Welche Frau würde nicht gern Bianca Berger heissen? Schön, klug und geliebt durchs Leben gleiten. Tiefen mit demütigem Lächeln ertragen, um mit tänzerischer Leichtigkeit dem Happy End einer grossen Liebe zuzuschweben. Mann, Kind, Haus und Glück. Ewiglich. Amen.

Carmen Rodriguez* aus Diessbach BE hätte nichts gegen ein wenig Telenovela-Kitsch in ihrem Leben gehabt. Es sollte nicht sein. Fünf gescheiterte Beziehungen hat sie hinter sich, darunter zwei Ehen. Geblieben sind der 35-Jährigen aber nicht nur Scherben, sondern ihre Kinder Manuel, 17, Anna, 15, Julia, 5, und Lisandra, 4. Und ihre Träume vom Familienglück. Allein bleiben kommt für Carola nicht in Frage. Trotz allen Enttäuschungen.

Mit ihrem Liebespech steht sie nicht allein: Rund 161'000 Einelternfamilien, in denen 420'000 kleine und grosse Menschen leben, gibt es in der Schweiz – sie machen 15 Prozent aller Familienhaushalte mit Kindern aus. Nach Angaben des Bundesamts für Statistik stieg die Zahl der ledigen, geschiedenen, verwitweten und getrennten Mütter und Väter zwischen 1990 und 2000 um rund elf Prozent. Die grosse Mehrheit der Alleinerziehenden sind Mütter, laut Statistik 85 Prozent.

«Sich mit Kindern auf einen neuen Partner einzulassen ist nicht schwieriger, sondern nur anspruchsvoller», stellt Carmen Rodriguez optimistisch klar. Wohl wissend, leicht ist etwas anderes. Wenn das Verliebtsein ans Herz von Alleinerziehenden klopft, flattern bald nicht nur Schmetterlinge im Bauch. Dort machen sich auch ganz andere Gefühle breit, die Singles ohne Kinder nicht kennen.

Der neue Romeo
Die Verantwortung gegenüber dem Kind drückt vielfach die wundervoll egoistischen Hochgefühle nieder. Die Freude auf den Herzensritter steht rasch zurück hinter der Angst, wie das Kind wohl auf den Neuen reagieren wird. Wann kann man sich sehen? Wer passt auf die Kleinen auf? Was, wenn das Kind ihn nicht mag? Und wenn: Könnte das Kind eine abermalige Trennung verkraften, wo schon Papa und Mami nicht mehr eine Familie sind?

Fremd sind Carmen Rodriguez solche Gedanken nicht, doch der Wunsch, wieder zu zweit zu sein, ist stärker. Trotz ihren Beziehungseskapaden haben die Krankenpflegerin und ihre Kinder einen recht problemlosen Umgang mit dem Thema gefunden: «Sie machten es mir nie wirklich schwer, neue Partner mit nach Hause zu bringen», erzählt die Mutter. Vielleicht weil sie den Kontakt mit den leiblichen Vätern nie unterbunden habe.

Ihre neuen Männer stelle sie meist als Kollegen vor. Später gehe man zusammen aus. «Am besten lernen sich die Kinder und der neue Freund über gemeinsame Aktivitäten kennen: ein Zoobesuch, ein Kinoabend. Man ist zusammen und kann trotzdem unverbindlich bleiben», sagt Carmen Rodriguez. Dass nach den Monaten des Kennenlernens immer noch einiges schief laufen kann, hat sie weiss Gott erfahren. «Ich kann das meinen Kindern nicht ersparen. Sie wissen, dass auch ihr Mami ein Recht auf Glück hat und dass das manchmal einige Anläufe braucht.»

Meist rüttelt ein neuer Romeo das Beziehungsgefüge von Einelternfamilien jedoch kräftig durcheinander, weiss Familientherapeut und Buchautor Peter Angst. Alleinerziehende und ihre Kinder seien oft ein eingespieltes Team in einer kleinen Welt mit eigenen Regeln. Störenfriede bringen das stabile Gebilde ins Wanken. «Es ist verrückt, dass kleine Kinder bis hin zu 18-Jährigen ganz ähnlich reagieren», so der Psychologe. Mit Ängsten davor, die Mutter zu verlieren, ihre Aufmerksamkeit teilen oder zum Neuen eine Beziehung aufbauen zu müssen. «Hat das Kind eine Scheidungsgeschichte hinter sich, kommen Loyalitätskonflikte hinzu», erläutert Angst. «Die Kinder stellen sich quer, weil sie denken, sie müssten den anderen Elternteil verteidigen.»

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Zuerst Picknick statt Frühstück
Unisono plädieren Experten deshalb für Zurückhaltung und etwas Distanz. «Sinnvoll ist es, sich selbst und der jungen Beziehung Zeit zu geben. Wer sagt denn, dass man sich nur zu Hause treffen kann?», fragt Anna Hausherr, Zentralsekretärin des Schweizerischen Verbands allein erziehender Mütter und Väter (SVAMV). Allein erziehend sein, das heisst auch, sich organisieren zu können. Meist haben Singles mit Kind ein grosses Netzwerk von Freundinnen und Kollegen. Ideal, um den Neuen geschickt ins Leben zu integrieren.

Statt urplötzlich mit einem Fremden am gemeinsamen Frühstückstisch aufzutauchen, ist die unverfängliche Einladung eines so genannten Kollegen zum Picknick die bessere Idee. «Der Gaststatus macht es Kindern leichter, sich beobachtend zu nähern», sagt Erziehungsberater Angst. «Kinder sind von Natur aus neugierig. Wenn sie von sich aus Interesse am Kollegen ihrer Mutter finden, ist das ein guter Anfang.» Und wenn die schlauen Kleinen oder cleveren Teenies nachfragen? «Ehrlich sein», rät Angst. Details aus dem Liebesleben der Mutter gehen die Kinder nichts an, schon gar nicht, was an dem Neuen besser ist als am leiblichen Vater. «Selbst wenn Sie noch nicht genau wissen, ob aus der Beziehung etwas Festes wird, sagen Sie das Ihrem Kind – in seiner Sprache.»

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Erpresst von der Tochter
Leichter gesagt als getan. Unzählige Hilferufe verzweifelter Mütter finden sich in Internetforen. So schreibt etwa «Bibi» im Beobachter-Forum: «Meine achtjährige Tochter macht mir das Leben zur Hölle. Ich war schon nah dran, meine Beziehung zu meinem Freund aufzugeben, habe mir aber gesagt, dass ich mich von meiner Tochter nicht erpressen lassen werde. Habe ich nicht auch ein Recht, glücklich zu sein?» Unbedingt, sind sich Fachleute einig. «Wenn es dem Kind längerfristig gut gehen soll, müssen Mütter und Väter auch Sorge zu sich selber tragen», sagt Expertin Anna Hausherr. «Im Übrigen tut es den Kindern gut zu lernen, dass es nach einer Trennung einen neuen Anfang gibt.»

Trotz aller Vorsicht: Eifersucht und Egoismus schaffen die grössten Probleme in Dreiecksbeziehungen. Oft helfen nur Zuneigung und Gespräche zwischen Mutter und Kind, um dem Übel auf den Grund zu gehen. Geht es aber um Machtspiele, empfiehlt Therapeut Peter Angst: nicht einfach nachgeben, sondern dem Kind klar machen, dass über Inhalt und Form der neuen Beziehung geredet werden kann – nicht aber darüber, ob diese bestehen darf.

Mütter aber wollen nicht selten zu schnell zu Grosses. «Viele Menschen haben zu viel Kitsch in den Köpfen und zu wenig Mut, neue Wege zu gehen», diagnostiziert Angst. Während allein erziehende Väter relativ gelassen seien, würden Mütter häufig versuchen, heile Welten zu kreieren. «Die alte Familie gibt es aber nicht mehr. Zudem besteht kein Grund, die Beziehung in Frage zu stellen, nur weil die Kinder den neuen Partner nicht sofort lieben», sagt er.

Kinder brauchen Zeit. Und: Wenn neue Partner ins Leben treten, kommen die alten Rechnungen noch einmal auf den Tisch. Egal, was die Mutter gern hätte, für Kinder ist der leibliche Vater in jeder neuen Beziehung mit dabei. Darum, auch wenn es schwer fällt, vorher ans Nachher denken. Wer sauber trennt, muss gegenüber seinem Kind kein schlechtes Gewissen haben: «Wenn im Leben des Kindes Platz für beide leiblichen Eltern bleibt, kann es dort auch Raum für neue Partner geben», stimmen Angst und Hausherr überein.

Carmen Rodriguez ist wieder frisch im Glück. Vor einem Jahr lernte sie Marcel, 42, kennen – auch er Vater zweier Teenager. Im August sind sie zusammengezogen, mit jeder Menge Respekt vor dem Patchworkmodell. Wie es funktionieren könnte, dazu haben alle acht ihre Meinung gesagt. Den Telenovela-Kitsch lassen sie dabei schön in der Kiste.

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* Name geändert

Es muss nicht immer Familie sein

Ist der Wunsch auch noch so gross, nicht immer klappt es zwischen Kindern und dem neuen Partner. Einen Schlussstrich zu ziehen ist nicht immer die richtige Lösung. «Nähe kann man nicht erzwingen», sagt Anna Hausherr, Zentralsekretärin des Schweizerischen Verbands allein erziehender Mütter und Väter (SVAMV), und rät: «Die Familienzusammenführung muss dem Tempo des Kindes angepasst werden.»

  • Beziehung für sich allein? Wer in der Lage ist, Freiräume einzurichten, für den kann die strikte Trennung von Familienleben und Beziehung Vorteile haben: Die Kinder geraten nicht in Gewissenskonflikte, gewöhnen sich gar nicht erst an neue Partner, können so auch nicht enttäuscht werden. Fragt sich nur, wie befriedigend eine solche Beziehung auf Dauer ist. Bekommen die Kinder von den Treffen Wind, werden unnötig Ängste geschürt. Statt zu schummeln, empfehlen Fachleute deshalb altersgerechte Aufklärung.

  • Getrennt wohnen, aber nicht getrennt leben: In diesem Fall ist der neue Partner Gast, nimmt Anteil am Familienleben, ohne Erziehungsrechte, ohne Ansprüche. Aber mit einer grossen Chance: Ohne stiefväterliche Pflichten kann man sich viel unbefangener kennen und akzeptieren lernen. Ein freundschaftliches Verhältnis wird mittelfristig für alle sehr bereichernd sein.

  • Familienvariante: Bedrohlich wird es für Kinder meist, wenn der neue Partner in die gemeinsame Wohnung zieht oder gar ein Umzug ansteht. Das will besonders gut überlegt werden. Klar muss für das Kind sein: Der Neue wird nie den Vater ersetzen, kann lediglich eine Bezugsperson sein. Grundsätzliche Erziehungsfragen gehen weiter nur die leiblichen Eltern an. Zwischen Kindern, Mutter und Partner ausgehandelte Regeln helfen, Probleme im künftigen Bund zu vermeiden: Bei der Organisation des Zusammenlebens, bei Ton und Stil des gemeinsamen Umgangs soll auch der neue Partner ein Wörtchen mitreden. Schliesslich ist es auch an ihm, eine eigenständige Beziehung aufzubauen.

  • Luftschlösser bringen nichts: Finger weg von Partnern, die klar kommunizieren, mit Kindern nichts am Hut zu haben. Oder das eine vom anderen strikt trennen.

Weitere Infos

  • Schweizerischer Verband allein erziehender Mütter und Väter (SVAMV): www.svamv-fsfm.ch
  • Erstberatung für Einelternfamilien im Kanton Zürich: www.eineltern.ch
  • Austauschforum für Alleinerziehende: www.1eltern.ch
  • Interessengemeinschaft geschiedener und getrennt lebender Männer (IGM): www.igm.ch
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