Frage von Oliver A: «Mein Sohn zeigt in der Schule kaum Ehrgeiz. Wegen der Hausaufgaben gibt es ständig Streit. Was tun?» 

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin:
 

In Ihrer Frage ist Frustration spürbar. Und dahinter sehe ich Anspannung und Sorge. Sorge, dass «aus dem Jungen nichts wird» Schule Die Streber-Eltern , dass er sich die Zukunft verbaut und irgendwann ohne Beruf und Geld und Glück dasteht. Sie schauen nach links und rechts, und natürlich gibt es da Schülerinnen und Schüler, die von der ersten bis zur letzten Klasse motiviert, fleissig und erfolgreich scheinen. Aber es gibt auch viele Kinder, die irgendwann auf ihrer Laufbahn stolpern, Umwege machen und leiden.

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Ein Teil der jungen Erwachsenen beschreibt die Schulkarriere rückblickend als schmerzlich, demütigend, geprägt von Misserfolgen, Beschämung und Stress Schule Mit Stress richtig umgehen . Ihr Sohn scheint eher zu dieser Gruppe zu gehören.
 

«Etwas zu versuchen und nicht (oder nie) zu schaffen, fühlt sich für jeden von uns bitter an.»  

Christine Harzheim, Psychologin


Wenn nun ein Kind schon früh in diesen Teufelskreis gerät – Unwohlsein in der Schule, mangelnde Leistung, wachsender Druck Leistungsdruck «Die Kinder wollen alles perfekt machen» und schwindende Hoffnung –, ist natürlich auch das familiäre Umfeld betroffen. Die Eltern leiden mit, ermuntern das Kind zunächst engagiert; aber mit zunehmender Hilflosigkeit verlieren sie doch irgendwann die Geduld.

Die Angst vor den Folgen ungenügender Noten lässt sie alles daransetzen, eine Steigerung der Leistung herbeizunötigen, allerdings oft ohne Erfolg.

Kein Kind, kein Jugendlicher versagt gern. Etwas zu versuchen und nicht (oder nie) zu schaffen, fühlt sich für jeden von uns bitter an. Wenn es dann wegen ungenügender Noten enttäuschte Gesichter und Vorwürfe gibt statt Trost und Mitgefühl, erleben Kinder das als «Nachtreten».

Es liegt nicht am mangelnden Willen

Vorwürfe machen heisst ja, davon auszugehen, dass das Kind gekonnt hätte, wenn es nur gewollt hätte. Bei einer dauerhaft zähen Schulgeschichte handelt es sich aber um ein Nicht-Können, nicht um ein Nicht-Wollen.

Auch wenn das Verhalten nach aussen so wirkt, als sei der Schüler unmotiviert und faul, als berühre ihn das alles nicht: Das ist eine tragische optische Täuschung. Was oberflächlich nach «Mir doch egal» aussieht, sind seelische Selbstschutzmechanismen. Niemand kann sich immer und immer wieder aufraffen, immer wieder investieren und hoffen – und dann doch unterliegen.

Also beginnt das Kind zu resignieren. Es verarbeitet fortan die Realität nach einem depressiven Muster Depression bei Kindern Jung und schon des Lebens müde : Wenn mal etwas gut läuft und gelingt, ist es wohl Zufall. Das Versagen hingegen wird der eigenen Persönlichkeit zugeschrieben: Ich bin unfähig, ich kann das sowieso nicht. Die selbsterfüllende Prophezeiung beginnt zu wirken.

Woher kommt die Abneigung?

Wenn ein Kind nicht gern zur Schule geht, kann das unterschiedlichste Gründe haben. Vielleicht entsprechen die Abläufe und Anforderungen nicht seiner Persönlichkeit und seinen Möglichkeiten (langes Sitzen, grosse Gruppe). Vielleicht gibt es eine Dynamik in der Kindergruppe, die es beunruhigt. Oder es fühlt sich von der Lehrperson nicht wahrgenommen.

Vielleicht entspricht sein Entwicklungsstand noch nicht dem, was auf seiner Schulstufe gefordert wird (Aufmerksamkeitsspanne, Feinmotorik). Und die Dinge, in denen es seinen Klassenkameraden voraus ist (Schnelligkeit, Kraft, Fantasie) finden in der Schule zu wenig Anerkennung.

Vielleicht ist auch schlicht sein Alltag zu voll, mit Tagesschule, Mittagstisch und anderem. Verweigerung kann auch einfach heissen: Ich kann nicht mehr, es ist alles zu viel.

Wenn ein Kind nicht nur an einzelnen Tagen, sondern dauerhaft Unlust äussert, zu lernen und in die Schule zu gehen, heisst es innehalten und verstehen.

Es geht darum, nicht mit engem Blick draufloszufördern und zu drücken, sondern das Gesamtbild zu erkennen:

  • Welche Faktoren könnten eine Rolle spielen?
  • Was für Erwartungen stehen im Raum? Von uns Eltern? Vom Kind?
  • Was für Befürchtungen?
  • Wie viel Stress bringt unser Familienalltag?
  • Was könnten wir gemeinsam versuchen?
So reagieren Eltern richtig
  • Bleiben Sie dran am Thema, aber bleiben Sie entspannt.
  • Zeigen Sie Ihrem Kind, dass es nicht allein ist. Stehen Sie ihm geduldig zur Seite auf seinem Weg. 
  • Und: Machen Sie seinen Weg nicht zu Ihrem.
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