Es sind schöne Worte, die das Pflegezentrum Bauma im Internet von sich gibt: «Wir legen Wert darauf, dass Sie trotz Bedarf an Pflege ein möglichst selbstbestimmtes und individuelles Leben führen können.» Und: «Die pflegerische und psychosoziale Betreuung richtet sich nach Ihren Bedürfnissen.» Etliche Stimmen aus dem Umfeld des Zentrums und aus dem Dorf im Zürcher Oberland legen aber die Vermutung nahe, dass sich die Betreuung der gut 100 betagten oder psychisch kranken Bewohner vor allem nach einem Bedürfnis richtet: einer gut gefüllten Kasse des privat geführten Zentrums.

Mehrere Ex-Angestellte berichten unabhängig voneinander, die Zentrumsleitung habe sie angewiesen, die Pflegeverläufe der Bewohner zu fälschen – also jene Dokumentationen, in denen der gesundheitliche Zustand, abgegebene Medikamente und pflegerische Massnahmen festgehalten sind. «Dabei ging es darum, den Zustand der Bewohner als mög­lichst schlecht darzustellen, um bei den Krankenkassen einen höheren pflegerischen Aufwand geltend machen zu können», sagt ein ehemaliger Stationsleiter*, der bis im Frühjahr 2011 in Bauma tätig war.

Allein mit 20 Pflegebedürftigen

Einer seiner Vorgänger bestätigt diese Praxis: «Es war, als gelte die Losung: ‹Es darf niemandem besser gehen, denn dann würde weniger Geld für uns herausspringen.›» Und eine bis in diesem Jahr tätige Stationsleiterin sagt: «Wir mussten gegen aussen den Eindruck erwecken, dass möglichst viele Bewohner eine möglichst aufwendige Betreuung benötigten.» Die Manipulationen bekamen auch Angestellte in unteren Positionen mit. Das sei offen herumerzählt worden, erzählt ein ehemaliger Pflegehelfer. «Wir wussten, dass unsere Vorgesetzten die Pflegeverläufe frisieren mussten, wenn sie sich keine Probleme mit der Heimleitung einhandeln wollten.»

Das Zynische dabei: Das Pflegezentrum Bauma ist personell gar nicht in der Lage, die Betreuung in jenem Umfang zu leisten, wie es in den manipulierten Pflegeberichten vorgegeben ist. «Wir hatten auf meiner Abteilung gerade mal 240 Stellenprozente plus eine angelernte Person für 27 Bewohner mit Diagnosen wie chronische Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen», so ein früherer Stationsleiter. Teilweise ­habe er die Bewohner seiner Abteilung gar nicht jeden Tag zu sehen bekommen.

Eine Fachfrau Gesundheit fand sich an ihrem ersten Arbeitstag als alleinige Verantwortliche für ihr noch fremde 20 Bewohner wieder – ohne deren Diagnose zu kennen. «Als ich sagte, es sei nicht möglich, allein eine Abteilung zu betreuen, hiess es: ‹Dafür bist du aber ausgebildet›», sagt die Frau. «Wenn ich jemandem beim Duschen half und ein anderer Bewohner läutete, musste der eben warten.» Es sei reines Glück gewesen, dass sich nie ein ernsthafter Zwischenfall ereignet habe.

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«Wir wehren uns gegen die Unterstellung»

Eine Pflege, die möglichst wenig kosten darf, und ein Pflegezentrum, das sich von den Krankenkassen Beiträge erschwindelt? Die Heimleitung weist sämtliche Vorwürfe von sich. «Wir wehren uns gegen die Unterstellung, Pflegeverläufe zu manipulieren», schreibt Zentrumsleiterin Hatidza Radovanovic dem Beobachter in einer Stellungnahme. «Wir erwarten von unseren Mitarbeitenden, dass sie die erbrachten Leistungen in jeglicher Hinsicht korrekt dokumentieren.» Kontrollen, auch seitens der Kassen und Behörden, hätten nie Grund zu Beanstandungen gegeben. Auch von Personalmangel könne keine ­Rede sein. Im Bereich des Gesundheits­wesens bestünden klare Vorgaben seitens der Behörden und der Versicherer. Radovanovic: «Wir versuchen, diese nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen. Dazu gehört selbstverständlich auch die Einhaltung des geforderten Stellenplans.»

In der Tat sind weder der Zürcher Gesundheitsdirektion noch dem Bezirksrat Pfäffikon Ungereimtheiten in Bauma bekannt. Alles also bloss Vorwürfe frustrierter ehemaliger Angestellter? Vieles deutet da­rauf hin, dass es weit mehr ist. Denn Kritik kommt auch von Angehörigen von Bewohnern. Für einen Arzt, der eine betagte Angehörige im Pflegezentrum Bauma hatte, ist die dortige Pflege schlicht «katastrophal».

So habe man der Frau zur Beerdigung ihres Mannes abgetragene Klei­der angezogen, im Heim sei sie jeweils irgendwo hingesetzt und sich selber überlassen worden. «Bei keinem meiner Besuche hatte ich den Eindruck, sie werde von gut ausgebildetem Personal betreut», sagt der Arzt. «Der Atmosphäre fehlte jede Spur von Professionalität und Liebenswürdigkeit.» Der Zustand der Frau habe sich zusehends verschlechtert. Nach wenigen Wochen habe er sie woanders hin verlegen lassen, worauf sie «richtiggehend aufgeblüht» sei.

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Ein anderer Arzt aus der Gegend spricht von einem «unguten Gefühl», das ihn nach Kontakten mit dem Pflegezentrum Bauma jeweils beschleiche. Seiner Wahrnehmung nach würden freie Plätze mehr oder weniger ohne Abklärung der Bedürfnisse der Bewohner vergeben – «ganz nach dem Motto: ‹Hauptsache, jedes freie Bett ist besetzt›». Einen grossen Teil der Bewohner machten bevormundete oder verbeiständete Menschen mit Sucht- oder psychischen Problemen aus. «Diese Menschen haben zum Teil komplexe psychiatrische Diagnosen, und ich bin nicht sicher, wie gut das Pflegepersonal dem gewachsen ist – zumal die Personaldecke verglichen mit anderen Heimen eher dünn ist.» Mit anderen Heimen verglichen eher hoch sei dagegen die Zahl der Mitarbeiter des Pflegezentrums, die ärztliche Hilfe brauchen: «Klar, ein Job in der Pflege ist anspruchsvoll und die Klientel in diesem Zentrum vielleicht etwas speziell – aber die Anzahl der Fälle von Burn-outs unter Mitarbeitern ist aus­sergewöhnlich.»

Ein Klima der Einschüchterung

Die Fluktuation ist hoch im Pflegezentrum Bauma. Das Arbeitsklima sei geprägt von Unsicherheit, Angst und Denunziation, fast täglich würden Kündigungsandrohungen ausgesprochen, sagt ein früherer Sta­tionsleiter. «Wer Kritik anbringt, wird mit unerfüllbaren Anforderungen unter Druck gesetzt, bis er aufgibt – und erhält zum Dank ein Arbeitszeugnis, mit dem er sich nirgends in der Branche mehr zeigen kann.» Dieses Klima der Einschüchterung ist auch der Grund, weshalb alle vom Beobachter angefragten Ex-Mitarbeiter ihre Kritik nur anonym vorbringen wollen.

Leiterin Hatidza Radovanovic stellt Probleme mit Mitarbeitern jedoch in Abrede. «Selbstverständlich kommt es auch einmal vor, dass Mitarbeitende ihre Leistungen anders beurteilen als ihre Vorgesetzten», schreibt sie in ihrer Stellungnahme. «In solchen Fällen werden entsprechende Personalgespräche geführt, die Klarheit und Transparenz schaffen sollen.»

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Das Pflegezentrum Bauma gehört zur Di-Gallo-Gruppe, die in den Kantonen St. Gallen, Thurgau und Zürich Pflegezen­tren, psychiatrische Kliniken und Residenzen führt. Bauma stiess 2001 dazu: Nachdem der Kanton das ehemalige Akutspital geschlossen hatte, betrieben zunächst sieben Gemeinden die Institution als Pflegeheim, bevor sie das Gebäude für 1,5 Millionen Franken an Di Gallo verkauften. Die Gruppe investierte gut acht Millionen Franken, liess umbauen und erweitern.

Gemäss Olaf Irrgang vom Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner sind privatwirtschaftlich geführte Institutionen besonders anfällig dafür, die Qualität der Pflege hinunterzuschrauben. «Der Kostendruck ist gross, das hat in manchen privaten Pflegeheimen schon zu prekären Senkungen des Standards geführt», sagt er. Die Vorwürfe gegen das Pflegezen­trum Bauma kannte er nicht – doch sie erstaunen ihn auch nicht. «Überall, wo Gewinn erwirtschaftet werden muss, ist der Dienst am Menschen gefährdet.» Oberste Priorität müsse aber die Pflegequalität und Hilfebedürftigkeit der Menschen haben, nicht der Kostenfaktor.

Während der Bezirksrat Pfäffikon als zuständige Aufsichtsbehörde erst aktiv werden kann, wenn ihm Betroffene konkrete Beanstandungen zutragen, will der Berufsverband Pflege aufgrund der Recherchen des Beobachters aktiv werden: «Unser Berufsverband fühlt die Verantwortung, dort möglichst schnell die Missstände zu ergründen und Angestellte, vor allem aber Bewohnerinnen und Bewohner zu schützen», so Olaf Irrgang.

*Die Namen sämtlicher zitierten Personen sind der Redaktion bekannt.

Dieser Artikel entstand dank Hinweisen auf der Whistleblower-Plattform des Beobachters: www.sichermelden.ch

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