Sie hatte sieben Tage die Woche geschuftet, von morgens früh bis abends spät, jahrelang. Doch nach der Scheidung musste sie mit den drei Kindern vom Hof in eine einfache Wohnung ziehen. Sie hatte keinen Job, die Alimente reichten nicht. Sie bekam kein Arbeitslosengeld, keine Sozialhilfe. «Ich habe oft geweint, weil ich nicht wusste, wie ich durchkommen sollte», sagt Andrea Joss. Nur dank Gelegenheitsjobs schaffte sie es einigermassen.

Dabei hatte der Hof in Magden im aargauischen Fricktal floriert. Auf dem 37-Hektar-Betrieb ihres Mannes baute sie eine Bäckerei auf, belieferte Läden und machte Partyservice für Anlässe. In Spitzenzeiten beschäftigte sie 13 Angestellte. Doch die ganzen Einnahmen wurden in den Hof investiert. Lohn bezog Andrea Joss nicht, in ihre Vorsorge zahlte sie keinen Rappen ein. Das wurde ihr später zum Verhängnis.

Was die heute 49-Jährige erlebte, machen viele Bäuerinnen durch: Eine Scheidung trifft sie brutal. Den meisten wird erst dann bewusst, wie schlecht sie finanziell und sozialrechtlich gestellt sind.

Überall auf dem Minimum

70 Prozent der Bäuerinnen arbeiten ohne Lohn – total sind das rund 30'000 Frauen. Das zeigen Zahlen des Bäuerinnen- und Landfrauenverbands. Die Folge davon: Die Leistungen der Sozialversicherungen sind schlecht, die Frauen haben kein Anrecht auf Mutterschaftsversicherung, eine private Vorsorge existiert kaum, bei der AHV kommen sie nur auf ein Minimum.

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Solange die Frau mit Mann und Hof verbunden bleibt, ist das kein Problem. Bauern bleiben traditionellerweise nach der Betriebsübergabe auf dem Hof, wo sie meist wohnen können, ohne Miete zu zahlen. Die Lebenshaltungskosten sind tief, viele kommen auch mit einer geringen Rente durch. Doch wenn etwas schiefgeht, wird es für die Frauen sehr schwierig.

Das erlebte auch Anna Tobler* (Name geändert). Nach der Hochzeit gab sie ihren Beruf auf und baute einen Hofladen auf. 2003 trennte sie sich von ihrem Mann und zog mit den fünf Kindern weg. Danach hatte sie zu kämpfen. Die Alimente waren ganz knapp. Mit einem Servicejob in einem Restaurant kam sie über die Runden. «Eine bäuerliche Scheidung geht tief», sagt die Ostschweizerin. «Du verlierst alles: dein Zuhause, deinen Beruf, dein Erspartes.» Auch Tobler hatte ohne Lohn gearbeitet und alle Ersparnisse inklusive Vorsorgegeldern in den Hof gesteckt. «Dieses Geld war grösstenteils weg. Nach der Scheidung erhielt ich nur einen ganz kleinen Teil zurück.»

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30'000 Bäuerinnen in der Schweiz arbeiten ohne Lohn.

Anna Tobler machte eine Zweit­ausbildung zur Sozialarbeiterin und arbeitet heute in einer psychiatrischen Ambulanz. Die Kinder sind erwachsen. In den letzten Jahren konnte Anna Tobler eine kleine Vorsorge aufbauen. Doch ihre AHV wird minimal sein. Irgendwie werde es schon gehen im Alter, sagt die 60-Jährige. Sie kenne Frauen, die sich nicht zu scheiden trauten, aus Angst vor den Folgen. «Man geht nicht freiwillig als Bäuerin.»

Sozialhilfe gab es nicht

Auch Andrea Joss bezahlte ihren Preis. Nach der Scheidung konnte sie nicht aufs RAV, weil sie als Bäuerin nicht angestellt war. Auch Sozialhilfe bekam sie nicht, weil sie buchhalterisch gesehen ein Darlehen im Landwirtschaftsbetrieb hatte, das ihr Mann aber nicht zurückzahlen konnte. Nach harten ersten ­Jahren absolvierte sie Aus­bildungen im Treuhand­bereich und als Mediatorin.

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Heute arbeitet Andrea Joss in Teilzeit als Mediatorin in der Landwirtschaft. Sie kennt die Nöte von Bäuerinnen und Bauern. Bei einer Scheidung komme zu den existenziellen Sorgen sozialer Druck hinzu: «Eine Bauersfrau geht nicht!» – diese Meinung sei im ländlich-konservativen Milieu noch immer weitverbreitet. «Auch ich habe mich nach der Trennung eine Zeit lang nicht mehr im Dorf sehen lassen können.»

Trotzdem: Die Scheidungsraten bei Bäuerinnen und Bauern sind hoch. Sie liegen bei rund 40 Prozent, heisst es beim Bäuerinnenverband. Zudem sind Frauen in der Landwirtschaft bei einer Scheidung mit 46 Jahren deutlich älter als der Schnitt. Und sie kämpfen deutlich stärker mit dem Verlust des Umfelds als Männer, ergab eine Umfrage der Agrarhochschule HAFL.

Die unsichtbare Frau

Ein Problem für viele Frauen ist das bäuerliche Recht. Es ist noch immer patriarchalisch geprägt. Traditionellerweise ist der Mann Alleinbesitzer des Hofs. Er gilt als Selbständiger, die Frau nur als erwerbstätig, wenn sie Lohn bezieht. Das Einkommen geht allein an den Mann. Die Ehefrau ist lediglich über die Beiträge des Mannes bei der AHV versichert – oft auf dem ­Minimum.

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«Die heutigen Bäuerinnen sind anders. Sie wollen Sozialversicherungsschutz und Lohn.»

Andrea Joss, Bäuerin

Bäuerinnen- und Frauenorganisa­tionen kämpfen seit Jahren für eine bessere Stellung der Frauen. Bisher allerdings mit kleinem Erfolg. Der Bundesrat wollte zwar im Rahmen der neuen Agrarpolitik AP22+ ins Gesetz schreiben, dass die Ehefrau einen persönlichen Sozialversicherungsschutz haben muss. Wenn nicht, sollen die Direktzahlungen gekürzt werden. Weitergehende Forderungen, etwa die Verpflichtung zum Lohn für die Frauen, bekämpfte der Bauernverband jedoch.

Der Bäuerinnenverband unterstützt den Vorschlag des Bundesrats als «ersten Schritt und Minimallösung». Komplett gelöst sei das Problem der Ehepartner damit aber nicht. Doch selbst diese Minimallösung hat es in Bern schwer. In den letzten Wochen gab es Störsignale: Nach dem Willen von Bauernverband und bürgerlichen Parlamentariern soll der Entwurf der AP22+ zurückgewiesen werden. Wenn sie durchkommen, wird sich die minimale rechtliche Besserstellung der Bäuerinnen um Jahre verzögern.

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Allerdings bewege sich etwas, auch auf Druck der jüngeren Generation. «Die heutigen Bäuerinnen sind anders. Sie wollen Sozialversicherungsschutz und Lohn», sagt auch Andrea Joss. Aber die bezahlten Löhne seien sehr tief – von 200 bis zu 2500 Franken im Monat. Das Problem sei das geringe bäuerliche Einkommen. Tatsächlich gibt es Tausende Bauernbetriebe mit einem Nettoeinkommen von unter 50'000 Franken pro Jahr. Da sei es schwierig, einen zusätzlichen Lohn auszuzahlen. Joss weiss deshalb: Auch viele Männer geraten nach einer Scheidung schnell in wirtschaftliche Nöte.

Heute ist sie wieder Bäuerin

Andrea Joss würde heute vieles ­anders machen. So würde sie sich das Einkommen aus ihrer Hofbäckerei auf das eigene Konto gutschreiben lassen und in ihre Vorsorge investieren.

Andrea Joss’ Geschichte nahm eine unerwartete Wende. Ihr Ex-Mann starb. Jetzt ist sie zurück auf dem Hof im Fricktal und führt als Pächterin den Betrieb, der nun ihren Kindern gehört. Als Bäuerin ist sie glücklich, die Landwirtschaft ­habe ihr gefehlt. «Mir sind in den Jahren ohne Hof manchmal die Tränen gekommen, wenn ich eine Kuhherde gesehen habe», sagt sie. «Die Landwirtschaft ist auch rein emotional eine spezielle Branche.»

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