Es quietscht und gluckst im Kursraum des Kantonsspitals Liestal. Eltern sitzen im Kreis, Babys spielen auf einer Decke. Plötzlich schreit eines auf, es hat sich den Kopf gestossen. Rasch nimmt es der Vater in den Arm. Er streichelt ihm über die Wange und spricht mit tiefer Stimme auf es ein: «Ich bin bei dir, alles ist gut.» Eine ganz normale Reaktion für einen Vater, würde man denken. Doch die Kursleiterinnen Jeanette Gröbli und Birgit Milz haben schon ganz anderes gesehen.

«Viele Eltern schaffen es nicht, ihrem Kind die nötige Aufmerksamkeit und Liebe zu geben», sagt Hebamme Gröbli. «Sie sind unfähig dazu, weil sie überfordert sind», ergänzt Psychotherapeutin Milz. «Überfordert, weil sie mit unverarbeiteten Erlebnissen aus der eigenen Kindheit oft zu kämpfen haben.» Trennung, Tod oder Krankheit von Bezugspersonen, Gewalt oder Vernachlässigung – all das komme plötzlich wieder hoch, wenn das eigene Baby losschreie. Und stehe einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Baby im Weg.

Sie begleiten verunsicherte Eltern auf dem Weg zu ihrem Kind: Birgit Melz und Jeanette Gröbli

Quelle: Gabi Vogt
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Schlechte Erinnerungen durchbrechen

Diese Eltern können ihren Kindern kaum Zuversicht, Sicherheit oder Geborgenheit bieten, wenn sie nicht Hilfe holen. Oder mehr noch: Die Überforderung kann zu Überreaktionen führen. Im schlimmsten Fall schütteln Eltern ihr schreiendes Baby so lange, bis es endlich still ist – Hirnblutungen, Behinderungen oder sogar der Tod sind dann die Folge.

Solche Fälle waren für den Münchner Kinderpsychiater Karl Heinz Brisch der Grund, das Kursprogramm «Safe» zu entwickeln – «Sichere Ausbildung für Eltern». Der Kurs richtet sich bereits an werdende Eltern, beginnt spätestens im siebten Schwangerschaftsmonat und dauert bis zum Ende des ersten Lebensjahres des Kindes. Brischs Philosophie: «Eltern mit unverarbeiteten Erlebnissen brauchen Hilfe, sonst geben sie ihre eigenen schlechten Bindungserfahrungen weiter.» Die Forschung gibt ihm recht. Die britischen Wissenschaftler Howard und Miriam Steele haben Interviews mit zahlreichen werdenden Eltern geführt. Anhand der Befragungen konnten sie tatsächlich voraussagen, ob diese später eine gute Beziehung mit sicherer Bindung zu ihrem einjährigen Kind aufweisen würden.

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Für Brisch sind sichere Bindungen der Anfang eines glücklichen Erwachsenen­lebens. Menschen, die sie nicht haben, ziehen sich eher zurück, holen sich in der Not keine Hilfe, haben oft Lernschwierigkeiten und sind weniger selbstsicher: Kleinigkeiten werfen sie aus der Bahn.

Für den «Safe»-Kurs haben sich fünf Elternpaare aus der Umgebung angemeldet. Sie alle sprachen zu Beginn über die eigenen Bindungserfahrungen. Bei einigen kamen Erinnerungen hoch, die über Jahrzehnte verdrängt worden waren. Erinnerungen an Väter und Mütter, die nie ein liebes Wort übrighatten – geschweige denn eine tröstende Berührung. «Die Auseinandersetzung damit war kein Spaziergang», erzählt Psychologin Birgit Milz. Es seien auch Tränen geflossen. Die regelmässigen Kurssonntage mit Austausch von Erfah­rungen habe die Gruppe zusammengeschweisst. Zwei Elternpaare sind jünger als 20, der Rest ist mehrheitlich über 30.

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Thilo will manchmal einfach nicht schlafen: Meret Schreiber, Lutz Günzel und ihr Sohn

Quelle: Gabi Vogt

«Die Tipps geben uns Sicherheit»

Melanie und Dominik Geiser gehören mit 33 Jahren zu den älteren. Anfangs waren sie skeptisch: Worauf hatten sie sich da eingelassen? Einen «Gschpürschmi»-Kurs? «Ich hatte Mühe mit der Vorstellung, jedes Detail von mir preisgeben zu müssen», sagt die Produktmanagerin Melanie Geiser. Mittlerweile ist es für sie normal, Unsicherheiten im Umgang mit Sohn Gaël offen­zulegen. Gleiches gilt für ihren Mann. Im Freundeskreis gebe es Themen, die er ungern anspreche. «Hier muss man sich für nichts schämen.»

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Der Umgang mit dem Baby, Vereinbarkeit von Kind und Beruf oder die Partnerschaft – alles wird thematisiert. Auch sehr Persönliches: Ist es normal, wenn die Partnerin nach der Geburt keine Lust auf Sex hat? Muss eine frischgebackene Mutter eine Figur wie Heidi Klum haben? Für Melanie Geiser steht spätestens seit der Schulung fest: «Das sind falsche Gesellschaftsbilder.» Die beiden Kursleiterinnen leisten ganze Aufklärungsarbeit – mit Gesprächen, individuellen Feedbacks und Videos zur Eltern-Kind-Beziehung. «Die Tipps geben uns Sicherheit», sagt Dominik Geiser.

Mit Feinfühligkeitstraining schärfen die «Safe»-Mentorinnen zudem ganz konkret das Bewusstsein der Eltern für die Inter­aktion mit dem Kind. Die Eltern erfahren, was es heisst, wenn der Säugling weint, wie sie Zuneigung zeigen und Geborgenheit vermitteln können. Denn ob Hunger, Trennungsangst, Schreck, Schmerz oder Langeweile – anders als Erwachsene sind Babys völlig hilflos. Sie brauchen Bezugspersonen, die sie beschützen und ihnen beibringen, mit ihren Gefühlen umzugehen.

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In ihrer täglichen Arbeit trafen Jeanette Gröbli und Birgit Milz immer wieder auf frischgebackene Mütter mit Depressionen, Schlafstörungen und einer schlechten Bindung zum Baby. Das war vor einigen Jahren auch ihr Antrieb, die Ausbildung zur «Safe»-Mentorin zu absolvieren. «Wir wollten die Frauen vor der Geburt abholen, um sie gar nicht erst in die Wochenbettdepression rutschen zu lassen.» Laut Milz sind die Eltern gerade während der Schwangerschaft oft sehr motiviert und bereit, sich mit den Problemen aus ihrer eigenen Kindheit auseinanderzusetzen. Anders sieht es aus, wenn das Baby geboren ist: Dann ist Füttern, Wickeln und Schlafenlegen alles, woran die Eltern denken mögen.

Sonntag für Sonntag mit denselben Leuten im Kurs: Das schafft Vertrauen.

Quelle: Gabi Vogt
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«Nicht auf Materielles kommt es an»

«In Mitteleuropa gelten nur zwischen 55 und 65 Prozent der Kinder als sicher gebunden», sagt Karl Heinz Brisch. Der emotional vernachlässigte Rest stammt keinesfalls nur aus sozial schwachen Familien. Beispiele von gut situierten Eltern, die ihren Sprösslingen zwar jeden materiellen Wunsch erfüllen, aber keine Zeit haben, gibt es zuhauf. Brisch weiss: «Nicht auf Materielles, sondern allein auf Feinfühligkeit und Einfühlsamkeit kommt es an.»

Doch jede Minute für das Kind da sein – das laugt viele Eltern aus. Birgit Milz rät: «Eltern sollten lernen, ihre Grenzen zu respektieren.» Den Säugling weinen zu lassen sei aber keine Option. «Besser ist, wenn sie ihn früh genug abgeben.» Genau das haben die 25-jährige Meret Schreiber und der 32-jährige Lutz Günzel im Kurs gelernt. Mehr noch: «Heute wissen wir, dass es die perfekten Eltern nicht gibt», sagt Günzel. Doch wenn ihr Thilo nicht schlafen wolle, komme er aus dem Schreien kaum mehr heraus, sagt Meret. «Das macht mich manchmal unsicher.» Dann holt sie sich Rat bei den Kursleiterinnen – auch nach Kursschluss.

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Viel Engagement und keine Unterstützung

In Deutschland ist «Safe» mittlerweile eine Institution, unterstützt von Jugendämtern, Stiftungen, Gemeinden und Kirchen. Ganz anders in der Schweiz. 33 ausgebildete «Safe»-Mentorinnen und -Mentoren gibt es hier. Gröbli und Milz sind aber derzeit die Einzigen, die einen Kurs anbieten – es fehlt an Sponsoren. 35 000 Franken kostet ein Kurs insgesamt. Dafür erhalten die Eltern während anderthalb Jahren eine professionelle Schulung, für die sie nur 200 Franken bezahlen müssen – auch sozial Schwache sollen vom Angebot profitieren.

Am Engagement der Mentorinnen fehlt es nicht. In den vergangenen Jahren haben die beiden Frauen an unzählige Türen geklopft – mit wenig Erfolg: Nach zwei Durchläufen fehlt das Geld für einen weiteren Kurs. «Dem stehen wir nach so vielen Jahren Engagement ratlos gegenüber», sagt Birgit Milz.

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