Aufgezeichnet von Raphael Brunner:

«Das Schwierigste ist jeweils, zu sagen: «Ich muss jetzt auflegen.» Sag das mal jemandem, der mitten im Meer in einem Schlauchboot festsitzt, das Luft verliert. Aber es geht nicht anders, ich muss mich ja darum kümmern, dass Rettung kommt.

Das Alarmphone ist ein Notruf-Telefon für Flüchtlinge, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten. Mitarbeiter in Marokko, Tunesien und anderen Ländern verteilen unsere Nummer. Ich arbeite in Zürich von meiner Wohnung aus. Zwei Handys, einen Computer, mehr braucht es nicht. Eine Schicht dauert jeweils acht ­Stunden, dann übergebe ich an ­jemand anderen, ­irgendwo in ­Zürich, Wien, ­Stockholm oder Berlin.

Bei einem Notruf ­checke ich als Erstes die Lage: Wo seid ihr? Was ist das Problem? Habt ihr die Küstenwache schon alarmiert? Oft verstehe ich die Leute kaum, weil sie in Panik sind. Alle schreien durcheinander, auf ­Englisch, Französisch, Arabisch. Die häufigsten Notrufe sind: Wir haben kein Benzin mehr; ­unser Boot verliert Luft; wir haben Leute an Bord, denen es schlechtgeht.

Wut auf die Gesellschaft

Wir haben keine Schiffe. Wir sorgen dafür, dass geholfen wird. Erst ­rufen wir immer die zuständige Küstenwache an. Wir sind keine Fluchthelfer Flüchtlingskrise Das tödliche Geschäft mit der Hoffnung , sondern eine Blaulicht­organisation. Wir wollen verhindern, dass Menschen ertrinken.

Den ganzen Einsatz über bleiben wir mit der Küstenwache in Kontakt. Wird alles getan, um diese Menschen zu retten? Wohin werden sie gebracht? Wie werden sie behandelt? Auf der Website Watchthemed.net führen wir ­Rapport über jeden Notfall auf See. Unsere Überzeugung ist: Wenn ein Meer zur Mauer umfunktioniert wird, muss jemand schauen, was an dieser Mauer geschieht.

Das Alarmphone gibt es seit 2014. Wir sind mehr als 100 Engagierte, in Europa und Nordafrika. Die Arbeit machen wir gratis, die Infrastruktur finanzieren wir über Spenden. Ich wohnte in besetzten Häusern, war früher viel auf Demos. Heute bin ich 45 und arbeite bei ­einem Getränkelieferanten in Zürich. Der Wille, mich gegen Ungerechtigkeiten einzusetzen, ist aber immer noch da. Auch die Wut auf unsere Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die Menschen zwingt, sich mit dem Schlauchboot aufs Meer zu wagen, statt die Fähre zu nehmen.

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Die Emotionen im Griff haben

Ja, wir sind Weltverbesserer Migration Die Ethikfrage im Flüchtlingsdrama . Darin sehe ich nichts Schlechtes. Zugleich arbeiten wir hochprofessionell. Unser Telefon ist 24 Stunden besetzt, wir verfügen über eine Datenbank und haben ­Zugriff auf alle ­öffentlich zugänglichen Schiffsortungs- und -überwachungssysteme.

Wer bei uns arbeitet, muss gut mit Computern umgehen können. Am wichtigsten aber ist es, die Emotionen im Griff zu ­haben. Es nützt nichts, wenn ich die Polizisten der ­Küstenwache am Telefon anschreie oder als Moralapostel daherkomme. Je mehr sie uns respektieren, desto besser können wir die Menschen auf der Flucht unterstützen.

Wir können oft helfen. Ich habe aber auch schlimme Sachen erlebt: Einmal hat mir ­jemand am Telefon berichtet, wie vor seinen ­Augen ein Boot voller Menschen im Meer ­versinkt: «Das Boot sinkt, Menschen sind im ­Wasser, sie gehen unter.» Ich sass vor meinem Computer, starrte an die Wand. So ohnmächtig habe ich mich mein ganzes Leben lang nie ­gefühlt. Am nächsten Tag hat die italienische Küstenwache vermeldet: «Zwei Boote im ­Mittelmeer verunglückt, über 300 Tote, ­da­runter Frauen und Kinder».

Links zur Seenotrettung

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Raphael Brunner, Online-Redaktor

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