Gordon Davidson kann sich nicht ­erinnern, wann seine Nerven letztmals so geflattert haben. Nicht einmal sein Hemd hatte er richtig bügeln können, zu zittrig waren die Hände. Nun stand er am Flughafen von Birmingham, viel zu früh, und wartete, bis die Maschine aus ­Zürich endlich landete. Als die Passagiere einer nach dem anderen herauskamen, hielt der Schotte die Spannung kaum noch aus. «Jedes Mal, wenn die Tür aufging, dachte ich, das muss sie sein.» Schliesslich waren alle draussen, doch er konnte die Frau, auf die er so sehnlichst wartete, nirgends ausmachen.

Drei Monate zuvor hatte er, wie so oft, zu Hause im englischen Grantham am Computer gesessen und sich auf Facebook in Yoville eingeloggt. Yoville ist ein Spiel, in dem sich virtuelle Figuren begegnen. Davidsons Figur war an jenem Abend im Yoville-Haus eines Freundes zu Gast – und zu Besuch war auch ein Girl aus der Schweiz. Sie begannen miteinander zu chatten. «Wir verstanden uns auf Anhieb unglaublich gut und hörten gar nicht mehr auf, miteinander zu chatten.»

Davidson, 53, schüttelt den Kopf. «Es war crazy, es war unglaublich, so richtig ­erklären kann ich es mir bis heute nicht.»

Nächtelang sassen sie am Computer

Auf das erste virtuelle Treffen folgen tagelange, nächtelange Chats. Davidson erfährt, dass die Schweizerin sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt hat. Auch seine Ehe existiert eigentlich nur noch auf dem Papier. «Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an sie.» Gleichzeitig will es ihm nicht in den Kopf, dass er sich in einen Avatar verliebt hat – eine virtuelle Figur. Er weiss nicht, wie die Frau aussieht, mit der er Stunden verbringt, weiss nicht, wie ihre Stimme klingt, wie sie sich bewegt, wie sie riecht. Aber er glaubt in den Chats zu spüren, was für ein Mensch sie ist. «Und in diesen Menschen», muss sich Davidson eingestehen, «habe ich mich heftigst verliebt.»

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Die virtuelle Liebe packt die Koffer

Wie Davidson gehen immer mehr Menschen ins Internet. Über 80 Prozent der ­Bevölkerung sind regelmässig online, und so steigt auch die Chance, dort zufällig ­jemanden zu treffen, in den man sich verliebt. Bei den Stichwörtern Internet und Liebe denken die meisten Leute an Datingsites, wo ausgeklügelte Programme dabei helfen sollen, den vermeintlichen Traumpartner aufzuspüren. Was jedoch passiert, wenn zwei sich zufällig per Computer treffen und sich verlieben, ist kaum erforscht.

Einer der wenigen Spezialisten auf diesem Gebiet ist der US-Amerikaner Nick Yee. Er untersucht seit Jahren die sozialen Beziehungen zwischen Menschen in Online-Welten. Laut Yees Studien haben 30 Prozent aller Gamer schon einmal romantische Gefühle für einen Mitspieler entwickelt, und 12 Prozent hätten sich real mit jemandem getroffen, in den sie sich in der virtuellen Welt verliebt hatten.

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Eine Studienteilnehmerin erzählte Yee einst: «Wir haben äusserst bedrohliche ­Situationen miteinander durchgestanden, bevor wir uns das erste Mal sahen.» Die 32-Jährige hatte sich in ihren Mitspieler bei «World of Warcraft» verliebt, wo die Gamer in Gruppen gegeneinander kämpfen. «Wie jemand in einer Spielwelt auf kritische Situationen reagiert, verrät einiges über die Persönlichkeit», sagt Forscher Yee. Man sehe schon vor dem ersten Date, wie jemand auf unfaire Anschuldigungen, Zeitdruck oder die eigenen Fehler reagiere.

Die atemlosen Chats zwischen dem Schotten Gordon Davidson und der Schweizerin dauerten drei Monate. Inzwischen hatten die beiden auch Handynummern ausgetauscht, schickten sich ständig SMS. «Oft kreuzten sich unsere Nachrichten, weil wir gleichzeitig dasselbe dachten», sagt Davidson. Und dann kündigte seine virtuelle Liebe an, sie käme in den Sommerferien nach England.

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Am Flughafen drehte er sich um und…

So wartete Davidson schliesslich am Flughafen Birmingham mit wachsender Verzweiflung darauf, dass sich die Tür, durch die die Passagiere aus Zürich traten, vielleicht doch noch einmal öffnen würde. «Tja, es wäre wohl zu schön gewesen, wie konnte ich so leichtgläubig sein», dachte er gerade, wollte zu seinem Auto zurück, als ihn jemand an die Schulter stupste. «Ich drehte mich um – und da stand sie.»

«Er hatte mich übersehen, weil ich nicht besonders gross bin», sagt Susanne Merki, 46, und lacht. 1.60 Meter misst die Arztgehilfin aus Winterthur. Ein nervöser Typ sei sie nicht, aber auch ihr Herz habe ziemlich heftig geschlagen, als das Flugzeug schliesslich aufgesetzt habe. «Was mache ich eigentlich hier?», schoss es ihr immer wieder durch den Kopf, auch noch, als sie mit Davidson im Auto sass und er vor lauter Nervosität so hastig und mit starkem schottischem Akzent redete, dass sie kaum ein Wort verstand.

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Alles schien so selbstverständlich

«Die Chance, dass sich Gefühle von der virtuellen in die physische Welt übertragen lassen, liegt bei ungefähr 50 Prozent», sagt Experte Nick Yee. Keine noch so ausgedehnte Session per Webcam kann verraten, ob man jemanden riechen kann und ob er sich in Wirklichkeit tatsächlich so gut anfühlt, wie man sich das immer ausgemalt hat. Umgekehrt erzählen in Yees Studien 60 Prozent der Gamer, sie glaubten nicht, dass sie einander in der realen Welt angesprochen hätten, hätten sie in der Beiz nebeneinander gesessen. «Der andere wäre vielleicht zu dünn, zu jung, zu gross gewesen oder hätte einfach das falsche Hemd getragen.»

Solche oberflächlichen Details spielten bei einem ersten Date zwischen zwei, die sich online bereits intensiv kennengelernt hätten, viel weniger mit. So erzählte ein 33-jähriger Studienteilnehmer, der seine Liebe in einem Spiel namens Everquest gefunden hatte, dem Forscher Yee: «Sie war eigentlich nicht mein Typ, aber weil ich sie online bereits als Mensch kennengelernt hatte, habe ich eine Partnerin gefunden, die perfekt zu mir passt.»

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Susanne Merki hatte drei Wochen Fe­rien in Grossbritannien gebucht. «Ich bin unendlich froh, dass sie so mutig war, einfach zu kommen», sagt Davidson. Sie habe einfach gespürt, dass er ein guter Typ sei, sagt Merki. Angst habe sie keine gehabt. Nach der ersten Unsicherheit verstehen sich die beiden immer besser. «Ich wusste schon nach kurzer Zeit, dass meine Gefühle für die reale Susanne dieselben waren wie jene für ihren Avatar.»

Merki brauchte etwa drei Tage, um das Gleiche zu fühlen. Nach einer langen Ehe und mit drei Kindern zu Hause war sie ­vorsichtiger. «Eigentlich hatte ich keinen neuen Mann gesucht», sagt sie und lacht wieder. Aber sie hätten sich so unglaublich wohl gefühlt in der Gegenwart des anderen. Alles schien so selbstverständlich, als würden sie sich schon lange kennen.

Der Abschied nach drei Wochen fiel den beiden unendlich schwer. «Ich hatte so lange nicht mehr geweint, dass ich eigentlich gar nicht mehr wusste, wie», sagt Davidson, der als Soldat in der britischen Armee gedient hatte. «Und dann konnte ich einfach nicht mehr aufhören, als Susanne abreisen musste.»

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Was werden die Kinder dazu sagen?

Sie hatten zwar vereinbart, sich wieder zu sehen. Doch Merkis drei Kinder, die sieben, zehn und zwölf Jahre alt waren, sollten ein wichtiges Wort mitreden. «So hart das war, nur wenn sie mich akzeptierten, würden wir die Beziehung wagen», sagt Davidson. Das hatten sie so besprochen.

Zurück in Winterthur, kaufte sich Susanne Merki eine Webcam, und Gordon Davidson konnte so am Familienleben teilnehmen. «Ich stellte den Laptop beim Essen auf einen freien Platz», erzählt Merki. Die Kinder hätten ihn auf diese Art bereits kennenlernen können, bis Davidson, der als Lastwagenfahrer und Nachtwächter arbeitete, das Geld zusammengespart hatte, um Merki und die Kinder im Oktober in der Schweiz zu besuchen.

Nach zwei Wochen setzte er sich ins Auto

Nach drei gemeinsamen Wochen in der Schweiz sei der Abschied noch härter gewesen. «Der Zollbeamte glaubte vermutlich, es wäre jemand gestorben, als ich ihm tränenüberströmt meinen Pass hinhielt», sagt Davidson. Nur zwei Wochen später fasst er einen Entschluss. «Ich wollte mit Susanne leben.» Er packt alle seine Hab­seligkeiten in ein kleines gelbes Auto und bricht auf in Richtung Schweiz. Seine beiden erwachsenen Adoptivsöhne aus erster Ehe sind mit den Plänen des Vaters ein­verstanden. Nach 16 Stunden Fahrt und mit zehn Franken Restguthaben kommt er schliesslich in Winterthur an.

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Das war vor vier Jahren. Seither leben die beiden dort zusammen mit Merkis Kindern in einer Wohnung. Davidson hatte keinen leichten Start. Er musste Deutsch lernen, einen Job finden und um die Aufenthaltsbewilligung kämpfen. Bereut hat er seinen Entscheid nie. «Es ist fantastic», sagt er. Susanne Merki findet das auch.

Und hätten sie einander in der realen Welt angesprochen, beispielsweise im Pub? Beide lachen. «Ich glaube schon», sagt Merki. Und zu ihrem Partner: «Aber du hättest mich ja nicht gesehen, weil ich so klein bin.»

Dabei, so habe Gordon ihr später erzählt, habe er kleine Frauen schon immer attraktiv gefunden.