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Scheidung«Es ist schwierig, Kind zu bleiben»

Für Kinder ist eine Trennung der Eltern häufig traumatisch. Zwei junge Frauen erzählen, wie es ihnen erging.

Von und

Auch wenn Eltern es nicht gerne hören: Meist wünschen sich Kinder nach der Trennung ihrer Eltern nichts sehnlicher, als dass diese wieder zusammenkommen. Die Wirklichkeit jedoch ist eine andere. «Für das Kind spaltet sich bei einer Trennung die vertraute Familienwelt in zwei Hälften. Das Kind erlebt sich häufig als Kind von Mama und Kind von Papa, aber nicht mehr als Kind der Eltern», sagt die Psychologin Miriam Rosenthal-Rabner. Sie leitet den Verein «Trialog - Kinder in Scheidung», der in Zürich Therapiegruppen für Scheidungskinder anbietet. Die räumliche Trennung der Eltern sei für die Kinder ein schwieriger Einschnitt. «Sie können nicht einschätzen, was die Trennung bedeutet, und haben Angst, selber von einem der Elternteile getrennt zu werden.» Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern, sobald der Entschluss zur Trennung feststeht, die Kinder miteinbeziehen, ihnen die zukünftige Lebensform erklären und versuchen, auf Ängste einzugehen.

Die Scheidungsrate lag laut Statistik 2007 bei 49 Prozent. Mehr als 14'000 Kinder wurden mit der Scheidung ihrer Eltern konfrontiert. Wie viele zudem von einer Trennung betroffen sind, ist schwer zu beziffern. Obwohl eine Trennung der Eltern heute für Kinder kein Einzelschicksal mehr ist, kann die Erfahrung grosse Unsicherheit und Ängste auslösen. «Jedes Kind geht mit der Situation anders um - je nach Alter und Veranlagung», so Miriam Rosenthal-Rabner. Es gibt so viele Scheidungsgeschichten, wie es Scheidungskinder gibt. Zum Beispiel die Geschichte der 19-jährigen Maturandin Anna K. (Name der Redaktion bekannt):

«Heute bin ich ein eher ernster Mensch»
«Meine Eltern haben sich getrennt, als ich sechs war. Für mich kam das ganz plötzlich. Klar gab es ab und zu Streit, doch ich sah das als normal an. Als mein Vater auszog, brach für mich alles auseinander. Ich fühlte mich wie zweigeteilt. Das wurde noch dadurch verschlimmert, dass meine Eltern nicht friedlich auseinandergingen und oft noch Differenzen da waren.

Während meiner Kindheit hatte ich immer irgendwelche Gewissensbisse dem einen oder dem anderen Elternteil gegenüber. Heute bin ich ein eher ernster Mensch. Nach der Trennung meiner Eltern ging mir ein Teil meiner Leichtigkeit verloren. Auch, weil ich viel Verantwortung übernehmen musste - oder mir selbst auferlegte. Da die Kommunikation zwischen meinen Eltern seit der Trennung nicht mehr reibungslos funktionierte, wollte ich als Kind immer eine Art Brücke herstellen zwischen ihnen - und verzweifelte fast daran, dass das nicht möglich war.

Plötzlich war ich auch - da meine Mutter arbeiten musste - in einem viel grösseren Ausmass für den Haushalt verantwortlich. Da ist es schwer, Kind zu bleiben. Eine solche Verantwortung ist belastend. Aber ich habe dadurch auch viel für die Zukunft gelernt. Vor zweieinhalb Monaten bin ich zu Hause ausgezogen. Die Trennung verfolgt einen wie ein Schatten. Es ist wie ein immer anwesender Nebel, der einen umhüllt. Es gibt Tage, an denen sieht man besser hindurch, und Tage, an denen sieht man überhaupt nichts. Für mich gibt es keinen Schuldigen. Meine Eltern konnten die Trennung wohl nicht besser über die Bühne bringen.»

Dass eine Trennung oder Scheidung für das Kind nicht immer eine grosse psychische Belastung sein muss und sogar erleichternd sein kann, zeigt das Beispiel von Maya Bächtold. Sie ist 25, arbeitet als Verlagskauffrau und sagt, ihr Glück sei gewesen, dass ihre Eltern nach der Scheidung immer gut miteinander klarkamen.

«Die Mutter war anfangs sehr gekränkt»
«Mein Vater hatte eine andere, damit begann alles. Zu Hause gab es viel Streit. Damit ich das nicht miterleben musste, war ich sehr häufig bei meiner besten Freundin, oft übernachtete ich auch dort. Als mein Vater auszog, damals war ich neun, war das eigentlich wie eine Erleichterung. Jetzt war es definitiv, vollzogen, alle konnten aufatmen. Er wohnte nur zwei Dörfer weiter weg. Mein Bruder und ich konnten ihn besuchen, so oft wir wollten - obwohl er laut Besuchsrecht nur jedes zweite Wochenende mit uns hätte verbringen dürfen. Die Mutter stand uns Kindern nie im Weg. Sie war anfangs zwar sehr gekränkt, aber sie riss sich zusammen, uns Kindern zuliebe. Meine Eltern konnten immer vernünftig miteinander reden. Zwischen ihnen herrschte Frieden. Ich hatte nie das Gefühl, mich zwischen Mutter oder Vater entscheiden zu müssen. Deshalb lösten Trennung und Scheidung bei mir auch keine Ängste aus. Im Gegenteil: Statt einer hatte ich plötzlich zwei Welten, in denen ich mich wohl fühlte. Das war eine Bereicherung.»

Für Kinder sei es von unschätzbarem Wert, wenn Vater und Mutter auch nach der Trennung als Eltern auftreten, etwa an Schulanlässen, und miteinander kooperieren, sagt die Psychologin Miriam Rosenthal-Rabner. Kinder hätten andere Bedürfnisse und Wahrnehmungen als ihre Eltern. Das Paar wolle nach der Scheidung einen Schnitt und erst einmal nichts mehr miteinander zu tun haben. «Die Kinder wollen sich und die Eltern aber weiterhin als Familieneinheit erleben. Auch wenn mit dem Scheitern der Beziehung die Trennung auf der Paarebene vollzogen wird, die Elternebene bleibt zeitlebens bestehen», so Rosenthal-Rabner. Das sollten die Eltern nicht vergessen.

Trennung: So wirds leichter fürs Kind

  • Zwingen Sie Ihr Kind nicht, für Sie und gegen den anderen Elternteil Partei zu ergreifen.
  • Reden Sie im Beisein des Kindes nicht abfällig über den anderen Elternteil. Sprechen Sie nicht von der oder dem «Ex», sondern vom Mami oder Papi.
  • Auch wenn Sie als Paar auseinandergehen: Leben Sie die Eltern-Ebene weiter und treten Sie zum Beispiel gemeinsam bei Elterngesprächen und -abenden auf.
  • Wenn Ihr Kind beim anderen Elternteil lebt: Respektieren Sie die Lebenswelt des Kindes und halten Sie sich an Absprachen.
  • Auch wenn Sie sich hilflos und überfordert fühlen: Suchen Sie nicht Hilfe beim Kind, sondern holen Sie sich professionellen Rat. Das Kind soll Kind bleiben dürfen.

Therapiegruppen für Scheidungskinder können helfen, die Scheidungsfolgen zu verarbeiten. Sie finden Sie etwa beim Verein Trialog in Zürich, beim Projekt KiSeel im Thurgau sowie bei kantonalen schulpsychologischen Diensten oder Erziehungsberatungsstellen. Die Eltern werden jeweils über Elterngespräche miteinbezogen.

Veröffentlicht am 15. August 2008