Beobachter: Frau Schnyder, was geht in einer Mutter vor, wenn sie realisiert, dass sich ihr erwachsenes Kind von ihr ­abgewendet hat?
Traute Schnyder: Es ist niederschmetternd. Ich frag­te mich unablässig: Wie konnte das passieren? Was habe ich falsch gemacht?

Beobachter: Und was haben Sie falsch gemacht?
Schnyder: Das ist das Perfide: Es ist, als ob Sie mit dem Kopf wieder und wieder gegen eine Wand rennen würden. Das führt zu nichts, es raubt nur Kraft. Natürlich gab es in der Pubertät ein paar Reibereien, aber nichts Aussergewöhnliches.

Beobachter: Wie fanden Sie aus diesem ­Gedankenkreisen heraus?
Schnyder: Irgendwann muss man einfach akzeptieren, dass das Kind nichts mehr mit einem zu tun haben will – aus welchen Gründen auch immer.

Beobachter: Die Eltern müssen sich also auch von ihrem Kind lossagen.
Schnyder: Ja, und das ist furchtbar, eine grenzenlose Enttäuschung. Aber dafür kann man abschliessen und nach vorne ­blicken.

Beobachter: Wenn Kinder ihren Eltern jeglichen Kontakt verweigern, wirft das ein schlechtes Licht auf die Eltern.
Schnyder: Ich fühlte mich als Rabenmutter, als hätte ich völlig versagt. Aus Scham darüber habe ich anfangs so getan, als wäre alles in Ordnung, wenn sich jemand nach meinem Kind erkundigte. Deshalb ist das Thema so ein Tabu.

Anzeige

Beobachter: Wie wurde Ihnen bewusst, dass Sie kein Einzelfall sind?
Schnyder: Ich habe im deutschen Fern­sehen einen Beitrag über das Thema gesehen. Dann stiess ich im Internet auf die Website einer Selbsthilfegruppe. Ich fing an, ehrlich zu sagen, dass ich keinen Kontakt mehr zu meiner Tochter habe. Und auf einmal sagten die Leute: «Ja, das kenne ich, das ist mir auch ­passiert.» Diese Erleichterung möchte ich auch anderen Betroffenen ermöglichen. Da es in der Schweiz dafür aber noch kein Gefäss gab, habe ich, mit Unterstützung einer Selbsthilfe­kontaktstelle, die Selbsthilfegruppe «Verlassene Eltern» gegründet.

Beobachter: Was kann Ihre Selbsthilfegruppe?
Schnyder: Man darf nicht erwarten, dass einem die Probleme abgenommen werden. Ich habe Anrufe erhalten von Eltern, deren Kind in einer Sekte ist. Da können wir nur bedingt helfen. Es geht auch nicht darum, Eltern und Kinder wieder zusammenzuführen. Wir können stützen, austauschen und begleiten. Das kann schon sehr viel wert sein.

Anzeige

Weitere Infos

Selbsthilfekontaktstelle Luzern: www.info-shg-luzern.ch