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SuizidWenn Junge Junge retten

Jugendliche sollen andere Jugendliche vom Suizid abhalten: Das will das Projekt U25. Es funktioniert – und wird dennoch kritisiert.

«Alle anderen Angebote sind von Erwachsenen» – Pascal (21), Tanja (24) und Dimi (18) helfen Jugendlichen mit Selbstmordgedanken.
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Die erste Anfrage, die Raphael Wobmann erhält, hat es in sich. Eine 16-Jährige schreibt ausführlich von ihrer Magersucht, dem zwanghaften Kalorienzählen, den Sorgen der Familie. Aber auch von Selbstverletzungen, Selbsthass, vom Weinen an versteckten Orten und von ihrem Wunsch, nicht mehr zu leben. Sie erwarte keine Lösungen, schliesst sie – sie sei einfach froh, ihre Sorgen anonym deponieren zu können.

Das war im Februar 2014, zwei Tage nachdem Wobmann U25 gegründet hatte – ein Präventionsprojekt für Jugendliche, die anonym und per Mail Unterstützung erhalten. «Ich war überrascht, dass die erste Mail so spät kam», erinnert er sich. Eigentlich hatte er erwartet, schon am ersten Tag von Hilfesuchenden überrannt zu werden. Die nächsten Mails folgten aber schnell – innerhalb eines Monats 35; seither hat U25 über 1500 suizidale Jugendliche begleitet. Im letzten Jahr zählte man über 66 Prozent Zuwachs. «Für eine Firma ein Traum, für uns eine traurige Realität», sagt Wobmann.

Suizid: Die zweithäufigste Todesursache

Suizid ist nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache bei den 15- bis 19-Jährigen. Die Rate liegt deutlich über dem weltweiten und europäischen Durchschnitt, besonders hoch ist sie in den Kantonen Appenzell, Basel, Bern, Freiburg, Neuenburg und Zürich.

Der Kinderrechtsausschuss der Uno kritisiert, dass in der Schweiz trotz alarmierenden Zahlen zu wenig zur Prävention gemacht werde.

Durchschnittlich einmal pro Stunde versucht sich ein junger Mensch in der Schweiz das Leben zu nehmen – im Vergleich zum restlichen Europa ein hoher Wert. Gegen diese erschreckende Zahl will Sozialarbeiter und Ökonom Wobmann vorgehen, indem er eine Lücke in der Suizidprävention schliesst: Auf die Hilfemails an U25 antworten nämlich – schweizweit einzigartig – ebenfalls Junge, alle zwischen 17 und 25. Per du, mit Emoticons, Slangwörtern und persönlichem Verständnis für die Probleme der Pubertät.

«Alle anderen Angebote sind von Erwachsenen», erklärt Tanja, 24, die als sogenannte Peerberaterin ehrenamtlich für U25 tätig ist. «Und ob Schulsozialarbeiter, Psychologin, Sozialpädagoge oder Beratungsstelle – die wenigsten Jugendlichen fühlen sich wohl bei dem Gedanken, ihre Probleme einer erwachsenen Person anzuvertrauen.» Fast alle Hilfesuchenden sprechen dies auch in ihren Mails an. Sie fühlen sich vom Therapeuten nicht verstanden, schreiben sie, mögen die klinische und distanzierte Art der Psychiater nicht oder fürchten sich davor, zwangseingewiesen zu werden. Peerberater Dimi, 18, erzählt von einer Klientin, die glaube, dass ihre Psychologin nur für das Geld arbeite. Der häufigste Satz, den Dimi liest, ist: «Ich weiss nicht mehr, wohin.»

Keiner will ein «Psycho» sein

Die Hemmungen suizidaler Jugendlicher, sich Hilfe zu holen, rühren nicht nur vom Altersunterschied. Sie haben auch Angst, dass ihre Eltern oder – noch schlimmer – Gleichaltrige von ihren psychischen Problemen erfahren. «Wenn eine Therapie auffliegt, werden sie in der Schule oft als ‹Psycho› abgestempelt», sagt Dimi. Viele empfinden U25 deshalb als einzige und letzte Möglichkeit, anonym über ihre Suizidgedanken zu berichten, ohne Mobbing befürchten zu müssen. Andere sind sozial isoliert und wissen in ihrer Einsamkeit nicht, an wen sie sich sonst wenden sollen. 21 Peers aus der Ost-, der Zentralschweiz und dem Kanton Bern haben sich mittlerweile dem Projekt angeschlossen.

Beraten kann jeder Peer maximal drei Jugendliche zur gleichen Zeit. Mehr sollten es nicht sein – damit sie nicht überlastet werden. Falls ein Ratsuchender keine Hilfe mehr braucht oder aufhört zu schreiben, wird den Peerberatern ein neuer Fall zugeteilt.

Anonymität schafft Distanz

Die Peers haben oft selber schwierige Zeiten erlebt. Nicht alle waren schon suizidal, aber viele haben eine psychische Krise hinter sich. Wie Pascal, 21, der aufgrund einer nicht identifizierbaren Entzündung des Nervensystems monatelang immer wieder ins Spital musste. Ohne erkennbare Ursache liess seine Sehkraft nach, bald spürte er auch eine Seite des Körpers nicht mehr. Weil er oft fehlte, wurde er in der Lehre herabgestuft. «Eine extrem belastende Phase», erinnert er sich. «Aber heute kann ich besser nachvollziehen, wie sich jemand fühlt, wenn es ihm richtig dreckig geht.»

Nachvollziehen ja. Aber ist es für Jugendliche nicht zu schwierig, einfühlsam und sicher auf suizidale Klienten einzugehen? Wobmann schüttelt den Kopf. Erstens würden die Peers während eines halben Jahres intensiv theoretisch geschult, zweitens eng begleitet. Jede Mail wird von einer Koordinationsperson gelesen, bevor auf «Senden» geklickt wird. «Damit die Verantwortung nicht bei den Peers liegt», erklärt er. Alle zwei Wochen findet eine Supervision statt, in der die Berater schwierige oder emotional aufreibende Fälle besprechen können.

Zudem zeige sich im Gespräch schnell, wie ernst die Peers ihre ehrenamtliche Aufgabe nehmen. Seriös erzählen sie von ihren Strategien, wie sie Klienten zu stabilisieren versuchen und sie ermuntern, anderweitig Hilfe zu holen. Mindestens 30 Minuten brauchen sie pro Antwort, manchmal auch mehrere Stunden. «Einem Mädchen habe ich vor ein paar Wochen geholfen, indem ich ihm vorgeschlagen habe, die Situation von aussen zu sehen», sagt Pascal. «Ich habe sie gefragt, wie es für sie wäre, wenn ihre Tochter sich suizidieren würde.»

Die Gespräche bleiben auch nicht immer vollkommen ernst. Manchmal, erzählt Dimi, schreiben die Jugendlichen auch über Alltägliches – über eine Prüfung oder ihre Katze. Schön sei es immer, wenn der Klient nach ein paar Mails das erste Smiley schicke. «Dann weiss ich, dass das Vertrauen da ist», sagt Dimi.

Die drei Peerberater haben kaum Mühe damit, eine professionelle Distanz zu wahren. Auch wenn sie über ihre Tastatur den Jugendlichen oft näher kommen als deren Therapeuten. In den Regeln des Projekts steht festgeschrieben, dass die Peers weder ihre Handynummer aushändigen noch mit den Hilfesuchenden auf Facebook befreundet sein dürfen. Zu ihrem eigenen Schutz. So können sie sich bewusst ein- und ausloggen und erhalten am Samstag im Ausgang keine SMS: «Hilfe, ich brauche dich.»

Trotz schlimmen Geschichten von Missbrauch, Vergewaltigung, Krankheiten oder Einsamkeit gebe es nur wenige Fälle, die sie über längere Zeit belasteten, finden die Peers. Die Anonymität helfe, sagen alle drei. Wenn die Person ihnen gegenübersässe, sähen sie Tränen und Trauer, hätten sie mehr Mühe. «Nur wenn jemand nicht mehr zurückschreibt und man nicht weiss, warum, kann das schon hart sein», sagt Tanja.

Psychiater haben Vorbehalte

Auch wenn U25 eine Lücke in der Jugendsuizidprävention schliesst – es gibt auch kritische Stimmen. Vor allem von Seiten der Psychiatrie: Akut Suizidgefährdete müssten in jedem Fall sofort in professionellen psychiatrischen Strukturen aufgefangen werden, heisst es da. Doch Wobmann behält die Identität der Betroffenen geheim. «Wenn wir die Polizei anrufen würden und die Jugendlichen per fürsorgerische Unterbringung in eine Klinik müssten, verlören sie jegliches Vertrauen in uns», erklärt er. «Und beim nächsten akuten Tief würden sie sich garantiert nicht mehr an uns wenden.» Bei einer Amokdrohung oder Fremdgefährdung allerdings würde er sofort die Polizei einschalten und die IP-Adresse des Jugendlichen angeben.

Wie oft Jugendliche mit akutem Suizidwunsch schreiben, kann Wobmann nicht genau sagen. Er schätzt, dass bisher zwischen 20 und 30 Jugendliche von detaillierten Plänen berichtet hätten. Mit Ort, Datum oder Methode. Wobmann weiss von keinem, der den Suizid auch tatsächlich durchgeführt hat. Ein junges Mädchen sei zum Beispiel schon auf dem Geländer einer Brücke gestanden, als es plötzlich an seinen Peerberater dachte. An die schönen Mailwechsel und das Gefühl, verstanden zu werden. «Auf dem Nachhauseweg schrieb sie uns bereits wieder», erzählt er.

Der Sozialarbeiter zieht die Schultern hoch und lächelt schief. Diverse Male, sagt er, habe er schon Feedback von Ärzten und Psychologen erhalten, dass sein Ansatz problematisch sei. Suzanne Erb, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste St. Gallen, wünscht sich etwa, dass die Berater die Jugendlichen intensiver ermuntern, sich sofort professionelle Hilfe zu holen. Wobmann ist aber überzeugt, dass es auch ein Angebot ausserhalb der Psychiatrie braucht – für Jugendliche, die in einer schweren Krise stecken und Angst davor haben, gegen ihren Willen behandelt zu werden.

Zu wenig Berater, weil das Geld fehlt

Die Nachfrage bei U25 ist gross. 2016 werde er erstmals Suizidgefährdete ablehnen müssen, ahnt Raphael Wobmann. Genau wie beim U25-Projekt in Deutschland, das dem Schweizer Pendant als Vorbild gedient hat. Jährlich bitten dort 21'000 Jugendliche um Hilfe, 13'000 erhalten eine Benachrichtigung, dass zurzeit wegen Kapazitätsmangels keine Begleitung angeboten werden könne.

Wobmanns Ziel ist es, dereinst 120 Beraterinnen und Berater in der ganzen Schweiz ausgebildet zu haben, um etwa 360 Jugendliche parallel begleiten zu können. Für die Expansion fehlen aber rund 480'000 Franken, die von den bisherigen Spendern und Stiftungen nicht übernommen werden.

Interview mit Ärztin Suzanne Erb: «Laien sind nicht geeignet»

Beobachter: Was halten Sie vom Peer-to-Peer-Ansatz bei U25?

Suzanne Erb: In den Grundzügen ist U25 sicher eine gute Idee. Es ist wichtig, dass sich Jugendliche an jemanden wenden können, und der Zugang ist über das Onlineportal und Gleichaltrige vereinfacht. Die Umsetzung ist für mich aber ein heikles Thema.

Beobachter: Wie meinen Sie das?

Erb: Suizidale Jugendliche müssen bis zu 48 Stunden auf eine Antwort warten. Für uns ist eine Suizidäusserung ein Notfall – wir bieten am gleichen Tag eine Konsultation an. Es ist nie einfach, abzuschätzen, wie unmittelbar gefährdet ein Jugendlicher ist.

Beobachter: Sollten die Peers also die Internetprotokoll-Adressen von akut suizidalen Jugendlichen melden?

Erb: Das kann ich nicht sagen – bei anonymen Beratungen ist das ein ethisches Dilemma. Die Frage wird zusätzlich brisanter, weil die Ratsuchenden ja minderjährig sind. Alles, was man in meinen Augen tun kann: die Jugendlichen mit sehr viel Nachdruck zu überzeugen versuchen, dass sie Eltern oder Bezugspersonen einweihen und sich sofort Hilfe holen.

Beobachter: Sie kritisieren das Alter der Berater.

Erb: Die Belastung der Peers ist nicht zu unterschätzen. Wir erleben regelmässig, dass Jugendliche beim Versuch, ihren suizidalen Kollegen zu helfen, massiv belastet sind. Ein jugendlicher Laie ist dafür einfach nicht die geeignete Person. Anderseits: Wenn das Vertrauen, das die Ratsuchenden in die Peers haben, dazu führt, dass sie sich eher Hilfe holen – dann ist sicher etwas gewonnen.

Zur Person: Suzanne Erb ist Chefärztin und Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrierischen Dienste St. Gallen.

Anlaufstellen

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie Hilfsangebote:

  • Ipsilon - Initiative zur Suizidprävention in der Schweiz: www.ipsilon.ch

  • Jugendliche helfen Jugendlichen: www.u25-schweiz.ch

  • Sorgentelefon 143 – die dargebotene Hand: www.143.ch

  • Internetseelsorge – persönliche Hilfe von Fachleuten aus den Bereichen Theologie oder Psychologie: per E-Mail an seelsorge@seelsorge.net oder per SMS (Kurznummer 767; deutsch, französisch, italienisch)

  • Refugium – Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach einem Suizid: www.verein-refugium.ch
Veröffentlicht am 01. Februar 2016