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Frauen-Rugby«Endlich kann man sich als Frau einmal raufen»

Warum sind Frauen die besseren Rugbyspieler? Zu Besuch beim Schweizer Tabellenführer.

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Holly muss vom Platz. Das T-Shirt der Spielerin des Rugby-Clubs Konstanz ist voller Blut. Die Nase eine blaurote Knolle. Gebrochen. «Nicht so schlimm», sagt sie, «nur ärgerlich.» Sagts und wird ins Spital gebracht.

Rugby ist kein Sport für Weicheier. Definitiv. Blaue Flecken, Verstauchungen und Prellungen gehören dazu. Kein Problem. «Nur Knieverletzungen sind schlimm», sagt Anuschka Buob, Captain der Heimmannschaft, des Frauenteams von GC Rugby. Buob ist eine fröhliche, grosse, dunkelblonde Frau mit Seitenscheitel. Im «richtigen» Leben arbeitet die 31-jährige Schweiz-Kanadierin als Wirtschaftsprüferin. Im «anderen» Leben trägt sie die Nummer 8 auf dem blauen GC-Leibchen, das bedeutet, sie spielt in der Offensive (siehe «Ein kleines Glossar» am Ende des Artikels), muss schnell und kräftig sein.

Am Anfang steht ein Arztzeugnis

Das Frauenteam des Grasshopper-Clubs Rugby ist in diesem ersten Match der Frühlingssaison dem Gegner RC Konstanz haushoch überlegen. 88 zu 0 lautet der Endstand. Ein guter Saisonauftakt. Ungeschlagen ist das Zürcher Team bisher, acht Spiele fehlen noch bis zum Ende der Meisterschaft. Der Meistertitel ist das erklärte Ziel.

Das «andere» Leben von Captain Anuschka Buob könnte man auch als Familienleben bezeichnen. Im Team ist man daheim, hier hat man seine Freunde, das Sozialleben spielt sich hier ab. «Rugby ist für mich der beste Stressausgleich zum Job», sagt Buob und streichelt ihre schwarze Hündin Anny, eine Strassenmischung aus dem Tierheim. Neben Beruf und Sport gebe es nicht viel in ihrem Leben. «Rugby ist mein Leben», sagt sie und lacht.

Frauen und Rugby? Das klingt seltsam. Schliesslich gilt Rugby als eine der härtesten Sportarten der Welt. Zahnschutz ist Pflicht, die Spielerinnen in der Offensive tragen meist eine Art Helmmütze, die die Ohren schützt. «So ein Ohr ist empfindlich und reisst im Gedränge schon mal ein», erklärt Trainerin Rahel Bosshard, die im Match als Nummer 10 mitgespielt hat. Die 10 ist die Dirigentin auf dem Platz, die wichtigste Spielerin im Team, die das Spiel «lesen» muss. Bosshard, 28, sagt: «Rugby ist eine Art Kampfsport im Team.» Die Szene des Frauenrugby in der Schweiz ist klein und jung. 1996 wurde das Frauenteam von GC Rugby gegründet. In der Damenliga spielen acht Teams um den Titel.

Bevor sich jemand definitiv fürs Rugbytraining anmelden darf, wird ein Arztzeugnis verlangt. Nur ganz Gesunde und Fitte können mithalten. Wieso tut man sich das an? Petra Tretter, mit 44 Jahren die älteste Spielerin, bringts auf den Punkt: «Nicht alle Mädchen lieben Rosa. Rugby ist hart, aber fair. Endlich kann man sich als Frau auch mal raufen!» Zum Teil tragen die Spielerinnen gepolsterte Unterhemden, um ihre Oberweite zu schützen.

Quelle: Christian Schnur

«Du siehst aber gar nicht so aus»

Raufen ist eigentlich das falsche Wort. Schliesslich ist alles bis ins letzte Detail geregelt. Die Bibel des Rugby, die «Gesetzessammlung des Spiels Rugby Union» des internationalen Rugbyverbands, ist 146 Seiten dick und umfasst mehr als 350 Regeln. Nichts mit «einfach draufhauen oder -dreschen». Auch wenn es für Laien manchmal so aussieht. Ein Sprichwort in Grossbritannien, dem Ursprungsland des Rugby, lautet: «Fussball ist eine von Raufbolden gespielte Gentleman-Sportart, und Rugby ist eine von Gentlemen gespielte Raufbold-Sportart.» Rahel Bosshard erzählt, dass Freunde manchmal schon erstaunt guckten, wenn sie sage, dass sie Rugby spiele. Oft komme als Reaktion: «Du siehst aber gar nicht so aus.» Die wenigsten Frauen im Zürcher Team sind gedrungene Trumme, die meisten sind durchtrainierte, sportliche Typen. Langhaarig fast alle.

Kurz geschoren ist nur der einzige Mann auf dem Platz, der Schiedsrichter. Ein schmächtiger Bursche in Gelb. Aber seine Autorität wird in keiner Weise angegriffen. Was er sagt, gilt. «Nicht wie im Fussball», lästert Petra Tretter. Die 44-jährige KV-Angestellte mit Rossschwanz weiss, wovon sie spricht. Schliesslich hat sie jahrelang Fussball gespielt, bevor sie zum Rugby wechselte. Fussballer sind die Lieblingsfeinde aller Rugbyspieler. Mit wem man auch spricht: Kein einziges Mal fehlt ein Seitenhieb auf die «eitlen Fussballstars», auf die «Hooligans». «Rugby wird oft auf Härte und Gerangel reduziert. Dabei ist es ein sehr anspruchsvoller Teamsport mit viel Strategie und Taktik», sagt Simone Haymoz, die Nummer 9. Die 24-jährige Studentin der Politikwissenschaften sagt, dass es im Rugby kaum grobe Fouls gebe, es sei ein fairer Sport, nicht wie Fussball. Simones Verletzungsliste ist lang: gebrochenes Handgelenk, gerissene Bänder, verstauchter Nacken, Gehirnerschütterung. «Kein Thema, es ist halt ein Kontaktsport.»

Im Jupe kann sie sich nicht zeigen

Begeistert vom Körperkontakt ist auch die grosse, blonde Lea Strohm. Mit ihren 17 Jahren eins der Küken im Team. Im Austauschjahr in Kanada kam die Gymnasiastin zum Rugby. Und ist dem Sport nach der Rückkehr in die Schweiz treu geblieben. «Unser Team ist meine Familie.» Lea redet unheimlich schnell, eine «Züri-Schnure». Sie spiele immer mit Mütze, heute war sie die Nummer 4, eine Stürmerin, da muss man im Gedränge den Kopf reinstecken, «ohne Kappe viel zu gefährlich». Sie zeigt auf ihre nackten Beine. Der Saisonbeginn sei das Ende der Jupe-Zeit. «Mit all den blauen Flecken kann ich meine Beine dann nicht mehr öffentlich zeigen.» Der Preis fürs «andere» Leben.

Für Barbara Frauenfeld aus Heidelberg ist das «andere Leben» eines, das sie schon seit Kindestagen kennt. Völlig normal. Die 40-jährige Marketingmanagerin stammt aus einer Rugbyfamilie. Grossvater, Vater, Bruder, Cousin: alle gestandene Rugbyspieler. Umso erstaunlicher, dass der Vater der Tochter verbot, in seine Fussstapfen zu treten. Rugby sei viel zu gefährlich für eine Frau, meinte er kategorisch.

Erst im reifen Alter von 26 Jahren begann Barbara Frauenfeld dann trotzdem mit «ihrem Sport». Und wurde rasch eine der Besten. Sie spielte in Deutschland jahrelang in der Nationalmannschaft und nahm zweimal an Weltmeisterschaften teil. Seit fünf Jahren lebt und arbeitet sie in Zürich. Und spielt im Frauenteam von GC Rugby und in der Schweizer Nationalmannschaft. Mittlerweile sei ihr Vater der grösste Fan des Frauenrugby, erzählt sie lachend. Wenn sie lacht, vibrieren all ihre Sommersprossen. Und sie lacht viel. «Frauen spielen viel schöner Rugby, ihre Technik ist meist besser, weil sie nicht so kräftig sind wie die Männer.» Sie müssten dieses körperliche Defizit mit Schnelligkeit, besserem Ballgefühl und Strategie wettmachen.

Am Ende heisst es doch: Bier gewinnt

Wer immer noch meint, Rugby sei nur doofes Ineinander-verkeilt-Sein und Rumbalgen, der soll die Spieldefinition von Captain Anuschka Buob verinnerlichen: «Rugby ist ein wenig wie ein Schachspiel: Jeder Spieler hat eine Rolle, und das Spiel funktioniert nur, wenn jeder seine Position verteidigt. Ein Denksport.» Noch deutlicher: «You can’t be stupid when playing rugby» (Du kannst nicht dumm sein, wenn du Rugby spielst).

Zweifel an der rein edlen Gesinnung kommen nur auf, wenn man sich das Ritual nach jedem Match anschaut. Jede Mannschaft wählt aus dem gegnerischen Team die beste Spielerin. Dann darf jedes Team auch noch selber aus der eigenen Mannschaft jemanden nominieren. Die Auserwählten treten dann vor und müssen auf Kommando während eines Trinklieds die Becher auf einmal leeren. Bei diesem einen Bier bleibt es nicht. Bier und Rugby gehören untrennbar zusammen. Doch noch eine Gemeinsamkeit mit Fussball.

Ziel des Spiels ist es, den ellipsenförmigen Ball am Gegner vorbeizutragen oder vorbeizukicken und so Punkte zu erzielen.

Forward (Stürmer, Offensive): Ein Rugby-Union-Team besteht aus acht «forwards» (nummeriert von 1 bis 8) und sieben «backs» (Verteidiger, Defensive), nummeriert von 9 bis 15.

Try (Versuch, «Goal»): Wenn es gelingt, den Ball im gegnerischen Malfeld auf dem Boden abzulegen, gibts fünf Punkte.

Conversion (Erhöhung, eigentlich Umwandlung): Hat ein Team einen «try» erzielt, darf es versuchen, den Ball durch die hohen Pfosten zu kicken und damit das
Resultat um zwei Punkte zu erhöhen.

Line-out (Gasse von der Seitenlinie): Ein­wurf, wenn der Ball ins Aus ging, bei dem sich die Mitspieler hochheben.

Scrum (Gedränge): Formation, bei der acht Spieler jedes Teams gegeneinander­stossen und um den Ballbesitz kämpfen.

Tackling (Umklammern): Gegner durch Festhalten stoppen und zu Fall bringen.

Veröffentlicht am 20. April 2011