Guy Bodenmann: «Wahre Liebe können wir uns nicht vormachen.»

Quelle: Gian Marco Castelberg

BeobachterNatur: Herr Bodenmann, ­können Sie uns die Liebe erklären?
Guy Bodenmann: Liebe ist ein hochkomplexes Phänomen, mysteriös wie das Leben selber, dessen Entstehung wir bis heute nicht erklären können. Wir sind in der Lage, die Liebe zu beschreiben und zu erfassen, aber wie man sie erzeugen kann oder wie der Schritt von Sympathie zu Liebe ­geschieht, bleibt ungeklärt.

BeobachterNatur: Aber es lässt sich ­mit Bestimmtheit sagen, was die Liebe ausmacht?
Bodenmann: Es gibt verschiedene Definitionen von Liebe. Aus psychologischer Sicht können wir Liebesbeziehungen anhand von Kriterien wie ­sexuelles Begehren, emotionale Nähe und Verbindlichkeit beschreiben. Interessanterweise ist die Biochemie der Liebe nicht identisch mit derjenigen des Sex: Liebe ist mehr als sexuelles Begehren.

BeobachterNatur: Naturwissenschaftler möchten die Liebe dingfest machen, indem sie biochemische Prozesse ­untersuchen. Ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Bodenmann: Auf jeden Fall. Es ist ein spannender, weiterer Zugang; jede Methode hat ­ihre Berechtigung. Nur ersetzt das Sichtbarmachen von Hirnaktivität mittels Tomographie andere Methoden wie Selbstbefragung, Verhaltens­beobach­tung oder Reaktionsmessung nicht. Im Tomographen lässt sich zwar abbilden, was die Psyche auslöst. Wa­rum aber das Gefühl Liebe ausgelöst wird, lässt sich nicht entschlüsseln.

BeobachterNatur: Das heisst, die Liebe lässt sich belegen, sofern man alle Untersuchungs­methoden kombiniert?
Bodenmann: Ja, doch sind dies immer nur Momentaufnahmen. Wie sich momentaner ­Ärger über den Partner auf die Hirn­aktivität auswirkt und ob dabei Areale für Aggression ­stimuliert werden, ist noch ungeklärt.

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BeobachterNatur: Warum brauchen wir überhaupt Beweise? Wir wissen doch selber am ­besten, ob wir lieben oder nicht.
Bodenmann: Unser Denken und unsere Einstellung sind letztlich wichtiger für das Befinden als biologische Faktoren, das stimmt. Aus wissenschaftlicher Sicht möchten wir jedoch Phänomene über den Selbst­bericht hinaus ergründen und Zusammenhänge mit anderen Variablen ­herstellen.

BeobachterNatur: Auf die Liebe angewendet: Heisst das, wir können uns die Liebe auch einbilden, einreden?
Bodenmann: Ja, wir können uns in sie hinein­steigern, uns starke Gefühle einreden. Doch wahre Liebe können wir uns nicht vormachen, davon bin ich ­überzeugt.

BeobachterNatur: Können wir etwas dafür tun, dass die Liebe bleibt?
Bodenmann: Wir müssen uns ständig bemühen, sonst geht die schönste Liebe zugrunde. Emotional zu investieren lohnt sich. Denn geht es dem Partner gut, geht es beiden gut. Und eine beglückende Partnerschaft wiederum ­verlängert die Lebensdauer. Das ist der schöne Nebeneffekt der Liebe.