Ernst Ostertag

In der Schule schwärmten die Kollegen irgendwann mit sonderbarer Stimme für Mädchen. «Die tun ja saublöd», dachte ich und merkte, dass bei mir etwas anderes abläuft. Mit Stielaugen beobachtete ich die älteren Schüler beim Turnunterricht. Wie angewurzelt blieb ich jeweils stehen und spürte instinktiv, dass niemand davon wissen durfte. Meine Vorliebe für Männer verschloss ich ganz tief in mir drin. Es war mein Privatestes. Langsam lernte ich die Regeln des Doppellebens.

In den Frühlingsferien 1941 verliebte ich mich urplötzlich in meinen etwa drei Jahre älteren Cousin, der zu Besuch war. Im Wald kam es zur ersten körperlichen Begegnung. Ich war elektrisiert. Ein ganzes Jahr wartete ich auf das Wiedersehen. Als er kam, schwärmte er von seiner Freundin. Ich brannte vor Schmerz und konnte keinem Menschen etwas sagen. An diesem tiefen Schmerz merkte ich, dass diese Art der Sexualität in mir drin ist.

Auch im Evangelischen Lehrerseminar, das ich ab 1947 besuchte, war meine Homosexualität tabu. Vorurteile gegenüber Männerliebe – beispielsweise im Religionsunterricht – prallten jedoch an mir ab. Ich wusste ja, dass ich nicht anders kann. Meiner Meinung nach betraf die Sünde andere, denn die konnten anders. Ich nicht. Im Lexikon fand ich den Begriff Homosexualität unter «Pathologie». «Die haben keine Ahnung», dachte ich. Auch meinen Eltern konnte ich bis zu ihrem Tod nie von meiner Neigung erzählen. Die Mutter muss aber etwas geahnt haben. Brachte ich Freunde zum Essen nach Hause, war sie auffällig eifersüchtig.

Anzeige

Gleichgesinnte zu finden war schwierig. Ich suchte keinen anonymen Sex, sondern den ganzen Menschen. Mit 22, in der Rekrutenschule, wies mich ein Kollege beim Duschen darauf hin, dass ich mit meinem Körper am Schwulentreffpunkt am Zürcher Bürkliplatz viel Geld verdienen könnte. Ich errötete, drehte mich weg, stand aber am folgenden Wochenende am Bürkliplatz. Langsam fand ich den Weg in die Schwulenszene.

Röbi Rapp

Bei mir war die Situation entspannter. Ich wuchs mit Mutter und Schwester auf; der Vater starb 1937. Gelitten habe ich nicht unter meiner Homosexualität. Ich habe sie auch nicht als etwas Fremdes empfunden. Ich merkte einfach, dass ich anders bin. Als junger Mann lebte ich sieben Jahre lang eine intensive, auch erotische Freundschaft mit einem älteren Familienfreund. Ich war 18, er 45 Jahre alt, als wir uns kennenlernten. Er war Vaterfigur und Liebhaber in einem – und von der Mutter und der Schwester akzeptiert. Sie wussten auch, dass wir Sex hatten. Das war kein Problem. Nach einigen Jahren meinte dieser Freund, dass es besser für mich wäre, einen gleichaltrigen Lebenspartner zu haben. Später lernte ich dann Ernst kennen.

Anzeige

Gekreuzt haben sich unsere Wege an einem privaten Fest. Da waren wir beide 26. Ernst und ich sind einander sofort aufgefallen. Mir gefiel, dass Ernst intellektuell war. Er konnte interessant reden. Kurze Zeit später organisierte er ein Fest bei sich. Ich wollte hingehen, war aber kurzfristig verhindert. Abmelden konnte ich mich nicht, da ich nur seinen Vornamen kannte. Es war eine unmögliche Situation, dass ich mich nicht entschuldigen konnte. 14 Tage später traf ich Ernst zufällig in der Barfüsserbar in Zürich, einem Schwulentreffpunkt. Jetzt konnte ich mich endlich entschuldigen. Wir gingen zu ihm. Es war sehr schön. Ich musste aber um halb drei Uhr morgens nach Hause gehen, sonst hätte meine Mutter nicht geschlafen. Sie hat Ernst sofort ins Herz geschlossen und gemeint, dass sie jetzt zwei Söhne habe. Bis zu ihrem Tod blieb «d Mame» uns eng verbunden.

Anzeige

Später arbeitete ich als Coiffeur, lernte Englisch und reiste als Geschäftsmann in den Vorderen Orient. Ernst ermutigte mich immer, selbständig zu werden und den Rockzipfel meiner Mutter loszulassen. Schliesslich landete ich bei der Swiss Re. Dort arbeitete ich 21 Jahre lang als Dokumentalist. Jetzt habe ich eine gute Pension, als Coiffeur müsste ich wohl heute noch Locken drehen. Zu meiner Sexualität zu stehen war aber während des Berufslebens nicht möglich. Ich hätte Stelle und Wohnung verloren. Deswegen lebten Ernst und ich 30 Jahre lang nicht zusammen.

Ernst Ostertag

Ich arbeitete als Lehrer für Schüler, die eine Lernbehinderung haben. Manchmal fragten sie, ob ich verheiratet sei und Kinder habe. «Nein, ihr seid meine Kinder», war jeweils meine Antwort. Man konnte sich als Homosexueller nach aussen einfach nie so geben, wie man wirklich war. Zu gross war die Angst vor Repression. Die Lehrer wurden ja bis Ende der siebziger Jahre vom Stimmvolk gewählt. Und die Polizei führte Homo-Register, sie sammelte Informationen über schwule Männer. Ein Doppelleben zu führen war für uns Schwule normal. Gemeinsam schafften wir das unbeschadet. Aber einige Freunde hielten es nicht aus. Sie wählten den Freitod.

Anzeige

Lange nach der Pensionierung, an unserem 70. Geburtstag, outeten wir uns offiziell mit einem privaten Theaterabend. Geschwister und Cousins, Freunde und Bekannte waren eingeladen. Einige sind aus allen Wolken gefallen, haben uns auch Vorwürfe gemacht, dass wir so lange geschwiegen haben. 2003 liessen wir uns als erstes gleichgeschlechtliches Paar im Kanton Zürich eintragen. Seither leben wir sehr offen. Ohne Vorurteilen zu begegnen. Da haben wir wohl den Bonus des Alters.