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Arztkosten«Abzockerei auf Kosten der Prämienzahler»

Ärzte, Spitäler und Kassen machten gute Geschäfte, sagt Gesundheitsökonom Heinz Locher. Es habe ein Schweigekartell gegeben.

Hohe finanzielle Anreize führen zu mehr Behandlungen – zu Lasten der allgemeinen Krankenversicherung.
von aktualisiert am 05. Juli 2018

Beobachter: Einzelne Ärzte verrechnen Stundenansätze von 4000 Franken. Überrascht Sie das?
Heinz Locher: Ja und nein. Das ist natürlich schlicht eine Abzockerei auf Kosten des Prämienzahlers. Solche Exzesse sind aber ein Stück weit im System der Zusatzversicherungen Krankenkasse Haben Sie die richtigen Zusatzversicherungen? angelegt. Es gibt keine andere Branche, wo die Chefs ihr Einkommen selbst festlegen können. Nur im Gesundheitswesen ist das möglich.

Beobachter: Belegärzte und Privatspitäler argumentieren, Zusatzversicherungen seien freiwillig. Die Allgemeinheit werde nicht geschädigt.
Locher: Das stimmt eben genau nicht. Hohe finanzielle Anreize führen dazu, dass mehr behandelt wird als nötig. Diese Mengenausweitung geht zu Lasten der allgemeinen Krankenversicherung Krankenkasse Was beim Kassenwechsel zu beachten ist . Sie muss nämlich für diese unnötigen Behandlungen der Zusatzversicherten den genau gleichen Betrag zahlen, den sie auch für einen allgemein Versicherten aufgebracht hätte.

Porträt Heinz Locher
Heinz Locher ist Gesundheitsökonom. Er war Mitglied der Expertengruppe des Bundesrats zum Gesundheitswesen.
Quelle: Peter Schneider/Keystone

Beobachter: Trifft die Versicherungen eine Mitschuld?
Locher: Sowohl Ärzte und Spitäler als auch die Zusatzversicherungen machten gute Geschäfte. Der Deal funktionierte für beide Seiten. Weil alle profitierten, gab es unter allen Beteiligten eine Art Schweigekartell.

Beobachter: Die Versicherungen argumentieren, sie hätten kaum eine gesetzliche Handhabe.
Locher: Für die bestehenden Verträge mag das zutreffen. Bei den Neukunden hätten sie aber ohne weiteres neue Modelle einführen können, bei denen nur Rechnungen bis zu einer vorgängig ausgemachten Höhe bezahlt werden. Wenn der Versicherte eine zu teure Leistung in Anspruch nehmen will, muss er die Differenz selber zahlen.

Beobachter: Wird das Eingreifen der Finanzmarktaufsicht etwas ändern?
Locher: Die Finma ist jetzt endlich aufgewacht und hat die Zügel angezogen. Das ist sehr erfreulich. Sie hat meiner Meinung nach viel zu lange zugesehen und die Versicherten zu wenig vor Missbrauch geschützt, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet war. Allerdings wird sie von den Profiteuren unter Druck gesetzt. Den parlamentarischen Vorstoss des Urner FDP-Ständerats und Curafutura-Präsidenten Josef Dittli, der die Finma zurückbinden will, finde ich schlichtweg skandalös.

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