Kindermund tut Wahrheit kund - wohl alle Eltern kamen wegen dieser vermeintlich wunderbaren Eigenschaft des Nachwuchses schon mal ins Schwitzen: «Wir waren im Zug unterwegs, als es plötzlich von irgendwoher stank. Mein dreijähriger Sohn Fin sagte zum Mann gegenüber: ‹Du häsch gfurzt, gäll?› Keine Ahnung, ob er richtig lag - das Abteil schwieg sich aus, und ich lenkte Fins Aufmerksamkeit auf die vorbeiziehende Landschaft...», erzählt Vater Sven Broder.

Wären alle Menschen so radikal wahrheitsliebend wie der kleine Fin, würde das zwischenmenschliche Gefüge in sich zusammenbrechen. «Um gesellschaftsfähig zu sein, muss man lügen können», erklärt Entwicklungspsychologe Luciano Gasser von der Pädagogischen Hochschule Luzern (siehe nachstehendes Interview). Schenkt man amerikanischen Studien Glauben, lügt, schwindelt, flunkert, betrügt, täuscht, leugnet, schummelt, übertreibt, verniedlicht, beschönigt und heuchelt der Mensch denn auch rund 50-mal pro Tag. Britische Forscher kommen sogar auf 200-mal. Dieser geschmeidige Umgang mit Fakten wird dem Menschen jedoch nicht in die Wiege gelegt, sondern muss erlernt werden.

Kleinkinder haben eine sogenannte egozentrische Wahrnehmung. Sie gehen davon aus, dass ihr eigener Wissensstand der allgemein gültige ist und jeder zu jeder Zeit genau dasselbe weiss wie sie selbst. Lügen ist vor diesem Hintergrund nicht möglich.

Joan Peskin, Psychologin an der Universität Toronto, Kanada, machte mit drei- und vierjährigen Kindern einen Test: Ein Kind und das Spielzeugäffchen Mean Monkey (gemeiner Affe) sollen sich je einen von zwei Aufklebern aussuchen. Das Kind wird gebeten, auf den Aufkleber zu zeigen, den es haben möchte, man erklärt ihm aber auch, dass Mean Monkey zuerst zugreifen darf. Die Dreijährigen zeigten auch nach mehreren Durchläufen immer auf den Aufkleber, den sie haben wollten, und verloren ihn jedes Mal an das Äffchen. Die Vierjährigen hingegen verstanden schnell, dass sie Mean Monkey täuschen können, indem sie auf den Aufkleber zeigen, den sie nicht haben wollen.

Quelle: Daniel Rihs

Zwischen dem dritten und dem vierten Lebensjahr macht das Kind einen entscheidenden Schritt: Es lernt, dass seine Gedanken privat sind und es in den Köpfen anderer Personen anders aussehen kann als im eigenen. «Ab diesem Alter verstehen Kinder auch immer besser, dass Personen aufgrund falscher Informationen anders handeln, als wenn sie die richtigen Informationen hätten», erklärt der Luzerner Entwicklungspsychologe Werner Wicki. Das Kind lernt also, dass es andere Menschen mit seinem Handeln manipulieren kann.Nur dank diesen Erkenntnissen ist es jedoch auch in der Lage, sich in andere hineinzuversetzen und zu bedenken, was anderen hilft oder Freude macht. Die Lüge hat also dieselbe Wurzel wie Rücksicht und Mitgefühl - und oft gehen sie Hand in Hand.

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Beobachter: Neigt der Mensch eher zur Wahrheit oder zur Lüge?
Luciano Gasser, Entwicklungspsychologe: Eher zur Wahrheit. Menschliche Kommunikation ist darauf angewiesen, dass man sich die Wahrheit sagt. Wenn jemand systematisch zu seinem eigenen Nutzen lügt, heisst das, dass für ihn Vertrauen und Fairness und somit Moral keine zentrale Rolle spielen.

Beobachter: Lügen ist also unmoralisch?
Gasser: Die Fähigkeit zu lügen ist wertneutral. Gut oder schlecht wird eine Lüge erst durch die dahinterliegende Absicht: Will man jemanden schädigen oder verfolgt man keine negativen Ziele. Lügen wird also erst dann zu einem moralischen Thema, wenn es um die ungerechtfertigte Schädigung von Personen geht.

Beobachter: Wann entwickeln Kinder ein Bild von Moral?
Gasser: Kinder im Vorschulalter haben zwar eine sehr rigide Vorstellung über Gut und Böse, wobei sie jedoch nur das Ergebnis bewerten, nicht das Motiv. Fragt man Kinder im Vorschul- und Grundschulalter, ob der Junge schlechter handelt, der aus Versehen 15 Tassen fallen lässt, oder jener, der absichtlich eine auf den Boden wirft, werden Kinder im Vorschulalter das Verhalten des ersten Jungen aufgrund des grösseren Schadens schlechter finden. Kinder im Grundschulalter hingegen können unterscheiden, dass der Junge, der die Tasse aus Absicht zerbrach, moralisch gesehen schlechter handelte als der erste Junge.

Beobachter: Welche Rolle spielt das Motiv bei einer Lüge?
Gasser: Eine grosse! Bis vor nicht allzu langer Zeit versuchte die Erziehung allgemeingültige Regeln aufzustellen. Es hiess, Lügen sei grundsätzlich falsch. Der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) ging sogar so weit, zu sagen, man müsse selbst einem Mörder ehrlich antworten, wenn man weiss, wo sich seine Zielperson versteckt.

Beobachter: Wer also Ehrlichkeit über alles andere stellt, handelt unter Umständen unmenschlich...
Gasser: Ein Beispiel: Angenommen, Mutter und Vater hatten einen Autounfall. Der Vater stirbt, der Gesundheitszustand der Mutter ist instabil. Beim Krankenbesuch fragt die Mutter ihren Sohn, wie es dem Vater geht. Was soll der Sohn tun? Ich kann nur hoffen, dass er lügt, um die Mutter nicht zusätzlich zu belasten.

Beobachter: Wenn Eltern dem Kind nicht sagen können, Lügen sei grundsätzlich schlecht, wie erziehen sie es dann trotzdem zu einem ehrlichen Menschen?
Gasser: Statt die Lüge absolut zu verbannen, sollten Eltern jeweils den konkreten Fall besprechen und das Motiv abklären.
Das Kind muss verstehen, dass menschliche Kommunikation auf Ehrlichkeit basiert und eine Lüge - allerdings auch die Wahrheit - fatale Wirkungen haben kann. Wichtiger als die Frage, ob Lügen an sich gut oder schlecht sind, ist die Entwicklung einer verantwortungsbewussten Moralauffassung, und diese beruht wesentlich auf der Beziehung zu den Eltern: Sie sollten dem Kind eine Grundhaltung von Vertrauen mitgeben und das Wissen, dass Lügen dieses Vertrauen schädigt. Sie sollten ihm aber auch beibringen, dass Lügen in bestimmten Situationen sogar moralisch richtig sein kann.

Beobachter: Moralisch richtig?
Gasser: Nehmen Sie das Beispiel mit dem Autounfall. Oder harmloser: Es macht einen Unterschied, ob ein Kind seinem Freund sagt, es sei keine Schokolade mehr da, weil es sie selber essen will, oder ob es ihm sagt, seine Zeichnung sei grossartig geworden, obwohl sie ziemlich eigenartig aussieht. Dem Kind ein solches moralisches Differenzierungsvermögen beizubringen ist die zentrale Aufgabe der Erziehung.

Beobachter: Sollen Eltern das Kind darauf ansprechen, wenn sie es bei einer moralisch richtigen Lüge erwischen?
Gasser: Eltern sollten eh mit dem Kind reden, wenn sie merken, dass es nicht die Wahrheit sagt. Sie legen mit der Erziehung den Grundstein für das moralische Selbst ihres Kindes, daher ist ihre Haltung essentiell - womit identifiziert man sich mehr: Vertrauen und Fairness oder Eigennutz?

Beobachter: Welche Rolle spielt bei dieser Entwicklung das Gewissen?
Gasser: Bis ins Grundschulalter hat ein Kind beim Lügen höchstens ein ungutes Gefühl, weil es Strafe fürchtet. Im Laufe der Zeit aber entwickelt es verbindliche Regeln und wird versuchen, moralisch konsequent zu handeln. Erst mit dieser Entwicklung wird ein schlechtes Gewissen möglich. Besonders stark prägt sich das im Jugendalter aus. Dann können sie bewusst Prioritäten setzen, etwa ob sie in einer Situation aufrichtig oder höflich sein wollen - denn Anstand und Ehrlichkeit können sich extrem beissen.

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Was tun, wenn Kinder bluffen?

Generell rät Regula Schilling, Vizedirektorin des Schulpsychologischen Dienstes im Kanton St. Gallen, Eltern im Umgang mit Lügen ihrer Kinder: «Die wichtigste Frage, die sich Eltern stellen können, wenn sie mit einer Lüge ihres Kindes konfrontiert sind, ist die: Weshalb hat mein Kind keinen anderen Ausweg aus der Situation gefunden, als zu lügen?

Eine Kinderlüge ist kein Grund zur Panik, kein Beweis für einen schlechten Charakter. Jedes Kind wird einige Male ausprobieren, bewusst zu lügen, denn der Umgang mit der Wirklichkeit und der Fiktion, die Unterscheidung der beiden Phänomene, die Fähigkeit, wirksam zu manipulieren, wollen erprobt sein; Lügen ist eben auch eine kognitive Herausforderung. Trotzdem muss natürlich die Erziehung zur Wahrheit für Eltern eine konsequente Aufgabe sein. Sollte Ihr Kind oft und vor allem erfolgreich lügen, kann dies zu einer sehr unangenehmen Angewohnheit werden. Was Sie tun können, wenn Sie Ihr Kind beim Lügen ertappen:

  • Konfrontieren Sie Ihr Kind damit, wenn Sie es bei einer Lüge ertappen (aber stellen Sie es nie vor anderen bloss).

  • Drohen Sie nicht mit harten Strafen! Wenn das Lügen Konsequenzen nach sich zieht, begründen Sie diese.

  • Leugnet Ihr Kind hartnäckig, lassen Sie sich erzählen, was passieren könnte, wenn die Sache ans Licht käme - so erfahren Sie auch, warum es lügt.

  • Helfen Sie ihm dabei, die Sache wieder gut zu machen.

  • Überlegen Sie mit ihm, wie es beim nächsten Mal in einer ähnlichen Situation vorgehen kann, ohne zu lügen.

  • Erklären Sie Ihrem Kind, wie wichtig es ist, die Wahrheit zu sagen und die persönlichen Konsequenzen für das eigene Handeln zu übernehmen.

  • Erläutern Sie Ihrem Kind, was unweigerlich geschehen wird, wenn man lügt: Niemand wird einem mehr Glauben schenken, auch wenn man die Wahrheit spricht.

  • Lassen Sie es so oft wie möglich erfahren, dass die Wahrheit und die Vertrauenswürdigkeit positive Konsequenzen haben.

  • Lügen Sie selber so selten wie möglich und erklären Sie Ihrem Kind die Gründe, wenn Sie es doch mal getan haben. Auch Eltern müssen nicht vollkommen sein - aber ehrlich müssen sie sein!

  • Wenn ein Kind jedoch immer wieder lügt, nehmen Sie das als Signal und gehen Sie der Sache - eventuell auch mit Hilfe einer Beratungsstelle - auf den Grund.»

Zur Veranschaulichung erläutert Expertin Schilling einige konkrete Lügen-Situationen, und was Eltern tun können, wenn...

...ihr Kind in den schillerndsten Farben von wilden Abenteuern mit Hexen und Zwergen im Kindergarten berichtet:
«In erster Linie können sie sich freuen ob der blühenden Phantasie ihres Kindes. Wir wünschen uns alle kreative, phantasiebegabte Kinder. Diese Gaben müssen sich aber erst entwickeln, ein Kind im Kindergartenalter kann Phantasie und Realität noch nicht immer auseinanderhalten. Eine Hilfe kann es sein, wenn die Eltern ihm interessiert zuhören und bestätigen, dass das eine schöne ‹Geschichte› war. Auch die augenzwinkernde (aber nicht spöttische) Frage: ‹Richtig oder im Spass?› hilft dem Kind ohne Gesichtsverlust, mit der Zeit immer klarer zu unterscheiden. Bis zum Schulalter gehen bei Kindern Phantasie, Sehnsucht und Wirklichkeit fliessend ineinander über. Was sie sich intensiv wünschen, wird für sie zur Realität.»

...sie erfahren, dass ihr Kind in der Primarschule erzählt, sein Vater sei Millionär, seine Mutter eine berühmte Schauspielerin und sein Haustier ein gefährlicher Löwe:
«Mit seiner Schulbereitschaft kann ein Kind langsam zwischen wahr und unwahr unterscheiden. Doch auch dann ist nicht jede Art von Lüge gleich zu bewerten. Die harmloseste Variante ist sicherlich das Bluffen, das masslose Übertreiben. Diese Lügen deuten auf ein geschwächtes Selbstwertgefühl des Kindes hin. Indem es seine Eltern, sein Zuhause aufwertet, meint und wünscht es, selber mehr wert zu werden. Vielleicht fühlt es sich benachteiligt und braucht mehr Aufmerksamkeit? Nicht Bestrafung ist die angemessene Reaktion auf diese Art der Lüge, sondern mehr Zuwendung und Anerkennung, so dass es dieses ‹Sich-Aufblähen› nicht mehr braucht.»

...sie merken, dass ihr Kind ihnen Probleme oder schlechte Leistungen in der Schule verschweigt?
«Eines will ein Kind auf jeden Fall vermeiden: seine Eltern zu enttäuschen! Wenn es ihm also nicht gelingt, Leistungen zu erbringen, wie sich die Eltern das wünschen, bedeutet dies eine grosse Not. Überforderung kann also ebenfalls zu Lügen führen: Das Kind wird vielleicht versuchen, Misserfolge zu verheimlichen oder gar Erfolge zu erfinden. Das geht nicht selten bis zum Fälschen von Unterschriften.

Hier ist es wichtig, dass die Eltern - wenn sie solchen Lügen auf die Spur kommen - sich ehrlich und ernsthaft selber hinterfragen: Setzen wir unser Kind mit unseren Vorstellungen, Erwartungen und Wünschen dermassen unter Druck? Überfordern wir es in seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten? Dann ist es sinnvoll abzuklären, was das Kind daran hindert, gute Leistungen zu erbringen. Ein Gespräch mit dem Kind zuallererst, wo die Eltern ihm zeigen, dass ihnen sein Wohlergehen wichtiger ist als seine Schulleistungen und dass das gegenseitige Vertrauen über den Noten stehen soll (für Kind und Eltern). Ein Gespräch mit der Lehrperson und eventuell eine schulpsychologische Abklärung könnten helfen einzuschätzen, was vom Kind erwartet werden kann und welche Unterstützung allenfalls notwendig wäre. Es geht in erster Linie darum, die Angst des Kindes abzubauen, es enttäusche seine Eltern.»

...sie wissen, dass ihr Kind zum Beispiel etwas Teures kaputt gemacht hat, aber hartnäckig die Schuld auf jemand anderen schiebt?
«Diese Art Lüge ist für die meisten Eltern besorgniserregend; wenn ihr Kind ihnen Lügen erzählt und dabei sogar jemanden anderen beschuldigt. In diesem Fall greift das Kind auf eine Lüge zurück, weil es fürchtet, bestraft zu werden, die Liebe der Eltern zu verlieren oder weil es sich selbst unerträglich schuldig fühlt. Überprüfen Sie Ihr Verhalten: Reagieren Sie wirklich mit Liebesentzug, wenn Ihr Kind etwas anstellt? Bestrafen Sie Ihr Kind zu streng, so dass es die Folgen zu Recht fürchtet? 

Wenn ein Kind lügt, weil es etwas kaputt gemacht hat, ist es der weitaus bessere Weg, mit ihm eine Wiedergutmachung zu vereinbaren. Damit kann sich das Kind auf eine gute Art entschuldigen und das Problem gelöst werden. Strafen - im Gegensatz zu Konsequenzen - sind selten konstruktiv und häufig demütigend, führen zu Scham und zu noch mehr Lügen, um dieser Scham zu entgehen.

Auch Loyalität gehört zu den häufigen Gründen für Kinderlügen: Zum Beispiel einem Erwachsenen nicht zu erzählen, dass der Freund den Fussball in die Fensterscheibe geschossen hat. Verrat ist in den Augen der meisten Kinder ein wesentlich grösseres Vergehen als eine Lüge. Kinder decken auch immer wieder und mit enormer Konsequenz ihre Eltern! Misshandelte Kinder etwa haben ein ausserordentlich grosses Repertoire von ‹Erklärungen› für ihre blauen Flecken und für Verletzungen...»

...ihr Kind die Eltern selbst dabei erwischt, wie sie lügen, indem sie zum Beispiel Tante Eva vertrösten, sie könnten jetzt leider nicht lange am Telefon sprechen, weil sie grad Gäste hätten?
«Für Kinder ist der Umgang der Erwachsenen mit der Wahrheit schwer zu verstehen. Sie erleben, wie ihre Eltern Notlügen gebrauchen, aber auch, wie sie lügen, um sich einen Vorteil zu verschaffen - zum Beispiel wenn sie eine Entschuldigung für die Schule schreiben, weil die Familie vorzeitig in die Ferien gehen oder zu spät daraus zurückkommen will. Selbstverständlich sind Sie für Ihr Kind auch in Sachen Ehrlichkeit das massgebende Beispiel. Geben Sie sich Mühe, selbst immer bei der Wahrheit zu bleiben (wobei Sie natürlich die Wahrheit altersgerecht verpacken dürfen).

Sehen Sie sich einmal gezwungen, auf eine Notlüge zurückzugreifen, erklären Sie Ihrem Kind den Sinn: Demnach sind Lügen in begrenztem Umfang erlaubt, wenn damit die Gefühle anderer geschont werden. Und haben Sie die Grösse, Ihrem Kind gegenüber einzugestehen, dass Lügen - auch bei Ihnen - nicht in Ordnung ist. Denn Ihre Glaubwürdigkeit ist massgebend für sein Vertrauen.»

Grundsätzlich gibt die Erziehungsberaterin Regula Schilling zu bedenken: «Kinder haben zwar verschiedene Gründe für das Lügen, aber alle Lügen haben eine gemeinsame Ausgangslage: Die Kinder befinden sich in einer Notlage, und die Lüge soll diese Not abwenden.»