Anouk ist eine aufgeweckte Dreijährige. Sie plappert den ganzen Tag munter drauflos und spielt gern mit ihrer grossen Schwester. Sobald aber jemand zu Besuch kommt, sagt Anouk kein Wort mehr und verkriecht sich hinter ihrer Mutter. Neuerdings besucht die Kleine eine Spielgruppe – unter anderem, damit sie etwas offener wird. Beim Abschied spielt sich aber jedes Mal dasselbe Drama ab: Anouk weint bitterlich und will die Mama nicht gehen lassen. Es beelendet die Mutter, ihr Kind so zu verlassen. Sie quält sich mit der Frage, was sie falsch gemacht habe, da die ältere Tochter damals kaum Trennungsangst zeigte.

Zur Beruhigung: Anouks Mutter hat nichts falsch gemacht. Jedes Kind reagiert verschieden, und eine gewisse Trennungsangst ist normal. Die meisten Kinder gewöhnen sich innerhalb weniger Wochen an das Getrenntsein von den Eltern für ­eine bestimmte Zeitdauer. Andere hin­gegen tun sich schwer – und ihre Mütter und Väter ebenso. Als Erstes müssen Eltern deshalb verstehen, dass Schuldgefühle und Mitleid dem Kind nicht helfen. Im Gegenteil: Wenn Mama und Papa mit dem Kind mitleiden, übernimmt es das Gefühl der Ohnmacht und Unsicherheit. Die Trennung wird noch schwieriger, weil das Kind nun auch noch die Trauer des ­Erwachsenen mittragen muss. Da hilft es, wenn sich die Eltern über ihre innere ­Haltung klar werden.

Mit Ritualen Angst abbauen

Egal, ob es sich um die Übergabe an eine Babysitterin oder an die Spielgruppen­leiterin handelt: Die Verabschiedung sollte anfangs auf eine Viertelstunde begrenzt werden, später wird weniger Zeit nötig sein. Die betreuende Person sollte von Anfang an dem Kind möglichst nahe bleiben und Körperkontakt herstellen. Sie kann Anouk bei der Hand nehmen, sie mit sanftem Druck an den Schultern halten (das baut Angst ab) oder hochnehmen. Mama oder Papa unterhalten sich mit der Betreuerin in ruhigem, freundlichem Tonfall – so kann das Kind die gelassene, positive Stimmung aufnehmen.

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Nun verabschiedet sich der Elternteil vom Kind mit einer Abschiedsgeste (Küsschen) und geht dann aus dem Raum. Die Betreuerin sollte weiterhin Körperkontakt halten und dem Kind erklären, dass Mama oder Papa arbeiten müsse, aber bald wieder komme und es abhole. «So lange bleibe ich bei dir, du bist nicht allein.» Wenn die Betreuerin Anouk dann an der Hand zu den anderen Kindern oder zu einem Spiel hinführt und in der Nähe bleibt, kann sich das Mädchen wohl fühlen und am Gruppengeschehen teilnehmen.

Und trotzdem: Es gibt Kinder, die einfach noch etwas mehr Zeit zur persön­lichen Entwicklung brauchen. Wenn die Loslösung mittelfristig nicht klappt, hilft es manchmal, noch ein halbes Jahr mit der Spielgruppe zu warten. Spätestens beim Eintritt in den Kindergarten aber wird die Fähigkeit zur Trennung für ein paar Stunden zum Muss. Kinder, die sich schon vorher daran gewöhnt haben, sind dann im Vorteil: Es gibt eine Herausforderung weniger, der sie sich im Kindergarten stellen müssen.