Partnerschaften zwischen Mann und Frau gehen immer öfter nach immer kürzerer Zeit in die Brüche. Unerschütterlich ist dagegen die Begleitung eines Haustieres. Dessen Treue reicht in der Regel bis zum Tod.

Nach zwölf gemeinsamen Jahren – der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Hundes – kann die Trennung einen Menschen erheblich erschüttern. Wie weiter?

Laut der «Verordnung über die Entsorgung tierischer Abfälle» dürfen nur Tiere bis zu zehn Kilogramm Körpergewicht auf eigenem Grund und Boden vergraben werden. Alle anderen kommen in die Zentralsammelstelle für Kadaverentsorgung – eine zusätzliche Belastung für viele Halter.

Esther Sager ist Aussendienstmitarbeiterin des Tierkrematoriums Seon. «Um ein Tier zu trauern, ist in unserer Gesellschaft tabuisiert», sagt die gelernte Krankenschwester. «Die am häufigsten gestellte Frage lautet, ob es normal sei, drei, vier Wochen nach dem Tod eines Tieres immer noch zu trauern. Die Menschen wollen offenbar eine Bestätigung dafür, dass ihre Reaktion nicht aus dem Rahmen fällt. Ein Trauerprozess kann lange dauern; nach leichteren Phasen kommt nicht selten ein Rückfall in den ersten Schmerz.»

Tiere lieben bedingungslos
Trauer ist das eine, sie vor der Umwelt verbergen zu müssen das andere. Sager: «Je kleiner das tote Tier ist, umso mehr entschuldigen sich die Halter für ihre Tränen. Es ist weder meine noch irgendeines andern Aufgabe, zu entscheiden, ob die Traurigkeit angemessen sei oder nicht.» Es sei einfach eine Tatsache: Erwachsene Menschen können wegen eines Hamsters oder Kanarienvogels Tränen vergiessen. Wenn sich die Umgebung darüber lustig mache, werde alles noch schlimmer: «Von starken Gefühlen sind nicht nur vereinsamte Menschen betroffen, sondern auch Tierhalter mit einem sogenannt intakten Umfeld.»

Einmalig am Tier ist die bedingungslose Liebe – man kann auch das Wort «Abhängigkeit» wählen. Für verwitwete, ältere Menschen bedeutet ein Haustier oft eine wichtige Aufgabe in ihrem Leben. Es gibt ihnen einen Rhythmus und eine Tagesstruktur. Der Todesfall kann in der Tat eine Katastrophe auslösen. Viele schrecken davor zurück, sich ein neues Tier anzuschaffen, empfinden dies innerlich als Treuebruch. Esther Sager: «Ein schlechtes Gewissen hat noch nie jemanden wieder lebendig gemacht.»

Ein schlechtes Gewissen plagte die Finanzverwalterin Esther Kläfiger, 38. «Fast die gesamte Freizeit» hatte sie mit Lumpi, ihrem Schäfer, verbracht. «So viele Leute lernte ich beim Spazieren im Dorf durch ihn kennen.» Als Lumpi 15 war, rief eine Diskushernie Lähmungen hervor. «Es war eine Qual, ihm zuzuschauen. Er konnte kaum mehr aufstehen. Und wenn es ihm gelang, brach er gleich wieder ein.» Auf Rat des Arztes entschied sich Kläfiger, das Tier zu erlösen. «Er wedelte mit dem Schwanz, als ich mit ihm in die Tierklinik fuhr. Er war überzeugt, er käme wieder raus. Er vertraute mir unendlich. Und meine Selbstvorwürfe hörten fast nicht auf.»

«Viele Halter sind überfordert mit dem Entscheid, ob das Tier nun sterben soll oder nicht», sagt die Tierärztin Gertrud Hartmeier. «Ein klarer ärztlicher Rat erleichtert vieles. Schwer kranke Tiere, die schlecht riechen, inkontinent sind, sich kaum bewegen können, spüren sehr wohl, dass ihre Nähe nicht mehr willkommen ist, und leiden deswegen zusätzlich.»

Eine medizinische Beurteilung anerkennt verschiedene Gründe für aktive Sterbehilfe: ein schwerer Unfall; eine unheilbare, chronische Krankheit; anhaltende Schmerzzustände; altersbedingte Probleme; sehr hohe Tierarztkosten; Aggression. Gertrud Hartmeier: «Ein Tier hat keine Angst vor dem Tod. Ich bin überzeugt, dass es spürt, wann es so weit ist. Es ist wichtig, genau hinzusehen: Was sagt mir das Tier? Oft ist es nämlich in seinen Augen zu lesen: ‹Ich mag nicht mehr.›»

Eine besonders enge Beziehung zu Tieren haben Kinder. Auch deswegen rät die Tierärztin davon ab, dem Kind zu verschweigen, dass das Tier eingeschläfert wurde, und zu erklären, dass es entlaufen sei. «Ein Kind kann einem dies ein Leben lang übel nehmen.» Im Übrigen sei das Wort «einschläfern» für die Kleineren nicht ganz gefahrlos: «Bei vielen löst es Angst vor dem Zu-Bett-Gehen aus.» Besser ist es, den Kleinen konkret zu erklären, was mit dem Tier passiert.

Ob die Kinder dabei sein sollen, wenn die entscheidende Spritze gesetzt wird, muss individuell entschieden werden. Für sie kann der Abschied ganz ohne Komplikationen verlaufen. Tierärztin Gertrud Hartmeier: «Ich habe schon erlebt, dass die Erwachsenen im Praxisraum weinten, während die Kleinen im Wartezimmer ‹Sterben› spielten.»

Weitere Infos

Buchtipp

Das Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung hat ein Büchlein zur Trauer um das Tier herausgebracht: «Baffy» richtet sich an Kinder, enthält ein Beiblatt für Eltern und kostet 10 Franken. Erhältlich bei www.iemt.ch

Tierkrematorien und Merkblatt
Beim Schweizer Tierschutz STS finden Sie ein Merkblatt zur «Entsorgung» toter Tiere und die Adressen der Schweizer Tierkrematorien: www.tierschutz.com

Den Schmerz nicht verdängen

  • Genau wie beim Verlust eines Menschen durchlaufen die Hinterbliebenen auch beim Tod eines Tieres verschiedene Phasen. Vom ersten Schrecken über Schuldzuweisungen und Aggression bis zur Bejahung – diesem Prozess der Verarbeitung können Sie nicht ausweichen.

  • Es kann durchaus hilfreich sein, dem verstorbenen Tier einen Abschiedsbrief zu schreiben: Rituale erleichtern eine Trennung.

  • Einige Tierkrematorien fertigen auf Ihren besonderen Wunsch zur Erinnerung einen Pfotenabdruck vom verstorbenen Tier an.

  • Unter www.tierkremation.ch können Sie einen persönlichen Nachruf auf Ihr Tier hinterlegen.

  • Überlegen Sie sich gut, ob Sie Ihr Tier zu Hause oder in der Klinik einschläfern lassen wollen. In der Regel bleibt beim Tod in den eigenen Räumen die schwierige Erinnerung noch länger haften.
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