Am Sicherheitsmann im Sozialamt der Stadt Bern kommt niemand einfach so vorbei. Der bullige 28-Jährige mit tätowierten Unterarmen kon­trolliert die Klienten, sorgt für Ruhe und schaut, dass die Sozialhilfebezüger das richtige Ticket rauslassen, «wie bei der Post». Eine schusssichere Weste trägt er immer unter seinem Shirt: «Ich habe schon Morddrohungen erhalten», sagt der Wachmann. Brenzlige Situationen gebe es immer wieder, dann müsse er versuchen zu beruhigen oder auch mal einen Klienten vor die Tür stellen. Im Wartesaal des Berner Sozialamts träfen Drogenabhän­gige, Alkoholiker, Alleinerziehende und ganze Familien aufeinander, «das ist nicht immer einfach».

160 Leute arbeiten hier und betreuten letztes Jahr 6583 Sozialhilfebezüger. Gut 60 Millionen betrugen die Nettoausgaben – vier Millionen mehr als im Vorjahr. Fast fünf Prozent der Bewohner Berns beziehen Sozialhilfe. Eine für Städte und Agglomerationen typische Quote – auf dem Land liegt sie zwischen ein und drei Prozent.

Sozialarbeiter Marco Werlen, 41, holt kurz nach neun seinen ersten Klienten im Wartesaal ab. Auch das eine Vorsichtsmassnahme – ohne Schlüssel kommt man nicht durch die Wand aus Sicherheitsglas, die den restlichen Teil des Hauses abtrennt. Werlen ist ein Hüne, 1,94 Meter gross, sportliche Figur, gelernter Förster. Nur schon durch seine physische Präsenz hat der gebürtige Walliser aus dem Goms seine Klienten im Griff.

Der 38-jährige Asad Abdi* bezieht seit 2004 Sozialhilfe, er bekommt den Grundbedarf von Fr. 747.50 monatlich. Abdi ist gut 20 Minuten verspätet. «Das ist auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen», sagt Werlen, «Somalis kommen aus einer anderen Welt, Zeitangaben sind ihnen nicht so wichtig.» Er zuckt mit den Schultern: «Das ist halt so bei denen.»

Auf dem Land wird es selten brenzlig

Nochmals in einer anderen Welt leben die Mitarbeiter der Sozialdienste Oberhasli in Meiringen BE, sie sind in einem Chalet im Dorfkern einquartiert. Das Oberhasli ist der südöstlichste Zipfel des Kantons Bern und «luftlinienmässig näher an Italien als an der Hauptstadt», wie Sozialarbeiter Daniel Liechti bemerkt. Er kneift dabei fröhlich die Augen zusammen. Neben Meiringen gehören fünf weitere Gemeinden zum weitläufigen ländlichen Einzugsgebiet der Dienststelle.

Eine kugelsichere Glaswand, die den Warteraum von den Büros trennt, gibt es auch hier. Doch brenzlige Situationen ­seien eher selten, sagt Stellenleiter Hans-Ulrich Dummermuth mit der Ruhe von 27 Jahren Berufserfahrung: «Mit den weitaus meisten Klienten stehen wir in sehr gutem Einvernehmen.» Das liege nicht zuletzt an der guten Verwurzelung. Einzelne Mitarbeiter sind in der Gegend aufgewachsen, die meisten ebenfalls schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte im Team.

Die Mitarbeiter der Sozialdienste Oberhasli betreuen nicht nur Sozialhilfebezüger, sondern übernehmen auch Präven­tion, Vormundschaftsmandate, Pflege­kinderaufsicht und Alimentenwesen. Die Leistungen sind entsprechend umfassend: sei es telefonischer Weckdienst, damit ein Klient seinen wichtigen Termin nicht verpasst, jemandem als Modeberaterin beim Kleiderkauf zur Seite zu stehen oder bei ­einem Hausbesuch eine Glühbirne zu wechseln – alles schon da gewesen.

Dienstagmorgens trifft sich das sechsköpfige Team zur Sitzung, um neue Fälle und aktuelle Entwicklungen zu besprechen. Heute geht es um einen Klienten, der in einer Arbeitsintegrationsmassnahme verunfallt ist und deshalb seinen Hund momentan nicht ausführen kann. Ein Bekannter hat angeboten, das gegen eine kleine Entschädigung zu übernehmen. «Normalerweise bezahlt die Sozialhilfe nicht für Kosten, die durch Haustiere entstehen», hält Stellenleiter Dummermuth fest. Der Hundebesitzer spare sich das Futter für seinen treuen Freund vom Mund ab. Aber als «Ausnahmesituation» könne diese Betreuung vorübergehend finanziert werden. Diese Möglichkeit zum Augenmass sei wichtig, darin ist sich das Team einig.

Letztlich gehts dabei auch ums beruf­liche Selbstverständnis. Franziska Brändli ist ebenfalls schon lange im Geschäft. «Als ich in den Siebzigern Sozialarbeiterin wurde, tat ich das ganz klar mit einem anwaltschaftlichen Selbstverständnis: die Benachteiligten gegenüber dem Staat zu vertreten», sagt die 61-Jährige mit dem behutsamen Habitus, der dem ganzen Team eigen ist. Das sei immer noch ihr Ideal. «Aber heute haben wir zwei verschiedene Hüte auf: neben jenem des Anwalts auch den des Steuergeldverwalters.» Wichtig sei, dem Klienten jederzeit transparent zu machen, welchen Hut man gerade trage.

«Sie müssen keine Angst haben»

In der Stadt, wo oft Zeitdruck herrscht und eine heterogenere Klientschaft bedient werden muss, kommt häufig noch der Hut des interkulturellen Vermittlers hinzu. Sozialarbeiter Werlen hat den somalischen Klienten Abdi in sein Büro geführt. Abdi spricht nur gebrochen Deutsch. Seine dunkle Jacke behält er an, umklammert seine Tragtasche. Weil er nachts immer wieder laut schrie, wurde Abdi aus seiner Wohnung geworfen. Seit acht Monaten übernachtet er mal bei Kollegen, mal im Passantenheim der Heilsarmee. «Er hat psychische Probleme, das ist klar», sagt Marco Werlen, aber er habe die Abklärungen beim Amtspsychiater schon dreimal verpasst.

«Herr Abdi, wieso sind Sie nicht zum Termin beim Arzt erschienen?»

«Ich war dort, vor zwei Wochen, aber es war niemand da.»

«Das stimmt nicht, ich habe die Unterlagen jetzt schon dreimal vom Arzt zurückbekommen.»

«Das ist ein Fehler. Kann ich heute gehen?»

«Nein, Sie brauchen einen Termin.»

Werlen vereinbart einen neuen Termin beim Arzt. Er wird Abdi dorthin begleiten. «Sie müssen keine Angst haben, es geht ­darum, Ihnen zu helfen», erklärt Werlen. Asad Abdi wirkt erleichtert und bedankt sich. Er kriegt sein Geld bar ausgezahlt, ­unten an der Kasse im Wartesaal. «Kann ich 200 Franken holen?» Werlen nickt. Abdi: «Sie telefonieren wegen der Wohnung?» Werlen nickt abermals und bringt ihn hinaus.

Eigentlich habe er keine Zeit für Arzt­besuche mit Klienten, sagt Marco Werlen, «aber ich nehme sie mir». Täglich führt er sechs bis sieben Klientengespräche. Im Stundentakt geht es weiter. Ein 53-jähriger Türke, der an starker Schlafapnoe leidet, seinen Job als Bodenleger deshalb verloren hat, ein 40-jähriger Schweizer mit Asperger-Syndrom, dann ein Erstgespräch mit einem jungen Ehepaar, sie Brasilianerin, er Schweizer. Sie arbeitet 100 Prozent als Zimmermädchen in zwei Schichten, er hat wegen gesundheitlicher Probleme seinen Job verloren. Den beiden ist die Situation sichtlich peinlich, aber ihr Einkommen reicht nicht für beide aus. «Tragisch», findet Werlen, «sie arbeiten und geben sich Mühe, trotzdem langt es nicht.» Aufgrund der fleissigen Arbeitsbemühungen des jungen Mannes werden sie aber wohl nicht lange auf die Sozialhilfe angewiesen sein.

94 Dossiers betreut Werlen insgesamt. In den städtischen Ämtern macht man sich oft über die ländlichen lustig. Es kursiert der Witz, dass dort bei 100 Prozent nur 30 Fälle betreut würden.

«Hier kümmert man sich sehr um einen»

Ein Witz, der zumindest bei den Mitarbeitern der Sozialdienste Oberhasli schlecht ankommt. Mit einem vollen Pensum betreut man hier im Schnitt ebenfalls 93 So­zialhilfe- und Vormundschaftsmandate – «und im Gegensatz zur Stadt kommen bei uns unter Umständen noch weite Anfahrts­wege für Hausbesuche und Betreuungsgespräche dazu», sagt Daniel Liechti. Trotzdem scheint die Beziehung zu den einzelnen Klienten weniger anonym zu sein als im urbanen Sozialdienst. «Hier kümmert sich die Sozialarbeiterin sehr um einen – daran muss man sich ein bisschen gewöhnen», sagt Sozialhilfebezüger Kim Peters.

Der 30-Jährige in weiten Hip-Hop-Klamotten hat auch schon Erfahrungen mit einem städtischen Sozialdienst gemacht: Einmal sei sein Dossier dort an einen anderen Sozialarbeiter übergeben worden, da habe er zwei Monate lang kein Geld bekommen, weil niemand für ihn zuständig war. «Auf dem Amt sagte mir einer: ‹Dann gehen Sie halt zur Kirche, wenn Sie nichts mehr zu essen haben.›»

Bei den Sozialdiensten Oberhasli sei er besser aufgehoben, sagt Kim Peters. Er ist seit zehn Monaten wieder zurück im Tal, das er mit 18 ohne Berufsausbildung hinter sich gelassen hat, weil es ihm zu eng war. «Es ist kein gutes Gefühl, mit 30 wieder in seinem Kinderzimmer zu sitzen – aber es ist im Moment das Richtige.» Der junge Mann ist ein wacher Geist, doch seit der Pubertät plagen ihn heftigste Kopfschmerzen und Rückenbeschwerden, die ihn in eine Medikamentenabhängigkeit führten. Peters ist dankbar für die Unterstützung. «Manchmal habe ich allerdings auch hier den Eindruck, die Leute werden in der ­Sozialhilfe vor allem ‹versorgt› – im Wortsinn», sagt er.

Ländliche Intimität hat ihre guten und schlechten Seiten. Missbrauch und Betrug seien selten, sagt Stellenleiter Dummermuth: «Man kennt sich; die soziale Kon­trolle spielt hier noch – manchmal allerdings zu sehr.» Das bekämen die Sozial­hilfebezüger immer mal wieder zu spüren.

Zum Beispiel Manuela Huggler. Die zierliche 39-Jährige ist alleinerziehende Mutter von fünf Kindern und bezieht seit längerem Sozialhilfe. «Im Sommer sind wir viel draussen – dann heisst es schnell: ‹Die hat halt Zeit zum Sünnele!›», sagt sie. Wie bescheiden die Familie lebt, ist hingegen nicht von weitem sichtbar. Vor ein paar Wochen feierte die älteste Tochter ihre Konfirmation: Bräteln mit drei Freundinnen im Gartenhaus der Grosseltern. «Natürlich wäre sie lieber in ein Restaurant gegangen, aber es war auch so ein schönes Fest», sagt Huggler.

Wegen der Schweigepflicht könne man fallbezogene Behauptungen nicht immer richtigstellen, sagt Stellenleiter Dummermuth. «Aber wenns wirklich schlimm wird, sage ich zwischendurch: ‹So, wie das gerade erzählt wird, kann es nicht sein.›» Die Mehrheit der Sozialhilfebezüger sei nur ein paar Monate auf Unterstützung angewiesen. Leute, die auf Abruf im Gastgewerbe arbeiteten, aber wegen schlechten Wetters kaum eingesetzt würden zum Beispiel. «Gerade im Service reichen so manchmal selbst zwei volle Stellen für eine Familie nicht», sagt Dummermuth. «Dann subventioniert die Sozialhilfe indirekt das örtliche Gewerbe.»

Menschen, die über vier Jahre oder länger Sozialhilfe beziehen, machen bei den Sozialdiensten nur rund 15 Prozent aller Fälle aus. «Das sind in der Regel Leute, die in der Wirtschaft einfach nicht mehr gefragt sind», sagt Sozialarbeiter Daniel Liechti – «und das liegt nicht an ihnen.»

Ein solcher Fall ist der bärenhafte Hannes Vonallmen*, den Liechti seit 2005 betreut. Der 62-Jährige hatte ein eigenes kleines Unternehmen. «Eines Tages kam mein Buchhalter mit der Steuerrechnung und sagte: ‹Du hast noch sechs Monate, dann holen sie deine Maschinen›», erzählt er. Es blieb nur die Liquidierung der Firma. Von­allmen bewarb sich im ganzen Kanton um eine Stelle – erfolglos. Das Warten und Hoffen sei schlimm gewesen, mittlerweile hat Vonallmen resigniert: «Ich werde ja bald mal pensioniert.» Trotzdem schreibt er brav weiter Bewerbungen – eine aussichtslose Pflichtübung sei das, da sind sich er und Sozialarbeiter Liechti einig. Aber Auflagen sind eben Auflagen.

«Ein hoffnungsloser Fall»

Angesichts der Leerläufe, der Mühsal und des Elends, mit dem Sozialarbeiter täglich konfrontiert sind, drängt sich die Frage auf: Wieso tut sich jemand diesen Knochenjob an? «Es ist eine Herausforderung, täglich mit Leuten zu arbeiten, die meist eine ganze Handvoll von Problemen gleichzeitig haben», sagt Marco Werlen vom Sozialamt der Stadt Bern. «Ihnen einen Weg aufzuzeigen, aus dem Schlamassel wieder herauszukommen, finde ich spannend. Und wertvoll.»

Seine Kollegin Marlis Wenger*, die aus Sicherheitsgründen ihren echten Namen nicht genannt haben will, präzisiert: «Ich sehe meinen Job darin, den Klienten Anstösse für eine bessere Zukunft zu geben.» Sie könne das Leben der Leute ja nicht verändern, das müssten sie schon selber tun. Die 46-Jährige ist resolut, sie kennt ihre «Fälle» und weiss genau, was sie tolerieren will und was nicht.

Um zehn Uhr hat der 45-jährige Somalier Hasan Ahmed* einen Termin bei ihr. Ein rundlicher Mann in buntem afrikanischem Hemd. «Ein hoffnungsloser Fall», sagt Wenger. Er sei unzuverlässig und halte sich nicht an Abmachungen. Deshalb wurde seine Sozialhilfe ein Jahr lang um 15 Prozent gekürzt. Seit einem halben Jahr muss er den Nachweis für seine Arbeits­bemühungen mitbringen. Früher hat er als Hilfskoch gearbeitet, nun soll er wieder etwas in diesem Bereich suchen.

«Herr Ahmed, wo sind Ihre Unterlagen?»

«Meine Freundin ist am Samstag nach ­Senegal gereist, und die Arbeitszettel sind in ihrer Tasche.»

«Sie müssen Ihre Arbeitsbemühungen ­immer Ende Monat an mich schicken. ­Jeden Monat. Verstehen Sie?»

«Ja, aber…»

«Sie müssen erreichbar sein, wenn Sie einen Job suchen. Haben Sie ein Handy?»

«Ja. Aber es ist kaputt.»

«Kaputt?»

«Nur die SIM-Karte. Ein Kind hat damit ­gespielt, und sie ist ins Wasser gefallen.»

«Aha. Sie müssen eine neue SIM-Karte ­kaufen.»

«Isch guet.»

Wenger seufzt. Er habe ihr schon so abstruse Geschichten erzählt, sie glaube kaum noch was. Sie erklärt ihm, dass ihm seine Leistungen erneut gekürzt werden, wenn er nicht besser kooperiere. «Verstehen Sie?»

Geld sei oft das einzige Mittel, solche Klienten zu steuern oder zu einer Zu­sammenarbeit zu bewegen, sagt Wenger. Sie unterscheide aber klar zwischen den­jenigen, die «alles tun, um wieder auf die Beine zu kommen», und den wenigen, die das System ausnützen. Ein Trick sei zum Beispiel, zu sagen, man befinde sich in Trennung und benötige deshalb eine Zweitwohnung für den Mann. Wenn diese gefunden ist, bezahlt das Sozialamt aufgrund der veränderten Familienverhält­nisse beide Haushalte. Die Zweitwohnung werde dann untervermietet und das Geld eingestrichen.

Diese Art von Missbrauch festzustellen sei aber nicht einfach. Nur auf Verdacht hin wird das Sozialinspektorat nicht aktiv, «wir müssen möglichst schon Beweise vorlegen, und das ist oft schwierig». Letztes Jahr wurden in der Stadt Bern 147 Fälle von Sozialhilfemissbrauch aufgedeckt. Die Deliktsumme betrug knapp 430'000 Franken.

Auch im Oberhasli kommt es manchmal vor, dass ein Klient nicht alle Karten auf den Tisch legt, sagt Sozialarbeiter Liechti. Sein Klient Hannes Vonallmen ­habe zum Beispiel einmal «vergessen», ein paar hundert Franken seines Einkommens anzugeben. Also seien sie zusammen­gesessen und hätten ausgemacht, dass ­Vonallmen das Geld in kleinen Raten zurückzahlt, erzählt Daniel Liechti. «Eigentlich hätte man den Fall auch zur Anzeige bringen können.» Eigentlich. Aber Augenmass ist eben wichtig.

*Namen geändert