Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Wenn Sie diese Enttäuschung verarbeitet und jemand neuen kennengelernt haben, wird Ihr Vertrauen langsam wieder wachsen – falls Sie es wagen, sich wieder zu öffnen.

Es gibt sie leider, die Verbitterten, die sich nach einer grossen Liebesenttäuschung verschliessen und niemanden mehr an sich heranlassen. Das ist schade, denn es bedeutet grosse Einsamkeit.

Niemand ist vor Enttäuschungen sicher, denn es gehört zum menschlichen Leben, dass wir einander grundsätzlich vertrauen. Das gilt nicht nur für Menschen, die wir gut kennen. Auch bei Begegnungen mit Wildfremden ist dies der Fall. Zum Beispiel kommt es uns normalerweise nicht in den Sinn, von vornherein anzunehmen, dass uns jemand belügt. Wir müssen ihn erst beim Lügen ertappen. Wir halten andere auch nicht für Diebe und erwarten nicht, in der Liebe oder bei Geschäften betrogen zu werden.

Geschieht es doch, trifft es uns hart, weil Vertrauen immer eine Spur Selbstauslieferung enthält. Wenn man dem andern vertraut, gibt man sich eigentlich eine Blösse. Deshalb reagieren wir so heftig, wenn unser Vertrauen missbraucht wird.

Der Mensch ist ein soziales Wesen

Wenn uns zum Beispiel ein Autohändler über den Tisch zieht, ist es nicht einmal so sehr der Schaden, der dadurch entsteht, das Geld, das wir verloren haben. Wenn wir dem Mann vertraut haben und wir entdecken, dass er das missbraucht hat, dann ist dies das Schmerzhafte. Er hat auf unsere Offenheit und Ehrlichkeit nicht mit Offenheit und Ehrlichkeit reagiert – bloss, um sein Geschäft zu machen.

Es gehört trotzdem zur menschlichen Existenz, dass wir uns immer wieder vorwagen müssen, weil wir soziale Wesen sind. Besonders wichtig wird das Thema Vertrauen aber natürlich in der nahen Zweierbeziehung. Der dänische Philosoph und Ethiker Knud E. Logstrup hat sich intensiv mit einer Ana­lyse des Vertrauens auseinandergesetzt. Es spielt nicht nur dort eine Rolle, wo Unrecht begangen und Vertrauen missbraucht wird, sondern auch dort, wo Konflikte entstehen, weil verschiedene Welten aufeinanderprallen, wie es eben in Zweierbeziehungen der Fall ist. Wer sich auf eine Partnerschaft einlässt, hat Erwartungen. Damit hat man sich gewissermassen an den andern ausgeliefert, der die Erwartung erfüllen soll. Tut er dies nicht, hat man sich eine Blösse gegeben und ist gekränkt. Statt nur verletzt zu sein, konstruiert man dann oft ein Unrecht, das man dem andern vorwerfen kann, um seine intensiven Gefühle loszuwerden. Es kommt zu Vorwürfen und Beschuldigungen. Wahrscheinlich hat der andere die Erwartung aber nicht aus Bosheit nicht erfüllt, sondern nur weil seine Welt anders aussieht.

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Gefühle können sich ändern

So muss die Freundin, von der in der An­frage die Rede ist, nicht Liebe vorgelogen haben, sondern in ihrer Welt haben sich einfach die Gefühle verändert. Wenn sie dies liebevoll und ehrlich mitteilt, kann ihr niemand einen Vorwurf machen. Natürlich schmerzt es, verlassen zu werden, aber es schmerzt nicht so sehr wie ein Vertrauensmissbrauch.

Wenn wir uns nicht von allem abschneiden und die Möglichkeiten nutzen wollen, die das Leben bietet, müssen wir immer wieder zu dem Vertrauen zurückfinden, das nach Knud E. Logstrup elementar zum menschlichen Dasein gehört. Umgekehrt müssen wir ­erkennen, dass das Vertrauen, das uns andere entgegenbringen, ein Geschenk ist, und sollten entsprechend sorgfältig damit umgehen. Schliesslich ist Ehrlichkeit die Grundhaltung, die gegenseitiges Vertrauen fördert.

Buchtipp

  • Knud E. Logstrup: «Die ethische Forderung»; Verlag Mohr Siebeck, 1988, 248 Seiten, CHF 53.10
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