hingewirkt, dass der Bund mit der Revision der Verordnung über die Aufnahme von Kindern zur Pflege und zur Adoption (PAVO) verbind­liche Richtlinien erlassen würde. Seit das Geschäft, das bereits von Ex-Bundesrat Blocher zu Bundesrätin Widmer-Schlumpf weitergereicht wurde, jetzt durch eine parlamentarische Initiative im Departement Sommaruga blockiert ist, will man bei der SODK in Eigenregie Empfehlungen zuhanden der Kantone ausarbeiten. Deren Einhaltung wird freiwillig bleiben – ein Ende des Trauerspiels ist also nicht abzusehen.

Dass es auch anders geht, beweist die Romandie. Dort ist Platzierung und Begleitung von Pflegekindern seit je Staatsaufgabe. Kommerzielle Anbieter gibt es nicht.

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Expertin Andrea Keller hat zusammen mit dem Fachverband Sozial- und Sonderpädagogik vor zwei Jahren Richtlinien und ein Qualitätslabel für familienplatzierende Organisationen erarbeitet. Viele von diesen verkünden nun auf ihren Websites, dass sie nach diesen Grundsätzen arbeiten würden. Das Label erworben hat bisher eine von geschätzten 80. «Wieso sollten sie sich in die Bücher schauen lassen?», sagt Keller. «Die Aufträge kommen ja auch so.»

Fall Simone B.: Dass die Pflegefamilie einer evangelikalen Organisation angehört, erfährt sie erst, als die Pflegemutter den Mädchen die Bibel in die Hand drückt.

Quelle: Erik Sandberg
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Begründung: «mangelnde Kochkenntnisse»

Auch in Simone B.s Fall flossen monatlich 11'000 Franken an die Platzierungsorgani­sation. Das wird für sie erst zum Thema, als sie nach zwei Jahren den Wunsch äussert, mit ihrem neuen Partner zusammenzuziehen und die Kinder schrittweise wieder zu sich zu nehmen. «Ich wurde von der Platzierungsorganisation und der Beiständin vertröstet, vertröstet und wieder vertröstet», sagt Simone B.

Mit Unterstützung ihres neuen Partners, eines selbständigen Handwerkers, der selber schon Kinder grossgezogen hat, setzt sich Simone B. zur Wehr. Sie wendet sich an die Pflegekinder-Aktion Schweiz. Sie will, dass der rechtliche und zeitliche Rahmen ihrer Platzierung geklärt wird und klare Ziele formuliert werden, die sie erfüllen muss, damit sie wieder allein leben kann.

Die Platzierungsorganisation blockt. Die Beiständin macht diffuse Aussagen. Yvonne Gassmann, Erziehungswissenschaftlerin und Mitarbeiterin der Pflegekinder-Aktion Schweiz, begleitet Simone B. an ein sogenanntes Standortgespräch. Sie schaudert noch heute, wenn sie daran zurückdenkt: «Simone B. kam nicht zu Wort, obwohl sie sich schriftlich vorbereitet hatte. Meine Fragen nach den Gründen und den Zielen der Platzierung der Mädchen blieben unbeantwortet. Es gab nichts Schriftliches, keine Vereinbarung.»

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Auf den Wunsch einer Rückkehrplanung sei man nicht eingegangen, genauso wenig auf die Bitte nach einem baldigen weiteren Gespräch. Gassmann machte darauf aufmerksam, dass Simone B. ein Recht darauf habe. Ohne Erfolg. Bei einem Telefongespräch mit der Beiständin und der Frage nach der Begründung für die unnachgie­bige Haltung Simone B. gegenüber seien Stichworte wie «unregelmässiges Zähneputzen» und «mangelnde Kochkenntnisse» gefallen. «Nichts, was als Begründung taugen würde», so Gassmann. Ihr Angebot, bei einer Rückkehrplanung mitzuarbeiten und die ersten Wochenenden ausserhalb der Pflegefamilie zu begleiten, wird abgelehnt.

Simone B. wendet sich an den Beobachter. Die Sozialbehörde Niederhasli verweist diesen an André Woodtli, Amtschef der Jugend- und Berufsberatung des Kantons Zürich. Woodtli versucht gar nicht erst, Fehler im vorliegenden Fall zu bestreiten. Selbstverständlich müssten Platzierungen in ein spezielles Umfeld, wie etwa in eine streng religiöse Familie, sehr eng begleitet werden und dürften nur stattfinden, wenn die Mutter sich explizit damit einverstanden erkläre. Selbstverständlich müsse es schriftliche Vereinbarungen geben, und das Recht auf eine Hilfeplanung oder eine externe Überprüfung der Situa­tion sei unbestritten. Dass es bis heute ­keine gesamtschweizerisch verbindlichen Richtlinien gebe, an denen Platzierungs­organisationen gemessen würden, sei ein gravierender Missstand. «Tatsache ist, dass gute Plätze rar sind und in Notsituationen sehr oft nicht die beste und auch nicht immer die zweitbeste Lösung gewählt wird», sagt Woodtli weiter. «Ich bin in den nächsten Wochen an verschiedene Veranstaltungen zum Thema Verdingkinder eingeladen – im Wissen, dass es auch heute Hunderte von Pflegekindern gibt, deren Schutz wir nicht optimal garantieren können.» Kinder wie jene von Simone B.

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Woodtli will dem Fall nun noch einmal nachgehen.

Ein verleumdender Anruf aus der Schweiz

Simone B. hat das Vertrauen in die Schweizer Institutionen verloren. Als ihr klar wird, dass es gar keine rechtliche Grundlage gibt, die ihr verbieten würde, ihre Kinder zu sich zu nehmen, packt sie die Koffer und reist zusammen mit ihrem Partner nach Deutschland aus. Dort meldet sie sich beim Jugendamt ihres jetzigen Wohnorts. «Angriff ist die beste Verteidigung», sagt sie, «und ich bin froh, wenn ich eine Ansprechperson habe, die mich in der Erziehung der Mädchen unterstützt.»

Alles lief gut. Bis vor kurzem. Die Kinder­gärtnerin von Simone B.s jüngerer Tochter hat sich gemeldet. Eine Frau mit Schweizer Akzent habe angerufen und sie vor Simone B. gewarnt: Sie sei eine schlechte Mutter, versorge ihre Kinder nicht gut. «Zum Glück», sagt Simone B., «hat die Kindergärtnerin nur den Kopf geschüttelt.»

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* Name der Redaktion bekannt

Der politische Wille fehlt

Die SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr brachte 2002 mit ihrem Postulat «Pflegekinderwesen in der Schweiz» den Stein für die bis heute hängige Revision der Verordnung über die Aufnahme von Kindern zur Pflege und zur Adoption (PAVO) ins Rollen.

Sie machte darauf aufmerksam, dass die geschätzten 20'000 Pflegekinder besser geschützt werden müssen und eine Professionalisierung des Pflegekinderbereichs dringend notwendig sei. Ein in der Folge erstellter Expertenbericht zeigte unter anderem, dass im Bereich der inzwischen entstandenen privaten Anbieter jegliche Standards fehlen. Das ist jetzt fast zehn Jahre her.

Substantiell geändert hat sich in der Zwischenzeit wenig. «Es fehlt schlicht der politische Wille», sagt Jacqueline Fehr und verweist auf die welsche Schweiz, in der es gar keine private Platzierungsorganisation gibt. Das Argument, dass die Kantone ohne klare Vorgaben des Bundes keine Handhabe hätten, lässt Fehr nicht gelten: «Im Bereich der ausserfamiliären Betreuung stand man vor denselben Problemen. Man hat sie gelöst. Es gibt heute von den Kantonen ausgearbeitete Krippen- und Hortbewilligungen. Wer diese nicht erhält, bekommt keine öffentlichen Gelder.»