Elsbeth Schneider steht mitten im Schulzimmer und zeichnet mit einer langsamen Armbewegung eine grosse Spirale in die Luft. «Das passiert, wenn man ständig mehr Geld ausgibt, als man hat», sagt sie. Die Spirale dreht sich und dreht sich, während sie spricht, und ihre Hand bewegt sich immer tiefer. «Man macht mehr Schulden und noch mehr Schulden, bis einem das Wasser bis zum Hals steht», erklärt sie den Drittklässlern, die ihrer Lehrerin wie gebannt an den Lippen hängen.

Vor ihnen auf den Pulten stehen knallrote Sparsäuli aus Plastik, manche schon gut gefüllt, andere noch leer. Auch wenn sie das Wort vermutlich nie gehört haben, die zehn Knaben und zwei Mädchen aus Riken AG erhalten während zweier Monate Unterricht in «Finanzkompetenz». In fünf bis sieben Lektionen pro Woche lernen sie mit Hilfe eines neuen Lehrmittels der ­Stiftung Pro Juventute, wie die ersten ­Münzen entstanden sind, was ein Kredit ist, wozu es Zinsen braucht, weshalb Geld leihen verhängnisvoll sein kann und vieles mehr. «Das Leben auf Pump ist für viele normal geworden. Es ist wichtig, dass Kinder früh lernen, welche Folgen das hat», sagt ­Primarlehrerin Schneider.

Die Statistik gibt ihr recht. Laut einer Umfrage von 2007 stehen in der Schweiz fast 40 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in der Kreide, die Hälfte von ihnen hat Schulden von 1000 Franken oder mehr. Kleider, Ausgang, Handy, Roller – viele geben ­Monat für Monat mehr Geld aus, als sie ­haben. Und noch etwas zeigt die Statistik: Wer schon in jungen Jahren einen allzu sorg­losen Umgang mit Geld pflegt, wird mit grösster Wahrscheinlichkeit auch später Mühe mit dem Budget haben. Gemäss einer Aufstellung der Schuldenberatungsstellen sind etwa 80 Prozent der zahlungsunfähigen Erwachsenen bereits vor ihrem 25. Altersjahr ins Minus geraten. Schulden wird man kaum mehr los, sie bleiben an ­einem kleben wie lästige Kletten.

Sparschwein mit vier Schlitzen

Die Pro Juventute erhält über das Sorgen­telefon 147 fast täglich Anrufe von Jugendlichen in Geldnöten und sähe es deshalb gern, wenn das Fach Finanzkompetenz in den Lehrplänen verankert würde. Letzten Herbst hat sie das Präventionsprojekt «Kinder-Cash» für Schulen lanciert. Die Schulen erhalten kostenlos ein Paket mit Unterrichtsmaterialien, Aufgabenheften, Elternbroschüren und speziellen Sparschweinen. Diese haben vier Eingänge: ­einen Schlitz für Geld zum Sparen, einen zum Aus­geben, ­einen für Investitionen und einen für gute Taten. Diese Aufteilung zieht sich auch durchs Lehrmittel. So lernen Kinder, Geld einzuteilen, und werden an die ­spätere Budgetplanung heran­geführt. Das ­Bedürfnis scheint gross: «Bei uns gehen täglich Bestellungen ein», sagt Claudia Zeiter, Geschäftsstellenleiterin des Aar­gauer Pro-Juventute-Vereins, der auch die Klasse von Elsbeth Schneider ­ausgerüstet hat. Gesamtschweizerisch haben bereits 11'000 Schülerinnen und Schüler teilgenommen, und laut Projektleiter Daniel Jenal wird bereits über die Details einer Verlängerung diskutiert.

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Finanzkompetenz im Unterricht mag gut und nötig sein. Doch Kinder orientieren sich lange vor dem ersten Schultag da­ran, was ihre Kameraden haben – und wollen das Gleiche auch. Der Umgang mit Geld gehört deshalb vor allem ins Erziehungsprogramm der Eltern. Auch wenn sie später nicht für alle finanziellen Fiaskos ihrer Zöglinge den Kopf hinhalten müssen, ist es doch besser, wenn es gar nicht erst so weit kommt.

Mit Kindern über Geld sprechen

Am Anfang der Gelderziehung stehen zwei elementare Dinge: Kinder müssen lernen, dass sie nicht alles haben können, was andere haben, und dass sie nicht alles sofort haben können. «Warten zu können ist das A und O», sagt Andrea Fuchs von der Schuldenberatung Aargau-Solothurn. Ein ideales Trainingsfeld sei etwa der gemeinsame Einkauf. «Wenn das Kind sich etwas für das gemeinsame Znüni kaufen darf, lernt es, Entscheidungen zu fällen, Prioritäten zu setzen, Preise zu vergleichen und einzuteilen», sagt die Präventionsfachfrau. ­

Das Wichtigste bei der Gelderziehung aber sei, dass Geld in der Familie überhaupt thematisiert werde. «Eltern sollen mit ihren Kindern über Geld, die Notwendigkeit von Anschaffungen und deren ­Kosten sprechen», rät Fuchs. Die gängigste Methode, Kinder an einen planvollen ­Umgang mit Geld zu gewöhnen, ist das ­Taschengeld. Dabei gibt es einiges zu beachten. Vor allem sollten Eltern Sackgeld regelmässig geben – nur so können Kinder lernen, einzuteilen und zu planen. Fachleute empfehlen, Kindern ab Schuleintrittsalter Taschengeld wöchentlich aus­zuzahlen. Ab der Oberstufe können Eltern dann zu einem monatlichen Rhythmus übergehen. Bei Jugendlichen ab etwa zwölf Jahren empfiehlt Fuchs, einen Jugendlohn einzuführen. Er ist höher angesetzt, dafür muss er dann auch einen breiteren ­Lebensbedarf abdecken und muss zum Beispiel auch für Kleider oder Ausgang, Busbillette oder Ferien ausreichen.

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«Als Erziehungsmittel ungeeignet»

Taschengeld sollte nicht an weitere Bedingungen geknüpft werden. «Geld ist als Erziehungsmittel ungeeignet», betont Schuldenberaterin Fuchs. Zur Belohnung ist Geld in Ordnung, wenn ein Kind eine ­spezielle Zusatzaufgabe übernommen hat, zum Beispiel den Rasen gemäht oder das Auto gewaschen hat. Nettsein oder gute Noten sollten aber mit Lob und Anerkennung abgegolten werden – nicht mit harter Währung.

Was die Höhe des Sackgelds betrifft, so empfehlen Fachleute für Erstklässler einen Franken pro Woche, für Zweitklässler zwei und so weiter. Bei älteren Kindern hängt der Betrag vom Familienbudget ab und ­davon, was sie selber mit dem Sackgeld bezahlen müssen. Wichtig ist, dass Eltern vorher gemeinsam mit dem Kind abmachen, wofür das Sackgeld oder der Jugendlohn verwendet werden soll. Ebenso zentral: ­Eltern sollten sich an die Abmachungen halten und hart bleiben, wenn dem Nachwuchs das Geld vorzeitig ausgeht.

«Im Voraus bezahlen ist meistens billiger»

Das wiederum setzt voraus, dass beide ­Elternteile am selben Strick ziehen – auch im Fall einer Trennung. Eltern sind Vorbilder, das betonen auch Schuldenfachleute. «Kinder kriegen sehr schnell mit, wie sparsam oder ausgebefreudig die Eltern sind», sagt Expertin Fuchs. Hinzu komme, dass man heute sehr vieles auf ­Raten kaufen könne. «Jugendliche wachsen damit auf, dass man Dinge zuerst besitzt und erst ­später bezahlt, dabei ist es umgekehrt in den meisten Fällen billiger. Das sollten ­Eltern den Kindern vorleben», so Fuchs.

Die Aargauer Schulkinder machen sich unterdessen Gedanken, wie man Sandro helfen könnte. Sie haben zusammen die fiktive Geschichte des Lehrlings gelesen, der bei seinen Freunden ständig Schulden macht und sich einen viel zu teuren DVD-Player kauft. Für die 80 Franken, die er zu Hause abgeben soll, reicht es jedenfalls nicht mehr. Was nun? Ein Schüler findet, die Eltern sollen den Betrag direkt vom Lohn abziehen. Ein anderer schlägt vor, Sandro das teure Gerät einfach wegzunehmen, bis er alle Schulden abbezahlt hat. Die Lehrerin staunt: «Ui, ihr seid ja ziemlich hart.» Schulden zu machen lohnt sich nicht – diese Botschaft ist im Riker Klassenzimmer offenbar angekommen.

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Geldtipps für Jugendliche

  • Nimm nur so viel Geld in den ­Ausgang mit, wie du ausgeben willst.
  • Setze das Limit deiner EC-Karte so, dass dein Kontostand im Plus bleibt.
  • Benutze eine Prepaidkarte statt eines teuren Handyabos.
  • Mach ein Wochenbudget – und halte dich daran.
  • Leihe nicht mehr Geld, als du ­zurückzahlen kannst.
  • Markenkleider oder die neuste Playstation? Mach eine Prioritätenliste.


Quelle: Schuldenberatung Aargau-Solothurn

www.schulden.ch/... Plusminus Budget- und Schuldenberatung
www.budgetberatung.ch: Website der Schweizer Schuldenberatungsstellen
www.geldplaner.ch: Budgetprogramm für Jugendliche
www.kinder-cash.ch: Infos zum Präventionsprojekt von Pro Juventute

Buchtipp

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Quelle: Beobachter Edition