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Psychisch kranke Eltern«Die Schweiz ist kein Vorzeigeland»

Ronnie Gundelfinger leitet das Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zürich. Er machte schon vor 20 Jahren auf die Situation von Kindern mit psychisch kranken Eltern aufmerksam.

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Beobachter: Eine Studie aus dem Raum Winterthur zeigt, dass Kinder oft schlicht vergessen gehen, wenn ihre Eltern in psychiatrische ­Behandlung müssen. Überrascht Sie das?
Ronnie Gundelfinger: Nein, überhaupt nicht. Die Schweiz ist kein Vorzeigeland, wenn es um die Betreuung von Kindern psychisch erkrankter Eltern geht. Das fiel mir schon vor 20 Jahren auf. Ich bin damals bei einem Besuch in Holland auf verschiedenste Hilfsangebote für diese Kinder gestossen. In der Schweiz gab es nichts Vergleichbares. Ich habe Broschüren und einen Film für die Schweiz adaptiert und Weiterbildungen durchgeführt. Grundsätzliches hat sich aber bis vor zwei, drei Jahren nicht geändert. Jetzt werden diese Kinder vermehrt zum Thema. Nicht zuletzt dank Projekten wie Wikip.

Beobachter: Von aussen betrachtet ist schwer zu verstehen, warum nicht längst etwas geschehen ist. Es leuchtet doch sogar Laien ein, dass ein Kind Hilfe braucht, wenn seine Mutter drogen­abhängig ist oder Wahnvorstellungen hat.
Gundelfinger: Das ist unbestritten. Das Problem ist nicht, dass nicht den Kindern geholfen wird, auf die man aufmerksam wurde. Das Problem ist, dass sich niemand für diese Kinder zuständig fühlt und sie darum lange nicht in Kontakt mit Fachleuten kommen.

Beobachter: Fallen denn diese Kinder nicht auf? Dem ­Kinderarzt, im Kindergarten?
Gundelfinger: Nicht unbedingt. Es gibt zwar Kinder, die mit unspezifischen Auffälligkeiten reagieren, die unaufmerksam sind, introvertiert oder aggressiv. Aber es gibt auch jene, die sich besonders stark anpassen, um möglichst nirgends anzuecken. Fällt einer Kindergärtnerin dann tatsächlich etwas auf, denkt sie kaum an eine mögliche psychische Erkrankung der Eltern. Verschärft wird alles dadurch, dass viele Eltern sich scheuen, diese Probleme anzusprechen.

Beobachter: Aber sogar wenn sich eine Mutter oder ein ­Vater ambulant oder stationär behandeln lässt, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand nach dem Kind fragt, bei nicht einmal 50 Prozent.
Gundelfinger: Das ist etwas, was sich dringend ändern muss und hoffentlich auch wird. Die bessere Vernetzung ist ein Hauptanliegen von Wikip. Es muss so weit kommen, dass in jedem Fall geklärt wird, wo die Kinder sind und wer für sie zuständig ist. Das Problem ist, dass in den letzten Jahren viele Einrichtungen der Jugendhilfe, aber auch der Psychiatrie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gestossen sind. Erschwerend kommt hinzu, dass es viele Eltern vermeiden, die Kinder zu erwähnen. Die Angst, sie zu verlieren, schwebt wie ein Damoklesschwert über psychisch kranken Eltern.

Beobachter: Laut Wikip-Projektleiterin Christine Gäumann passiert aber oft das Gegenteil: dass Kinder zu lange in unhaltbaren Situationen belassen werden. Sie erzählte von einer drogenabhängigen Frau, die ihre zwei Kleinkinder allein erzieht.
Gundelfinger: Das ist ein ganz heikles Thema. Ich schlies­se nicht aus, dass es Psychiater und andere Fachpersonen gibt, die sich so stark mit ihren Klientinnen identifizieren, dass sie dabei das Wohl der Kinder aus den Augen verlieren. Aber gerade im Fall von suchtkranken Eltern ist in den letzten Jahren viel passiert. Die meisten Mütter werden bereits in der Schwangerschaft erfasst und von Beginn an begleitet und unterstützt. Wichtig ist mir auch, zu betonen, dass viele psychisch kranke Eltern durchaus in der Lage sind, ihre Kinder zu erziehen. Wenn ein Netz besteht, ein gesunder Partner, ­andere Familienmitglieder oder nahe Bekannte, die verlässlich sind, kann ein Kind gesund aufwachsen, auch wenn seine Mutter oder sein Vater psychisch krank ist.

Beobachter: Trotzdem ist das Risiko für ein Kind, selber ­eine psychische Erkrankung zu entwickeln, um ein Mehrfaches erhöht, wenn ein Elternteil psychisch krank ist.
Gundelfinger: Das stimmt. Dabei spielt mit, dass viele psychische Krankheiten eine genetische Komponente haben. Diese Kinder sind also grundsätzlich anfälliger als andere. Gesellen sich dazu negative psychosoziale Einflüsse wie die geringe Belastbarkeit der Eltern, Isolation, Geldnot und Eheprobleme, ist das Risiko für die Kinder deutlich erhöht. Es ist immer dieses Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die krank machen. Das zeigen Adoptionsstudien, die belegen, dass genetisch belastete Kinder, die in gut funktionierenden Adoptions­familien aufwachsen, kein stark erhöhtes Risiko haben, selbst psychisch krank zu werden. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, wie wichtig es ist, belastete Familien so gut wie möglich zu unterstützen. Auch dann, wenn es etwas kostet.

Veröffentlicht am 25. Oktober 2011