Es ist kalt und dunkel an diesem Morgen im März 2008. Nebelschwaden hüllen den Winterthurer Bahnhof ein. Pendler in teuren Mänteln schlagen die Kragen hoch. Es sind die mit den guten Jobs, die montags vor sechs Uhr auf den Intercity Richtung Flughafen warten. Mittendrin Beryl, mit einem farbigen Tuch in den Haaren, und Gian, mit langen und üppigen Rastazöpfen.

«Hey, weisst du noch, was wir da gemacht haben?», fragt sie ihn heute, zwei Jahre später. «Ja, schon», sagt er.

«Ich musste an den Orientierungstag des Militärs und du zur Schule.»

Die beiden kannten sich nur durch Netlog, eine Jugendcommunity im Netz. Beryl ist «annägretli holunderebusch», Gian «fishvamp», sein Profilbild zeigt ihn mit aufgetürmten Rastalocken vor einem Wasserfall der Thur. Beryl hatte das Bild entdeckt: «huere sweet. hehe. bi au vo wintiiii», schrieb sie ihm. Von da an half man sich ab und an bei den Hausaufgaben, chattete miteinander, wenn beide nicht schlafen konnten. «Alles rein virtuell», erklärt Gian, «Internetjugend halt.»

Bis zu jenem kalten Morgen im März. Da standen sie sich zum ersten Mal livegegenüber. «Wir haben zusammen einen Joint geraucht», sagt sie.

«Total unromantisch», sagt er.

Sie: «Wir waren ja auch nur Kollegen.»

Er: «Ja, voll.»

Und sie: «Auch von mir aus, im Fall. Nur, damit du das auch weisst.»

Es blieb bei diesem einen Treffen. Vorläufig. «Ich glaub, du hattest eine Freundin damals», sagt Beryl. «Schon?», fragt Gian. «Corinne?» – «Ich weiss nicht, aber ich kannte jemanden, der dich gekannt hat, und die hat das gesagt.» – «Okay, dann muss es Amy oder Corinne gewesen sein.»

Man trifft sich zufällig wieder. An Konzerten, in Clubs. Gian ist inzwischen 19 und fährt Auto. Manchmal bringt er Beryl nach Hause. Einige Male übernachtet Beryl bei ihm.

Ihm passt das so, ihr nicht. Eines Nachts, sie ist gerade mit einer Freundin im Ausgang, nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen und ruft ihn an. «Warum kann es nicht offiziell sein mit uns?», fragt sie ihn, und ihre Freundin doppelt nach: «Steh doch endlich richtig zu ihr.»

Erst einmal total überfordert

Vier Wochen später stellt er Beryl seinen Eltern vor. «Dass ich das noch erleben darf», scherzt sein Vater, «eine richtige Freundin.» «Jöö, war das heerzig», sagt Beryl und knufft Gian in die Seite.

Kurz darauf, nachdem auch Beryl ihren Eltern den neuen Freund vorgestellt hat, bleibt ihre Regel aus. Sie kommt einfach nicht. «Das kann es geben in meinem Alter», sagt sie sich. Zu viel im Ausgang, der Stress in der Schule. Irgendwann ruft sie ihre beste Freundin an. Zusammen fahren sie nach Zürich in eine Apotheke. In eine, bei der sie davon ausgehen, dass niemand sie erkennt. Wenige Minuten später auf der Bahnhofstoilette hat Beryl Gewissheit: Sie ist 17 und schwanger.

Anzeige

Beryl weint. Kann nicht mehr aufhören. Ihre Freundin tröstet sie. Macht auf dem Heimweg im Zug Namensvorschläge und fragt Beryl, ob sie schon spüre, ob es ein Mädchen oder eine Junge werde. «Dureknallt, aber meganett», sagt Beryl.

Sie selber sei total überfordert gewesen. Natürlich habe sie Kinder gern und gedacht, dass sie irgendwann einmal eine Familie möchte. So mit 30 vielleicht. Aber doch nicht jetzt. Von Gian wusste sie nur, dass er Väter mit Tragetuch cool fand.

Ihr blieb nichts anderes, als es ihm zu sagen, tränenüberströmt. Er reagiert gelassen: «Ich hatte es geahnt», sagt er. «Die Tage, die nicht kamen, das ewige Bauchweh Man will es einfach nicht wahrhaben, aber man rechnet schon damit.»

«Du warst nur so cool, weil du dachtest, wir lassen es eh wegmachen», sagt sie. Er wehrt sich: «Ich dachte, es wäre das Einfachste. Alles andere war offen für mich.»

Was dann kam, war, wie Gian es ausdrückt, «huere hert». Zwei Wochen vorher hatte er sich Beryls Eltern als der neue Freund vorgestellt. Charmant, Psychologiestudent mit tadellosen Umgangsformen. Jetzt musste er hingehen und sagen: «Sorry, ich bin der Typ, der Aua»

«Er war einfach genial», meint Beryl, «das kriegt nicht jeder so auf die Reihe.»

Ein Bier für den jungen Vater

Beryls Mutter braucht eine Zigarette, der Vater holt zwei Bier aus dem Keller. Eines für sich und eines für den zukünftigen Vater. «Wenn jemand mit 18 ein Kind auf die Welt bringt, dann meine Tochter», sagt er. «Wir haben das Geld, den Platz und eine grosse Familie, die helfen kann.»

Tatsächlich ist Beryl kein Kind einer klassischen Schweizer Kleinfamilie. In ihrem Elternhaus im Zürcher Weinland gehen fünf Geschwister ein und aus, und zur erweiterten Familie gehören zwei grosse Hunde, fünf Katzen, drei Hühner und ein Hase. Beryls jüngster Bruder wird acht Jahre alt sein, wenn er Onkel wird, ihre älteste Schwester 24.

«Hat dich das eigentlich nicht gestresst, dass es für meinen Vater grad so klar war?», fragt Beryl Gian. «Ich fands cool», sagt er, «auch wenn ich mir damals noch überhaupt nicht vorstellen konnte, was auf mich zukommen wird.»

Gian dreht eine seiner Rastalocken in den Fingern, wird nachdenklich. «Für mich war von Anfang an klar, dass die Entscheidung, ob wir das Kind bekommen werden oder nicht, bei Beryl liegt. Mein Part konnte nur sein, ihr beizustehen, was immer sie machen wollte.»

«Schon?», fragt sie und schaut ihn erstaunt an. Sie sei lange davon ausgegangen, dass es ihm lieber gewesen wäre, sie hätte es wegmachen lassen.

Gian sagt, für ihn sei das Thema gegessen gewesen, als Beryl ihm das erste Ultraschallbildchen gezeigt habe. «Das war ein so überwältigender Moment, dieses Leuchten in ihren Augen, ich habe doch gespürt, wie tief sie das berührt hat.»

«Ehrlich?», fragt sie. «Absolut ehrlich.» sagt er und küsst sie auf die gepiercte Nase.

«Wir haben übrigens schon verhütet», sagt Beryl. «Dieses Mal schon. Keine Ahnung, was passiert ist.»

700 junge Frauen unter 18 Jahren bekommen pro Jahr in der Schweiz ein Kind. Diese Zahl ist seit Jahren konstant und im internationalen Vergleich tief. Grundsätzlich steigt das Durchschnittsalter der Erstgebärenden kontinuierlich an. Es liegt heute bei 31 Jahren.

Beryl ist 18, als sie zur Kontrolle ins Kantonsspital Winterthur muss. Der Geburtstermin ist seit einer Woche überschritten. «Sie können grad hierbleiben», verkündet der Arzt, «wir müssen einleiten.» Für Beryl und Gian bricht eine Welt zusammen, sie hatten die Geburt sorgsam geplant. In der Badewanne sollte ihr Baby zur Welt kommen, im Geburtshaus der Hebamme, die schon Beryls Geschwistern auf die Welt geholfen hatte. Beryl weint.

Unter ärztlichem Protest verlassen sie die Klinik und fahren ins Spital Bülach, wo Gians Tante als Hebamme arbeitet. Noch in derselben Nacht setzen heftige Wehen ein, Beryl darf in die Geburtswanne. «Am Anfang war alles total easy», erinnert sie sich. «Ich sass in der Badewanne, und wir quatschten über dies und das.» Irgendwann muss Beryl zur Toilette. Kaum ist sie aufgestanden, geht alles sehr schnell. «Lasst mich in Ruhe, ich schaff das nicht!», schreit Beryl. Gian kniet sich neben sie, beruhigt. «Dann haben wir noch dreimal gepresst», sagt Gian – und er war da: Jimmy Finian Gian, 3070 Gramm, 49 Zentimeter.

«All die perfekten Mütter»

«Jööö», sagt Beryl, «so ein Schnüggel», und Gian: «Es gibt keine Worte, die diesen Moment beschreiben können.»

Das Wochenbett verbringen Beryl und Gian wie geplant im Geburtshaus. Beryl ist die einzige Wöchnerin in dieser Zeit und froh darum. «Wir hatten Angst davor, dass uns andere Eltern komisch anschauen, weil wir noch jung sind. Das hätten wir dann gar nicht gebraucht.»

Das Image junger Mütter ist in der Tat alles andere als gut. Wenn über junge Eltern geschrieben wird, dann ist fast immer von Überforderung die Rede, von der Sozialhilfe, von zerstörten Lebensplänen und unglücklichen Kindern.

Beryl und Gians Geschichte wird glücklich ausgehen. Wie die von vielen anderen jungen Müttern und Vätern auch.

Beryl und Gian sitzen in ihrer frisch bezogenen 4½-Zimmer-Wohnung in der Nähe von Beryls Elternhaus. Die Geburt ist zehn Monate her. «Ui, ui, ui», brabbelt der Kleine und strahlt die Besucherin neugierig an.

Seit zwei Monaten arbeitet Beryl wieder als KV-Lehrtochter im Betrieb ihres Vaters. Gian hat sein Psychologiestudium abgebrochen und ist Hausmann. Wenn er frei braucht, springt sein Vater oder Beryls Mutter ein. «Ich lebe den Traum vieler Männer», sagt Gian. Nächstes Jahr, wenn Jimmy zum Gröbsten raus ist, beginnt er mit seiner Ausbildung zum Primarlehrer.

Mit Beryls Lehrlingslohn, Kleinkinderbeiträgen, der Hilfe ihrer Familien kommen sie knapp durch.

«Ich finds wunderbar», sagt Gian. «Ich bin viel draussen mit Jimmy. Wir haben ja einfach Zeit.» Gian sei genial, schwärmt Beryl, jeden Abend stehe ein megafeines Nachtessen auf dem Tisch.

Einzig das mit den Spielplätzen und den Supermamis, das bringe er noch nicht, sagt Gian. «All die perfekten Mütter und ich. Nö.»

Beryl pflichtet ihm bei und erzählt von ihrer Erfahrung im Rückbildungsturnen. Die anderen Mütter hätten sie einfach ignoriert. «Sie standen in Grüppchen zusammen und redeten darüber, dass die Kleinen nicht durchschlafen und wie schwierig das mit dem Stillen ist, wie anstrengend und, und, und.» Wenn sie dann gesagt habe, dass sie mitJimmy keine Probleme habe, sei sie nur komisch angeschaut worden. So in der Art: «Werde du erst mal erwachsen, bevor du mitredest.»

«Gleichaltrige sind kindisch»

Gian verschwindet in der Küche, schnetzelt Fenchel und Zucchetti für Jimmys Mittagsbrei. Der kauert am Boden und zerbröselt genüsslich eine Reiswaffel nach der anderen auf den dunklen Plattenboden.

«Eigentlich sind wir rundum glücklich», sagt Beryl. Auch wenn das für einigeihrer Kollegen schwierig zu verstehen sei. «Mit einem Kind reifst du halt in Siebenmeilenstiefeln.» Es beelende sie manchmal richtig, wie kindisch Gleichaltrige sein könnten. «Die haben keinen Plan.» Nur von Drogen sei die Rede, vom Ausgang und davon, wer wann am meisten gesoffen hätte. «Ich weiss, dass ich auch so war, aber jetzt ist halt alles anders.» Von einer anderen Welt, die sich auftue, spricht auch Gian. Mit seinen Kollegen sei das aber weniger ein Problem, da man halt eh nicht so tiefschürfende Themen wälze unter Männern.

Apropos Plan. Machen sie das, die Zukunft planen? «Ja, schon», sagt Beryl und lacht laut heraus, «wenn ich die Lehrabschlussprüfung bestehe, bekomme ich von Gian eine Tochter geschenkt...»