Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Ganz bestimmt werden Sie die Trennung «überstehen». Aber Ihr momentanes Leiden ist trotzdem sehr ernst zu nehmen. Ich vermute, dass gerade die Konstellation, die Sie schildern, besonders belastend ist. Sie wissen, dass Sie Ihren Mann verlieren werden, aber er geht weiterhin ein und aus, als ob nichts geschehen wäre. Das verunmöglicht Ihnen, seelisch abschliessen und trauern zu können. Sie werden unweigerlich täglich an die guten Zeiten erinnert. Ihre Wunden werden so immer wieder aufgerissen und können nicht heilen. Sie sollten darauf hinarbeiten, dass dieser Zustand möglichst bald zu Ende geht. Solange es nicht möglich ist, dass er oder Sie ausziehen, muss im Alltag sorgfältig auf eine klare Abgrenzung geachtet werden.

Was die Weisheit angeht, sollten Sie nicht so streng mit sich sein. Erstens würde diese ungeklärte Situation den meisten Leuten die Lebenskraft rauben, und zweitens ist es nicht so, dass weise Menschen nie leiden. Weisheit ist eher eine Folge bewältigten Leidens.

Den Wald sehen, nicht nur die Bäume

Niemand ist übrigens immer weise. «Selbst im Hirn des weisesten Mannes gibt es einen törichten Winkel», hat Aristoteles gesagt. Auch wer mit dem Leben gut zu Rande kommt und meist optimistisch lächeln kann, ist mal verzweifelt oder unsicher.

Nach dem römischen Philosophen Seneca ist weise, wer die volle Einsicht besitze – und damit frei von Betrübnis und glücklich sei.

Seit etwa 20 Jahren beschäftigt sich auch die psychologische Wissenschaft mit der Weisheit. Weisheit wird da zum Beispiel definiert als die «Fähigkeit, mit schwierigen Fragen des Lebens wie zum Beispiel Fragen der Lebensplanung, Lebensgestaltung und Lebensbedeutung umzugehen».

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Weisheit braucht drei Komponenten

Weisheit kann man nicht einfach mit Intelligenz gleichsetzen, und auch Menschen ohne grosse Schulbildung können weise sein. Während aus biologischen Gründen im Alter das Gedächtnis schlechter wird, kann die Weisheit durchaus noch wachsen, denn sie hat mit der Interpretation der Fakten zu tun und ist nicht einfach eine Ansammlung von Wissen. Weise Menschen sehen den Wald und nicht nur die Bäume.

Weisheit braucht mindestens drei Komponenten: eine gewisse Grundintelligenz, um wichtige Ereignisse im Gedächtnis zu behalten und sie zu vergleichen. Zudem die Fähigkeit zu reflektieren, das heisst, über Erlebtes und Gesehenes nachzudenken und einen Sinn darin zu sehen. Und schliesslich noch die soziale Komponente: Zur Weisheit gehört ein Interesse am Mitmenschen, die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen und bei Bedarf Rat zu geben.

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Weisheit ist für niemanden ein andauernder Zustand, nur einzelne Handlungen, Entscheidungen oder Ratschläge können weise sein. Weisheit ist auch kein weicher Sessel, in den man sich zurücklehnen kann. Weisheit entsteht nur in einer andauernden Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Lebens.

Wie wird man weiser?

  • Hadern Sie nicht mit dem Schicksal, sondern fragen Sie sich, ob sich aus dem Leiden etwas lernen lässt.
     
  • Trauen Sie alten Weisheiten mehr als den neusten Trends.
     
  • Nehmen Sie Ihre innere Welt ebenso wichtig wie die äussere.
     
  • Versuchen Sie Unvorhergesehenes, Unsicherheit, Unregelmässigkeiten und Unbeständigkeit zu akzeptieren.
     
  • Versuchen Sie, sich selbst und Ihre Schwierigkeiten als Teil eines grossen Ganzen zu sehen.
     
  • Versuchen Sie, nicht nur Ihr eigenes Schicksal, sondern das Wesen des
    Lebens immer besser zu verstehen.
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Buchtipp: Kai Baumann, Michael Linden: «Weisheitskompetenzen und Weisheits­therapie. Die Bewältigung von Lebensbelastungen und Anpassungsstörungen»; ­Verlag Pabst, 2008