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Untreue

«Hätte ich schweigen sollen?»

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Frage: «Vor einiger Zeit lernte ich eine Frau kennen, die mich sehr faszinierte. Ich bin seit zehn Jahren in ­einer festen Beziehung und habe meiner Partnerin davon erzählt. Weil die Spannungen zu gross wurden, habe ich die Aussenbeziehung vor einem Jahr beendet. Aber meine Partnerin hat sich stark von mir zurückgezogen. Wieso kann sie mir nicht verzeihen? Wäre es besser gewesen, die Affäre zu verheimlichen?»

Von

Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Was heisst besser? Ihre Frage ist eine moralische, die man verschieden beurteilen kann. Ich sage später mehr dazu, doch vorerst rate ich Ihnen, die andere Frage direkt an Ihre Partnerin zu richten. Und zwar nicht als Vorwurf, sondern als ernstgemeintes Interesse: «Wieso kannst du mir (noch) nicht verzeihen?»

Im günstigeren Fall wird noch einmal alles aus Ihrer Partnerin hervorbrechen, was sie gefühlt hat, als sie von der Untreue erfahren musste. Enttäuschung, Wut, vielleicht auch Trauer. Wenn nichts mehr in ihrem Innern weitergärt, besteht eine Chance, dass sie Ihnen verzeiht. Niemand kann das übrigens willentlich, sonst ist es unecht. Es muss tief in der Seele etwas geschehen, was man nicht erzwingen kann. Verzeihen ist also nicht nur für den «Übeltäter», sondern auch für den Betroffenen ein Geschenk. Anhaltende Wut und Enttäuschung belasten nämlich den Nachtragenden.

Den Partner belügen oder ihm weh tun?

Seitensprünge sind in unserer modernen Gesellschaft recht häufig. Etwa ein Drittel der Fremdgeher und Fremdgeherinnen hat nach der Tat ein schlechtes Gewissen. Natürlich ist auch das eine Frage der Moral, ob man sich einen Seitensprung gestattet oder nicht, aber Ihre Frage zielt auf etwas anderes: Wenn es mal passiert ist, soll man es dann beichten oder für sich behalten? Was ist schlimmer: seine Partnerin, seinen Partner zu belügen oder ihr, ihm mit der Beichte weh zu tun?

Ethik ist ein Spezialgebiet der Philosophie, und Ethiker beschäftigen sich quasi berufsmässig mit solchen moralischen Fragen, vertreten aber unterschiedliche Ansichten. Immanuel Kant zum Beispiel war der Meinung, es gebe ganz einfach gewisse Prinzipien, an die man sich halten müsse. Lügen etwa sei grundsätzlich unmoralisch. Zumindest wenn man also direkt gefragt wird, ob etwas vorgefallen sei, muss man es nach dieser Regel gestehen. Eine andere Moral vertreten die sogenannten Konsequentialisten. Die heissen so, weil es ihnen nicht um moralische Prinzipien geht, sondern um die Konsequenzen einer Handlung. Je weniger Leid sie zur Folge hat, desto moralischer ist sie. Wenn der Seitensprung also nur vorübergehend war und die langjährige Partnerschaft nicht beeinträchtigt, wäre es besser, das Abenteuer zu verschweigen. Die sogenannten Kasuisten schliesslich finden, man müsse den einzelnen Kasus, den einzelnen Fall, anschauen und könne nicht nach pauschalen Regeln urteilen.

Den eigenen Weg finden

Aus ihrem Blickwinkel spielt es eine Rolle, worauf sich ein Paar geeinigt hat: Falls jemand deutlich erklärt hat: «Solltest du je fremdgehen, will ich nichts davon wissen», wäre es falsch, trotzdem zu beichten, nur um sein eigenes Gewissen zu entlasten. Wenn das Paar aber ausgemacht hat, dass Ehrlichkeit in der Beziehung ein ganz wichtiger Punkt sei, dann muss eine Untreue eben eingestanden werden. Dann hat der oder die Betrogene auch die Möglichkeit, darauf zu reagieren.

Es gibt also kein Patentrezept, wie man sich nach einem Seitensprung verhalten soll. Das ist heute nicht nur in moralischen Fragen das Normale. In einer modernen Gesellschaft sieht man die unterschiedlichsten Modelle und Verhaltensweisen. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich selber einen Weg zu suchen. Wenn ich nach meinem eigenen Gewissen handle, auf mein eigenes Gefühl dafür höre, was Recht oder Unrecht ist, mögen mich andere vielleicht dafür verurteilen oder verachten, aber zumindest bin ich mir selber treu geblieben. Auf die Länge erhält nur das die Selbstachtung.

Veröffentlicht am 15. Januar 2010