Von weitem erinnert das elsässische ­Liebenswiller mit seinen sanften ­Hängen an ein impressionistisches Gemälde. «Die Gegend ist ein Traum», sagt Erika Keller*, als sie auf das Dorf zufährt. Hier wollte sich die Baslerin ­ihren Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen, zusammen mit der damals 16-jährigen Tochter. Eine befreundete Familie, mit der sie im solothurnischen Witterswil unter einem Dach wohnte, hatte das zum Verkauf stehende ­Bauernhaus im Internet entdeckt.

Der Ort schien ideal. Nach dem Umbau würde das Ehepaar mit Kleinkind im Haupthaus wohnen, die 53-jährige Erika Keller und ihre Tochter in der ehemaligen Scheune, in einer dreistöckigen Maisonette-Wohnung. Die Adresse klang verheissungsvoll: Rue du Paradis, Liebenswiller. Die beiden Familien wollten das Anwesen kaufen – doch dazu ­sollte es nie kommen.

Als wären die Bauarbeiter geflohen

Erika Keller parkiert den Wagen vor dem Haus. Vergangenen November ist sie hier eingezogen. Die Tafel der Baufirma lehnt noch immer am Strassenrand. Rue du Paradis? Eher eine Bauhölle. Nichts ist fertig, weder die Fassade noch der Vorplatz, noch der Durchgang zum Garten. An den Wänden hängt Stahlwolle, die Heizung ist ohne Ab­deckung. Werkzeug liegt auf dem Grundstück herum – als hätten die Bauleute plötzlich die Flucht ergriffen.

Der Parkplatz hinter dem Haus ist so klein, dass kein Auto darauf wenden kann. Der ­Betonboden ist uneben, das Carport-Dach aus Holzbrettern und Plastik ein Proviso­rium. Der Garten vor dem Haupthaus? Verwildert. Während sie die steile Treppe zur Wohnung hochsteigt, sagt Keller wie nebenbei: «Als wir einzogen, fehlte das Geländer.» Der Hausbesitzer hatte einen hohen, transparenten Schutz versprochen, damit die Treppe im Winter nicht vereist. Später montierte er ein Geländer aus unbehandelten Holzbrettern. Die Treppe vereist trotzdem.

Grosse Fensterfront – ein leeres Versprechen

Im Haus führt eine weitere Treppe hinauf in die Wohnküche. Der Raum wirkt düster. Auf den Umbauplänen war eine grosse Fensterfront eingezeichnet, sie versprachen eine lichtdurchflutete Küche. Aus «technischen Gründen» habe eine Wand eingebaut werden müssen, sagte der Hausbesitzer später. Erika Keller protestierte, worauf er dann doch noch ein Fenster einbauen liess. Die Rahmen fehlen noch immer.

Das gleiche Bild auf dem Balkon: statt gediegener Gemütlichkeit gefährliches Terrain. Auch hier nur ein improvisiertes Geländer. Erika Keller hat es notdürftig aus zwei Holzbrettern zusammengepflastert. «Aus psychologischen Gründen», wie sie sagt. In der ­Balkonwand liegen die Styroporplatten unverputzt da.

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«Meine Tochter und ich waren begeistert vom Angebot. 130 Quadratmeter Wohnfläche, ruhig, mit Blick ins Grüne.»

Erika Keller*

Erika Keller setzt Wasser auf und berichtet wie zur Entspannung von ihrer Arbeit in einer Basler Kita. Es ist halb elf, die Frühschicht hat sie bereits hinter sich. Stadt und ländliches Idyll liegen im Grenzgebiet nah beieinander.

Auf dem Küchentisch liegt ein ­dicker Ordner. Darin sind alle Unter­lagen aufbewahrt, Dokument an Dokument. Die letzten Monate haben ihr zugesetzt, das merkt man. Die unfertigen Räume, die Baumängel, der ständige Konflikt mit dem Bauherrn – das alles beherrscht ihre Gedanken Tag und Nacht.

«Meine Tochter und ich waren begeistert, als wir das Angebot sahen. 130 Quadratmeter Wohnfläche, ruhig, mit Blick ins Grüne.» Und der angekündigte «Festpreis für die schlüsselfertige Wohnung» bezahlbar: 280'000 Franken. «Das war für mich an der obersten Grenze, aber es ging gerade. In der Schweiz hätte ich nichts Gleichwertiges bekommen.» Und ja, der Herr Plattner* wirkte erfahren und ver­trauensvoll.

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Die ganze Pensionskasse investiert

Plattner besitzt die alte Liegenschaft, ausserdem noch zwei weitere Häuser im Dorf. Damals, Anfang 2015, wohnte der Schweizer schräg gegenüber. Er stellte sich den Interessenten als Treuhänder vor. Inzwischen ist Plattners Firma in Liquidation. Ihr Zweck waren Dienstleistungen und Beratungen «im Bereich Immobilien und Gebäudetechnik».

Plattner legt Erika Keller und der befreundeten Familie die Umbau­pläne vor. Es ist ein schönes Projekt, die Pläne wirken professionell. Grosse, helle Räume in einem verträumten Bauernhaus mitten im Dorf. Pech nur, dass es sich dabei um einen ersten, unverbindlichen Vorschlag eines Architekturbüros handelt. Das Büro wird später nicht mehr in das Projekt miteinbezogen.

Die künftigen Hausbesitzer realisieren das nicht. Sie sind wie geblendet vor Vorfreude. Plattner tritt derweil auch als Bauleiter auf. Ein Profi, denkt Erika Keller, als er im Frühjahr 2015 ankündigt, er habe «eine super Mannschaft» zusammengetrommelt, man könne mit dem Umbau loslegen.

Plattner* legt Keller und der befreundeten Familie die Umbaupläne vor. Ein schönes Projekt.

Quelle: Kornel Stadler
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Beim Notar wird ein Vorverkaufsvertrag aufgesetzt, er ist ein halbes Jahr gültig. Bis dahin soll der Umbau abgeschlossen sein. Die üblichen Konditionen, denkt Erika Keller und überweist Plattner die vereinbarte Anzahlung über 75'000 Euro.

In der Hoffnung, die Arbeiten würden etwas zügiger vorangehen, übernimmt Erika Keller die Kosten für ­sanitäre Anlagen, Treppen und Fenster. Insgesamt 108'000 Franken hat sie nun bereits gezahlt – ihre ganze Pen­sionskasse. Auch die neue Küche berappt sie aus der eigenen Tasche. «Herr Plattner meinte, die Küche müsse ja mir gefallen. Ich solle sie doch am besten gleich selber aussuchen und kaufen. Er werde meine Ausgaben dann vom Verkaufspreis abziehen.»

Den Schreiner ohne Lohn entlassen

Unterdessen ziehen sich die Bauarbeiten in die Länge, der Sommer vergeht. Erika Keller besucht die Baustelle nun jede Woche. Zwei Wochen vor dem Ein­zugs­termin wird ihr klar: Die Wohnung wird nicht fertig. Plattner bietet ihr für die Übergangszeit ein Zimmer mit Frühstück an. Sie lehnt ab, zieht bei ihrem Freund ein. Plattner vertröstet sie fortan von Woche zu Woche.

Nach fünf Monaten ziehen Keller und ihre Tochter doch nach Liebenswiller. Ihre Nachbarn wohnen schon länger im Haus. Man könnte auch ­sagen: auf der Baustelle. Die Zustände sind chaotisch.

Plattner hat inzwischen den Schreiner entlassen, der schwarz­gearbeitet hat. Bezahlt hat er ihn nicht. ­Eines Abends klingelt der Sanitär an Erika Kellers Tür. Er warte seit Monaten auf sein Geld. Und der Elektriker will das Zertifikat des Elektrizitätswerks erst aushändigen, wenn er Geld sieht. Ohne Zertifikat aber kein Strom. Deshalb schliesst Plattner Kellers Wohnung kurzerhand ans Netz an. ­Illegalerweise.

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Ein Kaufvertrag ist noch immer nicht unterschrieben. Im Oktober 2015 soll es so weit sein. Keller und ihre Nachbarn möchten vorher eine Aufstellung aller offenen Rechnungen der Handwerker sehen. Mehrere Termine beim Notar kommen nicht zustande. Und Plattner liefert die Liste nicht.

Der Winter wird schwierig. Kalte Luft dringt in die Wohnung. Hinter dem Sofa klafft ein riesiges Loch in der Dachschräge. Man kann die Dachschindeln sehen.

Erika Keller deckt die Stelle notdürftig mit Styropor- und Spanplatten ab. Im Schlafzimmer zieht es durch die Ritzen, die Fenster sind falsch montiert. Im Badezimmer gibt es ­keine Heizung. In den Zimmern fehlen die Bodenleisten, auf der Gästetoilette das Lavabo. Es hatte ­keinen Platz, weil die Tür verkehrt eingebaut worden war. Einen Festnetz­anschluss gibt es nicht, telefonieren muss Keller via den Satellitenanschluss der Nachbarn.

Sie sieht Bauleiter Plattner nur noch selten. Per SMS wünscht er ihr ein gutes neues Jahr und bedankt sich für «die vertrauensvolle Zusammen­arbeit». Am 20. Januar verlangt er ­weitere 20'000 Euro für Bauarbeiten und rückwirkend seit dem Einzug 700 Franken Miete pro Monat. Er will auch den Kaufpreis erhöhen. Es seien mehrere nicht vorgesehene Investitionen hinzugekommen.

Der Berater verdreht die Augen

Jetzt dämmert Erika Keller und ihren Nachbarn, dass Plattner kein Geld hat, um die Rechnungen zu bezahlen. Sie recherchieren und stellen fest: Der Mann ist in mehrere Gerichtsverfahren verwickelt. Sie suchen professionelle Hilfe. Der Leiter der Beratungsstelle in St-Louis verdreht nur die ­Augen, als er die Geschichte hört. Er fordert Plattner zu einem gemeinsamen Gespräch auf, doch der stellt sich taub. Dank dem Berater erhalten Keller und ihre Nachbarn immerhin das nötige Zertifikat des Elektrizitätswerks. Seither fliesst der Strom legal.

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Unterdessen hat Plattner sein Wohnhaus verkauft. Den neuen Bewohnern gewährt er das Wegrecht für eine Zufahrt, die quer über das Grundstück führt, auf dem Erika Keller wohnt. Im Sommer kommt es noch happiger. Plattner zeigt Keller an: Im Oktober müssen sie und ihre Nachbarn in St-Louis vor Gericht erscheinen – als angebliche Wohnungsbesetzer. Plattner verlangt Schadenersatz plus Miete.

Im Moment ist für Keller nur eines sicher: Einen weiteren Winter auf der Baustelle wird es nicht geben. Zum Glück kann sie in ihre alte Mietwohnung zurückziehen, die zufällig wieder frei geworden ist. Ihre Tochter muss nicht lange packen. Sie hat ihre Kisten gar nie ausgepackt.

*Name geändert

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