Aufgezeichnet von Balz Ruchti:

Manche rennen jeden Tag in Trainerhosen herum, weil die Kids in den Pariser Banlieues das auch tun. Aber dann gibts andere, die mischen verschiedene Stile völlig frei, soo geil.

Subkulturen sind heute viel weniger abgekapselt als zu meiner Zeit. Damals gabs die Raver, die Skater, die Hip-Hop-Kultur... Bei unseren Kids wirkt das sehr entspannt. Höchstens wenn ich mal mit lackierten Fingernägeln auftauche, kommt vielleicht ein Spruch.

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Der «Onkel Emma» ist ein Modegeschäft mit Secondhand-Sachen, Vintage-Accessoires und Möbeln aus vergangenen Tagen. Wir sind aber auch ein Quartierladen, ein Treffpunkt für alle, die hier einkaufen oder bloss mal ein Käfeli trinken und plaudern wollen.

Der «Onkel» ist auch ein Ausbildungsbetrieb. Das ist unser Kerngeschäft. Manche unserer Lernenden wohnen nicht mehr zu Hause, andere kommen zu uns, weil sie delinquent waren oder sonst mit schwierigen Lebensumständen kämpfen. Bei uns bekommen sie alle einen Platz und können eine Ausbildung im Detailhandel machen, in angenehmer Atmosphäre und eng begleitet.

Unbedingt anreissen

Es gibt viele Integrationsprogramme für Jugendliche, aber kaum im Detailhandel Textil. Ich fand, das müsste man unbedingt anreissen. Ich kam eigentlich schon mit dem Konzept für einen solchen Laden zur Institution Vertigo der Stiftung ZKJ und erhielt hier die Möglichkeit, das Ganze auf die Beine zu stellen. Die Leute fragen manchmal: «Ihr habt da ja alle auf einem Haufen, die durch die Maschen gefallen sind – wie geht das als Dienstleistungsbetrieb?» Es geht sehr gut.

Secondhand-Sachen anzubieten, war ein grundsätzlicher Entscheid. Wir wollten etwas schaffen, was in die heutige Zeit und auch ins Verständnis der Jugendlichen passt. Es macht heute einfach weder ökologisch noch finanziell Sinn, neue Sachen zu kaufen. Zudem ist Mode nahe an der Lebenswelt der Kids.

«Neue Kleider mag ich nicht. Neue Schuhe sind besonders schrecklich.»

Daniel Buchschacher, Modemensch und Arbeitsagoge

In meinem Leben ist Mode nicht mehr so wichtig – aber irgendwie eben doch. Wenn wir alle blutt rumrennen würden, wäre schnell klar, dass unsere Kleidung viel darüber aussagt, was wir uns wünschen, wo wir hingehören wollen und wer wir sind.

Ich habe Herrenkonfektiönler gelernt, bei Fein-Kaller an der Bahnhofstrasse. Das war damals quasi das erste Haus am Platz, für die oberen Zehntausend. Wir hatten zum Beispiel das Label Brioni, das von jedem James-Bond-Darsteller getragen wurde – zwar nur ab der Stange und nicht nach Mass, aber Armani war günstig dagegen.

Dann gabs auch seidene Unterhosen für 200 Franken oder zwölffädige Kaschmirpullis für über 4000 Stutz. Im Nachhinein wirkt das ziemlich absurd. Aber es gibt halt Leute, die für Kleider so viel ausgeben.

Voll einzigartig

Als wir noch jünger waren, war Mode weniger zugänglich. Ich weiss noch, wie megastolz ich war, wenn ich mir in den Ferien in Italien irgendein Teil gekauft hatte und wusste: «Zu Hause hat das keiner.» Dieses Gefühl, wenn man mit so was ankam, was man selbst entdeckt und als Einziger hatte – das hielt lange an und war megalässig. Vielleicht ist das ein bisschen verlorengegangen.

Heute sieht man einen Trend, irgendwo – googeln, bestellen, schon hab ichs. In meiner Welt werden dadurch andere Dinge wichtiger wie faire Produktion, ökologische Herstellung. Da gibts in der Modeindustrie noch viel zu tun.

Ich trage meine Kleidung, bis sie zerschlissen ist. Neue Kleider mag ich nicht. Neue Schuhe sind besonders schrecklich. Trends verfolge ich nur noch als Beobachter. Ich bin heute an einem Punkt angekommen, wo ich weiss, das geht bei mir – und das geht gar nicht.

Aber wenn ich dann etwas grauer werde und Richtung Pensionierung gehe, sähe ich mich gern in einem schönen englischen Tweedanzug. In einem Dreiteiler, mit einem Schiebermützchen dazu. Das hängt allerdings ein bisschen von meinen Finanzen ab. Entweder richtig oder gar nicht.

«Wir möchten jungen Leuten eine Chance geben»

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Daniel Buchschacher bietet im «Onkel Emma»-Laden in Zürich vorgeliebte Klamotten und Gegenstände an. Aber auch Ausbildungen für junge Leute mit schwieriger Biografie.

Quelle: Beobachter Bewegtbild

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