Als Beat Dändliker am 5. März 2010 erwachte, brach der Himmel über ihm zusammen. Alles, was der Schlaf scheinbar ausgelöscht hatte, war auf einen Schlag wieder da: der Zug, sein Bruder auf den Gleisen und die Polizisten, die erst von einem Unfall sprachen. «Es war, als explodierte eine Bombe in mir. Alles flog mir um die Ohren. Das totale Chaos», versucht der 23-Jährige in Worte zu fassen, was er an jenem Morgen fühlte. Es war kein böser Traum, es war die Wirklichkeit: Sein kleiner Bruder Urs, dem er sich so nahe fühlte und der in der letzten Zeit richtig aufgeblüht war, hatte sich vor den Zug geworfen. Am Tag davor. Einfach so, ohne Vorwarnung, ohne erkennbaren Grund, ohne Abschiedsworte. «Nichts hatte darauf hingedeutet, dass er so etwas plante.»

Ein Suizid ist noch immer ein Tabu

Urs war noch keine 18, als er auf der Heimfahrt von der Berufsschule beschloss, nicht nach Hause zu gehen, sondern auf die Gleise. Ein Schock für die gesamte Fa­milie – und kein Einzelfall. Laut Statistik nehmen sich in der Schweiz pro Jahr durchschnittlich 100 Jugendliche unter 25 das Leben. Das ist einer alle vier Tage. Und die Dunkelziffer ist hoch. Viele Suizide werden als Unfälle registriert – sei es, weil sich der exakte Hergang nicht rekonstruieren lässt, sei es, weil die Angehörigen sich schämen. Ein Suizid ist noch immer ein Tabu, über betroffene Familien wird ge­tuschelt: Da muss ja etwas nicht stimmen.

Was auffällt: In 80 Prozent der Fälle sind die Todesopfer männlich. Jungen nehmen sich ungleich häufiger das Leben als Mädchen – ein Fakt, der zwar nicht neu ist, aber über den selten gesprochen oder berichtet wird. Der Basler Soziologe und Männerforscher Walter Hollstein ärgert sich darüber: «Wären es 80 Prozent Mädchen, gäbe es längst spezifische Präventionsprogramme und Kampagnen, doch Bubenprobleme werden einfach nicht wahrgenommen», sagt er. Männer gälten eben immer noch als «das starke Geschlecht», und die Buben verhielten sich entsprechend: «Oft merkt man ihnen gar nicht an, dass es ihnen schlechtgeht.» Das Rollenmuster des starken Mannes halte die meisten davon ab, rechtzeitig Hilfe zu holen oder mit jemanden über ihre emotionalen Probleme zu sprechen beziehungsweise sich diese selber überhaupt einzugestehen.

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«Urs war sehr feinfühlig, eigentlich eine Frohnatur. Aber man spürte immer, dass es auch eine traurige, nachdenkliche Seite gibt», erinnert sich Beat Dändliker an seinen Bruder. Als sechs Monate altes Baby sei er schwer erkrankt und beinahe gestorben. «Heute denke ich, dass er damals vielleicht eine Nahtoderfahrung gemacht hat und der Tod für ihn unbewusst seinen Schrecken verlor.»

«Niemand hatte mit so etwas gerechnet»

Hätte man es merken müssen und den Suizid verhindern können? Diese Frage stellt sich Catherine Morier beinahe täglich – bis heute. Zehn Jahre ist es nun her, seit ihr Sohn Christophe sich das Leben nahm. Ein gutes Jahr nachdem er einen ersten Versuch überlebt hatte, wählte er beim zweiten Mal eine Methode, die fast immer zum Tod führt: Er liess sich vom Zug überrollen. Die Mutter konnte es nicht verhindern, obwohl sie alles versucht hatte, um ihren Sohn zu unterstützen. «Wir führten sehr lange, gute Gespräche, doch letztlich kam ich nicht an ihn heran. Sobald ich von ‹helfen› sprach, schloss sich eine dicke Mauer um ihn herum.»

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Der frühe Morgen, an dem Christophe sich aus dem Haus stahl, um seinem Leben ein Ende zu bereiten, kam für seine Eltern und die fünf Geschwister trotzdem unvermittelt: Im Wohnzimmer stapelte sich das Gepäck, am Abend wollte die Familie in die Sommerferien fahren. «Niemand hat mit so etwas gerechnet.» Genau wie Urs hat auch Christophe, damals 17, keinen Abschiedsbrief hinterlassen.

Doch wieso sind es gerade junge Männer, die keinen anderen Ausweg mehr sehen? Geht es ihnen besonders schlecht, schlechter als jungen Frauen? Aus der Forschung ist bekannt, dass gleichaltrige Mädchen viel häufiger als Jungen einen Suizidversuch unternehmen, diesen aber oft überleben. Mädchen wählen vorzugsweise Methoden, bei denen die Chance grösser ist, rechtzeitig gefunden und gerettet zu werden. Catherine Morier glaubt, Mädchen möchten verhindern, dass wegen ihres Suizids zusätzlicher Aufwand entstehe und jemand putzen müsse; sie möchten «sauber» sterben. «Jungen denken meist nicht an so etwas, sie möchten einfach möglichst schnell gehen, um niemandem mehr zur Last zu fallen.»

«Mädchen greifen öfter zu Medikamenten, Knaben wählen eher Schusswaffen», sagt Jürg Unger, Leiter des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Aargau. Daraus zu schliessen, Mädchen wollten gar nicht sterben, Jungen hingegen schon, wäre jedoch falsch: «Die Wahl der Methode ist kein Gradmesser für das Ausmass der Verzweiflung. Diese ist immer riesig.» Männerforscher Walter Hollstein vermutet, dass Vorstellungen darüber, was ein «echter» Mann ist, die Wahl der Methode beeinflussen. Ein richtiger Mann macht keine halben Sachen und wählt deshalb ­eine sichere Methode. «Suizidversuche bei Mädchen sind eher ein Versuch, Beziehungen aufzubauen, ein Hilfeschrei. Bei Jungen stehen Erfolg und Leistung im Vordergrund. Es muss funktionieren, sonst hat Mann versagt», sagt er.

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Dass junge Männer zu härteren Methoden greifen, kann gemäss dem Berner Psychiater und Psychotherapeuten Konrad Michel auch biologische Ursachen haben. «Männliche Hormone wie Testosteron hemmen die Impulskontrolle. Gleichzeitig weiss man aus der Suizidforschung, dass Impulsivität und Aggressivität deutliche Risikofaktoren sind», erklärt er. Der auf Depressionen und Suizidalität spezialisierte Arzt hat vor zehn Jahren selber einen Sohn durch Suizid verloren. Impulsivität spiele gerade bei Jugendlichen eine wichtige Rolle, sagt er. «Deshalb kommt es für Angehörige so oft aus heiterem Himmel.»

«Junge haben eher Zugang zu Waffen»

Exakt aus diesem Grund glaubt auch der Zürcher Soziologe und Suizidforscher Vladeta Ajdacic nicht, dass Rollenverhalten die Art des Suizids so stark beeinflusst. «Diese Menschen befinden sich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Was andere denken, ist in diesem Moment nicht wichtig», sagt er. Die Methodenwahl sei primär eine Frage der Verfügbarkeit und der Vertrautheit. «Jungen haben eher Zugang zu Waffen und wissen eher als Mädchen, wie man sie bedient. Mädchen dagegen sind sich eher gewohnt, Medikamente einzunehmen.»

Catherine Moriers Sohn Christophe sah die Gleise jeden Tag, wenn er zu Hause aus dem Fenster blickte. Und für Beat Dänd­likers Bruder war der Zug wohl ein nahe­liegendes Mittel, da er im Moment grösster Verzweiflung gerade mit der Bahn unterwegs war. Nicht erklärbar bleibt, weshalb nicht auch Mädchen öfter auf diese Weise Suizid begehen. Fest steht lediglich, dass diejenigen Mädchen unter 19 Jahren, die an Suizid sterben, am häufigsten die Methode Zug wählten. 

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Mehr Anlaufstellen nötig

In einem Punkt sind sich die Experten einig: Viele Suizide könnten verhindert werden, wenn man Jugendliche dazu brächte, Hilfe zu suchen. «Erstaunlich viele tragen sich mit Suizidgedanken. In den allermeisten Fällen handelt es sich bei den Suiziden aber um Kurzschlusshandlungen. Es sind selten minutiös geplante Abläufe im Zuge einer depressiven Erkrankung», sagt Psychiater Konrad Michel. Es brauche unbedingt mehr niederschwellige Anlaufstellen.

Wichtig wäre es laut Michel auch, Schlüsselpersonen wie Lehrer, Lehrmeister oder Jugendarbeiter zu sensibilisieren, um mögliche Anzeichen zu erkennen – gerade auch bei jungen Männern, die kaum je von sich aus Hilfe suchen.

Für Männerforscher Walter Hollstein ist klar: «Es bräuchte endlich eine breite Kampagne, die speziell auf die Probleme von Buben und jungen Männern aufmerksam macht.» Anzeichen für suizidale Absichten können etwa sozialer Rückzug oder andauernde Schlaflosigkeit sein. Suizidforscher Vladeta Ajdacic rät, die Betroffenen darauf anzusprechen, sie bei akuter Suizidalität nicht allein zu lassen, ihnen Hilfsmöglichkeiten aufzuzeigen und das soziale Netzwerk zu mobilisieren.

«Familie völlig aus der Bahn geworfen»

Viel Leid könnte so abgewendet werden, denn hinter jedem Suizidtoten steht eine ganze Familie, die mit dem Unglück klarkommen muss. Eine wahre Zerreissprobe, auch weil jeder anders trauert. «Es gab Zeiten, da war ich mir unsicher, ob ich seinen Namen erwähnen darf oder ob ich damit bei anderen empfindliche Wunden aufreis­se», erzählt Catherine Morier.

Im ersten Jahr habe sie nur funktioniert, danach habe sie zwei Jahre gebraucht, um den Tod ihres Sohnes endlich zu realisieren. Und immer wieder stieg die Angst in ihr hoch, ein anderes Kind könnte aus lauter Verzweiflung den gleichen Weg wählen. «Es hat die Familie völlig aus der Bahn geworfen», sagt sie. Heute erst sei es für sie einigermassen erträglich.

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Anzeichen der Krise und ihre Bewältigung

Für Angehörige kommt ein Suizid oft wie aus heiterem Himmel. Im Nach­hinein stellt sich aber häufig heraus, dass es Anzeichen gegeben hätte. Folgende Verhaltensweisen können darauf hinweisen, dass sich jemand mit Suizidgedanken trägt:

  • Sozialer Rückzug: Der/die Betroffene meidet zunehmend Kontakt mit Familie und Freunden.

  • Schlaflosigkeit: Suizidale Menschen leiden oft an Schlafstörungen; suizi­dale Gedanken sind in den frühen Morgenstunden am stärksten; ständige Übermüdung und dunkle Augenringe können darauf hinweisen.

  • Leistungsabfall: Schlechte Noten in der Schule oder Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten können Hinweise auf emotionale Probleme sein.

  • Manche Jugendliche, die an Suizid denken, geben konkrete Hinweise: Sie versprechen etwa, Gebrauchs­gegenstände wie ihren Computer oder ihr Handy Freunden und Kollegen zu überlassen.

Anlaufstellen für Jugendliche und Angehörige

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