Eine Frau nimmt ihre Mutter aus – bis eine Sozialarbeiterin eingreift. Bild: Kornel Stadler

Der FallWenn die Tochter die eigene Mutter ausnimmt

Eine Frau prellt ihre betagte Mutter um die Rente, räumt ihr Konto, lässt sie fast verhungern. Die Geschichte einer Rettung.

von Moritz Marthaler

Die Zweizimmerwohnung ist fast leer. Im Küchenschrank zwei Dosen Fertigkaffee, daneben Hörnli, mehr nicht. Der Kühlschrank: leer. Im Schlafzimmer ein abgewetztes Bettsofa mit heraustretenden Federn. Das ist alles. Keine Decke, keine Möbel, keine Kleider, keine Handtücher, keine Toilettenartikel. Sandra Winiger* ist bestürzt, als sie die Wohnung im Berner Seeland betritt. «Ich konnte kaum glauben, was ich sah», erzählt die Sozialarbeiterin der Heilsarmee.

Die zwei Hemden und zwei Hosen, die Bewohnerin Ida Graber* noch hat, wäscht sie ab und zu. Richtig sauber wird es nicht – Waschmittel hat sie schon lange nicht mehr.

Dabei lag auf Ida Grabers Konto mal Geld. So viel, wie sich nach über 40 Jahren Arbeit halt so ansammelt. Doch ihre Tochter knöpfte ihr alles ab. Erst lieh sie sich das Geld, dann nahm sie es sich; erst ein wenig, dann alles.

«So was habe ich in über 20 Jahren Sozialhilfe noch nie erlebt», sagt Sandra Winiger. Kolleginnen hatten sie eingeschaltet, nachdem sie die 75-jährige Ida Graber im Treppenhaus angetroffen hatten, völlig abgemagert, verschmutzt, kaum noch Licht im fahlen Blick.

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Endlich erhält sie wieder Besuche

Vier Monate später sitzt Ida Graber wieder in ihrer Küche. Sie hat ein paar Kilo zugenommen, blinzelt jetzt fast vergnügt aus den munteren Äuglein. Draussen kämpft die Sonne mit den Wolken, ab und zu dringt ein Strahl bis in die Küche durch. Ida Graber beugt sich dann ein bisschen vor und geniesst das wärmende Licht. Endlich erhält sie wieder Besuche, eben war der Mahlzeitendienst da, der kommt zweimal die Woche. «Die Hörnli mag ich am liebsten», sagt sie.

Wenn man auf die Jahre ihrer Peinigung zu sprechen kommt, wird sie enorm unsicher. «Heute weiss ich, sie hat mich wohl ausgenutzt», sagt sie und blickt zu Boden. Wenn Frau Graber die Stimme versagt, übernimmt oft Frau Winiger für sie. Das hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten so ergeben, wenn Frau Graber zur Polizei, zum Arzt, zur Gemeinde musste.

«Ich habe meiner Tochter vertraut. Auf mein Geld war sie bisher nie aus gewesen. Ich hatte ja kaum was.»

Ida Graber*, Rentnerin

Über Ida Graber, geboren in einer anderen kleinen Seeländer Gemeinde, ist nicht allzu viel bekannt. Sie selbst hat grosse Erinnerungslücken. Ihre Ärzte sagen, das rühre auch vom Alkohol her. Grabers Mann war ein Trinker, er starb früh, doch so lange er noch da war, musste sie mit ihm trinken. Der Alkohol brachte ihn um und sie in eine Klinik, wo sie ihrer Sucht entkam. Bruder und Schwester brachen in dieser schwierigen Zeit mit ihr, von ihrem heutigen Schicksal haben sie nie etwas mitbekommen.

Auch das Leben ihrer Tochter stand unter keinem guten Stern. Frau Grabers Mann war nicht ihr Vater. «Der war schnell weg, meine Tochter hat ihn nie kennengelernt.» Das ist alles, was die 75-Jährige heute dazu sagen kann.

Hat die Tochter mit dem Pensionskassengeld der Mutter die Hypothek ihres Hauses abbezahlt?
Hat die Tochter mit dem Pensionskassengeld der Mutter die Hypothek ihres Hauses abbezahlt? Bild: Kornel Stadler
Quelle: Kornel Stadler

Ihr Leben lang hat Ida Graber gearbeitet. Erst hat sie am Fliessband Papier­tragetaschen fabriziert. Dann ist sie beim Büromaterialhersteller Biella eingestiegen, Schichtbetrieb, fünf Tage die Woche, über 30 Jahre lang. Mit 63 Jahren geht sie in Rente, sie hat sich eine kleine Pension angespart, freut sich auf den Lebensabend und hat die leise Hoffnung, vielleicht einmal ihre beiden Enkelkinder zu Gesicht zu bekommen.

Doch ihre Tochter hält die Kinder von der Grossmutter fern, Ida Graber kann nicht sagen warum. Dennoch lässt sie sich von der Tochter überreden, in dieselbe Gemeinde zu ziehen. In die Zweizimmerwohnung, in der sie später fast umkommen sollte, nur zwei Strassen vom Haus ihrer Tochter entfernt.

«Es war der Tochter ein Leichtes, ihr falsche Bedürfnisse vorzugaukeln.»

Sandra Winiger*, Sozialarbeiterin der Heilsarmee

Immer öfter ist die Tochter bei der Mutter zu Besuch. Heute ist klar: Rein emotional war die Annäherung nicht. «Es hat angefangen mit 1000 Franken pro Jahr. Ich habe ihr vertraut. Auf mein Geld war sie bisher nie aus gewesen, ich hatte ja kaum was.»

Ida Grabers Situation macht sie zum bevorzugten Betrugsopfer: sozial isoliert, kein Kontakt zu Verwandten, kaum Freunde. «Es war der Tochter ein Leichtes, ihr falsche Bedürfnisse vorzugaukeln», sagt Sozialarbeiterin Winiger.

Nach und nach bringt die Tochter Grabers gesamten Alltag unter Kontrolle. Sie führt die spärlichen Gespräche mit anderen Mietern im Treppenhaus, sie leert den Briefkasten. Sie gibt vor, die eintreffenden Rechnungen zu bezahlen.

Als das Ganze im September auffliegt, entdecken die Mitarbeiterinnen von der Heilsarmee immer mehr Schulden. Die Pensionskasse von Ida Grabers verstor­benem Mann ist gepfändet worden, weil die Tochter die Krankenkassenbeiträge der Mutter jahrelang nicht bezahlt hat.

Die Habgier der Tochter wird über die Jahre nicht kleiner. Längst hat sie die Mutter unter ihre Kontrolle gebracht. «Frau Graber willigte auch immer ein, sie verstand das Ausmass des Ganzen nie wirklich», sagt Heilsarmee-Offizierin Winiger. Die Tochter fälscht die Unterschrift der Mutter, beantragt einen grösseren Kredit bei einer Bank.

Irgendwann lässt sich Ida Graber die Pensionskasse auszahlen, ihr gesamtes Vermögen. Von den rund 250'000 Franken zahlen die Tochter und ihr Ehemann laut Sozialarbeiterin Winiger die Hypothek ­ihres Hauses ab. Die Mutter sieht davon keinen Rappen, ernährt sich in ihrer kahlen Wohnung weiterhin von Hörnli und Instantkaffee.

Kaffee und Gipfeli aufs Haus

Zuvor, im Sommer, als sich Ida Graber von ihrer geistigen und körperlichen Verfassung her noch auf die Strasse getraut hat, war sie manchmal die paar Meter zur Ecke an der Hauptstrasse hochgegangen. Der Wirt im dortigen Bistro hat der merkwürdig dünnen, dürren, schweigsamen Rentnerin jeweils einen Kaffee und ein Gipfeli ausgegeben. Irgendwann kommt Frau Graber nicht mehr. Ihre Tochter hat ihr den Rollator weggenommen.

Dass das alles auffliegen musste, irgendwann, war klar: die verarmte Frau, die Rechnungen, das Geld in der Familie der Tochter. Doch es hat gedauert. Mehr als zehn Jahre.

Die Berner Kantonspolizei beschäftigt sich nun mit dem Fall. Zum laufenden Verfahren kann sie nicht viele Angaben machen, «die Beweissicherung gestaltet sich schwierig». Auf jeden Fall sei die ­Deliktsumme bedeutend höher als das ausgezahlte Pensionskassenguthaben von rund 250'000 Franken. Bei genügend Beweisen kann die Tochter auf Veruntreuung und möglicherweise auch auf Urkundenfälschung angeklagt werden. In beiden Fällen droht eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

Der erste Arztbesuch seit 14 Jahren

Als Ida Graber von der Heilsarmee gefunden wird, ist sie in medizinisch bedenk­lichem Zustand. Bedeutend besser geht es ihr heute, nach dem ersten Arztbesuch in 14 Jahren. Hören kann sie noch sehr gut, doch auf dem linken Auge ist sie fast blind. Jetzt erhält sie endlich eine neue Brille. «Ich habe ja schon fast Angst vor dem, was ich nun plötzlich sehen kann.» Es klingt sarkastisch, jetzt, nach allem, was passiert ist.

Zwar ist Ida Graber nun gewissermas­sen aus den Fängen ihrer Tochter befreit. Doch die Schulden bleiben. Den Grossteil wird sie nie begleichen können. «Es war wichtiger, erst einmal ihr Leben wieder in Gang zu bringen», sagt Winiger. Der Mahlzeitendienst, der längst fällige Arztbesuch, ein neues Bett, Kleider, die Reaktivierung des Telefons – all das hat die Heilsarmee mit Hilfe von Spenden finanziert. Mehrere tausend Franken sind so zusammengekommen. Auch die Stiftung SOS Beobachter hat sich daran beteiligt.

Die Ergänzungsleistung, die Ida Graber nun erhält, deckt knapp die Krankenkassenkosten. Ihre Pensionskasse ist leer. Jene ihres Mannes, zwischenzeitlich gepfändet, ist nach Rückzahlung der Schulden wieder verfügbar.

Davon lebt Ida Graber jetzt. Auf kleinerem Fuss als je zuvor. Aber glücklich. Sie freut sich wieder auf die kleinen Dinge im Leben. Auf Spaziergänge, Essen, Besuch. Und auf «Florida». So heisst ein Restaurant in der Nähe ihrer Gemeinde. Von dort hat sie einen Gutschein, ein Geschenk zu ihrem 75. Geburtstag, mit Gruss des Gemeindeschreibers. «Mein erstes Geburtstagsgeschenk überhaupt», sagt Ida Graber. Und strahlt.

* Name geändert