Ivan Schmidt, 35, gründete 2006 die unabhängige Stiftung SwissMissing. Seit 2010 ist er auch in der Personensuche mit Bluthunden aktiv. Schmidt ist ­gelernter Koch und arbeitet im Kader einer Lebensmittelfirma. Er ist geschieden und Vater von vier ­Kindern zwischen vier und zwölf Jahren. Die Stiftung betreibt er ehrenamtlich. www.swissmissing.ch

Beobachter: Herr Schmidt, hat man das Recht, einfach abzutauchen?
Ivan Schmidt: Ja.

Beobachter: Warum?
Schmidt: Das ist eine persönliche Entscheidung, eine Privatsache. Man sollte es aber gut machen, das heisst den Angehörigen zum Beispiel einen Brief hinterlassen mit Erklärungen. Und auch dafür sorgen, dass für sie keine finanziellen Schwierigkeiten entstehen.

Beobachter: Ist es kein Vertrauensbruch, wenn man mir nichts, dir nichts verschwindet?
Schmidt: Das muss man von Fall zu Fall an­schauen. Hat die Person finanzielle oder psychische Probleme? Dann ist das etwas anderes. Aber ein gesunder Mensch, der einfach alles hinter sich lassen möchte und in Namibia ein neues Leben anfangen will, der darf das.

Beobachter: Was sind das für Menschen, die abtauchen? Gibt es eine spezielle Typologie?
Schmidt: Schwierig zu sagen, nach meiner Erfahrung haben 65 Prozent der Vermissten psychische Probleme. Das ist ein Muster, wenn Sie so wollen.

Beobachter: Und die restlichen 35 Prozent?
Schmidt: Unfälle, Abstürze in den Bergen, Lawinen… Jene, die abhauen, weil sie genug haben und irgendwo etwas Neues aufbauen wollen, das sind relativ wenige.

Beobachter: Was ist mit Suiziden?
Schmidt: Das hängt wieder mit den psychischen Problemen zusammen, in der Schweiz haben wir leider eine sehr hohe Selbstmordrate. Viele Demente reissen auch einfach aus ihrem Heim aus und werden oft tagelang vermisst oder sterben manchmal gar. Ich habe im Tessin den Vorschlag gemacht, dass verwirrte alte Menschen mit einem GPS ausgerüstet werden sollten, damit man sie schnell wieder findet. Man hat mich ausgelacht, ich sei ein Spinner, das gehe nicht wegen des Persönlichkeitsschutzes.

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Beobachter: Wem fühlen Sie sich verpflichtet: denen, die gehen, oder den Zurückgebliebenen?
Schmidt: Mehr denen, die gehen. Den Angehörigen können wir zum Beispiel helfen, wenn sie früh genug kommen. Später ­haben sie natürlich Unterstützung nötig, da wird heute zu wenig gemacht, viele fühlen sich im Stich gelassen. Aber am Anfang, ganz zuerst, muss ich die Vermissten finden, da zählt jede Stunde.

Beobachter: Was tun Sie konkret, was die Polizei nicht ohnehin macht?
Schmidt: Wir sorgen dafür, dass die Vermisstmeldung so schnell wie möglich verbreitet wird, auch via soziale Netzwerke.

Beobachter: Haben Sie schon mal jemanden gefunden?
Schmidt: Indirekt ja, direkt nein.

Beobachter: Was heisst das?
Schmidt: Mindestens zwei Personen sind heim­gekommen, als sie ihre Vermisstmeldung auf Swissmissing.ch gesehen haben. ­Deshalb «indirekt». Wahrscheinlich sind es mehr, wir werden meist nicht be­nachrichtigt.

Beobachter: Wie beurteilen Sie die Arbeit der Polizei bei der Suche nach Vermissten?
Schmidt: Die Polizei macht es gut. Das heisst: Sie tut, was sie kann. Aber es fehlt an Mitteln und Personal. Das ist das Traurige. Meiner Meinung nach müsste es eine Stelle geben, die sich nur um Vermisste kümmert. Dann wären vermutlich auch Alessia und Livia gefunden worden. In der Schweiz kümmern sich halt alle Kantonspolizeien einzeln um die Fälle, es gibt keine zentrale Abwicklungsstelle, und das führt manchmal zu Kommunika­tionspannen. Es scheitert oft am «Kantönligeist». In Italien gibt es eine Person, die sich nur um Vermisste kümmert und die direkt dem Innenminister unterstellt ist. Eine Ansprechperson also für die An­gehörigen, die Polizei und die Behörden. Die vermittelt, betreut und immer auf dem neusten Stand ist. Und grosse Vollmachten hat. Das wäre ein Vorbild für uns.

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Beobachter: Es gibt ja den Nachforschungsdienst des Bundesamts für Polizei (Fedpol).
Schmidt: Richtig. Aber dort geht es viel zu langsam zu und her, das reicht nicht. Man könnte es wirklich besser machen. Aber für die Vermissten interessiert sich kaum jemand, sie verursachen nur Kosten, hohe Kosten. Ich kenne Fälle, in denen die Behörden zu den Angehörigen gingen und sagten: «Wir ­haben schon 30'000 Franken in die Suche investiert – wollen Sie wirklich, dass wir weitermachen?» Das geht doch nicht!

Beobachter: Werden Kinder entführt oder vermisst, ist der Medienrummel gross – wie bei den Zwillingen Alessia und Livia. Hilft Ihnen das?
Schmidt: Es hilft, aber es wird leider auch schnell wieder vergessen. Wir merken das direkt bei den Spendeneingängen. Kaum hat sich die grosse Aufregung gelegt, brechen die Spenden sogleich ein. Und den «ganz normal Vermissten» beziehungsweise ihren Angehörigen nützt der Rummel gar nichts, im Gegenteil. Sie erhalten niemals diese breite Aufmerksamkeit und Unterstützung der Medien.

Beobachter: Was fordern Sie konkret von der Polizei? Wo hapert es?
Schmidt: Bei der Koordination, ganz klar. Und dass man das Thema Vermisste ernst nimmt. Wir registrieren über 5000 Vermisste pro Jahr, das sind viele. Und die Zahlen steigen, das muss doch nachdenklich stimmen.

Beobachter: Warum steigen die Zahlen?
Schmidt: Ich weiss es nicht, wahrscheinlich geht es den Leuten psychisch schlechter.

Beobachter: Welcher Fall ist Ihnen am nächsten gegangen?
Schmidt: Als Vater von vier Kindern gehen mir Fälle mit Kindern natürlich besonders nah. Bei Alessia und Livia haben wir tagelang mit den Hunden nach den Leichen der Mädchen gesucht – das geht nicht spurlos an einem vorbei.

Beobachter: Ihre konkreten Tipps an die Angehörigen? Was sollen sie tun?
Schmidt: Keine Zeit verlieren, das ist das Wichtigste. Es gibt kein Gesetz, das besagt, man müsse 24 Stunden warten, bis man eine Vermisstenanzeige aufgeben kann. Also bei der ­Polizei darauf beharren, dass man ernst ­genommen wird und dass die Suche so schnell wie möglich beginnt.