«Es wäre schlimm», sagt Alice, «wenn Marietta plötzlich eine andere Freundin hätte und kaum noch mit mir reden würde.» Die Neunjährige schaut kurz zu ihrer besten Freundin hinüber. Die nickt und sagt: «Das fände ich auch schrecklich.» Die beiden gehen zusammen in Zürich in die dritte Klasse und kennen sich schon vom Kindergarten.

Gute Freunde braucht jeder. Kinder ganz besonders. Bereits Babys heben aufmerksam den Kopf, wenn sie andere Babys hören. Bereits im Sandkasten beginnen die ersten Freundschaften. Die zerbröseln zwar manchmal genauso schnell wie die Sandburg – und doch sind sie ein wichtiges soziales Übungsfeld.

«Freunde sind für Kinder gleichwertige Partner. Sie spüren Vertrautheit, üben aber auch Konflikte», sagt Jürg Frick, Psychologe an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Freunde sucht man sich selbst aus, und die Beziehungen sind, anders als mit den Erwachsenen, nicht von Abhängigkeiten geprägt. «Je nach Alter hat die Kinderfreundschaft eine unterschiedliche Qualität und Tiefe.»

«Früher haben wir mehr zusammen gespielt», sagt Marietta. Alice sitzt ihr gegenüber, sie essen Pasta. Marietta mit, Alice ohne Tomatensauce. «Heute fällt uns meist nichts mehr zum Spielen ein», ergänzt ­Alice. Es sei aber sowieso viel wichtiger, mit­einander zu lachen. «Und vor allem verbringen wir viel Zeit damit, über andere zu reden.» Gerade heute Morgen hätten sie sich gemeinsam über jemanden Witze ­ausgedacht, der sie genervt habe. «Erzähl einen, Marie», sagt Alice und kichert, bevor Marietta etwas sagen kann.

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Spielkameraden sind die ersten Freunde

Zwischen drei und sechs Jahren sind Kinderfreundschaften geprägt vom gemein­samen Spielen. Sie werden in diesem Alter schnell geschlossen, und die Kinder suchen sich ihre Vertrauten in der nahen Umgebung. Oft sind es Nachbarskinder oder Krippengspäändli. Je jünger das Kind, umso volatiler sind die Beziehungen. Schon der Konflikt um ein Spielzeug kann zum Abbruch der Freundschaft führen. Und der allerliebste Krippenfreund, von dem der Abschied unendlich schwerfiel, scheint schon drei Monate später bei ­einem zufälligen Treffen kaum noch von Interesse zu sein.

«Einer guten Freundin kann man fast alles erzählen», sagt Marietta. Jemandem Geheimnisse anzuvertrauen bedeute sehr viel. Einig sind sich die beiden Mädchen auch darin, dass es wichtig sei, sich nicht anzulügen. «Marietta sage ich ehrlich, wenn ich keine Lust habe abzumachen», sagt Alice. Wenn jemand weniger wichtig sei, erfinde man schon eher mal irgendeine Ausrede. Die Mädchen gehen zusammen in die Flötenstunde, spielen gemeinsam im Schulensemble, waren schon im Reitlager. «Kürzlich haben wir zusammen Bärlauch verkauft», erzählt Marietta. Den hatten sie in Alice' Garten gepflückt.

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Je älter ein Kind wird, umso mehr ist die Freundschaft ein Geben und Nehmen. «Kleine Kinder sehen einen Freund noch eher als jemanden, der den eigenen Zielen nützt», sagt Psychologe Frick. Mit dem ­zusammen es zum Beispiel mehr Spass macht, das Klettergerüst zu erklimmen, mit der Wasserpistole herumzuspritzen, als wenn man es allein täte – oder der einfach die cooleren Spielsachen hat. Ab dem Kindergarten tritt die Persönlichkeit des Freundes, der Freundin mehr ins Zentrum. Spielsachen verlieren an Bedeutung, das Austauschen von Gefühlen, Geheimnissen und Problemen wird wichtiger. Gemeinsam Spass zu haben ist etwas, was alle ­Kinderfreundschaften prägt, egal, welcher Altersstufe.

«Es fühlt sich gut an, zu zweit zu sein, wenn Klassenkameraden uns als Streber verspotten.» Julian, 11 (links)

Quelle: Basil Stücheli
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«Wir hängen gern miteinander herum»

Gute Freunde, das sind auch Julian und Livio, beide elf Jahre alt. Nur nennen sie es nicht mehr so. «Wir sind gute Kollegen», sagt Livio. «Es ist unmodern, in unserem Alter von Freunden zu sprechen», ergänzt Julian. Der Grund für diese Verwirrung der Begriffe: «Wer von einem ‹Freund› spricht, wird von anderen schnell als schwul hin­gestellt.»

Die beiden mögen sich seit der ersten Klasse. Warum, wissen sie nicht so genau. «Wir verstehen uns einfach gut», sagt Ju­lian. «Er stresst mich weniger als andere», sagt Livio und lacht.

Die beiden gehen zusammen in die fünfte Klasse. «Wir hängen gern miteinander herum», sagt Livio. «Oder wir gehen schwimmen oder gamen zusammen», ergänzt Julian. Ein Freund sei jemand, der sich auch dann um jemanden kümmere, wenn man sich weh tue oder über etwas ärgere. «Stimmt, wenn zum Beispiel die Prüfung danebengeht», sagt Livio, zögert einen Moment und fügt dann an: «Obwohl, letztes Mal habe ich ja gesagt: ‹Jetzt heul doch nicht herum›, als du unzufrieden warst.» Julian zuckt die Schultern. Eine bleibende Erinnerung scheint es nicht gewesen zu sein. «Es fühlt sich auch gut an, zu zweit zu sein, wenn Klassenkameraden uns als Streber verspotten, weil wir gute Noten schreiben. Ist halt so», sagt er.

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«Mädchen und Buben können in unserem Alter keine guten Kollegen sein.» Livio, 11 (rechts)

Quelle: Basil Stücheli

«Wir schlagen uns nie»

Zwischen acht und elf Jahren werden die Beziehungen zwischen Kindern stabiler, sagt Psychologe Frick. «Gemeinsame Interessen rücken in den Vordergrund.» Sich zu unterstützen und aufeinander Rücksicht zu nehmen spiele zudem eine grössere Rolle. «Auch Streitereien führen nicht mehr so oft zum Abbruch der Beziehung – anders als bei jüngeren Kindern.» Wann sie das letzte Mal gestritten haben? Marietta und Alice müssen eine Weile überlegen. Dann fällt Marietta ein, wie sie gemeinsam im Hort ein Plakat gemalt hätten und sich da­rüber in die Haare geraten seien, auf welcher Seite der Buchstaben der Schatten stehe. Alice greift zu einem Blatt und probiert aus, was sie damals umtrieb. Beide kommen schnell zum gleichen Resultat. «Ist doch logisch, oder?», sagen sie und lachen. «Gut finde ich an Marietta auch, dass wir uns nie schlagen», sagt Alice. Beide ­haben Brüder, körperliche Auseinandersetzungen sind ihnen nicht fremd.

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«Wir haben mehr Konflikte als früher», finden Julian und Livio. Und klar, heftiger Streit könne eine Freundschaft beenden. Aber bei ihnen seien es eigentlich eher harmlose Meinungsverschiedenheiten. «Es ist Mode geworden, dass man einander schubst oder blöde Bemerkungen macht», sagt Julian. Dann heisse es auch: «Nach der Schule schlag ich dich zusammen!» Doch auf die Worte folge in der Regel keine Tat.

«Wir können nicht mehr befreundet sein»

In der Pubertät bekommen ­Freunde und Freundinnen eine neue wichtige Funktion: Sie dienen dazu, sich vom ­Elternhaus abzugrenzen. Und sie sind in einer Zeit, in der alles drunter und drüber geht, Leidensgenossen. Anders als die ­Eltern verstehen sie, was abläuft – so wenigstens nehmen es die Jugendlichen wahr. Und sie machen ähnliche Erfahrungen.

In diesem Alter schmerzt der Streit mit der besten Freundin oder mit dem besten Freund manchmal fast so heftig wie der erste Liebeskummer. So ging es auch Sara, 14, aus Bern. Von einem Tag auf den anderen teilte ihr die beste Freundin mit, sie könnten nicht mehr befreundet sein. Die Freundin hatte sich einer neuen Clique angeschlossen. Vorher hatten die Mädchen jeweils stundenlang gemeinsam im ab­gedunkelten Zimmer gesessen, hatten ­Musik gehört und sich ausführlich über die Jungs unterhalten, auf die sie heimlich ein Auge geworfen hatten. «Dann hiess es plötzlich: ‹Du bist nicht cool genug, wir können keine Freunde mehr sein›», erzählt Sara. Sie brauchte eine gewisse Zeit, um sich von diesem Schock zu erholen und ­eine neue Freundin zu finden.

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«Einer guten Freundin kann man fast alles erzählen.» Marietta, 9 (links)

Quelle: Basil Stücheli

Was jedoch sollen Eltern tun, wenn das Kind keine Freunde findet? Sich mit dem Gedanken beruhigen, dass manche Menschen einfach eher Einzelgängertypen sind? «Eine angeborene Tendenz zur Einsamkeit gibt es nicht», sagt Psychologe Jürg Frick, ein Abbruch aller Freundschaften folge meist nach negativen Erfahrungen. «Zieht sich ein Kind aus sozialen Beziehungen zurück, sollte man sich fragen, woran das liegen könnte.» Und das Kind darin unterstützen, vorsichtig neue Versuche zu wagen. Wenn alles nichts helfe, empfiehlt Frick, professionelle Hilfe beizuziehen.

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Allgemein raten Experten jedoch: Eltern sollten sich möglichst wenig in die Freundschaften ihrer Kinder einmischen – auch wenn die noch kleiner sind. Und auch wenn der Freund oder die Freundin nicht unbedingt den eigenen Erwartungen entspricht. «Jedes Kind hat das Recht, sich seine Freunde selbst auszusuchen», sagt Frick. Für Eltern ist es vielleicht nicht immer einsichtig, was die Kinder aneinander finden. Eingreifen soll man höchstens, wenn das Kind eindeutig unter einer Freundschaft leidet, weil sie vielleicht sehr einseitig ist. «Eine gewisse Symmetrie ­sollte da sein.»

«Man ist verfeindet – oder verliebt»

Es ist eher selten, dass Kinderfreundschaften bis ins Erwachsenenalter Bestand ­haben. Zu viele Entwicklungsstufen gilt es zu überstehen, die in unterschiedliche Richtungen führen können. Zudem suchen sich Mädchen und Knaben während der gesamten Kindheit vor allem Angehörige des eigenen Geschlechts als Freunde – ­Studien beziffern den entsprechenden ­Anteil auf bis zu 80 Prozent. Je älter die Kinder sind, desto ausgeprägter ist diese Tendenz. «Mädchen und Buben können in unserem Alter keine guten Kollegen sein», sagt denn auch Livio. Entweder sei einem ein Mädchen egal, oder man sei verfeindet oder halt unglücklich verliebt. Oder – und das scheint der seltenste Fall zu sein – dann tatsächlich zusammen.

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