«Happy Birthday», singen Kinder und Erwachsene, und Geburtstagskind Lea strahlt glücklich in die Runde. Auch ihre Mutter und die ältere Schwester sind zum Essen ins Heim gekommen. Es gibt Omeletten mit Zimt und Zucker, dazu Cherrytomaten, wie die Neunjährige es sich gewünscht hat. Dann sind die Geschenke angesagt, ein neuer Rucksack steckt im rosa-weissen Papier, und als krönenden Abschluss gibt es Erdbeertorte. Lea bringt kaum einen Bissen hinunter, sie ist zu aufgeregt. Denn am Nachmittag wird ihre Mutter für sie eine Party ausrichten. Und zwar zu Hause!

Das Modell «Huus am Schärme»

Lea ist zurzeit nicht oft bei der ­Mutter. Sie wohnt im «Huus am Schärme», einem Kinderheim im solothurnischen Hägendorf, zusammen mit neun weiteren Kindern und Jugendlichen. Manche von ihnen sind schon sehr lange hier, andere nur für kurze Zeit. Lars, der Jüngste, ist acht, die Älteste ist Sarah mit 18 Jahren. Die einen gehen im Dorf zur Schule, andere sind bereits im Praktikum oder in der Lehre. Ein sozialpädagogisch geschultes Betreuungsteam steht ihnen zur Seite, das fast gleich viele Köpfe zählt wie die «Schärme»-Gruppe.

Die dunklen Jahre, in denen Kinder aus «fürsorgerischen» Motiven bei Bauern oder in Heimen fremdplatziert wurden, sind gottlob vorbei. Das Schweizer Heimwesen hat sich vor allem seit der sogenannten Heimkampagne Anfang der 1970er Jahre stark zugunsten der Kinder verändert – ­damals wurden die Erziehungspraktiken vieler Einrichtungen öffentlich angeprangert. Zwar werden bis heute in manchen Institutionen alte Zöpfe geflochten. Aber der Staat nimmt niemandem mehr will­kürlich das Kind weg.

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Dennoch gibt es allein in der Deutschschweiz 330 Institutionen für Kinder und Jugendliche – mit rund 7000 Plätzen und über 10'700 Mitarbeitenden.

Wann kommt denn heute jemand ins Heim? «Eine sogenannte Fremdplatzierung kann nötig werden, wenn Eltern ihrer Verantwortung für die Kinder nicht mehr nachkommen oder nachkommen können», sagt Regina Giger, Bereichsleiterin der Stiftung Kinderheime Solothurn ­(SKSO), zu der das «Huus am Schärme» gehört. «Zum Beispiel, wenn ein Elternteil psychisch krank wird und für Monate in die Klinik muss. Oder wenn elterliche Überforderung, Drogensucht oder Missbrauch das Wohlergehen eines Kindes massiv bedrohen.» Wenn also die Rechte eines Kindes – das vom Staat garantierte «Kindswohl» – durch eine häusliche Situation so beschnitten werden, dass ­eine Trennung von den Eltern das vorläufig kleinste Übel ist.

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Doch die Heime gehen auch auf die Eltern zu: Die SKSO etwa gilt als innovationsfreudig, ist stark im Wandel und hat ihre Arbeit neu ausgerichtet – auf die Familie. «Es ist das erklärte Ziel des Stiftungsrats, stationäre Massnahmen zu verhindern oder zu verkürzen und vermehrt die aufsuchende Familien­arbeit zu praktizieren», heisst es im Jahresbericht 2012 der Stiftung, die ein weiteres Kinderheim in Derendingen sowie zwei Häuser für Begleitetes Wohnen in Grenchen und Wangen bei Olten betreibt. «Jedes Kind hat ein Recht auf eine Familie, elter­liche Fürsorge und ein sicheres Zuhause.» Das ist eines der zehn grundlegenden Rechte, die in der Uno-Kinderrechtskonvention von 1989 festgehalten sind. Die Schweiz hat sich dem Vertragswerk 1997 angeschlossen.

Um 13 Uhr ruft Sozialpädagogin Claudia Tritten die Kinder zur «Sofarunde». Das Ritual nach dem Mittagessen ist fester Bestandteil der «Alltagsroutine», die auf einem Plakat festgehalten ist. Mit Hilfe des Sprechstabs, der demjenigen das Recht zu reden gibt, der ihn gerade in der Hand hält, ist der Nachmittag schnell geplant: Kathrin, 13, will mit Sarah, die heute die Schule «ausgelassen» hat, zum Shoppen in den Gäupark fahren. Kathrins kleiner Bruder Lars hat vor, einen Schulfreund zu treffen – «erst die Husi und dann das Gartenämtli, gäll», mahnt Tritten. Christine, 16, hat Pläne in Olten, die elfjährige Alexandra ist vom Vater zu einer Beerdigung abgeholt worden, und Felix, 14, will den Nachmittag im Haus verbringen.

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Die Eigenverantwortung wird gefördert

Um 13 Uhr ruft Sozialpädagogin Claudia Tritten die Kinder zur «Sofarunde». Das Ritual nach dem Mittagessen ist fester Bestandteil der «Alltagsroutine», die auf einem Plakat festgehalten ist. Mit Hilfe des Sprechstabs, der demjenigen das Recht zu reden gibt, der ihn gerade in der Hand hält, ist der Nachmittag schnell geplant: Kathrin, 13, will mit Sarah, die heute die Schule «ausgelassen» hat, zum Shoppen in den Gäupark fahren. Kathrins kleiner Bruder Lars hat vor, einen Schulfreund zu treffen – «erst die Husi und dann das Gartenämtli, gäll», mahnt Tritten. Christine, 16, hat Pläne in Olten, die elfjährige Alexandra ist vom Vater zu einer Beerdigung abgeholt worden, und Felix, 14, will den Nachmittag im Haus verbringen.

Das «Huus am Schärme» liegt an erhöhter Lage am Jurasüdfuss, mit Ausblick auf das Dorf und ein betörendes Alpenpanorama. Jedes Kind hat sein Zimmer; vor kurzem durften sich die Jugendlichen ihren eigenen Keller einrichten. Die gemeinsamen Wohnzimmer sind mit Töggelikasten, Klavier, Billardtisch, Bücherwand und einem Computer ausgestattet. Zum Haus gehört viel Land samt Laube, Hühnerstall und Hundezwinger. Pure Idylle. Welches Kind würde hier nicht gerne leben? Aber: «Keines der Kinder ist freiwillig hier», sagt Fredy Meury, Geschäftsführer der SKSO. «Jedes möchte viel lieber bei den Eltern sein.»

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Im «Huus am Schärme» wird nach dem Modell der Kompetenzorientierung ge­arbeitet: «Wir wollen die Familien und die Kinder stärken, damit sie ihren Alltag selbständig meistern und ihre Probleme selber lösen können», erklärt Bereichsleiterin Regina Giger. Das Modell stammt von der ehemaligen Zürcher Soziologieprofessorin Kitty Cassée, spezialisiert auf Kinder- und Jugendhilfe. Cassée kritisiert die uneinheitliche Schweizer Heimlandschaft als methodischen Flickenteppich: Jeder Anbieter erfinde das Rad neu, daher gebe es hierzulande zur Heimerziehung kaum Evaluations- und Wirkungsforschung (siehe auch das Interview «Wir wissen nicht, ob sie glücklich leben können»). Dieses Manko will sie mit der Kompetenzorientierung korrigieren. «Mehrere Organisationen arbeiten dabei auf vergleichbare Weise für vergleichbare Problemstellungen zusammen», erklärt die gebürtige Holländerin. Die Methodik liefere theoretisch fundierte Instrumente und Berichtsvorlagen.

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Unter dem Einfluss des neuen Modells stellte die SKSO ihre eigene Rolle 2011 auf den Kopf: Statt ihre Angebote möglichst gewinnbringend zu bewirtschaften und zum Beispiel Heimplätze auszulasten, ­orientiert sie sich neu am Bedarf der Familien – nicht die Klientel passt sich der Organisation an, sondern die Organisation der Klientel. «Wenn wir heute von der Behörde einen ‹Fall› bekommen, fragen wir als Erstes: ‹Was braucht dieses Kind? Was braucht diese Familie?›», erklärt Regina Giger.

«Diagnostik» heisst dieser vier- bis sechswöchige Prozess, wenn die Fachleute zunächst einmal genau hinschauen und versuchen, die Probleme und mögliche Lösungswege zu orten. Erst dann wird entschieden und von der Behörde «verfügt» – sei es, einer Familie sozialpädagogisch unter die Arme zu greifen, sei es, die Kinder im Heim zu platzieren. Aber auch hier gilt laut Giger: «Unsere oberste Maxime ist, darauf hinzuarbeiten, dass die Kinder möglichst bald wieder nach Hause können.»

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Etwa Lars und seine älteren Schwestern. Die drei Geschwister wurden vor rund einem Jahr notfallmässig im «Huus am Schärme» platziert, weil der alleinerziehenden Mutter die Situation zu Hause entglitten war. «Noch vor wenigen Jahren hätte man diese Kinder wohl für immer fremdplatziert, womöglich gar in verschiedenen Heimen oder Pflegefamilien», so Fredy Meury. «Nach dem neuen Denken lautet die Einsicht: Es wäre ein Verbrechen, diese Mutter von den Kindern zu trennen. Denn sie ist eine gute Mutter – sie ist bloss momentan überfordert. Aber wir sind überzeugt, dass sie ihre Situation in den Griff bekommt, wenn wir sie unterstützen.»

Gut ist gut genug

Die «Schärme»-Leute haben im laufenden Jahr nicht nur die Kinder betreut, sondern auch die Mutter «ins Boot geholt» und mit ihr gearbeitet. Sie zeigten ihr Strategien und gaben ihr Tipps, um die vielen Aufgaben bewältigen zu können. Dabei gilt die pragmatische Losung der Kompetenzorientierung: Gut ist gut genug. «Es muss zu Hause nicht alles hundertprozentig sein, das ist bei keiner Familie der Fall», sagt Geschäftsführer Meury, «sondern einfach so gut, dass das Kindswohl gesichert ist.»

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Das «neue Denken» der SKSO ist auch daran erkennbar, dass sie sich stärker mit anderen Organisationen der unmittelbaren Umgebung vernetzt: mit der Pfadi oder der Kita vor Ort, mit den Vereinen und der Kirche, mit der Schulleitung und den Sportklubs. Dahinter steckt ein neues Konzept, das die Sozialarbeit hierzulande seit einigen Jahren vorantreibt: die sogenannte Sozialraumorientierung. «Im Begriff Sozialraum klingt an, dass die Menschen aufeinander achtgeben, sich gegenseitig helfen und unterstützen», schreibt die Fachzeitschrift «Curaviva» im Sommer 2013.

Ein solches Denken verlangt nach flexiblen Lösungen. Wie für jene überlastete ­alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter und zwei Kleinkindern: Die «Schärme»-Leute halfen der Frau, eine geeignete Wohnung zu finden, den Alltag zu strukturieren, während ihre Kleinkinder in einer Tagesstätte betreut wurden. Das Beratungsmandat war nach einem Jahr zu Ende – heute kommt die Mutter allein zurecht.

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Dass das Ganze auch einen finanziellen Aspekt hat, will Fredy Meury nicht verschweigen. Die Fremdplatzierung eines Kindes kostet im Jahr rund 100'000 Franken. Wären die Tochter und die zwei Kleinkinder fremdplatziert worden, wäre das den Staat teuer zu stehen gekommen. Die ambulante Intervention kostete weniger als 100'000 Franken. «Mit dem Budget, das uns zur Verfügung steht, können wir heute viel mehr Klienten betreuen, unser Durchlauf ist gegenüber früher stark gestiegen», sagt Fredy Meury. Der SKSO-Chef ist überzeugt, dass künftig noch viele Anbieter in der Schweiz umdenken müssen: «Die Behörden verlangen zunehmend nach massgeschneiderten, dosierten Dienstleistungen, die zeitlich und finanziell überschaubar sind.» Der Druck auf Eltern und die Anforderungen an die Erziehung seien zwar eindeutig gestiegen, aber explodierende Sozialkosten als Folge davon seien auf die Länge nicht tragbar.

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Gegen 18 Uhr trudeln die «Schärme»-Kinder wieder ein. Daniel, der eine Lehre als Polymechaniker macht, duscht vor dem Essen, Corinne erzählt von ihrem Prak­tikumstag in der Kindertagesstätte, Felix ist mit Bernd, dem Sozialpädagogen, im Wäldchen beim Grillieren, Alexandra sitzt am Klavier und spielt «Für Elise».

«Wir haben nur wenig Alltagsregeln»

Das «Schärme»-Team legt Wert auf ein respektvolles, freundliches Miteinander, aber: «Wir haben nur wenig Alltagsregeln», sagt Regina Giger. Mit dem Wandel des «Schärme» sei auch das Regelwerk reduziert worden: «Eine Regel muss Sinn machen und das Zusammenleben erleichtern, alles Übrige haben wir individualisiert», sagt sie.

Zwischen 20 und 21 Uhr gehen die Jüngeren ins Bett. Der achtjährige Lars hat sich von Laura, der diensthabenden Sozialpädagogin, ein Brettspiel als Gutenachtritual gewünscht. An der Wand seines Zimmers hängt eine Zeichnung, auf der Stationen seines Lebens festgehalten sind. Diverse Häuser, voneinander getrennte Familienmitglieder. Tränen. Die letzte Station zeigt die Kinder und die Mutter vereint in einem neuen Haus, mit lachenden Gesichtern. In wenigen Wochen wird es so weit sein: Lars und seine Schwestern dürfen heim.

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Mit neun Jahren kam ich ins Heim. Ich wollte zwar nicht dorthin, aber rückblickend weiss ich, dass es für mich überlebenswichtig war. Das Leben im ‹Huus am Schärme› war wie in einer Grossfamilie, in der ich mich sehr gut aufgehoben fühlte. Es war eine glück­liche Zeit.

Die Probleme bahnten sich an, als ich mit 16 ins Begleitete Wohnen kam. Ich hatte eine Lehre als Floristin begonnen und sollte schrittweise selbständig werden. Für mich war das eine schlimme Veränderung, ich fühlte mich unverstanden, abgeschoben. In den ‹Schärme› konnte und wollte ich nicht mehr zurück. Das unterscheidet ein Heim von der Familie.

Von da an ging es mir zunehmend schlechter. Die Lehre schloss ich zwar ab, sogar mit Note 5,5. Aber ich hatte einen üblen Freundeskreis, kam in Kontakt mit Drogen. Mir war bewusst, dass ich in ein ungutes Fahrwasser geriet, aber ich dachte: ‹Was solls?› Alles war mir gleichgültig.

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Studie: Traumatisiert ins Heim

Was erleben Kinder, bevor sie in einer Institution platziert werden? Dazu gab es bislang kaum verlässliche Daten. Jetzt bringt eine unveröffentlichte Studie der kinder- und jugendpsychiatrischen Universitätskliniken in Basel und Ulm Licht ins Dunkel – und die Ergebnisse beunruhigen: Vier von fünf Kindern und Jugendlichen, die in ein Heim kommen, leiden unter den Folgen eines traumatischen Erlebnisses. Laut der Studie mussten die Kinder Gewalt erdulden, verloren einen Eltern­-teil, wurden vernachlässigt oder sexuell missbraucht.

Die bisher grösste Heimstudie in Europa wurde während vier Jahren in 64 Institu­tionen und mit fast 600 Kindern durch­geführt, finanziert hat sie das Bundesamt für Justiz. Wichtig sei das frühe Erkennen von Problemen, folgern die Studienleiter. Dann hätten die Fachleute in den Heimen bessere Chancen, mit den Kindern zu arbeiten und vertrauensvolle Beziehungen zu ihnen aufzubauen.

Thomas Gabriel ist Professor für Kindheit, Jugend und Familie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, wo er am Departement Soziale Arbeit den Bereich Forschung und Entwicklung leitet. Er befasst sich schwerpunktmässig mit Kinder- und Jugendhilfe, speziell mit Heimerziehung und internationalen Vergleichen.

*Die Namen aller Kinder sind geändert.

Rückblick: «Die Probleme begannen nach der Zeit im Heim»


Quelle: Monique Wittwer
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Kannikar Geiser, 25, lebte als Kind sieben Jahre lang im «Huus am Schärme» in Hägendorf SO. Heute hat sie dazu keinen Bezug mehr.

«Mit neun Jahren kam ich ins Heim. Ich wollte zwar nicht dorthin, aber rückblickend weiss ich, dass es für mich überlebenswichtig war. Das Leben im ‹Huus am Schärme› war wie in einer Grossfamilie, in der ich mich sehr gut aufgehoben fühlte. Es war eine glück­liche Zeit.

Die Probleme bahnten sich an, als ich mit 16 ins Begleitete Wohnen kam. Ich hatte eine Lehre als Floristin begonnen und sollte schrittweise selbständig werden. Für mich war das eine schlimme Veränderung, ich fühlte mich unverstanden, abgeschoben. In den ‹Schärme› konnte und wollte ich nicht mehr zurück. Das unterscheidet ein Heim von der Familie.

Von da an ging es mir zunehmend schlechter. Die Lehre schloss ich zwar ab, sogar mit Note 5,5. Aber ich hatte einen üblen Freundeskreis, kam in Kontakt mit Drogen. Mir war bewusst, dass ich in ein ungutes Fahrwasser geriet, aber ich dachte: ‹Was solls?› Alles war mir gleichgültig.

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«Mit 21 hatte ich ein absolutes Tief»

Dann lernte ich meinen damaligen Freund kennen. Er war mein Prinz, mein Retter, der mich auf den richtigen Weg zurückbrachte. Er glaubte immer an mich, er sagte: ‹Du bist intelligent, kreativ, willensstark!›

Trotzdem entglitt ich seinem Einfluss, und mit 21 hatte ich ein absolutes Tief. Zu meinen Depressionen kamen Essstörungen. Ich hatte in mir eine solche Leere, dass ich sie nur noch mit ­Essen stopfen konnte. Stopfen, Leere, Stopfen, Leere – das war das Einzige, wozu ich damals imstande war.

Es war meine Geschichte aus der frühen Kindheit, die mit aller Gewalt an die Oberfläche drängte. Ich habe als kleines Kind sehr viel miterlebt, die Gewalt und Suchtprobleme meiner Eltern – drastische Dinge, die sich in eindring­lichen Bildern in mein Gedächtnis gebrannt haben. Diese Erlebnisse musste ich endlich verarbeiten.

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«Ich habe es gut gemacht»

Inzwischen habe ich längst wieder Fuss gefasst und diesen Sommer eine zweite Ausbildung als Fachangestellte Gesundheit abgeschlossen. Der Pflegeberuf gefällt mir so gut, dass ich voraussichtlich weitermachen und die Höhere Fachschule besuchen werde. Was meine Zukunft betrifft, bin ich sehr zuversichtlich. Wenn ich von früher erzähle, falle ich ein wenig ins Schneckenloch, dann kommt mein altes Ich zum Vorschein. Aber heute bin ich selbstbewusst, gesellig und humorvoll. Ich habe eine eigene Wohnung und einen guten Freundeskreis. Wenn ich mich mit anderen Heimkindern vergleiche, habe ich das Gefühl: Ich habe es gut gemacht. Ich habe aus schwierigen Verhältnissen heraus meinen Weg gefunden.

Heimerziehung: «Wir wissen nicht, ob sie glücklich leben können»

Thomas Gabriel ist Professor für Kindheit, Jugend und Familie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, wo er am Departement Soziale Arbeit den Bereich Forschung und Entwicklung leitet. Er befasst sich schwerpunktmässig mit Kinder- und Jugendhilfe, speziell mit Heimerziehung und internationalen Vergleichen.

Quelle: Monique Wittwer
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Schweizer Heimkinder müssten in der Übergangsphase zur Selbständigkeit stärker begleitet werden, findet der Erziehungsexperte Thomas Gabriel.

Beobachter: Welche Wirkung hat die heutige Heimerziehung auf das Leben eines Kindes?
Thomas Gabriel: Jede Fremdplatzierung ist ein massiver Eingriff in die Biografie, sowohl zu Beginn wie auch am Ende. Das sind zwei Einschnitte im Lebensweg, die ein Heranwachsender bewäl­tigen muss. Neben vielen Einflüssen hängt das Gelingen wesentlich davon ab, ob er an Entscheidungen über sein Leben beteiligt wird oder nicht. Wenn ein Kind auf Nachfrage nicht erklären kann, weshalb es im Heim lebt, ist das ein sehr schlechtes Zeichen.

Beobachter: Weiss man, wie der Lebensweg ehemaliger Heimkinder weiter verläuft?
Gabriel: Für die Schweiz gibt es dazu nur wenige Studien. Man weiss kaum, was aus den Betroffenen wird. Befunde aus anderen Ländern weisen eine Drittelung nach: Ein Drittel der jungen Erwachsenen bekommt nach der Heim­erziehung grosse Schwierigkeiten, das zweite Drittel integriert sich mässig gut in die Gesellschaft, und ein Drittel entwickelt sich sehr positiv.

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Beobachter: Gibt es bestimmte Risiken, denen Heimkinder ausgesetzt sind?
Gabriel: Wir wissen, dass sie mehrheitlich tiefe Bildungsabschlüsse erzielen und später auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Auch ihre sozialen Netzwerke sind schlechter, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Generell kann man sagen: Es gibt eine grosse Ungleichheit zwischen Kindern, die im Heim aufwachsen, und solchen, die in der Familie aufwachsen. Diesen Unterschied zu minimieren, daran gilt es zu arbeiten.

Beobachter: Wie einheitlich sind die Arbeitsmethoden und pädagogischen Konzepte?
Gabriel: Diese Frage untersuchten wir in einer Studie. Wir befragten 40 Schweizer Heime und stellten sehr grosse Unterschiede fest. Doch es gibt auch ein durchgehendes Muster: Die Konzepte sind – im Gegensatz zu früher – stark auf positive Entwicklungsziele der Heranwachsenden ausgerichtet, wie Selbständigkeit, Persönlichkeitsbildung, soziale Kompetenz oder Arbeitsintegration.

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Beobachter: Wo sehen Sie ein Manko?
Gabriel: In der Schweiz ist viel zu wenig darüber bekannt, wie sich ehemalige Heim-, aber auch Pflegekinder später in die Gesellschaft integrieren, ob sie glücklich und erfolgreich leben können. Diese Verläufe müssten wir stärker begleiten und dabei auch unkonventionelle Ideen fördern.

Beobachter: Zum Beispiel?
Gabriel: Denkbar ist eine Art Göttisystem, wo sich Personen ehrenamtlich als Ansprechpartner zur Verfügung stellen. Man stelle sich vor: Ich komme zu spät zur Arbeit in meinem Lehrbetrieb, ich bin nicht imstande, das zu klären, habe keine Eltern, die das für mich tun, der Lehrmeister will mich rausschmeissen. In solchen Situationen braucht es Erwachsene, die den Jugendlichen zur Seite stehen und das Problem frühzeitig entschärfen. Die Übergangsphase vom Heim- ins Erwachsenenleben ist sehr sensibel – umso wichtiger, dass wir die Heranwachsenden dabei begleiten.

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