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Trotzphase«Plötzlich isst er keine Eier mehr»

Wenn Kinder im Trotzalter sind, sagen sie auch zu bestimmten Nahrungsmitteln nein.

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Frage von Martina F.: «Von einem Moment auf den andern weigert sich mein dreijähriger Sohn, etwas zu essen, was Eier enthält. Erst waren es die Hörnli mit Ei, und jetzt isst er auch keine Guetsli mehr, wenn es Ei drin hat. Mir kommt das wie eine Marotte vor. Was soll das?»

Es ist normal, dass Kinder nicht alles essen mögen. Das kann mit der grösseren Empfindlichkeit des Geschmackssinns zusammenhängen, dass sie Rosenkohl oder Cicorino rosso als unerträglich bitter empfinden. Eltern sollten das respektieren, wenn es nur einzelne Nahrungsmittel betrifft. In der Regel verliert sich die Abscheu mit zunehmendem Alter. Bei der Abneigung Ihres Sohnes gegen Eier vermute ich allerdings eher einen Profilierungsversuch: «Ich bin derjenige, der keine Eier isst.» Das stärkt sein Selbstgefühl. Deshalb würde ich ihn nicht zwingen, wieder Eier zu essen.

In der Tat hat Neinsagen entwicklungspsychologisch mit dem Aufbau einer stabilen Identität zu tun. Im sogenannten Trotzalter zwischen dem zweiten und dem vierten Lebensjahr erlebt das Prinzip des Neinsagens einen Höhepunkt. Das Kind, das sich mit viel Energie gegen eine elter­liche Anordnung stemmt, spürt sich im Trotz besonders deutlich. Es erfährt den Unterschied zwischen sich und den andern. Natürlich soll diese Phase vorübergehen, aber die Fähigkeit, wenn nötig Nein zu sagen, muss erhalten bleiben.

Wir müssen uns ständig entscheiden

Immer wieder erreichen mich Briefe, in denen jemand schreibt: «Mein Fehler ist, dass ich nicht Nein sagen kann.» Aus zwei Gründen kann man das tatsächlich als Fehler ansehen. Da wir in einer Konsumgesellschaft leben, werden wir ständig mit Angeboten und Werbung überschüttet. Man lockt uns, dies oder jenes zu kaufen, hier oder dort teilzunehmen, ja sogar Kredite zu beanspruchen, um noch mehr kaufen zu können. Wer hier nicht Nein sagen kann, gerät früher oder später in grosse Schwierigkeiten.

Wir leben aber auch in einer pluralistischen Gesellschaft, in der alle möglichen Modelle vorhanden sind, wie man leben kann. Ledig oder verheiratet, treu oder mit Seitensprung, religiös oder mit Kirchenaustritt, eher leistungsorientiert oder eher an Freundschaften und guten Beziehungen interessiert: Auch hier muss man wählen, und das geht nicht nur mit Jasagen, es braucht immer wieder ein Nein zu Lebensentwürfen, die einem nicht passen.

Nicht Nein sagen können hat innere Konsequenzen. Wer zu allem Ja sagt, nimmt seine Bedürfnisse nicht ernst, die eben nicht zu allem passen, was andere von uns wollen. Wer sich ständig übergeht, verliert an Selbstbewusstsein und Selbst­achtung und gefährdet am Ende seine Gesundheit. Wer nie Nein sagt, gibt zudem andern das Signal, er sei für alles zu haben – ihre Ansprüche werden weiter steigen und zu einer Überforderung führen.

Oft geht die Schwäche im Neinsagen auf ein wenig ausgelebtes Trotzalter zurück. Jasager fürchten, ein Nein könnte schreckliche Folgen haben: «Ich werde abgelehnt, ausgeschlossen, blamiere mich, verliere mein Gesicht, den Respekt, werde nicht mehr geliebt.» Meist ist die Angst diffus, und wenn man es probiert, zeigt sich, dass viel weniger oder gar nichts von dem passiert, was man befürchtet hat.

Der Weg aus der Schwäche: ein Nein riskieren und erfahren, dass keine Katastrophe eintritt. Damit gewinnt man mehr Mut für das nächste Nein.

Tipps, wenn Sie Mühe mit dem Nein haben:

  • Reagieren Sie nicht sofort, wenn jemand etwas von Ihnen will, sondern gönnen Sie sich eine Pause, um in Ruhe in sich hineinzuhören, ob ein Ja wirklich stimmt oder ob Ihr Bauch Nein sagt.

  • Freunden Sie sich mit der Idee an, dass es Leute gibt, die sich über Ihre Entscheidungen ärgern oder die Sie nicht mögen.

  • Billigen Sie auch andern das Recht zu, zu Ihnen Nein zu sagen.

  • Bedenken Sie: Das Ja von jemandem, der auch Nein sagen kann, ist mehr wert als jenes eines Dauernickers.

Buchtipp

Jürg Frick: «Was uns antreibt und bewegt. Entwicklung verstehen, begleiten und beeinflussen»; Verlag Hans Huber, 2011, 360 Seiten, Fr. 31.90

Veröffentlicht am 05. Februar 2013