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Psychologie«Jeder zweite Jugendliche hat Suizidgedanken»

Die Vorstellung, sich das Leben zu nehmen, ist bei Teenagern normal, sagt die Therapeutin Karin Barta. Deshalb kann es fatal sein, wenn in der Familie nicht über das Thema Suizid gesprochen wird.

Die Systemtherapeutin Karin Barta hat langjährige Erfahrung in der Begleitung von Angehörigen von Suizidopfern. Sie praktiziert in Zürich und in Grabs SG.
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Beobachter: Haben Jugendliche häufig Suizidgedanken?
Karin Barta: Jugendliche befassen sich mit der Endlichkeit des Lebens, denken ans Sterben, an den Tod – und auch daran, was andere denken würden, wenn man nicht mehr wäre. Deshalb hat jeder zweite Jugendliche Suizidgedanken. Das ist ein Stück weit ganz normal und gehört zur natürlichen Entwicklung.

Beobachter: Suizidgedanken sind normal?
Barta: Ja. Trotzdem sollten Eltern mit den Jugendlichen darüber reden – auch wenn Suizid ein Thema ist, das den Eltern Angst macht. Die Jugendlichen fasziniert es, und deshalb sollte es nicht zum Tabu werden.

Beobachter: Wenn Suizidgedanken normal sind: Was bietet Schutz? Was verhindert die Umsetzung in die Tat?
Barta: Offenheit bietet Schutz. Ich empfehle, dass Eltern ihren Kindern erzählen, dass sie auch schon Suizidgedanken hatten, weshalb es zum Glück nur bei den Gedanken blieb und wie die Probleme gelöst wurden. Man muss das Thema aber nicht krampfhaft angehen: Gute Gelegenheiten bieten sich, wenn in Medien oder in Filmen das Thema Suizid vorkommt. Dann kann die Frage eingeflochten werden, ob die Kinder auch schon daran dachten, sich das Leben zu nehmen.

Beobachter: Viele haben genau davor Angst: Wenn das Thema auf dem Tisch liegt, fällt die Hemmschwelle, sich etwas anzutun.
Barta: Dann würde jeder Dritte nicht mehr leben! Es bringt sich niemand um, weil man darüber redet. Aber man bringt sich vielleicht um, wenn man mit seinen Gedanken allein bleibt und die Not immer tiefer wird.

Beobachter: Welche Not treibt denn Jugendliche in den Tod?
Barta: Es spielen verschiedene Faktoren mit: Schulprobleme, Druck bei der Lehrstellensuche, Minderwertigkeitsgefühle, Liebeskummer, Unsicherheit, Einsamkeit und Konflikte im Elternhaus.

Beobachter: Gibt es Anzeichen, wenn Kinder und Jugendliche suizidal werden?
Barta: Dass sich jemand isoliert, zurückzieht und sich nicht mehr mitteilt, können Symptome sein. Aber das kann man nie isoliert anschauen. Meist fällt auch die Leistung in der Schule ab, und Konzentrationsstörungen treten auf. Gleichzeitig kann sich Suizidalität ganz anders äussern: Ein Jugendlicher, der immer unordentlich war, räumt plötzlich sein Zimmer auf und erledigt alles zur allgemeinen Zufriedenheit – weil er vor dem Suizid noch alles in Ordnung bringen will.

Beobachter: Was sollen besorgte Eltern bei solchen Auffälligkeiten tun?
Barta: Nicht um den Brei herumreden, sondern ihrer Angst und Sorge Ausdruck geben und fragen: «Hast du Suizidgedanken?»

Beobachter: Und dann?
Barta: Das Problem ist nach einem Gespräch nicht aus der Welt geschafft. Man muss seine Gefühle, das Kind und die Thematik ernst nehmen. Und nicht zögern, Hilfe zu holen.

Veröffentlicht am 19. Januar 2009