Die kleine Sanna findet Mama spannender: Immer wieder blickt sie nach oben – so, als wolle sie wissen, was Mama von den zwei Barbapapa-ähnlichen Wesen hält, die sich da im Fernsehen gegenseitig schubsen. «Sanna», flötet die Forscherin Miriam Dittmar durchs Mikrophon, und dann, etwas kräftiger und von einer Rassel begleitet: «Sanna, hier!» Sanna, 16 Monate alt, sitzt mit der Mama in einer dunklen Kabine und sollte auf den Monitor schauen. Psychologin Dittmar ist nebenan, beobachtet die zwei auf einem Bildschirm und versucht Sannas Augen­bewegungen zu filmen.

Im Babylabor der Universität Zürich untersuchen Forscherinnen, wie sich kleine Kinder Sprache aneignen. Noch weiss man nicht alles darüber, was im kindlichen Hirn geschieht, wenn aus Babygebrabbel plötzlich erkennbare Laute werden.

Sanna beobachtet, wie die grüne rundliche Figur Anlauf nimmt und die gelbe wegstösst. Aber eigentlich hat das Mädchen keine Lust stillzusitzen. Vielmehr interessiert sie der braune Vorhang, der die Testkabine vom Rest des Raums abtrennt.

Wer wissenschaftlich mit Babys arbeitet, braucht Geduld. Hunderte von Kleinkindern sassen bereits in der Kabine und haben sich im Dienste der Forschung Kurzfilme angeschaut. Die Tests sollen zeigen, ob Sanna erst verstehen muss, dass ein Stoss von Figur A die Figur B zur Seite schiebt, bevor sie Worte dafür finden kann. Oder ob der Satz «Anna schubst Tim» Kleinkindern ermöglicht, den beschriebenen Vorgang besser zu verstehen. «Mich interessiert, ob Sprache den Kindern zu begreifen hilft, dass etwas kausal zusammenhängt – oder ob es eher umgekehrt ist», sagt Entwicklungspsychologin Dittmar.

Babys: Universalgenies in Sachen Sprache

Bis ein Kleinkind seine ersten Worte spricht, hat es bereits Erstaunliches geleistet. Angefangen hat Sanna damit, als sie noch im Bauch ihrer Mutter war. Im letzten Drittel der Schwangerschaft hören Babys. Und sie nehmen die Stimme der Mutter wahr, auf die sie nach der Geburt am intensivsten ­reagieren. Weil die Geräusche durch die Bauchdecke gedämpft werden, hört das Ungeborene vor allem Melodie und Rhythmus der Muttersprache, was später beim Sprechenlernen eine wichtige Rolle spielt.

Der Mensch ist fähig, mit Mund, Zunge und Stimme rund 800 Laute zu bilden. Nicht jede Sprache kennt gleich viele davon: Im Hoch- und im Schweizerdeutschen sind es lediglich 40. Babys sind dabei Universalgenies in Sachen Sprache. Egal, ob sie in Bern, Berlin, Beirut oder Bujumbura zur Welt kommen: Die Fähigkeit, die Laute der Muttersprache wahrzunehmen, ist den Kleinen in die Wiege gelegt. Wie die klingt, spielt dabei noch keine Rolle.

Trotzdem zeigen bereits Neugeborene eine Vorliebe für Sprachen, deren Rhythmus jenem ihrer Muttersprache ähnelt. Das hat die Psychologin Janet Werker von der Universität British Columbia heraus­gefunden. Weil man Babys weder befragen noch ihnen klare Aufgaben stellen kann, haben die Forscher verschiedene Methoden entwickelt, um den versteckten Fähigkeiten der Kleinsten auf die Spur zu kommen. Eine beliebte Methode ist die «Headturn Preference Method», mit der auch Psychologin Werker arbeitete. Man spielt den Babys Wörter vor und zeichnet ihre Kopfbewegungen auf. Dreht das Kind den Kopf zum Geräusch, ist es aufmerksam, schaut es wieder weg, ist etwas anderes ­interessanter. Ein beliebtes Hilfsmittel ist auch ein speziell präparierter Schnuller – je heftiger das Baby saugt, umso interessierter ist es.

Man meint, Babys verbrächten ihre Tage damit, zu schreien, zu essen oder die Windeln vollzumachen – doch währenddessen leistet ihr Sprachzentrum Enormes: So beginnen sie etwa den konstanten Wortschwall, der an ihre Ohren dringt, in seine Einzelteile zu zerlegen. Etwas, was Erwachsene beim Hören einer fremden Sprache kaum schaffen.

Wenn Sannas Mama sagt: «Sanna, komm, wir schauen uns einen Film an», dann klingt das für das kleine Mädchen eher wie «Sannakommwirschaununsnenfilman». Wortabstände existieren nur auf dem Papier – oder wenn wir kurz Luft holen oder mit einem «Äh» nach dem nächsten Wort suchen. Die Psycholinguistin ­Anne Cutler hat am Babylabor im niederländischen Nimwegen herausgefunden, dass nur gerade neun Prozent der gesprochenen Sprache klar erkennbare einzelne Wörter sind – der Rest ist ein einziger Bandwurm an Lauten. Doch wie schaffen es die Winzlinge da, überhaupt etwas zu lernen? Die Babys behelfen sich mit einem Trick. Sie orientieren sich daran, was sie bereits im Mutterleib wahrnahmen und jetzt immer wieder hören: den besonderen Rhythmus ihrer Muttersprache.

Am Babylabor der Universität Potsdam untersuchte Psycholinguistin Babara Höhle, wie sechs Monate alte Kinder auf unterschiedliche Betonungen reagieren. Sie spielte den Kleinen sinnlose Lautfolgen vor, die entweder auf der ersten oder der zweiten Silbe betont waren. Dabei stellte sie fest, dass deutschsprachige Kinder weitaus schneller und deutlicher auf jene Wortfolgen reagierten, die jeweils auf der ersten Silbe betont waren – weil dieser Sprachrhythmus ihnen aus ihrer Muttersprache vertraut ist. Nimmt man im Deutschen an, dass eine betonte Silbe einen Wortanfang markiert, liegt man in ungefähr 90 Prozent der Fälle richtig. Deshalb ziehen die kleinen Sprachstudenten den Schluss: Aha, Mama betont etwas, da hat wohl ein neues Wort angefangen.

Das Babylabor am Psychologischen Institut der Universität Zürich gibt es seit vier Jahren. Die Forscherinnen führen hier verschiedene Studien zur Entwicklung kleiner Kinder durch. Miriam Dittmar konzentriert sich im Moment auf das zweite Lebensjahr, in dem die Wortproduktion losgeht. Zwischen 12 und 18 Monaten sprechen die meisten Kinder die ersten Wörter wie ­«Mama», «Papa» oder «Auto». Ausserdem fangen sie an, Geräusche wie «brummbrumm», «muh» oder «miau» nachzuahmen und damit das Auto, die Kuh oder die Katze zu bezeichnen.

Pause im Forschungslabor: Zwischendurch dürfen die kleinen Studienobjekte auch einfach mal nur spielen.

Quelle: Saskja Rosset

Von «dadada» zu «da is Puppe»

Zwei Stunden nach Sanna sind die Zwillinge Amélie und Elina an der Reihe. Die beiden sind ebenfalls 16 Monate alt. Amélie sitzt still auf Mamas Schoss, bekommt ­grosse Augen, als sie die zwei Figuren auf dem Monitor beobachtet. Zu gerne wüsste man, was in dem kleinen Kopf vor sich geht, während Amélie sieht, wie Figur eins Figur zwei beinahe aus dem Bild stösst. Um diese Frage wenigstens ansatzweise zu beantworten, vermisst Dittmar Amélies Augenbewegungen. Anschliessend errechnet sie, wo Amélie wie lange hingeschaut hat: «Ich möchte wissen, ob sie eine der beiden Figuren deutlich länger anschaut.» Daraus schliesst Dittmar, dass Amélie verstanden hat, dass mit den beiden Figuren etwas passiert und sich eine Handlung aus Ursache und Wirkung zwischen ihnen abspielt.

Dittmars Forschung ist nur ein kleines Puzzleteil im grossen Rätsel Spracherwerb. Haben die Babys die Sprache erst mal in einzelne Teile seziert – damit sind sie im ersten Lebenshalbjahr beschäftigt –, konzentrieren sie sich mehr auf die einzelnen Laute. Im Laufe des ersten Jahres verlieren sie die universelle Fähigkeit, alle Laute gleich zu erkennen, und konzentrieren sich auf ihre Muttersprache. Sie lernen, indem sie verlernen.

«Ein deutschsprachiges Kind lernt, dass es einen Unterschied macht, ob man ‹leise› oder ‹Reise› sagt», erklärt Sprachforscherin Mona Pohl von der Universität Konstanz. «Im Japanischen dagegen gibt es zwischen L und R keinen Bedeutungsunterschied, weshalb die kleinen Japaner diesen Lautkontrast zu ignorieren beginnen.»

Im Alter von sechs bis zwölf Monaten fängt das Baby selbst an, Sprache zu produzieren. Diese Fähigkeiten übt es in scheinbar sinnlosen Silbenfolgen wie «dadada» oder «bababa». Doch schon das Gebrabbel zeigt Merkmale der Muttersprache: Es folgt jenem Rhythmus und jener Melodie, die die Kinder schon vor ihrer ­Geburt als Klangteppich begleitet haben.

Noch vor einigen Jahrzehnten trauten Wissenschaftler den Babys kaum etwas zu. Das Pädagogen-Ehepaar William und Clara Stern leistete Anfang des 20. Jahrhunderts Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Das deutsch-jüdische Paar protokollierte von 1900 bis 1918 ausführlich, wie seine drei Kinder sprechen lernten, und schrieb drei Bücher darüber, die zu Standardwerken wurden. Die Kinder, unter ihnen der Phi­losoph Günther Anders, erzählten später, sie hätten von der Forschung ihrer Eltern kaum etwas gemerkt – daher gelten die Tagebücher der Sterns als unvoreingenommenes und authentisches Quellenmaterial.

An der US-Universität Carnegie Mellon haben Forscher über die Jahre die umfassende Datenbank Childes aufgebaut. In ihr sind zahlreiche Transkripte von Kinder­gesprächen gesammelt, darunter auch die ersten Sprechversuche der drei kleinen Sterns.

Bereits mit 14 Monaten soll Günther Anders Sätze wie «da is puppe» gesagt ­haben – er war damit sehr früh dran. Im Durchschnitt fangen Kinder erst um den zweiten Geburtstag herum damit an, kurze Sätze zu bilden.

Figuren und deren Handlungen erkennen – braucht es dafür die Sprache? Weil sie mitgeholfen haben, den Spracherwerb zu erforschen, erhielten die Zwillinge Amélie (oben) und Elina (unten) ein Diplom der Universität Zürich.

Quelle: Saskja Rosset

Von Menschen lernt man, vom Tonband nicht

Schon die ersten Versuche folgen dabei den Grammatikvorgaben der Muttersprache. Ein deutschsprachiges Kleinkind sagt eher «Auto da runterfahren» als «runterfahren Auto da». «Bevor sie selbst kom­plexe Sätze bilden, haben Kinder bereits eine Menge über die Struktur ihrer Muttersprache gelernt», sagt Mona Pohl von der Uni Konstanz. So habe man gezeigt, dass deutsch- und englischsprachige Kinder im Alter von zwei Jahren unterschiedliche Antworten auf die Frage «Was machst du?» geben. Der englische Junge sagt «eating ice cream», setzt das Verb vor das Objekt, das deutsche Mädchen sagt «Eis essen», setzt also das Objekt wie im Deutschen richtig vor das Verb.

Klar ist, dass Kinder nur sprechen lernen, wenn man mit ihnen spricht. Warum das aber nur funktioniert, wenn dies ein Mensch aus Fleisch und Blut tut, leuchtet zwar jedem ein, genau erklären können es die Forscher allerdings noch nicht. In Versuchen an der Universität Seattle fand man heraus, dass englischsprachige Babys ihre Sensibilität für chinesische Laute auch im zweiten Lebenshalbjahr behielten, wenn jemand regelmässig mit ihnen Chinesisch sprach. Hörten sie allerdings chinesische Tonaufnahmen oder schauten chinesisches Fernsehen, blieb dieser Effekt aus. Das Sprachlernzentrum wird nur vom direkten sozialen Austausch angestossen.

Das scheint auch die kleine Sanna zu wissen. Während des Tests im Babylabor versucht sie immer wieder, ihre Mutter, die eigentlich nichts sagen darf, ins Geschehen miteinzubeziehen. «Sie ist sehr sozial», sagt Miriam Dittmar über ihre kleine Probandin. Diese bringt damit eine der wichtigsten Voraussetzungen mit, um erfolgreich sprechen zu lernen.

Weitere Informationen zum Babylabor finden Sie auf der Webseite www.uzh.ch/...