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Reform der 2. SäuleDie «Wackelrente» als Wundermittel?

Eine Volksinitiative will die berufliche Vorsorge gerechter machen – mit flexiblen Renten und höherem Rentenalter. Es ist nicht der einzige Reformvorschlag.

Wie stabil ist die 2. Säule, wenn die Renten auf Kosten der Jungen garantiert werden?

Von Veröffentlicht am 28. März 2019, aktualisiert am 28. März 2019

Bei der Swissair hätte man arbeiten sollen. Als die Fluggesellschaft vor 18 Jahren niederging, wurden die Rentner an eine separate Pensionskasse ausgegliedert. Für die 3500 Betroffenen war es das Beste, was ihnen passieren konnte. Die Kasse ist so üppig ausgestattet, dass sie Extrarenten auszahlt. Ab 2013 gab es pro Jahr drei Monatsrenten zusätzlich, seit 2017 sieben. Und der Geldsegen wird weiterhin reichlich sein, die Kasse sitzt auf fast 400 Millionen Franken Reserven.

So gut gebettet sind nur sehr wenige. In den letzten Jahren sind die Renten unter Druck gekommen. Der Umwandlungssatz Pensionskassen PK-Renten sinken mehr als nötig liegt im Schnitt bei nur noch 5,6 Prozent – der Tiefstwert bei gut 4 Prozent. Das heisst, für 100'000 Franken gibt es eine Jahresrente von 4000 Franken. Anzeichen für Besserung gibt es kaum. 

Dazu kommt: Jährlich werden 6 bis 7 Milliarden Franken von den Beitragszahlern an die Rentner umverteilt. Das wirft grundsätzliche Fragen auf. Viele Kritiker sind sich darin einig, dass es eine Reform der beruflichen Vorsorge braucht. Wie die aussehen soll – darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Vorschlag 1: Flexible Renten

«Die zweite Säule muss auch noch für unsere Kinder fair und tragbar sein. Ohne Korrekturen riskieren wir einen gesellschaftspolitischen Scherbenhaufen», sagt Josef Bachmann. Der pensionierte Geschäftsführer der Pensionskasse PWC hat die Volksinitiative «Vorsorge – aber fair» ausgearbeitet. In diesen Tagen beginnt die Unterschriftensammlung.

Bachmanns Idee: Auch bereits laufende Altersrenten sollen je nach Anlageergebnis gesenkt werden können, in «moderaten Schritten». So könne die Umverteilung zwischen Aktiven und Rentnern wesentlich reduziert werden. Zudem soll das Rentenalter an die Lebenserwartung angepasst werden und für Männer und Frauen gleich sein. Die Jungen bezahlten heute rund ein Viertel der PK-Renten der Pensionierten.

«Fixe Renten geben eine Scheinsicherheit. Die Rentner sind nur so lange zufrieden, wie es kaum Teuerung gibt.» Wenn die Inflation zunehme und die Renten dann nicht der Teuerung angepasst werden, können sie sich mit ihrer Rente weniger leisten. Mit flexiblen Renten könne man besser auf die Teuerung reagieren.

Wie funktioniert die Pensionskasse?

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Achtung: Seit 2019 müssen Angestellte neu 21’330 Franken jährlich verdienen, um bei der Pensionskasse des Arbeitgebers obligatorisch versichert zu sein.

Vorschlag 2: Fix im Obligatorium

Die Grünliberalen wollen mit einer parlamentarischen Initiative ebenfalls flexible Renten einführen, Kürzungen sollen aber nur im Überobligatorium möglich sein. Also für den Teil des versicherten Lohns, der die gesetzlich festgelegte Obergrenze von 85'320 Franken übersteigt. Die «massive und intransparente Umverteilung von den Jüngeren zu den Älteren und von den überobligatorischen zu den obligatorischen Geldern» müsse gestoppt werden. 

Die Mehrheit der Sozialkommission des Nationalrats lehnt diesen Vorstoss ab. Laufende Renten zu kürzen, sei ein Fehler. Das führe nur zu grosser Unsicherheit. 

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Vorschlag 3: 13. AHV-Rente

Auch der Gewerkschaftsbund wehrt sich gegen «Wackelrenten». «Damit werden die Anlagerisiken stärker auf die Versicherten überwälzt und Arbeitgeber von ihrer Sanierungslast befreit», sagt Zentralsekretärin Gabriela Medici.

«Das Gros der Rentnerinnen und Rentner ist auf eine fixe Rente angewiesen.»

Gabriela Medici, Zentralsekretärin des Gewerkschaftsbunds

Zudem sei es gegenüber den älteren Arbeitnehmern unfair, jetzt Wackelrenten einzuführen. Sie würden wegen der tiefen Zinsen weniger Alterskapital ansparen und müssten als Rentner dann womöglich nochmals einen Beitrag leisten, wenn es ihrer Kasse schlecht gehe. «Das Gros der Rentnerinnen und Rentner ist auf eine fixe Rente angewiesen. Sonst verlieren die Arbeitnehmenden jegliches Vertrauen in die zweite Säule», meint Medici. Dass heute Gelder umverteilt werden, sei nicht zentral. Das Vorsorgesystem sei ja genau dafür geschaffen worden, damit die Versicherten die Risiken nicht allein tragen müssten.

Das Rezept der Gewerkschaften: Sie wollen eine 13. AHV-Rente einführen und den Sicherheitsfonds ausbauen, aus dem Kassen mit ungünstiger Altersstruktur Beiträge erhalten.

Vorschlag 4: Kohorte statt Giesskanne

Der Pensionskassenverband Asip wartet mit einem Grundsatzpapier auf. Der Vorschlag: Den Umwandlungssatz im Obligatorium Pensionskasse Lesehilfe für Ihren PK-Ausweis von 6,8 auf 5,6 Prozent senken und die Sparbeiträge um 1 Prozent erhöhen. Der zu hohe Umwandlungssatz führe «zur Ausbeutung der jüngeren Generation», planmässige Umverteilungen müssten auf ein Minimum reduziert werden, so die Idee.

Dass es einen gewissen Risikotransfer unter den Versicherten geben muss, ist auch für den Asip unbestritten. Es sei ja gerade das Wesen einer Versicherung, dass man die Risiken verteile. Auch variable Renten sind für den Verband nicht grundsätzlich tabu. Es gebe aber eine klare Grenze für Kürzungen: Wenn man für sein Geld bei einer Bank oder Versicherung mehr erhalte, mache sich die berufliche Vorsorge überflüssig.

Um grosse Unterschiede zwischen den Generationen zu verhindern, setzt der Expertenvorschlag auf eine andere Lösung: Kohortenrechnung statt Giesskanne. Das geht so: Sobald die Pensionskassen wieder mehr Geld verteilen können, sollen «jene Jahrgänge stärker berücksichtigt werden, die in der Vergangenheit weniger hohe Leistungen erhalten haben». 

Das Problem bei dieser Lösung: Wer entscheidet, wie viel an wen verteilt wird? Zudem müssten dann die Rentner ebenfalls im Stiftungsrat der Pensionskassen vertreten sein, sagt Gewerkschafterin Gabriela Medici. 

Vorschlag 5: Innovative Pensionskassen

Einige Pensionskassen richten schon heute flexible Renten aus – allerdings nur bei Neurentnern und im Rahmen des gesetzlich vorgeschriebenen Obligatoriums. Die Pensionskasse der Beratungsgesellschaft PWC teilt seit 14 Jahren die PK-Leistungen in eine fixe Altersrente und einen sogenannten Bonusteil auf. Der Bonusteil beträgt maximal 12 Prozent der Rente. Er kann nur alle drei Jahre um höchstens 2 Prozentpunkte nach oben oder unten angepasst werden. Die PWC-Renten schwankten bisher zwischen 96 und 102 Prozent.

Der Technologiekonzern Bühler hat letztes Jahr eine eigene Lösung mit flexiblen Renten eingeführt: Versicherte können zwischen drei Modellen wählen. Wenn das Anlageergebnis gut ausfällt und der Deckungsgrad hoch ist, erhalten alle einen Bonus. Für 2018 gab es gut einen Drittel einer Rente mehr.

Die Baufirma Implenia garantiert eine Basisrente, knapp 10 Prozent sind variabel. Ob es mehr oder weniger Rente gibt, hängt vom Deckungsgrad ab.

Gewerkschafterin Medici hält nichts von diesen Modellen. Aus grundsätzlichen Überlegungen heraus: «Schwankende Renten werden bloss noch mehr Leute in die Ergänzungsleistungen treiben.»

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